Marine-Ehrenmal in Kiel-Laboe: Streit um die Neukonzeption

Das im Drit­ten Reich als Ehren­mal für gefal­l­ene “Helden” der Marine errichtete “Ehren­mal” in Laboe ist umgestal­tet wor­den. Dabei sind gemäß dem Urteil einiger His­torik­er und Didak­tik­er (darunter Detlef Garbe, Leit­er der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und Karl Hein­rich Pohl aus Kiel) wesentliche Chan­cen vergeben wor­den, zu einem reflek­tierten Geschichts­be­wusst­sein beizu­tra­gen.

Vgl. hier

Der Fall ist wieder ein­mal eine Bestä­ti­gung, dass ein großer Bedarf dafür beste­ht, im Geschicht­sun­ter­richt nicht (nur/vor allem) über die “wahre” Geschichte und Ver­gan­gen­heit zu unter­richt­en, son­dern min­destens eben so stark über die Konzepte und Kat­e­gorien sowie Meth­o­d­en und Medi­en, mit welch­er unsere Gesellschaft über die Ver­gan­gen­heit stre­it­et oder auch nur debat­tiert, und über die Kri­te­rien, mit denen darüber geurteilt wird.

“Reflek­tiertes Geschichts­be­wusst­sein” und Kom­pe­ten­zen zur De-Kon­struk­tion von der­ar­ti­gen öffentlichen (proto-)Narrativen müssen im Unter­richt gefördert wer­den. Das Ziel ist die Befähi­gung der Ler­nen­den zur Teil­habe an solchen Debat­ten, wie sie u.a. in diesem Artikel sicht­bar wer­den. Dazu gehört u.a. auch die Fähigkeit, unter­schiedliche Erin­nerungs- und Gedenk­for­men zu unter­schei­den und ihre poli­tis­chen Gegen­warts­bezüge zu erken­nen und sich dazu ver­hal­ten zu kön­nen, also etwa ger­ade Ehren­male von Mah­n­malen, Sieger- vom Ver­lier­er-Gedächt­nis und bei­de von ein­er reflex­iv­en Erin­nerung, welche nicht die Erin­nerung an “eigene” Groß­tat­en und/oder Nieder­la­gen formiert und still­stellt, son­dern den Besuch­ern die Chance eröffnet, sich selb­st, von ihrem eige­nen zeitlichen Hor­i­zont aus, reflex­iv zum Dargestell­ten zu ver­hal­ten.

Gefallenenehrung in Wentorf? (2)

Im April dieses Jahres berichtete die Berge­dor­fer Zeitung von Plä­nen der Gemeinde Wen­torf, das dor­tige Kriegerehren­mal aus den 1920er Jahren, das in Bezug auf den Zweit­en Weltkrieg nur die Ergänzung “1939–1945” trägt, um eine neue Bronzetafel mit den Namen Wen­tor­fer Gefal­l­en­er zu ergänzen. In dem Artikel und in den dort zitierten Äußerun­gen der Ini­tia­toren wurde dies aus­drück­lich als beab­sichtigte “Ehrung”  beze­ich­net. Das Denkmal fir­miert bei der Gemeinde aus­drück­lich als “Ehren­denkmal” (etwa hier).

Zu diesen Plä­nen habe ich sein­erzeit einen Brief (Wentorf_BZ_Gedenken_1) an die Gemeinde Wen­torf und auch an die BZ geschrieben (s. Beitrag in diesem Blog), der auf Grund sein­er Länge jedoch nicht als Leser­brief abge­druckt wurde.

Später wurde ‑wiederum in der BZ- berichtet, dass diese Ehrentafel nun am 25.10. eingewei­ht wer­den soll.

Aus dem Kreise der Ini­tia­toren­wird behauptet, Kri­tik an diesem Vorhaben verkenne die Zusam­men­hänge; es han­dle sich nicht um ein “Heldenge­denken”. Dem ist aber dur­chaus einiges ent­ge­gen­zuhal­ten:

Denkmal in Wentorf; Zustand 6/2009; Foto: Körber
Denkmal in Wen­torf von 1925; Entwurf: Friedrich Ter­no; Zus­tand 6/2009; Foto: Kör­ber; Inschrift “Dem leben­den Geist unser­er Toten”
Denkmal in Wentorf; Zustand 6/2009; Detail (Foto: A.Körber): Inschrift auf dem Schwert: "Treue bis zum Tod". Die Inschrift auf der anderen Seite des Schwerts lautet "Vaterland"
Denkmal in Wen­torf von 1925; Entwurf: Friedrich Ter­no; Zus­tand 6/2009; Detail (Foto: A.Körber): Inschrift auf dem Schw­ert: “Treue bis zum Tod”. Die Inschrift auf der anderen Seite des Schw­erts lautet “Vater­land”

Nicht nur angesichts der Tat­sache, dass unter den Namen, die im April als zu “ehrende” veröf­fentlicht wur­den, min­destens ein­er einen SS-Unter­schar­führer beze­ich­net, dessen Tod von seinen Eltern in der SS-Zeitung “Das Schwarze Korps” in ein­deutig pro­pa­gan­dis­tis­ch­er Manier angezeigt wurde, muss sich die Gemeinde Wen­torf die Frage gefall­en lassen, ob “Ehrung” hier die richtige Kat­e­gorie des Gedenkens ist, und ob also das Gedenken in dieser Form und an diesem Ort angemessen sein kann.

Trauernzeige für SS-Unterscharführer Reinhold Grieger. Aus: Das Schwarze Korps, Jg. 10, Nr. 16; 20.4.1944, S. 8.
Trauernzeige für SS-Unter­schar­führer Rein­hold Grieger. Aus: Das Schwarze Korps, Jg. 10, Nr. 16; 20.4.1944, S. 8.

Man gewin­nt den Ein­druck, dass hier doch, nach­dem genug Zeit ins Land gegan­gen ist, dort wieder angeknüpft wer­den soll, wo man in den 1950er jahren nicht ein­fach weit­er zu machen wagte (es aber wohl eigentlich wollte), näm­lich bei der Glo­ri­fizierung der eige­nen Gefal­l­enen ohne hin­re­ichende Berück­sich­ti­gung der Zusam­men­hänge ihres Todes.

Gegen eine Bekun­dung von Trauer als Ver­ar­beitung des men­schlichen Ver­lustes kann man sin­nvoller­weise nichts oder wenig ein­wen­den. Auch ist dur­chaus nachzu­vol­lziehen, dass für die Ange­höri­gen der­jeni­gen, die keine andere Grab­stätte haben, ein konkreter Ort des Erin­nerns wichtig ist.

Eine Würdi­gung dieser Män­ner als Men­schen ist wohl in den aller­meis­ten Fällen auch dur­chaus ange­bracht — aber eine öffentliche sym­bol­is­che “Ehrung” an diesem Gefal­l­enenehren­mal muss zwangsläu­fig auch als pos­i­tive Wer­tung der Tat­sache ihres Ster­bens ver­standen wer­den.

Auch wenn das nicht expliz­it als “Heldenge­denken” gedacht ist — die Gestal­tung des gesamten Denkmals spricht trotz der expres­sion­is­tis­chen Anklänge diese Sprache. Das Schw­ert im Helm als Sinnbild für die Unmen­schlichkeit von Krieg und das Mah­n­mal somit als ein Friedens­mal anzuse­hen,  ist untriftig. Vielmehr deutet es auf die Gefahren hin, die im Krieg lauern und auf die Opfer, die zu brin­gen sind.

Eine Würdi­gung der Gefal­l­enen als “Opfer” des Krieges, die aus dem ganzen Denkmal ein Mah­n­mal machen würde, erscheint somit unglaub­würdig. Wer hier nicht “Heldenge­denken” erken­nen mag oder kann, wird doch min­destens an ihren Tod als ein für das Vater­land “treu” gebracht­es “Opfer” denken. Opfer also im Sinne von “sac­ri­fice”, von Aufopfer­ung denken kön­nen, nicht aber im Sinne von unschuldigen “vic­tims”. Und Opfer in diesem Sinne gel­ten nun ein­mal für eine “gute Sache”. — Der Zweite Weltkrieg auf deutsch­er Seite — eine gute Sache?

Haben wir denn nicht endlich gel­ernt zu dif­feren­zieren?

Ini­tia­toren und Gemeinde müssen sich also fra­gen lassen, wofür dieses “Ehren­mal” ste­hen soll, welche Geschichte es erzählen soll, welchen Bezug zum erin­nerten Geschehen es aus­drück­en soll.

Hier soll doch wohl kein neuer Ort für Gedenk­feiern entste­hen, wie sie ger­ade auch die NPD an solchen Denkmälern immer noch abhält?

Ger­ade weil Erin­nerung und Gedenken immer poli­tisch sind und ihre öffentlichen Sym­bole immer poli­tisch gele­sen wer­den, sollte entwed­er eine ein­deutige und den Werten der Bun­desre­pub­lik entsprechende Sym­bo­l­ik und Ter­mi­nolo­gie gewählt wer­den — oder man sollte das berechtigte Inter­esse der Trauer um die eige­nen Toten doch lieber im pri­vat­en Rah­men belassen.

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Nach­trag: