Neue Publikation

Stork, Anni­ka (2019): Per­spek­tivensen­si­bil­ität inner­halb des Geschicht­sun­ter­richts. In: Chris­tiane Bertram und Andrea Kol­patzik (Hg.): Sprach­sen­si­bler Geschicht­sun­ter­richt. Von der The­o­rie über die Empirie zur Prag­matik. Frank­furt: Wochen­schau Ver­lag (Wochen­schau Wis­senschaft), S. 115–120.

Stork, Anni­ka (2019): Per­spek­tivensen­si­bil­ität inner­halb des Geschicht­sun­ter­richts. In: Chris­tiane Bertram und Andrea Kol­patzik (Hg.): Sprach­sen­si­bler Geschicht­sun­ter­richt. Von der The­o­rie über die Empirie zur Prag­matik. Frank­furt: Wochen­schau Ver­lag (Wochen­schau Wis­senschaft), S. 115–120.

Noch einmal zur Perspektivität

Kör­ber, Andreas (1.5.2016): “Noch ein­mal zur Per­spek­tiv­ität”

In vie­len Zusam­men­hän­gen des his­torischen Denkens und Ler­nens ist von “Per­spek­tiv­ität” bzw. “Mul­ti­per­spek­tiv­ität” die Rede.

Dem let­zteren Prinzip soll dann oft dadurch Rech­nung getra­gen wer­den, dass Quellen und/oder Darstel­lun­gen aus allen (oder wenig­stens mehreren) “beteiligten Per­spek­tiv­en” genutzt bzw. zur Ver­fü­gung gestellt wer­den.
Dage­gen ist zunächst ein­mal nichts einzuwen­den. Man sollte aber auch berück­sichti­gen, dass “Per­spek­tiv­en” nicht ein­fach in sozialen, kul­turellen und anderen (etwa poli­tis­chen) Posi­tion­al­itäten oder auch Kom­bi­na­tio­nen von ihnen aufge­hen bzw. von ihnen voll­ständig deter­miniert wer­den. Es ist eben nicht jede “weib­liche” oder jede “sozialdemokratis­che” Per­spek­tive gle­ich ‑und man wird auch keine zwei völ­lig iden­tis­chen Per­spek­tiv­en find­en, wenn man sog. “sta­tis­tis­che Zwill­inge” iden­ti­fizieren kön­nte, also men­schen ver­gan­gener Zeit oder auch spätere His­torik­er, die in ein­er großen Anzahl sozialer Merk­male übere­in­stim­men. (Allerd­ings wer­den die Per­spek­tiv­en solch­er ähn­lich posi­tion­iert­er Akteure ähn­lich­er sein als diejeni­gen weit ent­fer­nt posi­tion­iert­er).
Per­spek­tiv­en enthal­ten indi­vidu­elle Anteile auf Grund von Erfahrun­gen und Ver­ar­beitun­gen der­sel­ben. Inwiefern man diese als unaufgek­lärte, aber prinzip­iell aufk­lär­bare Residuen weit­eren sozialer Var­i­anz auf­fasst oder aber mit “indi­vid­u­al­ität”, “Vor­liebe”, “Geschmack” etc., ist recht egal. Was für den His­torik­er und für his­torische Ler­nende einzuse­hen und zu berück­sichti­gen wäre, ist, dass “Per­spek­tiv­en” in ihrer Kon­sti­tu­tion selb­st eben nicht durch die Her­ausar­beitung der pos­tions­bes­tim­menden Vari­ablen bes­tim­men und erk­lären, son­dern müssen aus den Äußerun­gen (Tat­en, Hand­lun­gen, Reflex­io­nen, Schriften) etc. selb­st in his­to­ri­ographis­ch­er Form re-kon­stru­iert wer­den.

Multiperspektivität? Multiperspektivität!

In der geschichts­di­dak­tis­chen Lehre spielt das Prinzip der “Mul­ti­per­spek­tiv­ität” eine große Rolle. Es scheint auch für die Studieren­den eingängig zu sein — jeden­falls fehlen pos­i­tive Bezug­nah­men darauf in fast kein­er Hausar­beit.
Oft aber han­delt es sich dabei um reine Lip­pen­beken­nt­nisse — oder um For­men, die zeigen, dass die Eingängigkeit des Ter­mi­nus und die schein­bare Klarheit oft ein tief­eres Ver­ständ­nis dur­chaus erschw­eren.  1

Ein Beispiel:
In manchen Hausar­beit­en wird das Prinzip befür­wortet — eben­so wie in pub­lizierten Unter­richts­beispie­len. Die skizzierten Unter­richt­s­pla­nun­gen beste­hen dann darin, zu einem Kon­flikt (im weit­eren Sinne) jew­eils eine Quelle der einen und ein­er der anderen Kon­flik­t­partei zu präsen­tieren und bear­beit­en zu lassen:

  • bei The­ma­tisierun­gen des deutsch-franzö­sis­chen Ver­hält­niss­es vom Krieg 1870/71 zum 1. Weltkrieg wer­den Beispiele der bei­der­seit­i­gen Pro­pa­gan­da genutzt;
  • bei der Behand­lung des spanisch-bask­ischen Kon­flik­ts wird den Schülern präsen­tiert:
    1. ein Artikel, welch­er “den” ter­ror­is­tis­chen Basken alle Schuld gibt;
    2. ein Artikel, welch­er zwis­chen exter­mistis­chen Basken und solchen unter­schei­det, die in Frieden leben wollen
  • das Ver­hält­nis der “Rassen” in den USA wird fol­gen­der­maßen the­ma­tisiert:
    1. ein Zeitungsar­tikel, der die klas­sis­chen Vorurteile der Weißen gegenüber den Schwarzen (Verge­wal­ti­gung weißer Frauen) präsen­tiert und Lynchjus­tiz befür­wortet;
    2. ein Artikel ein­er Jour­nal­istin, welche die Real­ität intereth­nis­ch­er Liebes­beziehun­gen her­ausstellt. 2

Bei­de Arbeit­en leit­en daraus die Ziel­stel­lung ab, die Schüler(innen) kön­nten am Ver­gle­ich der Artikel erken­nen, dass es nicht die eine wahre Geschichte gebe, son­dern dass “es” immer mehrere Per­spek­tiv­en “gebe”.

Das ist natür­lich die qua­si stan­dar­d­isierte Formel der Geschichts­di­dak­tik. Aber ist sie hier gerecht­fer­tigt? Ich habe meine Zweifel. An bei­den Fällen lässt sich zeigen, dass das Prinzip der “Mul­ti­per­spek­tiv­ität”  nicht durch die Gegenüber- oder Zusam­men­stel­lung irgendwelch­er unter­schiedlichen Per­spek­tiv­en auf einen Sachver­halt ein­gelöst wer­den kann, son­dern dass es der his­torischen Reflex­ion der Per­spek­tiv­en bedarf — auf ihre Rel­e­vanz  für his­torisches Ler­nen näm­lich. 3  Nicht dass Quellen unter­schiedlichen Per­spek­tiv­en auf den gle­ichen Gegen­stand entstam­men, ist rel­e­vant, son­dern welch­er Art dieser Per­spek­tive­nun­ter­schied ist:

Dass Vertreter von geg­ner­ischen Parteien eines Kon­flik­ts diesen unter­schiedlich bew­erten und darstellen, ist unmit­tel­bar ein­sichtig — auch den Schülern. Daraus ist wenig zu ler­nen. Das Prob­lem ist, dass sowohl den Kon­flik­t­parteien als auch den Schüler(inne)n der Vor­wurf der “Lüge” an die jew­eils andere Partei bzw. (aus der Sicht des “neu­tralen” Ler­nen­den) an eine von ihnen schnell zur Hand und er auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Die Ein­sicht, die dem Prinzip der Mul­ti­per­spek­tiv­ität zu Grunde liegt, näm­lich dass es zu jedem Zusam­men­hang zeit­genös­sisch (auf der “Ebene der Quellen”) wie ret­ro­spek­tiv (auf der “Ebene der Darstel­lun­gen”) mehrere berechtigte Per­spek­tiv­en gibt, ja dass solche Per­spek­tive­nun­ter­schiede notwendig sind, ist daran kaum zu gewin­nen.

Hier wäre also zu for­mulieren, dass im Sinne dieser Ein­sicht rel­e­vante Mul­ti­per­spek­tiv­ität dann entste­ht, wenn Unter­schiede der Beurteilung eines Zus­tandes oder ein­er Hand­lung (Quellen) und in der späteren His­torisierung (Darstel­lung) nicht unmit­tel­bar auf antag­o­nis­tis­che Inter­essen zurück­ge­führt wer­den kön­nen.

Es ist also viel frucht­bar­er, solche Per­spek­tiv­en zu kon­trastieren, die nicht ein­fach die Posi­tio­nen zweier Kon­flik­t­parteien abbilden, son­dern die unter­schiedliche Sichtweisen auf den Kon­flikt auf “ein­er” Seite präsen­tieren — und so auch ver­schiedene His­torisierun­gen bzw. his­torische Begrün­dun­gen präsen­tieren:

  1. Beim deutsch-franzö­sis­chen Krieg 1870/71 oder zum 1. Weltkrieg wären das etwa die Per­spek­tive  von Nation­al­is­ten und Kriegs­be­für­wortern gegenüber der­jeni­gen von Paz­i­fis­ten oder von Vertretern der Arbeit­er­be­we­gung, die den Zusam­men­halt der Pro­le­tari­er befür­worten — und zwar nach Möglichkeit auf der gle­ichen, oder bess­er noch: auf “bei­den” Seit­en des Krieges;
  2. im spanisch-bask­ischen Ver­hält­nis wären etwa jew­eils zu präsen­tieren:
    1. eine bask­ische Argu­men­ta­tion nation­al­is­tis­ch­er Art, die vielle­icht eine ewige Eigen­ständigkeit “der Basken” betont,
    2. eine andere, die vielfältige Beziehun­gen der Basken zu ihren Nach­barn und Verän­derun­gen des Selb­stver­ständ­niss­es betont

    Eben­so wären unter­schiedliche “spanis­che” Argu­men­ta­tio­nen und Nar­ra­tive zu kon­trastieren;

  3. in Bezug auf die Rassen­prob­leme in den USA wären vielle­icht zu nutzen:
    • eine “schwarze”, welche eine bessere Zukun­ft und ein friedlich­es Zusam­men­leben zwis­chen Schwarz und Weiß voraussieht bzw. erstrebt;
    • eine andere “schwarze” Per­spek­tive, welche nur auf Kon­fronta­tion und Kampf set­zt;
    • eine “weiße” Per­spek­tive, die offen ras­sis­tisch argu­men­tiert (wie die oben skizzierte);
    • eine weit­ere “weiße” Per­spek­tive, die die “Prob­leme mit den Schwarzen” nicht auf deren Eigen­schaften, son­dern auf deren Lage zurück­führt und so eine Verän­derungsper­spek­tive eröffnet.

Das nun gilt für alle Spielarten von Mul­ti­per­spek­tiv­ität:

  • für diejenige der zeit­genös­sis­chen Per­spek­tiv­en (Quellen: “Mul­ti­per­spek­tiv­ität” im engeren Sinne)
  • für diejenige später­er Sinnbil­dun­gen (Darstel­lun­gen: “Kon­tro­ver­sität”)
  • für diejenige heutiger Schlussfol­gerun­gen und Urteile durch die Ler­nen­den “Plu­ral­ität”).

Mul­ti­per­spek­tiv­ität ist also ein Prinzip, das nicht ein­fach durch Vielzahl und ‑falt und durch das for­male Kri­teri­um “unter­schiedlich­er” Sichtweise zu berück­sichti­gen ist, son­dern erst durch die Reflex­ion auf das Ver­hält­nis der Per­spek­tiv­en zueinan­der.

Die oben genan­nten Kon­flik­t­parteien-Per­spek­tiv­en sind dabei nicht aus­geschlossen (zuweilen sind sie dur­chaus wichtig), reichen aber nicht aus, um die dem Prinzip zu Grunde liegende Ein­sicht in die unhin­terge­hbare Per­spek­tiv­ität von Geschichte und somit die Plu­ral­ität der Sinnbil­dun­gen tat­säch­lich ein­sichtig zu machen.

Anmerkun­gen / Ref­er­ences
  1. Vgl. auch den Beitrag “Zur Unein­deutigkeit geschichts­di­dak­tis­ch­er Topoi”.[]
  2. Entsprechende Quellen sind etwa zu find­en in dem Beitrag MARTSCHUKAT, JÜRGEN; STORRER, THOMAS (2001): “Gewal­ter­fahrung und Erin­nerung. Das Ende der Sklaverei in den USA.” In: KÖRBER, ANDREAS (Hrsg.; 2001): Interkul­turelles Geschicht­sler­nen. Geschicht­sun­ter­richt unter den Bedin­gun­gen von Ein­wan­derung und Glob­al­isierung. Konzep­tionelle Über­legun­gen und prak­tis­che Ansätze. Mün­ster: Wax­mann (Novem­ber­akademie; 2), S. 193–203, der allerd­ings weitaus mehr Per­spek­tiv­en bere­it­stellt.[]
  3. vgl.:  STRADLING, ROBERT (2004): Mul­ti­per­spec­tiv­i­ty in his­to­ry teach­ing. A guide for teach­ers.: Coucil of Europe, p. 19[]
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