Rezension zu Werner Heil (2010): Kompetenzorientierter Geschichtsunterricht. Stuttgart: Kohlhammer (Geschichte im Unterricht; Bd. 1)

Kör­ber, Andreas (2010): Rezen­sion zu Wern­er Heil (2010): Kom­pe­ten­zori­en­tiert­er Geschicht­sun­ter­richt. Stuttgart: Kohlham­mer (Geschichte im Unter­richt; Bd. 1). In: His­torisch Denken Ler­nen. Blog des Arbeits­bere­ichs Geschichts­di­dak­tik an der Uni­ver­sität Ham­burg.

Anzuzeigen ist ein zugle­ich wichtiges und prob­lema­tis­ches Buch zur aktuellen Debat­te um Kom­pe­ten­zen in der Geschichts­di­dak­tik und ihrer Umset­zung für den Geschicht­sun­ter­richt. Wern­er Heil, Gym­nasiallehrer, Fach­sem­i­narleit­er und Lehrbeauf­tragter für Geschichts­di­dak­tik in Stuttgart hat mit dem ersten Band der neuen Rei­he “Geschichte im Unter­richt” ein Werk vorgelegt, das in seinem ersten Teil Wesentlich­es zur Klärung der gegen­wär­ti­gen Arbeit­en zur Kom­pe­ten­zori­en­tierung des Geschicht­sun­ter­richts leis­tet – hof­fentlich ger­ade auch für die Rezip­i­en­ten dieser Anstren­gun­gen, die Geschicht­slehrer. Dieser erste Teil besticht durch die Klarheit, mit der der Gedanke der Kom­pe­ten­zförderung ernst genom­men und zur Grund­lage ein­er gle­ichzeit­ig wertschätzen­den wie auch urteils­freudi­gen Analyse ein­er Rei­he von Lehrplä­nen wie dreier der bish­er vorgelegten Kom­pe­tenz­mod­elle (FUER, Pan­del und Sauer/VGD1; lei­der fehlt Gautschi) gemacht wird. Heil gelingt es, Unter­schiede und Gemein­samkeit­en der Kom­pe­tenz­mod­elle sowohl im Kon­struk­tiv­en wie auch in darunter liegen­den Prämis­sen und Vorver­ständ­nis­sen deut­lich her­auszuar­beit­en. Beson­ders her­vorzuheben ist die Deut­lichkeit, in welch­er er die Spez­i­fität kom­pe­ten­zori­en­tierten Ler­nens gegenüber anderen Lernkonzepten, ger­ade auch gegenüber der Lernzielo­ri­en­tierung, her­ausstellt. Heil nimmt den Charak­ter von Kom­pe­ten­zen, all­ge­meine, auf eine Rei­he unter­schiedlich­er Phänomene, Ereignisse, Prob­leme bzw. Fragestel­lun­gen anwend­bar zu sein, beson­ders ernst und kann auf diese Weise sehr deut­lich zwis­chen ein­er echt­en Kom­pe­ten­zori­en­tierung und einem in Kom­pe­ten­z­for­mulierun­gen ver­pack­ten herkömm­lichen Geschicht­sun­ter­richt unter­schei­den. Auch ist her­vorzuheben, dass der Blick “von außen” (sofern man das bei einem Autoren sagen kann, der im gle­ichen Buch ein eigenes Mod­ell vor­legt) auf die drei analysierten Mod­elle dazu führt, dass deren Unter­schei­dun­gen, aber auch Gemein­samkeit­en in ein­er etwas anderen Per­spek­tive sicht­bar wer­den, als in der bish­eri­gen Debat­te erkennbar wurde. Dass einige der dabei vorgenomme­nen sach­lichen und wer­tenden Urteile wie auch einzelne Zuord­nun­gen nicht ohne Wider­spruch der Autoren der analysierten Mod­elle und der restlichen Zun­ft bleiben dürften, tut dem keinen Abbruch.

Der zweite Teil des Buch­es beste­ht in der Kon­struk­tion eines eige­nen Kom­pe­ten­zstruk­tur­mod­ells samt einiger Beispiele sein­er Konkretisierung für den Unter­richt. Dieses weit­ere Kom­pe­tenz­mod­ell ist deut­lich prag­ma­tisch und hand­hab­bar – es führt aber in ein­er ganz anderen Hin­sicht von der Kom­pe­ten­zori­en­tierung fort, wie zumin­d­est ich (als Mitau­tor des FUER-Mod­ells) sie ver­ste­he, und wie sie m.E. auch aus der Weinert‘schen Kom­pe­ten­zde­f­i­n­i­tion (auf die auch Heil sich bezieht) fol­gt. Ursache dieser Ver­fehlung der Kom­pe­ten­zori­en­tierung ist nicht – wie etwa von Heil den “Bil­dungs­stan­dards” des VGD bescheinigt – ein Rück­fall in einen “lernzielo­ri­en­tierten” Unter­richt klas­sis­ch­er Prä­gung, welch­er an konkrete Phänomene gebun­dene Per­for­manzen fordert (und damit ein ganz konkretes Geschichts­bild vorschreibt), nicht aber trans­fer­able Kom­pe­ten­zen fördert, son­dern die Tat­sache, dass Heil auf der Grund­lage ein­er anders gelagerten Geschichts­be­griff ver­wen­det, der nicht zen­tral nar­ra­tiv ist, son­dern zugle­ich radikaler und weniger kon­se­quent kon­struk­tivis­tisch als der­jenige, den er (zu Recht) bei der FUER-Gruppe und Pan­del diag­nos­tiziert, und dass er auf dieser Basis let­ztlich seinem eige­nen Kom­pe­tenz­mod­ell doch wieder ein spez­i­fis­ches “Geschichts­bild” zu Grunde legt, dessen Über­nahme kom­pe­ten­zhaft mod­el­liert wird. Auch Heils Kom­pe­tenz­mod­ell engt – ganz ent­ge­gen sein­er im ersten Teil erkennbaren Inten­tion – die Möglichkeit­en des his­torischen Denkens der Schü­lerin­nen und Schüler inhaltlich ein. Dieses Urteil bedarf der Erläuterung:

Wern­er Heil ste­ht auf der Basis ein­er wis­senschafts- und erken­nt­nis­the­o­retis­chen Posi­tion, die er bere­its in sein­er Dis­ser­ta­tion2 und einem späteren schmalen Werk3 aus­ge­führt hat, der nar­ra­tivis­tis­chen Geschicht­s­the­o­rie, die (nicht nur durch Rüsen, wie Heil behauptet, son­dern bere­its zuvor von Dan­to und Baum­gart­ner entwick­elt) die deutsche Geschichts­di­dak­tik seit nun­mehr fast 30 Jahren prägt, kri­tisch (wenn auch nicht gän­zlich ablehnend) gegenüber. Sie geht ihm zum einen nicht weit genug in ihrem Kon­struk­tivis­mus, der vor allem auf den his­torischen (“nar­ra­tiv­en”) Sinn gerichtet ist. Heil betont zu Recht, dass nicht nur nar­ra­tiv­er Sinn “kon­stru­iert” wer­den muss, son­dern Wirk­lichkeit ins­ge­samt.

Dass nicht nur Sinn kon­stru­iert wer­den muss, son­dern Wirk­lichkeit ins­ge­samt nicht ohne Kon­struk­tion­sleis­tung wahrnehm­bar und denk- sowie kom­mu­nizier­bar ist, wird auch von der nar­ra­tivis­tis­chen The­o­rie nicht bestrit­ten. Ihr geht es jedoch darum, dass die spez­i­fis­che Funk­tion his­torischen Denkens die sinnhafte Verbindung von Infor­ma­tio­nen (“Ver­gan­gen­heitspar­tikeln” in der FUER-Ter­mi­nolo­gie) aus bzw. über min­destens zwei Zeit­punk­te ist, die aus diesen erst “Geschichte” macht.

Wed­er der Nar­ra­tivis­mus noch Heil gehen davon aus, dass die Kon­struk­tion­sleis­tun­gen des Gehirns auf der Sub­jekt (Realien-) noch der Objek­t­seite völ­lig fik­tiv sind. Wed­er das denk­ende Gehirn bzw. der his­torisch denk­ende Men­sch noch die frühere Wirk­lichkeit sind reine Erfind­un­gen. Ein solch­es Ver­ständ­nis würde dazu führen, dass der Ori­en­tierungsanspruch von kon­stru­ierten Geschicht­en nicht aufrechtzuer­hal­ten wäre. Sie wären von Lit­er­atur und auch reinen Spin­nereien nicht mehr zu unter­schei­den. Geschichts­denken, das eine lebensweltliche Ori­en­tierungs­funk­tion erfüllen soll (das wird von Heil geteilt) muss also davon aus­ge­hen, dass das Ref­eren­zob­jekt der Ver­gan­gen­heit existiert. Der Unter­schied zwis­chen der nar­ra­tivis­tis­chen The­o­rie und Heils Erken­nt­nis­the­o­rie beste­ht nun darin, dass erstere deut­lich zwis­chen “Ver­gan­gen­heit” und “Geschichte” unter­schei­det. Ihr zufolge wird erst durch das Erzählen, durch die kon­struk­tive Verbindung von Infor­ma­tio­nen über min­destens zwei Zeit­punk­te (wobei die Art und Weise, wie diese Zeit­punk­te gedacht bzw. begrif­flich gefasst wer­den, wiederum nicht vorgegeben, son­dern kon­struk­tiv erstellt ist) macht sie zur “Geschichte”. Daher gibt es nicht eine Geschichte – nicht ein­mal als Kollek­tivsin­gu­lar, schon gar nicht außer­halb der denk­enden Sub­jek­te. Wie immer die Zustände der Vergangenheit(en) aufeinan­der gefol­gt sind – jegliche Verbindung zwis­chen ihnen ist nur denkbar durch Rück­griff auf vorgängige, nicht in der ver­gan­genen Wirk­lichkeit (allein) zu ver­ankern­den Konzepten von Zeitver­läufen, seien es Kausal‑, Final‑, Beispiel-Aus­nahme- oder auch nur rein tem­po­rale Beziehun­gen (davor-danach, zeit­gle­ich etc.). Bei Heil hinge­gen gibt es die Geschichte auch vor dem Denken. Sie existiert und wirkt. Die Notwendigkeit ein­er Tren­nung von “Ver­gan­gen­heit” und “Geschichte”, wie in der englis­chen Geschicht­s­the­o­rie etwa so deut­lich von Kei­th Jenk­ins her­aus­gear­beit­et wurde, existiert für ihn nicht. Let­ztlich bezieht sich der Kon­struk­tion­scharak­ter lediglich auf “unser Wis­sen von ihr”. Dies ist ein Wider­spruch in der Erken­nt­nis­the­o­rie.

Diese anders gelagerte Epis­te­molo­gie des his­torischen wäre weniger prob­lema­tisch, wenn sie sich nicht an zen­traler Stelle in konkreten Set­zun­gen nieder­schla­gen würde.

Zunächst noch zu ein­er Stärke von Heils Radikalität, den Kon­struk­tcharak­ter für die Wirk­lichkeit ins­ge­samt, nicht nur für den “Sinn” einzu­fordern: Wie schon in “Der stille Ruf des Horus­falken” radikalisiert Heil mit diesem Konzept die Denkmöglichkeit ander­sar­tiger Lebenswel­ten. Fremd­ver­ste­hen ist ihm zufolge (zu Recht) nur dann möglich, wenn wir nicht unsere Wirk­lichkeit und ihre Konzepte an die uns in zufäl­li­gen Über­resten und Tra­di­tio­nen begeg­nen­den ver­gan­genen Lebenswel­ten her­antra­gen und mit ihnen diesen einen Sinn abzugewin­nen suchen, son­dern wenn wir anerken­nen (und das ist mehr als ertra­gen), dass Men­schen in andere Zeit­en die Welt ganz anders wahrgenom­men haben – eben bis hin zur Art und Weise, wie sie “Wirk­lichkeit” kon­stru­ieren (S. 66). Diesen Gedanken radikalisiert Heil in einem Mod­ell, dem zufolge Men­schen zu unter­schiedlichen Zeit­en in unter­schiedlich­er Form ihre Wirk­lichkeit. Entschei­dend ist für ihn dabei das wech­sel­nde Ver­hält­nis zwis­chen “Sinnes-” und “Begriff­ser­leben”. Ersteres sei für die Neuzeit und Gegen­wart dom­i­nant, let­zteres für die Vor- und Frühgeschichte, Antike und Mit­te­lal­ter seien durch ein aus­ge­wo­genes Ver­hält­nis bei­der gekennze­ich­net.

Hin­sichtlich des Anspruchs, eine radikal andere Wirk­lichkeit (zeitlich, aber vielle­icht auch kul­turell) ander­er Men­schen ernst zu nehmen und anzuerken­nen, ist das weit­er­führend. Indem Heil dieses Mod­ell aber zur Grund­lage sein­er Geschicht­s­the­o­rie macht, wird es prob­lema­tisch. Let­ztlich ist näm­lich auch seine grobe Geschichte der “Entwick­lung des Erken­nt­nisver­mö­gens” der Men­schheit genau das – eine Geschichte, die mit Hil­fe gegen­wär­tiger Konzepte und Kat­e­gorien erstellt ist, und die Ori­en­tierung in der Vielfalt der Vergangenheit(en) geben soll. Dass in der Vor- und Frühgeschichte die Men­schen stärk­er “geistig-begrif­flich” erlebt haben, ist eine Hypothese, eine Kon­struk­tion – aber selb­st noch keine Wirk­lichkeit. Ob und inwiefern die Konzepte (Begriffe) “Geist” und “Begriff” ihrem Denken gerecht wer­den, kann eben nicht ohne Rück­griff auf eine nar­ra­tive Fas­sung gek­lärt wer­den, weil wir diese Men­schen nicht selb­st syn­chron befra­gen kön­nen. Das Konzept, mit dem Heil (in Der stille Ruf des Horus­falken) die Wirk­lichkeit der Kon­stru­ieren­den (Gehirne) his­torisch klären will, ist eben selb­st wieder Pro­dukt eines solchen (ela­bori­ert) his­torischen Denk­enden Gehirns.

Wir kom­men let­ztlich nicht aus der Sit­u­a­tion her­aus, dass wir über Ver­gan­ge­nes nur etwas aus­sagen kön­nen, wenn es die Form ein­er Nar­ra­tion annimmt – das ist genau die Posi­tion, die Heil ver­wirft. Selb­st die For­mulierung von der “Entwick­lung der Erken­nt­n­is­fähigkeit des Men­schen” ist bere­its eine solche Pro­to-Nar­ra­tion, die ohnedies nicht automa­tisch triftig ist. Vor der (his­torischen – auch dies eine nar­ra­tive Erk­lärung!) Entwick­lung des Konzepts der genetis­chen Verän­derung wäre diese Auf­fas­sung undenkbar gewe­sen. Und selb­st heutzu­tage ist nicht zweifels­frei gek­lärt, inwiefern die Sinnes-Ausstat­tung des Men­schen und seine kör­per­lichen Funk­tio­nen über­haupt “vari­abel” sind.

So weit das erken­nt­nis­the­o­retis­che Prob­lem. Zum Prob­lem der Kom­pe­ten­zori­en­tierung wird es dort, wo Heil in seinem Struk­tur­git­ter­ansatz “Domä­nen” der Geschichte struk­turi­ert und mit den Kom­pe­ten­zen ver­schränkt (S. 71ff):

Unter “Domä­nen” ver­ste­ht Heil wesentliche Sub­struk­turen der Gesamt­domäne “Geschichte”. Er nen­nt deren neun: “Herrschaft”, “Gesellschaft”, “Recht”, “Wirtschaft”, “Krieg”, “Selb­stver­ständ­nis”, “Reli­gion”, “Wis­senschaft”, “Wirk­lichkeit”. Wegen der üblichen Ver­wen­dung des Begriffs “Domäne” in der kog­ni­tiv­en Psy­cholo­gie für bre­it­ete Bere­iche (etwa “Geschichte” ins­ge­samt) wäre hier wohl bess­er von “Sek­toren” die Rede. Das ist aber nicht schlimm. Auch sei zuge­s­tanden, dass hier eine begren­zte und zudem (einge­s­tanden­er­maßen) eurozen­trische Ein­teilung vor­liegt, über die gestrit­ten wer­den kann und wohl auch muss (inwiefern etwa “Geschlecht”, “Umwelt”, “Lebens­form” mit Fam­i­lie etc. ergänzt wer­den kön­nen oder müssen, sei hier noch anheimgestellt). Eben­falls sin­nvoller­weise definiert Heil für die “Ori­en­tierungskom­pe­tenz” jeden dieser Bere­iche einen Satz typol­o­gisch-kat­e­go­ri­aler Begriffe, die die Domäne erschließen. Für “Herrschaft” etwa sind diese “Theokratie”, “Aris­tokratie” und “Demokratie”, für “Gesellschaft”: “kollek­tive Gesellschaft”, “Stän­dege­sellschaft”, “bürg­er­liche Gesellschaft”, für “Reli­gion”: “Poly­the­is­mus”, “Monothe­is­mus” und “Reli­gions­frei­heit, Athe­is­mus” usw. Das lässt sich sicher­lich ergänzen und dif­feren­zieren, ist so jeden­falls nicht unsin­nig.

Prob­lema­tisch wird nun die Kon­struk­tion der “Kom­pe­ten­zen”: Heil ord­net diese Begriffe näm­lich im Sinne ein­er Chronolo­gie an. Ein Struk­tur­git­ter zeigt zudem die Zusam­men­hänge zwis­chen ihnen an (Demokratie gehe mit Indi­vid­u­al­is­mus ein­her und Rechts­gle­ich­heit). Damit sind sicher­lich wesentliche Ein­sicht­en in Zusam­men­hänge for­muliert. Diese zu erwer­ben, kann in der Tat als Lern­fortschritt ange­se­hen wer­den. Was das Mod­ell dann aber nicht leis­tet, ist die Befähi­gung zur Reflex­ion dieser Kon­struk­tion selb­st (denn um eine solche han­delt es sich).

Let­ztlich gibt das Mod­ell einen all­ge­meinen Fortschritts­gedanken vor, den his­torisch kom­pe­tente Men­schen ken­nen soll­ten, den sie aber auch infragestellen und reflek­tieren kön­nen müssen. Anders gesagt: Wer heutzu­tage nicht akzep­tiert, dass “Religionsfreiheit/Atheismus” eine höhere, weil fort­geschrit­tenere Stufe der Geschicht­sen­twick­lung darstellt als “Monothe­is­mus” und gar “Poly­the­is­mus”, wird mit Hil­fe dieses Mod­ells nicht als kom­pe­tent ange­se­hen wer­den kön­nen. Dass zur Mark­twirtschaft nicht “Monothe­is­mus” son­dern “Religionsfreiheit/Atheismus” passt, lässt sich argu­men­tieren – aber auch umgekehrt (weite Teile der CDU kön­nten diesem Mod­ell zufolge nicht his­torisch kom­pe­tent sein).

Das Prob­lem dieses Mod­ells ist es, dass es Kom­pe­tenz und Über­nahme ein­er ganz konkreten Geschicht­sauf­fas­sung mit einem west­lich-mod­er­nen Fortschrittskonzept kop­pelt. Quer­liegen­des Geschichts­denken dürfte dem­nach ger­ade nicht kom­pe­tent sein.

Damit sei nicht gesagt, dass das Struk­tur­git­ter unsin­nig ist – im Gegen­teil. Schüler(innen), die im Geschicht­sun­ter­richt anhand konkreter his­torisch­er Phänomene, Ereignisse, Struk­turen, ler­nen, mit Hil­fe dieses Struk­tur­git­ters andere his­torische Phänomene selb­st­ständig zu beurteilen, und nicht so sehr die im Unter­richt the­ma­tisierten (“durchgenomme­nen”) Einzel­heit­en selb­st mem­o­ri­eren und deren Addi­tion für “Geschichts­be­wusst­sein” hal­ten, sind in einem ganz spez­i­fis­chen Sinne kom­pe­tent. Wer so gel­ernt hat, ist sicher­lich in der Lage selb­st­ständig zu denken. Das Prob­lem dabei ist, dass das Koor­di­naten­sys­tem dieses Denkens, das Struk­tur­git­ter (welch­es Heil selb­st als mod­ell­haft, nicht als Abbild von Wirk­lichkeit ver­standen willen will), sys­tem­a­tisch in den Hor­i­zont der Reflex­ion ein­be­zo­gen wird. Die Kom­pe­tenz, die Heil mit diesem Mod­ell fördert, ist somit nicht diejenige des his­torischen Denkens, son­dern diejenige, auf der Basis eines spez­i­fisch europäisch-mod­er­nen Geschichts­bildes und Fortschrittskonzepts let­ztlich beliebige his­torische Phänomene in eben dieses Konzept einzuord­nen. Es ist die Kom­pe­tenz, Geschichte “west­lich” zu denken.

Das ist nicht ohne Ironie, weil es ja ger­ade Heil ist, der im “Stillen Ruf des Horus­falken” und darauf basierend auch hier wieder, die radikale Bere­itschaft zum his­torischen Per­spek­tiven­wech­sel ein­fordert (und ansatzweise mod­el­liert), indem er völ­lig andere Wirk­lichkeitsmod­elle anerken­nt. Diese Bere­itschaft zur Anerken­nung ander­er Kon­struk­tio­nen müsste dann aber auch für die Kon­struk­tion der Zusam­men­hänge zwis­chen (immer­hin mit dem eige­nen Instru­men­tar­i­um an Meth­o­d­en, Kri­te­rien, Konzepten und Kat­e­gorien) fest­gestell­ten und beze­ich­neten Phänome­nen gel­ten. Diese Inkon­se­quenz ist im Übri­gen dur­chaus erk­lär­bar: Der bewun­dern­swerten Bere­itschaft, radikale andere Wirk­lichkeit­skonzepte anzuerken­nen und gel­ten zu lassen, ste­ht die erken­nt­nis­the­o­retis­che Prob­lematik gegenüber (nicht: ent­ge­gen), dass wir auch diese let­ztlich immer mit unseren Begrif­f­en und Konzepten mod­el­lieren müssen. Die im Stillen Ruf des Horus­falken pos­tulierten anderen Wirk­lichkeitsvorstel­lun­gen sind eben nicht diejeni­gen der Ver­gan­gen­heit­en, mit der sich die Geschichtswis­senschaft jew­eils beschäftigt, son­dern ihre eige­nen Re-Kon­struk­tio­nen. Heil gerät hier an die Gren­ze des Fremd­ver­ste­hens – oder genauer: an die Gren­ze zwis­chen der Möglichkeit, Fremdes anzuerken­nen (recog­ni­tion) und der Unmöglichkeit, es in und aus sich selb­st her­aus zu ver­ste­hen. Auch das radikal Fremde muss let­ztlich aus der eige­nen Per­spek­tive her­aus mod­el­liert wer­den.4

Indem Heil nun diese Forderung nach Anerken­nung fremder Wirk­lichkeit­skon­struk­tio­nen (seine detail­re­ichen Beispiele im Kom­pe­tenz­mod­ell sind aber solche syn­chroner Art, näm­lich des gegen­wär­ti­gen Japan) in ein Kom­pe­tenz­mod­ell ein­baut, dessen Zusam­men­hangskon­struk­tio­nen (S. 73) selb­st nicht der­art radikal als eigen­per­spek­tivis­ches Kon­strukt reflek­tiert wer­den, gerät es in die Gefahr der Indok­tri­na­tion. Konkret: Ist es wirk­lich Aus­druck his­torisch­er Kom­pe­tenz, die göt­tliche Stel­lung des Ten­no in der japanis­chen Kul­tur als Aus­druck eines “Aus-der-Zeit-Seins” dieser japanis­chen Kul­tur zu werten, die Möglichkeit von “Theokratie” und Mark­twirtschaft auf­grund der unter­schiedlichen Posi­tion­ierun­gen im Struk­tur­git­ter zu verneinen. Ihre Koex­is­tenz im Japan der Vorkriegszeit wäre somit typol­o­gisch unverträglich. Erken­nt Heil das im Fall Japans impliz­it noch mit Ver­weis auf die kul­turell andere Wirk­lichkeit­skon­struk­tion der Japan­er an, gerät das Mod­ell ger­ade im Fall Europas an seine Gren­zen: Eben­so wie für Japan passe Theokratie auf­grund des anderen Wirk­lichkeitsver­ständ­niss­es für die Alten Hochkul­turen “in die Zeit”, dem Abso­lutismus und des Dik­taturen des 20. Jahrhun­derts müsse auf­grund ihres Sys­tem­bruch­es jedoch die “Daseins­berech­ti­gung” abge­sprochen wer­den (92). Damit ist in der Tat eine Urteils­fähigkeit erre­icht: Schüler(innen), die gel­ernt haben, das Struk­tur­git­ter Heils anzuwen­den, kön­nen “erken­nen, wann Phänomene typ­isch oder untyp­isch auftreten” und bei “Unlogik” eine “poli­tis­che und soziale Unverträglichkeit” diag­nos­tizieren, die zu “Wider­spruch und stand” her­aus­fordere. Aber zu was für Urteilen wer­den Schüler(innen) so befähigt? His­torische Phänomene wer­den somit zwar wed­er allein nach gegen­wär­ti­gen Moral­stan­dards, in verkürztem His­toris­mus nur in ihrem eige­nen Hor­i­zont beurteilt – insofern ver­meintlich ein Gewinn. Aber eben nur ver­meintlich: Urteils­ba­sis ist auch hier die gegen­wär­tige Sys­tem­logik mod­er­nen europäis­chen Denkens à la Wern­er Heil: Was sys­temtreu ist, ist gut (gewe­sen), was sys­tem­fremd, schlecht. Despotie und Tyran­nis in der Antike sind dem­nach anders zu beurteilen als Dik­tatur in der Neuzeit. Ein­er­seits stimmt das ja auch. Gegen­wär­tige Nor­men gel­ten für Ver­gan­ge­nes nicht unum­schränkt. Aber ist deshalb alles Ver­gan­gene “gut”, wenn es “sys­temgerecht” war und alles Gegen­wär­tige nur dann “schlecht” oder “böse”, wenn es “untyp­isch” ist? Mir scheint, hier wird die Eigen­heit des his­torischen Denkens ger­adezu aufge­hoben: Wer so urteilen lernt, ste­ht gar nicht mehr vor dem Prob­lem des his­torischen Ver­ste­hens und Urteilens: Was typol­o­gisch zu ver­ste­hen ist, ist auch so zu beurteilen. Heißt das, dass der Nation­al­sozial­is­mus und der Faschis­mus, aber auch der Stal­in­is­mus nur deshalb keine Daseins­berech­ti­gung hat­ten, weil sie zu spät kamen, weil sie in ihrer Zeit untyp­isch waren? Nicht auch deswe­gen, weil sie einem Men­schen­bild wider­sprachen (und in ihren Exis­ten­znis­chen) wider­sprechen, das wir nicht ohne Grund als uni­versell denken. Heil gibt hier ohne Not das Reg­u­la­tiv der Idee der Men­schheit und der uni­ver­salen Nor­men auf.

Hier zeigt sich das ganze Prob­lem: Heil zufolge beste­ht his­torisches Urteilen eben nicht darin, die Zeitqual­ität in ihrer Span­nung zwis­chen zeit­genös­sis­chem und heutigem zu reflek­tieren und denk­end immer neu zu verbinden zu einem eige­nen Urteile. Vielmehr beste­ht das Urteilen bei Heil in der App­lika­tion eines selb­st als zeitüber­greifend gedacht­en Schemas. Passend oder nicht? Weit­er geht das his­torische Denken und Urteilen dort nicht.

Inter­es­sant an Heils Mod­ell ist allerd­ings, dass es selb­st als Beispiel für die Logik des konkur­ri­eren­den (und von ihm par­tiell sehr pos­i­tiv besproch­enen) FUER-Mod­ell fungieren kann: Das Struk­tur­git­ter Heils kann gedacht wer­den als eine kom­plexe Form gegen­wär­tiger gesellschaftlich­er Kon­ven­tio­nen, solch­er näm­lich, die das europäisch-west­lich-mod­erne Selb­stver­ständ­nis und seines Geschichts­bildes struk­turell fassen. Im Struk­tur­git­ter drück­en sich in kat­e­go­ri­aler Weise wesentliche Charak­ter­is­ti­ka des sozialen, poli­tis­chen und (in der Zusam­men­schau der Spal­ten ein­er Zeile5) his­torischen Selb­stver­ständ­niss­es heutiger west­lich­er Gesellschaften. Über diese Konzepte und Kat­e­gorien zu ver­fü­gen und mit ihnen umge­hen zu ler­nen, ist somit in der Tat wesentlich­es Ziel his­torischen Ler­nens, und die Fähigkeit, mit Hil­fe dieses Git­ters wie sein­er Bestandteile danach zu fra­gen, inwiefern Phänomene typ­isch oder untyp­isch sind, ist dur­chaus Ausweis ein­er gewis­sen Kom­pe­tenz – aber (bei aller Kom­plex­ität) allen­falls auf dem inter­mediären Niveau: Wer hier ste­hen bleibt, lernt eben nichts anderes, als andere Kul­turen und Zeit­en im Ver­hält­nis zu unserem west­lichen Ver­ständ­nis einzuord­nen, und das dieser Per­spek­tive struk­turell “fremd” Erscheinende zu verurteilen. Allen­falls (auch das wäre ein Ausweis dieses mit­tleren Niveaus) kön­nte man unter Anwen­dung dieses Mod­ells sein­er Irri­ta­tion Aus­druck ver­lei­hen, eigene Fra­gen stellen.

Nötig wäre aber ger­ade hier die Elab­o­ra­tion des Umgangs mit diesem (und anderen, konkur­ri­eren­den) Struk­tur­git­tern – die Reflex­ion ihrer Mod­ell­haftigkeit, ihrer Per­spek­tive, ihrer Herkun­ft aus sys­tem­l­o­gis­chem Denken usw. Wer his­torisch ela­bori­ert kom­pe­tent sein will, dem schadet die Ver­fü­gung über alle Konzepte Heils gar nichts – im Gegen­teil, aber sich allein auf sie zu ver­lassen, sie nur anzuwen­den, bedeutete doch, nicht wirk­lich selb­st auf ela­bori­ertem Niveau urteils­fähig zu sein.

Unter Ein­bau des Graduierungskonzepts der FUER-Gruppe erhält Heils Struk­tur­git­ter­mod­ell Kom­pe­ten­zcharak­ter: erst dann näm­lich geht es um die Fähigkeit, Fer­tigkeit und Bere­itschaft sowie die Zuständigkeit des Ler­nen­den, sein his­torisches Denken selb­st-reflex­iv zu vol­lziehen.

Faz­it

Alles in allem ist Heils Buch äußerst zweigeteilt zu beurteilen: Sel­ten hat jemand in der bish­eri­gen Debat­te den Grundgedanken der Kom­pe­ten­zförderung und der Stan­dards im Pos­i­tiv­en wie in ihrer Prob­lematik so ernst genom­men und so klar for­muliert. Dafür gebührt Wern­er Heil große Anerken­nung. Seine Aus­führung zur Unter­schei­dung von Per­for­manz und Kom­pe­tenz gehören in jedes Sem­i­nar über Kom­pe­ten­zori­en­tierung.

Heils eigenes Mod­ell kon­terkari­ert dies jedoch genau an der Stelle, wo er ver­sucht, mit Hil­fe eines Struk­tur­git­ters des Schü­lerin­nen und Schülern die Basis für wirk­lich trans­fer­fähige Fähigkeit­en zu leg­en. Indem er dieses Git­ter abso­lut set­zt und es nicht selb­st sys­tem­a­tisch mit sein­er Kon­struk­tion­slogik, sein­er Per­spek­tive, seinen Prämis­sen und den Fol­gen für his­torisches Denken und Urteilen zu Gegen­stand der Reflex­ion macht, läuft er Gefahr, sein­er­seits indok­trinierend zu wirken, wenn auch auf deut­lich höherem, weil struk­turellem, Niveau als etwa die Bil­dungs­stan­dards des VGD.

==Anmerkung: Vor Umstel­lung der Blog­farm war der Beitrag erre­ich­bar unter der URL: http://koerber2005.erzwiss.uni-hamburg.de/wordpress-mu/historischdenkenlernen/tag/genetische-sinnbildung/#pandel2002

  1. Ver­band der Geschicht­slehrer Deutsch­lands. []
  2. Wern­er Heil (1988): Das Prob­lem der Erk­lärung in der Geschichtswis­senschaft. Ein Beitrag zum Selb­stver­ständ­nis und zur Objek­tiv­ität der Geschichtswis­senschaft, Frankfurt/M.: R. G. Fis­ch­er. []
  3. Heil, Wern­er (1999): Der stille Ruf des Horus­falken. Ist die Geschichtswis­senschaft unhis­torisch? Mar­bach: Buchver­lag Irm­gard Keil. []
  4. An eini­gen Stellen erken­nt Heil dies dur­chaus in sein­er Reziproz­ität an. Vgl. S. 79. []
  5. Heil beze­ich­net lei­der alle Zeilen auch als Spal­ten. Das ver­wirrt etwas []