Geschichtlichkeit und Geschichtskultur als Bedrohung — oder als positive Herausforderung? Zur Begründung von Hilfen zum historischen Lernen

Kör­ber, Andreas (5.1.2013): “Geschichtlichkeit und Geschicht­skul­tur als Bedro­hung — oder als pos­i­tive Her­aus­forderung? Zur Begrün­dung von Hil­fen zum his­torischen Ler­nen”

In ein­er Hausar­beit zitieren zwei Studierende Klaus Bergmann und Rita Rohrbach mit fol­gen­den Worten:

“Der Beginn his­torischen Ler­nens in der Schule ist nicht der Beginn des his­torischen Ler­nens schlechthin. Wie in kein­er Gen­er­a­tion je zuvor sind die Kinder ein­er ‘verän­derten Kind­heit’ immer schon vor ihrer Schulzeit und immer schon außer­halb der Schule ein­er ger­adezu wuch­ern­den ‘Geschicht­skul­tur’ aus­ge­set­zt, in der sie, ob sie wollen oder nicht, eher zufäl­lig und absicht­s­los als geplant und bewusst, ‘Geschichte’ ler­nen.” (Bergmann/Rohrbach 2001, S.11)

und ziehen daraus den Schluss

“Genau hier muss man anset­zen und die Kinder auf­fan­gen, Fra­gen klären und gemein­sam das his­torische Denken weit­er ausweit­en und fördern.”

 

Das Zitat von Bergmann/Rohrbach enthält vieles dem man zus­tim­men kann, ja muss. Es ist Teil ein­er Wieder­ent­deck­ung frühen Geschicht­sler­nens nach der Diskred­i­tierung der früheren Behand­lung des Gegen­standes Geschichte in der alten Heimatkunde und unter den Prämis­sen der älteren Entwick­lungspsy­cholo­gie — wie übri­gens selb­st noch gemäß der The­o­rie von Piaget, derzu­folge ein wirk­lich­es his­torisches Ler­nen angesichts der Abwe­sen­heit der Ver­gan­gen­heit und der somit gegebene­nen Notwendigkeit for­malen Denkens in diesem Alter gar nicht möglich sei. Hin­ter­grund wie Teil dieser Wieder­ent­deck­ung des frühen his­torischen Ler­nens ist die didak­tis­che Mod­ernisierung, derzu­folge es beim voll­w­er­ti­gen his­torischen Ler­nen nicht um ein Erfassen “der Ver­gan­gen­heit” selb­st geht (so dass für die dazu nicht als fähig erachteten Kleinen mehr oder weniger triv­i­al­isierte oder gar ide­ol­o­gisierte Schrumpf- oder Vor­for­men erdacht und legit­imiert wur­den), son­dern um den Erwerb der Fähigkeit­en zum Nach­denken über Ver­gan­ge­nes und seine Gegen­wart.

Was allerd­ings dur­chaus befremdet, ist die in dem Zitat spür­bare Bedrohlichkeit, die von zu viel Geschichte und zuviel Geschicht­skul­tur aus­ge­he (let­ztere wird gar als “wuch­ernd” beschrieben). Als Begrün­dung für dieses wer­tende Urteil find­et sich lediglich der Hin­weis auf die ‘verän­derte Kind­heit’ — offenkundig eine Vari­ante der The­o­rie der ‘frag­men­tierten’ mod­er­nen Kind­heit, ein­er Kind­heit, die nicht wirk­lich kindgerecht sei. Diese Bedro­hungs­these ist es offenkundig, die denn die Studieren­den auch dazu bringt, davon zu schreiben, dass man die Kinder “auf­fan­gen” müsse — so als befän­den sie sich im freien Fall der Verun­sicherung.

Ist diese These wirk­lich plau­si­bel?

Sich­er, es mag sein, dass die Lebenswelt für viele Men­schen in früheren Jahrhun­derten (vor allem der “Vor­mod­erne”) weniger zeitlich verort­baren Verän­derun­gen unter­wor­fen war, dass die Lebensver­hält­nisse sta­tis­ch­er waren. Aber galt das für alle Zeit­en und für alle Lebens­bere­iche? Selb­st in jenen Zeit­en und Regio­nen, in denen die sozio-ökonomis­chen Ver­hält­nisse für viele Men­schen deut­lich weniger Verän­derungspo­ten­tial boten, wo der Einzelne deut­lich stärk­er einge­bun­den war in klein­räu­mige Sozialver­hält­nisse, aus denen auszutreten schwierig war, gab es immer auch Verän­derun­gen, die sich bis auf den Einzel­nen auswirk­ten. Selb­st für das Mit­te­lal­ter wird ja seit eini­gen Jahrzehn­ten die These vertreten, dass der Beginn der eigentlichen gerichteten Verän­derun­gen die Mod­erne nicht von einem sta­tis­chen Mit­te­lal­ter abgren­zt, son­dern ger­adezu im Mit­te­lal­ter selb­st zu suchen ist (vgl. pop­ulär­wis­senschaftlich auf­bere­it­et bei Arens xxxx: “Wege aus der Fin­ster­n­is”; didak­tisch: Has­berg xxxx: “Das Mit­te­lal­ter als Urgrund der Mod­erne?”).

Zudem ist es doch seit langer Zeit Charak­ter­is­tikum ein­er mod­er­nen Geschichtswis­senschaft (und zwar sowohl der sozial- wie auch der kul­turgeschichtlichen Aus­prä­gun­gen), ihren jew­eili­gen Forschungs­ge­gen­stand, die jew­eils betra­chtete Epoche als eine umgreifend­er Verän­derun­gen zu begreifen und von dorther zu fra­gen, wie die Men­schen in der jew­eili­gen Zeit damit umge­gan­gen sind.

Waren Kind­heit­en in früheren Zeit­en wirk­lich “ganzheitlich­er”, weniger “frag­men­tiert”? Steckt darin nicht eine gehörige Por­tion anti­mod­ern­er Sozial­ro­man­tik?

Aber selb­st wenn es für die Vor­mod­erne weit­er­hin als plau­si­bel gilt — die Zeit, für welche der Verän­derung der Lebensver­hält­nisse als kon­sti­tu­tives Charak­ter­is­tikum gedacht wird, umfasst doch inzwis­chen selb­st mehrere Jahrhun­derte. Soll also die ganze Neuzeit über eigentlich men­schen­fremd gewe­sen sein?

Ist es also wirk­lich nur unsere “mod­erne” (oder gar erst die “post­mod­erne”?) Zeit, in welch­er Kinder in ihrer Lebenswelt sicht­baren Zeichen für Zeit, Wan­del, Vergänglichkeit, Geschichtlichkeit begeg­nen, in der sie vor der Her­aus­forderung ste­hen, im Prozess ihrer eige­nen Indi­vid­ua­len­twick­lung auch eine länger dauernde his­torische und gar gat­tungs­genetis­che Entwick­lung zu denken? Oder ist diese Auf­gabe eine anthro­pol­o­gis­che Kon­stante, eine für alle Men­schen jew­eils kul­turell anders aus­geprägte, aber in ihren Grundzü­gen allen gemein­same “Entwick­lungsauf­gabe” (Hav­ighurst; vgl. Kör­ber 2004)?

Abge­se­hen von der Ver­störung über den sozial- und kul­turhis­torischen Pes­simis­mus, der in solchen For­mulierun­gen mitschwingt, ist es auch eine päd­a­gogis­che Hal­tung, die angesichts ver­bre­it­eter päd­a­gogis­ch­er (Lippen-?)Bekenntnisse, junge Men­schen in ihrer Entwick­lung zu eigen­ständi­gen, selb­st­ständig und ver­ant­wortlich urteilen­den und han­del­nden Mit­gliedern plu­raler, d.h. vielfältiger Gesellschaften zu ermuti­gen und zu unter­stützen, eher kon­trapro­duk­tiv erscheint. Geht es beim Unter­richt­en und Erziehen nur oder auch nur vornehm­lich um das Behüten, um ein Bewahren vor ein­er Welt, die als bedrohlich wahrgenom­men wird?

So, wie die These von der den Men­schen struk­turell über­fordern­den Mod­erne, die Auf­fas­sung, der Men­sch sein für eine Welt, in welch­er er selb­st mit den vielfälti­gen Unein­deutigkeit­en, Ambivalen­zen und Ambi­gu­i­täten umge­hen muss, in der ihm das nicht durch fest­ge­fügte Sozial­struk­turen abgenom­men wird, kaum geeignet ist, Lern- und Bil­dung­sprozesse zu begrün­den, welche junge Men­schen auf Her­aus­forderun­gen vor­bere­it­en, die wir heute allen­falls in Umris­sen erah­nen kön­nen, ver­mag eine päd­a­gogis­che Grund­hal­tung zu überzeu­gen, welche nicht die Neugi­er des jun­gen Ler­nen­den, sein aktives Ent­deck­en und Kon­stru­ieren als Nor­mal­fall ansieht, son­dern das Scheit­ern, die Gefahr, und welche ihre Auf­gabe nicht in der Unter­stützung von eigen­em Erkun­den sehen, son­dern darin, die Kinder behut­sam nur dor­thin zu führen, wo die eigene Gesellschaft schon ist.

Ohne die For­mulierung der Studieren­den in dieser Rich­tung über­in­ter­pretieren zu wollen: Lässt sich Geschicht­sun­ter­richt wie auch aor- und außer­schulis­che Hil­fe beim his­torischen Ler­nen nicht auch anders begrün­den — ohne die Bedro­hungs- und Beschützungsmeta­pher aufzu­rufen? Denn es wird ja auch nicht ange­hen, dass man vor lauter Selb­st­ständigkeit­sop­ti­mis­mus die Kinder ganz alleine lässt und sich gar nicht darum küm­mert? Wie kön­nte eine solche Begrün­dung für eine gesellschaftliche wie indi­vidu­elle päd­a­gogis­che Auf­gabe des Geschicht­slehrens ausse­hen, die wed­er auf Defiz­itaus­gle­ich noch auf bewahrung rekur­ri­ert?

Fol­gende Über­legung mag als Skizze gel­ten: Wenn die Ver­gan­gen­heit als solche gar nicht ein­deutig hab­bar ist, wenn jede Vorstel­lung und jede Aus­sage über sie als Kon­struk­tion aus ein­er bes­timmten Per­spek­tive und mit einem bes­timmten Inter­esse erkan­nt ist (wie es der heuti­gen Geschicht­s­the­o­rie entspricht), dann kann es ein­er Gesellschaft nicht egal sein, wie ihre Mit­glieder mit der Auf­gabe his­torisch­er Ori­en­tierung umge­hen. Zwar kann es in plu­ralen Gesellschaften nicht ange­hen, dass die Gemein­schaft oder auch Teile von ihr den einzel­nen Mit­gliedern die Ergeb­nisse ihrer Ori­en­tierung, ein bes­timmtes Geschichts­bild oder gar die zuläs­si­gen Fra­gen endgültig vorschreiben– wohl aber muss es ger­ade in plu­ralen und het­ero­ge­nen Gesellschaften diesen angele­gen sein, dass die Mit­glieder gle­ichzeit­ig selb­st­ständig denken kön­nen und dür­fen, UND miteinan­der über ihr his­torisches Denken kom­mu­nizieren (und das heißt nicht nur über die Ergeb­nisse, also die Geschichts­bilder und ‑Darstel­lun­gen, son­dern ger­ade auch über die Fra­gen, Bedeu­tun­gen, die Begriffe, Konzepte, Nor­men und Werte). HIERZU kann und darf his­torisches Denken in Schule und vorher gesellschaftliche Auf­gabe sein.

Von dieser Posi­tion her ist es also sehr wohl, die Auf­gabe der Gesellschaft, und in ihr der Päd­a­gogen, der Erzieher, der Didak­tik­er, der Fach­lehrer, junge Men­schen beim his­torischen Ler­nen zu unter­stützen, und zwar nicht, um sie zu beschützen vor “zu viel Geschichte”, son­dern um ihnen zu helfen, nicht ein­fach “die Ver­gan­gen­heit” zu erschließen, son­dern die Arten und Weisen, in denen die Gesellschaft diese bewahrt, über sie disku­tiert, mit ihr umge­ht usw. Dann dürfte es auch nicht mehr so bedrohlich sein, dass die Geschichtkul­tur als “wuch­ernd” abge­tan wer­den muss — sie ist vielmehr eine der vie­len Dimen­sio­nen gesellschaftlichen und kul­turellen Lebens, in welchen junge Men­schen denk- urteils- und hand­lungs­fähig wer­den sollen (und wohl auch wollen).

 

Lit­er­atur:

Arens, Peter (2004): Wege aus der Fin­ster­n­is. Europa im Mit­te­lal­ter. München: Ull­stein .
Bergmann, Klaus; Rohrbach, Rita (2011): Kinder ent­deck­en Geschichte — The­o­rie und Prax­is his­torischen Ler­nens in der Grund­schule und im frühen Geschicht­sun­ter­richt. Schwal­bach: Wochen­schau.

Bergmann, Klaus (2001): “„Papa, erk­lär’ mir doch mal, wozu dient eigentlich die Geschichte?” — Früh­es His­torisches Ler­nen in Grund­schule und Sekun­darstufe I.” In: Bergmann, Klaus (Hg.) 2001: Kinder ent­deck­en Geschichte.: The­o­rie und Prax­is his­torischen Ler­nens in der Grund­schule und im frühen Geschicht­sun­ter­richt: Schwalbach/Ts: Wochen­schau-Verl: (Wochen­schau Geschichte), S. 8–31.

Has­berg, Wolf­gang (1999): “Das Mit­te­lal­ter — Quell­grund der Mod­erne für den post­mod­er­nen Schüler?”, In: Geschichte, Poli­tik und ihre Didak­tik, 27, 3–4, S. 282–296.

Kör­ber, Andreas (2000): ““Hätte ich mit­gemacht?”. Nach­denken über his­torisches Ver­ste­hen und (Ver-)Urteilen im Unter­richt.”, In: Geschichte in Wis­senschaft und Unter­richt GWU ; Zeitschrift des Ver­ban­des der Geschicht­slehrer Deutsch­lands, 51 (2000), S. 430–448.

Ein Artikel zu kompetenzorientiertem historischem Lernen in der Grundschule/Primarstufe

Kör­ber, Andreas (2009): “Wass­er — ein geeignetes The­ma zum his­torischen Ler­nen in der Grund­schule?” In: Fournés, Ange­li­ka (Hg.; 2009): Wass­er — Sinnbild des Lebens. Weg­weis­er zu einem vielper­spek­tivisch-diskur­siv­en Sachunter­richt. Ham­burg: Dr. Kovac; ISBN: 9783830040842; S. 96–106.

Ein Beitrag zu Möglichkeit­en (kom­pe­ten­zori­en­tierten) his­toriss­chen Ler­nens in der Grund­schule /Primarstufe.

Kör­ber, Andreas (2009): “Wass­er — ein geeignetes The­ma zum his­torischen Ler­nen in der Grund­schule?” In: Fournés, Ange­li­ka (Hg.; 2009): Wass­er — Sinnbild des Lebens. Weg­weis­er zu einem vielper­spek­tivisch-diskur­siv­en Sachunter­richt. Ham­burg: Dr. Kovac; ISBN: 9783830040842 ; S. 69–106.