Ein interessanter Unterrichtsbericht: Philippe Weber: "Die Geschichte der Enzyklopädie weiterschreiben"

Einen wirklich interessanten und anspruchsvollen, dabei im sehr positiven Sinne kompetenzorientierten Unterricht (ohne die Kompetenzmodelle explizit zu nutzen) berichtet Philippe Weber im Blog des Arbeitskreises „Digitaler Wandel und Geschichtsdidaktik“: „Die Geschichte der Enzyklopädie weiterschreiben“.

(2009) Zur Erinnerungskultur im Web 2.0

[Vorbemerkung: Nach dem Umzug des Blogs auf den neuen Server wurde ich vom System auf einen seit Jahren unfertigen Entwurf aufmerksam gemacht, der danach meiner Aufmerksamkeit entgangen war. Ich veröffentliche ihn hier unverändert, zum einen, weil ich das damals geschriebene immer noch für nicht ganz unsinnig halte, zum anderen, weil auch das eine Form der Erinnerung ist. AK 3.5.2016]

Lisa Rosa macht(e mich damals) auf ein erinnerungskulturelles Phänomen aufmerksam:

Ein Projekt in Lublin „rekonstruiert“ im Netz Holocaust-Opfer und gibt ihnen eine „virtuelle Identität“, d.h. es entsteht eine Seite, auf welcher nicht nur Lebensdaten und Informationen über die historische Person versammelt werden, sondern diese Person auch eine virtuelle „eigene“ Stimme bekommt.

Ein Bericht darüber findet sich bei der Deutschen Welle.

Dieses Projekt wirft aus der Perspektive der Geschichtsdidaktik wie der Erinnerungskultur, der Gedenkstättenpädagogik mehrere Fragen auf. Ich will hier gar nicht selbst unmittelbar nach der „Angemessenheit“ und/oder Sinnhaftigkeit fragen oder darüber urteilen. Zunächst geht es mir darum zu fragen, welcher Kategorien, Begriffe und Einsichten es bedarf, um darüber zu validen Urteilen zu kommen:

  1. Kann dieses Projekt als neu-mediale, Internet-gerechte Weiterentwicklung biographischen Arbeitens in der Erinnerungskultur angesehen werden?
  2. In dem oben angesprochenen Bericht über dieses Projekt wird der Begriff der „Rekonstruktion“ erwähnt. Was genau wird damit bezeichnet? Was umfasst er — und was kann er sinnvollerweise umfassen?
    1. Ist mit der Rekonstruktion die Erarbeitung von Informationen über die Lebensumstände und das Leben des Jungen „Henio“ gemeint — oder umfasst der Begriff auch die „Wiederherstellung“ seiner Perspektive?
    2. Re-Konstruktion im geschichtswissenschaftlichen Sinne besteht immer in einer retrospektiven Tätigkeit. Dabei gilt inzwischen als gesicherte Erkenntnis, dass zwar versucht wird, „die Vergangenheit“ zu rekonstruieren, dass das Ergebnis aber nie in der Wiederherstellung der Vergangenheit bestehen kann, sondern immer die Form einer „Geschichte“ annimmt, nämlich narrativ strukturiert ist.
    3. Re-Konstruktion verbindet somit immer mindestens zwei Zeitpunkte, von denen einer derjenige der Re-Konstruktion ist. Im Sinne von Transparenz und in Anerkennung der unhintergehbaren Perspektivität (sowie Selektivität, Partialität etc.) aller narrativen Aussagen, ist zu fordern, dass die Tatsache der perspektivischen Re-Konstruktion und die Perspektive, von der sie vorgenommen wird, möglichst offen gelegt wird.
    4. Auch die Anstrengung und Leistung, mögliche Gedanken und Wünsche, Äußerungen und Taten früherer Menschen zu formulieren, ist demnach formal Re-Konstruktion. Die Nutzung wörtlicher Rede und der Ich-Form, d.h. Dramatisierung und Kontextualisierung, Lokalisierung usw. sind Elemente historischer Re-Konstruktion. In diesem Sinne ist auch die Konstruktion des „virtuellen Henio“ eine Rekonstruktion.
    5. Ein solches Projekt kann also nicht einfach mit dem Hinweis abgelehnt werden, dass es illegitim sei, nicht mehr lebende Personen „zum Sprechen zu bringen“ — nichts anderes tun historische Dramen und Epen — aber auch ein Gutteil der erzählenen Geschichtsschreibung.
    6. Nicht die Tatsache fiktionaler Gestaltung von vergangenen Perspektiven und Handlungen in diesen Perspektiven kann also ein Grund sein, ein solches Projekt abzulehnen oder problematisch zu finden, sondern höchstens die Art und Weise, wie Fiktionalität (oder neutraler: Gestaltung) und „Faktizität“ miteinander in Beziehung gesetzt werden. Auch „Fakten“ sind ja nicht einfach gegeben, sondern entstehend durch Interpretation, durch Re-Konstruktion.
  3. Dass mich (und wohl auch Lisa Rosa) bei der Information über diese Form der Erinnerungskultur ein ungutes Gefühl beschleicht, der Verdacht, hier könnte etwas unangemessenes, problematisches statt finden, muss also an anderem liegen. Es braucht wohl auch andere Kriterien zu dessen Beurteilung:
    1. Ist es die Kombination von fiktionaler Gestaltung und der Opferperspektive, welche dem so Gestalteten eine Deutungsmacht verleiht, die uns — bei aller Berechtigung und Notwendigkeit der Repräsentation dieser Perspektive — problematisch erscheint?
    2. Ist der Begriff „virtueller Zeitzeuge“, der bei der Deutschen Welle verwendet wird, angemessen? Er verweist auf die besondere Qualität der Zeitzeugenschaft, die diese in der deutschen Geschichtswissenschaft und Erinnerungskultur besitzt — nämlich eine auf einer Authentizitätsannahme beruhende Autorität.
    3. Hier ist zu fragen, ob unser (bzw. der Autoren des Projekts und/oder der Berichterstatter) Begriff des „Zeitzeugen“ scharf genug ist. Lässt sich „Zeugenschaft“ virtualisieren?
    4. Vielleicht hilft es ja weiter, die Autorität, die dem Konzept des „Zeugen“ und der „Quelle“ im deutschen historischen Denken zukommt, zurückzunehmen, und vielmehr (entsprechend der englischsprachigen Geschichtspädagogik) das Konzept der „Evidenz“ zu nutzen. Nicht die Tatsache von Zeugenschaft iste s dann, die Autorität verbürgt — vielmehr kommt den Berichten von „Zeitzeugen“ Evidenz nicht automatisch zu, sondern muss in ihnen gesicht werden.
    5. Mit Hilfe der Kategorie von „Evidenz“ ließen sich auch Vorstellung sekundärer und eben virtueller Zeugenschaft kritisch analysieren.
  4. Zu reflektieren ist auch die Erinnerungsqualität solcher Projekte
    1. zunächst unterscheidet sich der Vorgang der „Re-Konstruktion“ vergangener Perspektiven („was kann der Junge Henio plausiblerweise zu diesem Zeitpunkt gedacht haben, was können seine Wünsche, Erfahrungen, Erlebnisse etc. gewesen sein?“) und ihre dramatisierende, lokalisierende, kontextualisierende Gestaltung nicht wesentlich von dem, was ernsthaft arbeitende Autoren von Jugendbüchern oft tun.
    2. In den allermeisten Fällen handelt es sich bei den Personen solcher Produkte um explizit fiktionale Gestalten, die an Hand historischer Forschung als möglich und plausibel erkannte Perspektiven etc. zu einer Individualität gestalten, die als möglich, aber eben nicht wirklich dargestellt wird:
      1. Zuweilen werden verbürgte und überlieferte Einzelerfahrungen mehrerer Personen zu einer fiktionalen Figur verdichtet.
      2. zuweilen wird neues (aber eben mögliches) „hinzuerfunden“, so auch „Typisches“ „individualisiert“.
    3. Aber es gibt natürlich auch Beispiele, wo in fiktionalen Gestaltungen „reale“ Personen mit eigenem Denken und Reden, Fühlen und Wollen vorgestellt und gestaltet werden.
      1. Das ist zunächst immer dort der Fall, wo bekannte Einzelpersonen, deren Handeln die Situation geprägt hat, unverzichtbar sind — etwa beim Holocaust Hitler, Höss usw.
      2. es können aber auch verbürgte, dann „fiktional“ überformte Erfahrungen realer Menschen sein — wie etwa die Erinnerungen von Art Spiegelmanns Vater in „Maus“.
    4. In den allermeisten Fällen, die problemlos anerkannt werden, zeichnet jedoch das Setting die Gestaltung als zumindest teil-fiktional bzw. als „literarisch“ gestaltet aus: Der Hitler in „Maus“ ist ebensowenig der reale Hitler wie der Caesar in Asterix — er ist erkennbar eine literarische Gestaltung der realen Person Hitler — ein Verweis auf die Realität, nicht aber die Realität selbst.

Kompetenzorientiertes Geschichtslernen in virtuellen Räumen?

Körber, Andreas (2008): „Kompetenzorientiertes Geschichtslernen in virtuellen Räumen?“ In: Danker, Uwe; Schwabe, Astrid (Hgg.): Historisches Lernen im Internet. Das Internet als Raum historischen Lernens. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag (Forum historisches Lernen); ISBN: 9783899744415; S. 43-60.

Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit den Möglichkeiten und Anforderungen historischen Lernens in virtuellen Lernumgebungen.

Körber, Andreas (2008): „Kompetenzorientiertes Geschichtslernen in virtuellen Räumen?“ In: Danker, Uwe; Schwabe, Astrid (Hgg.): Historisches Lernen im Internet. Das Internet als Raum historischen Lernens. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag (Forum historisches Lernen); ISBN: 9783899744415; S. 43-60.

Kommentar zu einem Eintrag bei weblog.histnet.ch über Wikipedia im Geschichtsunterricht

Ich war beim Werkstattgespräch leider nicht dabei. Was mich aber wirklich interessieren würde jenseits aller (nein: neben allen) Fragen nach Authentizität, Verlässlichkeit, Reproduzierbarkeit ist unter spezifisch didaktischen Gesichtspunkten die Frage, ob mittels der Diskussions-Seiten von Wikipedia (und ähnlichen Projekten) das (nicht nur geschichts-) didaktische Konzept der “Kontroversität” besonders in Wert gesetzt werden kann.
Das Konzept basiert ja auf der theoretisch einsichtigen Vorstellung, dass es nicht die eine wahre Geschichte gibt, sondern jeweils perspektivisch und kulturell sowie wertend unterschiedliche, und dass es so zu einer Mehrzahl von nicht immer spannungsfrei miteinander kombinierbaren Re-Konstruktionen kommt.

Für den Geschichtsunterricht wird -in Anlehnung an den Beutelsbacher Konsens (1976)- dann gefordert, dass, was in Wissenschaft und Gesellschaft kontrovers ist, auch im Unterricht kontrovers thematisiert werden müsse, damit Schülerinnen und Schüler lernen, mit eben diesen Kontroversen in der Gesellschaft umzugehen (so zumindest unsere kompetenztheoretische Vorstellung; vgl. Schreiber/Körber 2006).
Im Rahmen der konventionellen Unterrichtsmedien kann dieses geschehen, indem in diesen “typische” Positionen einander gegenüber gestellt werden (wenn es auch noch immer zu wenige wirklich multiperspektivisch und kontrovers angelegte Quellensammlungen gibt), und, indem die Schülerinnen und Schüler mit oder ohne Hilfe in ihrer Umgebung solche Deutungs-Kontroversen entdecken.

Wird das mit Wikipedia anders und leichter? Stellen die Diskussions-Seiten eine relevante Auswahl relevanter und repräsentativer Perspektiven und Kontroversen dar? Gibt es also durch Wikipedia weniger auf den Haupt-Seiten, sondern mehr auf den Debatten-Seiten einen Zugriff auf die Realität des Deutungsgeschäfts (Vgl. meinen Vortrag in Schleswig)?

Und – daran anschließend – welche Konzepte und Kategorien sowie methodische Fähigkeiten müssen entwickelt und gefördert werden, um in diesen doch nicht spezifisch vorstrukturierten Debatten die relevanten Perspektiven zu entziffern, ihre Deutungen zu de-konstruieren und diskutierbar zu machen?

Hier wäre es z.B. sinnvoll, an konkreten historischen Themen einmal die Debattenseiten zu analysieren, um exemplarisch zu erarbeiten, ob diese das oben geschilderte Potential haben, oder ob sie sich doch eher als Spielwiese für abstruse Detaildiskussionen von ‘Freaks’ oder für politische Grabenkämpfe erweisen? [Damit soll nicht gesagt sein, dass das nicht gerade relevante Diskussionen ergibt, wer aber etwa die Debatte um Illigs These zwischen dessen Adepten Günter Lelarge und einer weitgehend wechselnden Gruppe eher wissenschaftlich argumentierender Teilnehmer in einer newsgroup kennt, kennt auch die politischen Publikationen).

Gruß

Andreas Körber

Neufassung meines Beitrags zum Handbuch "Spurensucher" des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten

Körber, Andreas (2005): „Internet. Informationsquelle mit Besonderheiten.“ In: Dittmer, Lothar; Siegfried, Detlef (2005; Hgg): Spurensucher. Ein Praxisbuch. 2. Aufl.; Hamburg: edition Körber-Stiftung; ISBN: 9783896843326 ; S. 145-165.

In der Neuauflage des Handbuchs „Spurensucher“ ist mein Beitrag in deutlich veränderter Form erschienen:

Körber, Andreas (2005): „Internet. Informationsquelle mit Besonderheiten.“ In: Dittmer, Lothar; Siegfried, Detlef (2005; Hgg): Spurensucher. Ein Praxisbuch. 2. Aufl.; Hamburg: edition Körber-Stiftung; ISBN: 9783896843326 ; S. 145-165.

Beitrag zu Herausforderungen und Chancen des Internet für historisches Lernen

Körber, Andreas (2004): „Geschichte im Internet. Zwischen Orientierungshilfe und Orientierungsbedarf.“ In: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 3, S 184-197.

Dieser Beitrag ist der nur leicht überarbeitete Vortrag auf dem Historikertag 2000 in Aachen.

Körber, Andreas (2004): „Geschichte im Internet. Zwischen Orientierungshilfe und Orientierungsbedarf.“ In: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 3, S 184-197.

Interkulturelles Geschichtslernen mit dem Internet?

Körber, Andreas (unter Mitarbeit von Feldner, Karin; 2001): „Interkulturelles Geschichtslernen mit dem Internet?“ In: Körber, Andreas (Hg.; 2001): Interkulturelles Geschichtslernen. Geschichtsunterricht unter den Bedingungen von Einwanderung und Globalisierung. Konzeptionelle Überlegungen und praktische Ansätze. Münster, New York, München, Berlin: Waxmann (Novemberakademie; Bd. 2); ISBN: 3830911203; S. 239-249

Ein Beitrag aus einem Workshop der Novemberakademie 2000:

Körber, Andreas (unter Mitarbeit von Feldner, Karin; 2001): „Interkulturelles Geschichtslernen mit dem Internet?“ In: Körber, Andreas (Hg.; 2001): Interkulturelles Geschichtslernen. Geschichtsunterricht unter den Bedingungen von Einwanderung und Globalisierung. Konzeptionelle Überlegungen und praktische Ansätze. Münster, New York, München, Berlin: Waxmann (Novemberakademie; Bd. 2); ISBN: 3830911203; S. 239-249

Vortrag zum historischen Lernen mit dem Internet

Körber, Andreas; Feldner Karin (Mitarb.) (25. 11. 2000): “Das Internet als interkultureller Lernort für Geschichte?”. Workshop auf der Tagung “Interkulturelles Geschichtslernen. Geschichtsunterricht in einer Einwanderungsgesellschaft im Zeitalter der Globalisierung. (Novemberakademie 2000)”. Hamburg, 24. -2 5. November 2000

Körber, Andreas; Feldner Karin (Mitarb.) (25. 11. 2000): “Das Internet als interkultureller Lernort für Geschichte?”. Workshop auf der Tagung “Interkulturelles Geschichtslernen. Geschichtsunterricht in einer Einwanderungsgesellschaft im Zeitalter der Globalisierung. (Novemberakademie 2000)”. Hamburg, 24. -2 5. November 2000

Ein Beitrag zu interkulturellem Lernen mit dem Internet aus dem Transatlantischen Klassenzimmer

Körber, Andreas (1997): „Ein Experiment: Themenkonferenzen im ‚Transatlantischen Klassenzimmer'“. In: Donath, Reinhard; Volkmer, Ingrid (Hgg.; 1997): Das Transatlantische Klassenzimmer. Tips und Ideen für Online-Projekte in der Schule. Hamburg: edition Körber-Stiftung; ISBN: 3896840029; S. 125-134.

Körber, Andreas (1997): „Ein Experiment: Themenkonferenzen im ‚Transatlantischen Klassenzimmer'“. In: Donath, Reinhard; Volkmer, Ingrid (Hgg.; 1997): Das Transatlantische Klassenzimmer. Tips und Ideen für Online-Projekte in der Schule. Hamburg: edition Körber-Stiftung; ISBN: 3896840029; S. 125-134.

Aufsatz zur Nutzung von Computern und Netzwerken im interkulturellen Lernen

Feldner, Karin; Körber, Andreas (1997): „E-Mail-Projekte im Unterricht. Erfahrungen, Konsequenzen und praktische Tips aus dem ‚Transatlantischen Klassenzimmer‘.“ In: Computer + Unterricht 25, S. 39-41.

Im Rahmen des Vereins „Das Transatlantische Klassenzimmer“ entstand ein Aufsatz zu Möglichkeiten von E-Mail-Projekten im historischen Lernen:

Feldner, Karin; Körber, Andreas (1997): „E-Mail-Projekte im Unterricht. Erfahrungen, Konsequenzen und praktische Tips aus dem ‚Transatlantischen Klassenzimmer‘.“ In: Computer + Unterricht 25, S. 39-41