Ein interessanter Unterrichtsbericht: Philippe Weber: “Die Geschichte der Enzyklopädie weiterschreiben”

Einen wirk­lich inter­es­san­ten und anspruchsvollen, dabei im sehr pos­i­tiv­en Sinne kom­pe­ten­zori­en­tierten Unter­richt (ohne die Kom­pe­tenz­mod­elle expliz­it zu nutzen) berichtet Philippe Weber im Blog des Arbeit­skreis­es “Dig­i­taler Wan­del und Geschichts­di­dak­tik”: “Die Geschichte der Enzyk­lopädie weit­er­schreiben”.

Kommentar zu einem Eintrag bei weblog.histnet.ch über Wikipedia im Geschichtsunterricht

Ich war beim Werk­stattge­spräch lei­der nicht dabei. Was mich aber wirk­lich inter­essieren würde jen­seits aller (nein: neben allen) Fra­gen nach Authen­tiz­ität, Ver­lässlichkeit, Repro­duzier­barkeit ist unter spez­i­fisch didak­tis­chen Gesicht­spunk­ten die Frage, ob mit­tels der Diskus­sions-Seit­en von Wikipedia (und ähn­lichen Pro­jek­ten) das (nicht nur geschichts-) didak­tis­che Konzept der “Kon­tro­ver­sität” beson­ders in Wert geset­zt wer­den kann.
Das Konzept basiert ja auf der the­o­retisch ein­sichti­gen Vorstel­lung, dass es nicht die eine wahre Geschichte gibt, son­dern jew­eils per­spek­tivisch und kul­turell sowie wer­tend unter­schiedliche, und dass es so zu ein­er Mehrzahl von nicht immer span­nungs­frei miteinan­der kom­binier­baren Re-Kon­struk­tio­nen kommt.

Für den Geschicht­sun­ter­richt wird ‑in Anlehnung an den Beu­tels­bach­er Kon­sens (1976)- dann gefordert, dass, was in Wis­senschaft und Gesellschaft kon­tro­vers ist, auch im Unter­richt kon­tro­vers the­ma­tisiert wer­den müsse, damit Schü­lerin­nen und Schüler ler­nen, mit eben diesen Kon­tro­ver­sen in der Gesellschaft umzuge­hen (so zumin­d­est unsere kom­pe­ten­zthe­o­retis­che Vorstel­lung; vgl. Schreiber/Körber 2006).
Im Rah­men der kon­ven­tionellen Unter­richtsme­di­en kann dieses geschehen, indem in diesen “typ­is­che” Posi­tio­nen einan­der gegenüber gestellt wer­den (wenn es auch noch immer zu wenige wirk­lich mul­ti­per­spek­tivisch und kon­tro­vers angelegte Quel­len­samm­lun­gen gibt), und, indem die Schü­lerin­nen und Schüler mit oder ohne Hil­fe in ihrer Umge­bung solche Deu­tungs-Kon­tro­ver­sen ent­deck­en.

Wird das mit Wikipedia anders und leichter? Stellen die Diskus­sions-Seit­en eine rel­e­vante Auswahl rel­e­van­ter und repräsen­ta­tiv­er Per­spek­tiv­en und Kon­tro­ver­sen dar? Gibt es also durch Wikipedia weniger auf den Haupt-Seit­en, son­dern mehr auf den Debat­ten-Seit­en einen Zugriff auf die Real­ität des Deu­tungs­geschäfts (Vgl. meinen Vor­trag in Schleswig)?

Und – daran anschließend – welche Konzepte und Kat­e­gorien sowie method­is­che Fähigkeit­en müssen entwick­elt und gefördert wer­den, um in diesen doch nicht spez­i­fisch vorstruk­turi­erten Debat­ten die rel­e­van­ten Per­spek­tiv­en zu entz­if­fern, ihre Deu­tun­gen zu de-kon­stru­ieren und disku­tier­bar zu machen?

Hier wäre es z.B. sin­nvoll, an konkreten his­torischen The­men ein­mal die Debat­ten­seit­en zu analysieren, um exem­plar­isch zu erar­beit­en, ob diese das oben geschilderte Poten­tial haben, oder ob sie sich doch eher als Spiel­wiese für abstruse Detaild­iskus­sio­nen von ‘Freaks’ oder für poli­tis­che Grabenkämpfe erweisen? [Damit soll nicht gesagt sein, dass das nicht ger­ade rel­e­vante Diskus­sio­nen ergibt, wer aber etwa die Debat­te um Illigs These zwis­chen dessen Adepten Gün­ter Lelarge und ein­er weit­ge­hend wech­sel­nden Gruppe eher wis­senschaftlich argu­men­tieren­der Teil­nehmer in ein­er news­group ken­nt, ken­nt auch die poli­tis­chen Pub­lika­tio­nen).

Gruß

Andreas Kör­ber