Ansprache auf der Mahnwache anlässlich des 77. Jahrestags der Reichspogromnacht am 9. November 1938

Ein­ladung Mah­nwache 2015–3

 

Andreas Kör­ber

Ansprache zur Gedenk­feier am 9. Novem­ber 2015 auf dem Joseph-Car­lebach-Platz in Ham­burg

Liebe Anwe­sende,

Im Jahr 1940 schrieb ein führen­des Mit­glied des Cen­tralvere­ins deutsch­er Staats­bürg­er jüdis­chen Glaubens, Hans Reich­mann, im Exil in Eng­land fol­gende Sätze, nach­dem er in Folge der No­vem­ber­progrome 1938 im Konzen­tra­tionslager Sach­sen­hausen inhaftiert und nur gegen die Auflage, zu emi­gri­eren, ent­lassen wor­den war, fol­gende Sätze:

Wir, die wir aus­getrieben wur­den, die ein neues

Leben begin­nen sollen, wie man zu sagen

pflegt, sind ruh­e­los gewor­den. An die Zukun­ft

zu denken, wagen wir nicht mehr; woll­ten wir

sie mit gewohn­tem Maßstab abtas­ten, wir

müßten bange wer­den. Was unfaßbar schien,

ist Wirk­lichkeit: wir sind Luft­men­schen gewor­den,

wir haben den Boden unter uns ver­loren,

wir sind aus der Sicher­heit bürg­er­lichen

lebens ver­jagt – ohne Arbeit, ohne Heim, ohne

Heimat. […] Diese sechs Jahre haben ungezählte

jüdis­che Men­schen gebrochen, mich nicht.“

Hans Reich­mann war kein Ham­burg­er, er hat die Pogrome in Berlin erlebt. Seine Worte kön­nen aber auf­schlussre­ich sein.

Wir sind heute hier näm­lich zusam­mengekom­men, um der Opfer des dama­li­gen Geschehens zu gedenken, nicht nur, aber ger­ade auch hier in Ham­burg. Wir tun dies als Bürg­erin­nen und Bürg­er dieser Stadt, als Ange­hörige dieser Gesellschaft mit ganz unter­schiedlichen Bezü­gen zum dama­li­gen Geschehen.

Ich spreche heute zwar nicht im formellen Sinne für die Uni­ver­sität, aber doch als ihr Mit­glied. Für uns – für mich zumin­d­est – bedeutet dieses Gedenken zum einen das Andenken an die Opfer, die es auch aus den Rei­hen der Uni­ver­sität in jen­em Novem­ber 1938 gab. Daneben und vielle­icht bedeu­ten­der ist aber auch die Frage nach der Hal­tung der Uni­ver­sität zu und ihre Rolle im dama­li­gen Geschehen – und nicht zulet­zt danach, was für heute daraus fol­gt.

Der heutige Anlass ist für Vor­lesun­gen gelehrter Art nicht geeignet. Es möge daher reichen zu benen­nen, dass meine Insti­tu­tion in ihrer Gesamtheit damals schon keine Hüterin huma­nen wis­senschaftlichen Geistes mehr war. Sich­er waren nicht alle Pro­fes­sorin­nen und Pro­fes­soren von der Macht kor­rumpiert – aber doch genü­gend, und so hat­te die Uni­ver­sität Ham­burg schon weit vor dem Datum, dessen wir hier gedenken, jeglichen Wider­stand gegen den Ungeist aufgegeben – sofern man über­haupt von einem solchen Wider­stand der Insti­tu­tion sprechen kann – es gab ihn wohl vere­inzelt in der Uni­ver­sität, nicht aber als einen der Uni­ver­sität.

Nach­dem jüdis­che und aus anderen Grün­den ver­fol­gte Pro­fes­sorin­nen, Pro­fes­soren und andere Lehrende ent­lassen und ins Exil oder gar in den Selb­st­mord getrieben wor­den waren (die Benen­nung unser­er Bib­lio­thek nach Martha Muchow dort hin­ten zeugt von später Scham auch hierüber), war die Uni­ver­sität zu großen Teilen selb­st schon Teil des Ungeistes, der sich nun auch hier, in ihrer Nach­barschaft, sicht­bar man­i­festierte.

Da aber Insti­tu­tio­nen selb­st nicht entschei­den, gilt die Empörung und die Scham dem Tun und Nicht­stun konkreter Per­so­n­en. Per­so­n­en, die auch nach 1933 und beson­ders 1938 noch sich hät­ten umentschei­den kön­nen gegen das, was nicht nur hier, aber auch und ger­ade hier in ihrer unmit­tel­baren Nach­barschaft ver­anstal­tet, wurde. Sie haben es nicht getan.

Was aber ist dieses unser Gedenken? Wem gilt es? Wem gegenüber geschieht es und mit welchem Anliegen? Ich möchte darauf eine Antwort nicht nur, aber auch für die Uni­ver­sität skizzieren, die mich bewogen hat, der Bitte, diese Ansprache zu übernehmen, zu entsprechen.

Zunächst ein­mal gedenken wir hier der Män­ner, Frauen und Kinder, die im Zuge der von Nation­al­sozial­is­ten organ­isierten, zugle­ich aber auch von vie­len anderen Ham­burg­ern gedulde­ten und unter­stützten Gewalt­tat­en heute vor nun­mehr 77 Jahren ver­fol­gt, entrechtet, an Gut und Leib beschädigt, der Frei­heit beraubt, an jen­em Tage oder in der Folge sog­ar getötet, und das bedeutet: ermordet, wur­den, wie auch der­er, die angesichts der Ver­fol­gung keinen anderen Ausweg sahen, als sich selb­st das Leben zu nehmen – auch dies eine Form des Mordes.

Wir gedenken aber auch der Erfahrun­gen der­jeni­gen Men­schen, die nicht physisch betrof­fen waren, denen aber über­aus drastisch verdeut­licht wurde, dass und auch wie man sie nicht – nicht mehr – dazuge­hören lassen wollte: zu Ham­burg, zu Deutsch­land, und – wie sich später her­ausstellte: zur Men­schheit.

Wem gilt dieses Gedenken: Den dama­li­gen Opfern gegenüber ist es eine Geste der Wieder-Anerken­nung ihrer so beschädigten Zuge­hörigkeit. Im Falle der damals Umgekomme­nen kann er nicht anders sein als sym­bol­isch und somit unvoll­ständig – der Stachel bleibt. Den Über­leben­den gegenüber, ob zurück­gekehrt oder nicht, ist der­ar­tiges Gedenken ein Ver­sprechen gewe­sen, diese Aus­gren­zung nicht fort­führen zu wollen, sie wieder als Mit­glieder unser­er Gemein­schaft anzuerken­nen – nicht, als ob nichts gewe­sen wäre, son­dern in vollem Bewusst­sein und in expliziter Benen­nung des geschehenen Unrechts. Ihnen gegenüber auch ist es beson­ders nötig, dieses immer wieder zu bekun­den: Wer einen solchen Rechts- und Ver­trauens­bruch erfahren musste, der bedarf nicht ein­er ein­ma­li­gen, abschließen­den Sol­i­dar­itäts­bekun­dung, son­dern wieder­holter. Spät genug hat unsere Gesellschaft, haben wir damit begonnen, solch­es zu tun.

Sodann ist unser Gedenken aber auch eine Trauer um das, was diese so hin­aus­getriebe­nen Men­schen für uns, für die Gesellschaft, der wir uns im Rück­blick doch ange­hörig fühlen, bedeutet haben und weit­er hät­ten bedeuten kön­nen. Nicht nur dort, wo Fam­i­lien, Fre­und- und Nach­barschaften zer­ris­sen wur­den, ist er spür­bar – er bet­rifft uns alle, heute noch. Ihr Ver­lust an men­schen­würdi­ger Sicher­heit ist auch unser aller Ver­lust gewe­sen – an Beziehun­gen, Erfahrun­gen, und nicht zulet­zt an gegen­seit­iger Men­schlichkeit und Sol­i­dar­ität.

Auch hier gilt: Unser Erin­nern und Gedenken macht den Ver­lust nicht rück­gängig, ist aber nötig, um das Ver­lorene angesichts und in stetiger Ken­nt­nis des Geschehens wieder zu gewin­nen und zu bewahren.

Let­ztlich vergewis­sern wir uns im Gedenken näm­lich auch unser­er selb­st: Wer sind wir und wer wollen wir sein angesichts und gegenüber diesem Geschehen?

Im Denken an die Opfer der dama­li­gen Gewalt, aber auch des sie beglei­t­en­den Schweigens und Duldens, im Denken an den Ver­lust durch die Gesellschaft, die es nicht ver­hin­dern kon­nte, es als Ganze aber auch nicht wollte, im Denken an den Ver­lust, den eben dies auch für uns als Gesellschaft bedeutete und noch bedeutet, beken­nen wir uns zur his­torischen Ver­ant­wor­tung, uns selb­st gegenüber, einan­der und vor allen anderen. Nicht nur den Opfern und einan­der, die wir hier ste­hen, auch allen anderen gegenüber sagt dieses Gedenken etwas.

Damit bin ich beim drit­ten Punkt: Was fol­gt aus solchem Gedenken?

So sehr es stimmt, was Hans Reich­mann schrieb, dass das Geschehen über viele der einzel­nen Opfer in „unfass­bar­er“, weil für sie außer­halb des Erwart­baren liegen­der Weise here­in­brach, so sehr gilt auch, dass es dem erin­nern­den Rück­blick keineswegs als unvor­bere­it­et erscheint. Wir wis­sen, wie die Jahre zuvor, nicht nur seit 1933, als Schritte zu dieser Bar­barei inter­pretiert wer­den kön­nen. Wir wis­sen aber auch, dass es keineswegs zwangsläu­fig war, unver­mei­dlich.

Und so muss auch gel­ten, dass ein Gedenken, das zunächst und zuvörder­st Trauer ist und den Opfern gilt, leer bleibt, wenn es nicht den Blick auch auf das Heute richtet. Ger­ade weil wir es für sin­nvoll und nötig befind­en, dieses Gedenken immer wieder, deut­lich und öffentlich zu bekun­den, müssen wir auch fra­gen, inwiefern es aktuell Entwick­lun­gen gibt, die frühzeit­ig zu erken­nen und zu benen­nen sind und denen ent­ge­genge­treten wer­den muss, damit nicht wieder Men­schen unschuldig zu Opfern von Tat­en wer­den, der­er man in ferner­er Zukun­ft in gle­ich­er Weise sollte gedenken müsste.

Ja, es gibt sie: Heute sind es nicht langjährige Ange­hörige der Gesellschaft, die in der­art „unfass­bar­er“ Weise, wie ein­gangs zitiert, „aus der Sicher­heit bürg­er­lichen Lebens ver­jagt“ wer­den „– ohne Arbeit, ohne Heim, ohne Heimat“, und die so zu „Luft­men­schen“ gemacht wur­den, son­dern Men­schen, die zu uns kom­men, weil sie anderes, aber ver­gle­ich­bar Ein­schnei­den­des erlebt haben – Men­schen, denen hier bei uns neben großer Hil­fs­bere­itschaft auch immer wieder Aus­gren­zung und Ablehnung ent­ge­gen­schlägt – bis hin dazu, dass wieder Gebäude bren­nen und Män­ner, Frauen und Kinder ange­grif­f­en wer­den. Das darf nicht sein.

Gewiss: Eigentlich muss man nicht gedenken und erin­nern, und his­torisch denken, um zu wis­sen, dass der­ar­tiges unverzeih­lich und unmen­schlich ist. Aber weil die Geschichte zeigt, dass solche Moral und Ethik brüchig ist, kann Gedenken und Erin­nern nicht stumm bleiben gegenüber dem Gegen­wär­ti­gen.

Seien wir daher als eine vielfältige Gesellschaft und als Uni­ver­sität ein­er solchen vielfälti­gen bere­it, nicht nur sein zu lassen, was zu solchem Geiste führt, son­dern auch uns zu beteili­gen an der Gestal­tung unser­er Gesellschaft in ein­er Weise, die es ver­hin­dern möge, dass in eini­gen Jahrzehn­ten wieder um Men­schen und um ver­lorene, aufgegebene, nicht bewahrte Men­schlichkeit getrauert und erin­nert wer­den muss.

Wis­senschaft und akademis­che Bil­dung als solche sind, das zeigt die Erfahrung, nicht gefeit vor frem­den­feindlichen Denkweisen und auch ein wis­senschaftlich­es Studi­um der Geschichtswis­senschaft allein hält – wie zwei aktuelle Fälle zeigen – nicht ein­mal Lehrer davon ab, pauschalierende, frem­den­feindliche und Men­schen wegen ihrer Zuge­hörigkeit zu ein­er Reli­gion, Kul­tur zu dif­famieren – von ein­er Hal­tung und Prax­is also, die das heute erin­nernd zu Bekla­gende mit ermöglicht hat. Wis­senschaft und his­torische Bil­dung kann helfen, muss sich aber ihrer huma­nen Grund­la­gen ver­sich­ern.

Indem wir uns heute in Trauer und rück­blick­en­dem Entset­zen vor diesen Men­schen verneigen und ihre ihnen damals verneinte Zuge­hörigkeit zu unser­er Gemein­schaft wieder anerken­nen, beken­nen wir uns auch zu einem Geist, ein­er Hal­tung, gle­ich­es nicht wieder zuzu­lassen.

Internationale Konferenz zur Erinnerungskultur in Ghana und Deutschland im Vergleich

Kör­ber, Andreas (20.9.2012): “His­tor­i­cal Remem­ber­ing and Learn­ing at Memo­ri­als in Ger­many” and a Cam­pus-Tour on “Decen­tral­ized Remem­ber­ing of the Crimes of Nation­al Social­ism”. Vor­trag auf der Tagung “Struc­tures and Process­es of Com­mem­o­rat­ing Cru­el­ties in Acad­eme and His­to­ry Teach­ing: The com­mem­o­ra­tion of the Transat­lantic Slave Trade and of the Nation­al Social­ist Crimes in Com­par­i­son” vom 20. bis 24. Sep­tem­ber 2012 in Ham­burg

 

Vom 20. bis 24. Sep­tem­ber 2012 fand in Ham­burg die vom Arbeits­bere­ich Geschichts­di­dak­tik der Uni­ver­sität Ham­burg gemein­same mit dem Stu­dien­zen­trum der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und der Mis­sion­sakademie an der Uni­ver­sität Ham­burg ver­anstal­tete inter­na­tionale Kon­ferenz “Struc­tures and Process­es of Com­mem­o­rat­ing Cru­el­ties in Acad­eme and His­to­ry Teach­ing: The com­mem­o­ra­tion of the Transat­lantic Slave Trade and of the Nation­al Social­ist Crimes in Com­par­i­son” statt.

Die Kon­ferenz hat­te zum Ziel, Struk­turen und For­men des öffentlichen Erin­nerns in Deutsch­land an die nation­al­sozial­is­tis­chen Ver­brechen in Deutsch­land und Europa und diejeni­gen der öffentlichen Präsen­ta­tion der Geschichte des Transat­lantis­chen Sklaven­han­dels (wie auch der ein­heimis­chen Sklaverei) in Ghana sowie die gegen­wär­tige Rolle dieser The­men in schulis­chem und uni­ver­sitärem Geschicht­sler­nen zu ver­gle­ichen und auf die didak­tis­chen Poten­tiale ger­ade auch des Ver­gle­ichs hin auszu­loten. Dabei wurde auch die Bedeu­tung von Reli­gion und religiösem Denken sowohl für die Sklaverei, den Sklaven­han­del und ihre Über­win­dung als auch für his­torisches Denken und Erin­nern sowie Ler­nen an diesem Gegen­stand the­ma­tisiert.

Die The­matik der Tagung entsprach ein­er gemein­samen Idee von Prof. Dr. Kofi Dark­wah von der Uni­ver­si­ty od Edu­ca­tion in Win­ne­ba/Ghana und Prof. Dr. Andreas Kör­ber. Sie wurde in enger Zusam­me­nar­beit mit Kol­legin­nen und Kol­le­gen mehrerer Uni­ver­sitäten in Ghana von Jan Bre­it­en­stein, Dok­torand der Geschichts­di­dak­tik an der Uni­ver­sität Ham­burg, vor­bere­it­et und organ­isiert.

Ref­er­enten der Tagung waren:

  • Dr. Kofi Baku (Uni­ver­si­ty of Ghana, Legon; Head of His­to­ry Depart­ment): “Mem­o­ry and Memo­ri­al­is­ing Slav­ery and Slave Trade in Ghana: Whose mem­o­ry, Which memo­ri­als and for What Pur­pose?”
  • Prof. Dr. Andreas Kör­ber (Ham­burg Uni­ver­si­ty):  “His­tor­i­cal Remem­ber­ing and Learn­ing at Memo­ri­als in Ger­many” and a Cam­pus-Tour on “Decen­tral­ized Remem­ber­ing of the Crimes of Nation­al Social­ism”
  • Prof. Dr. Eliz­a­beth Amoah (Uni­ver­si­ty of Ghana, Legon;): “Reli­gion and Slav­ery in Ghana”
  • Prof. Dr. Wern­er Kahl (Acad­e­my of Mis­sion, Ham­burg): “The­ol­o­gy after Auschwitz: Where is god? — Expe­ri­ences and reflec­tions of African migrant pas­tors in Neuengamme.”
  • Dr. Ako­sua Per­bi (Uni­ver­si­ty of Ghana, Legon;): “Slav­ery in Ghana: The Unfor­got­ten Past”
  • Ulrike Jensen and Mar­co Küh­n­ert (Neuengamme Con­cen­tra­tion Camp Memo­r­i­al): Guid­ed Tour
  • Dr. Oliv­er von Wrochem (Neuengamme Con­cen­tra­tion Camp Memo­r­i­al Strudy cen­tre): “Neuengamme as a Memo­r­i­al and Place for His­tor­i­cal Learn­ing”
  • Nicholas Ivor (Head of the Ghana Muse­ums and Mon­u­ments Boards (GMMB) for the Cen­tral and West­ern Regions): “Cape Coast Cas­tle as a Memo­r­i­al and Place for His­tor­i­cal Learn­ing”
  • HMJoki­nen (Ham­burg): “Wands­bek World White Revis­it­ed” (com­mem­o­ra­tive per­for­mance)
  • Prof. Dr. Klaus Weber (Europa-Uni­ver­sität Viad­ri­na, Frankfurt/Oder): “There were many Schim­mel­manns: Hamburg’s and Cen­tral Europe’s Links with the Atlantic Slave Trade and Plan­ta­tion Economies, 16th to the 19th Cen­turies”
  • Jan Bre­it­en­stein (Ham­burg Uni­ver­si­ty): “Per­for­ma­tive Com­mem­o­rat­ing and Flu­idRemem­ber­ing of the Transat­lantic Slave Trade: Impulse or Frame­work for (process-ori­ent­ed) His­tor­i­cal Learn­ing?”
  • Dr. Yaw Ofusu-Kusi (Uni­ver­si­ty of Edu­ca­tion, Win­ne­ba/Ghana): “Vio­la­tions of Child­hood through Enslave­ment of Chil­dren in West Africa: Past, Present and the Future.”
  • Prof. Dr. (em.) Bodo von Bor­ries (Uni­ver­sität Ham­burg): „Transat­lantic Slave Trade“ and „German/ Euro­pean Holo­caust“ as Mas­ter Nar­ra­tives – Edu­ca­tion in between Com­mem­o­ra­tion of Geno­cides and Neces­si­ty of Human Rights.”
  • Dr. Felix Duo­du (Uni­ver­si­ty of Edu­ca­tion, Win­ne­ba/Ghana): “The rel­e­vance of soci­etal diver­si­ty for Inter eth­nic (his­to­ry) Teach­ing in Ghana.”
  • Dr. Clau­dia Lenz (The Euro­pean Werge­land Cen­tre, Oslo/Norway): “Com­pe­tence ori­ent­ed his­tor­i­cal learn­ing as inter­cul­tur­al learn­ing – expe­ri­ences from the TeacMem project.”
  • Joke van der Leeuw-Roord (Euro­clio, The Hague): “Chang­ing His­tor­i­cal Learn­ing in Schools and its impli­ca­tions for Teach­ing about Slav­ery and Nation­al Social­ism”
  • Emmanuel Koom­son (African Chris­t­ian Mis­sion A.C.M. Junior High School, Winneba/Ghana): “Slave Trade and its Com­mem­o­ra­tion as a Top­ic for His­tor­i­cal Learn­ing in Ghana.”
  • Hilde­gard Wack­er (Gym­na­si­um Cor­veystraße, Ham­burg and Ham­burg Uni­ver­si­ty): “Nation­al Social­ism and its Com­mem­o­ra­tion as a Top­ic for His­tor­i­cal Learn­ing in Ger­many.”

 

Geschichtslernen an Stolpersteinen

Im Rah­men eines Sem­i­nars zu “Ler­norten” haben sich Arbeits­grup­pen mit den inzwis­chen in vie­len Städten Deutsch­lands ver­legten “Stolper­steinen” des Köl­ner Kün­stlers Gunter Dem­nig als For­men der Erin­nerung und Orten für bzw. Gegen­stän­den des Ler­nens beschäftigt.

Dabei ist mir aufge­fall­en, dass offenkundig ein Grund­muster der “Didak­tisierung” darin beste­ht, die Stolper­steine zum Anlass zu nehmen, die konkreten Biogra­phien der Opfer von Depor­ta­tion und Ver­nich­tung, an die sie erin­nern, zum eigentlichen Gegen­stand des Ler­nens zu machen. Die Beschäf­ti­gung mit den konkreten Men­schen, so die Argu­men­ta­tion, ermögliche eine ler­nende Reflex­ion auf die Auswirkun­gen der Poli­tik des Nation­al­sozial­is­mus auf konkrete Men­schen, auf die Bedin­gun­gen von Han­deln und Lei­den, und somit auch ein Ler­nen, welch­es die eigene Per­son, die Ori­en­tierung, in den Mit­telpunkt stelle — weniger die trock­e­nen “Fak­ten”.

Ich will diese Form der Didak­tisierung, welche eine Par­al­lele zum “biographis­chen Arbeit­en” in der Gedenkstät­ten­päd­a­gogik darstellt, nicht infrage stellen, möchte aber doch einige skep­tis­che Fra­gen und eine mögliche Alter­na­tive skizzieren:

    • Beste­ht nicht bei solch einem Anlass — ger­ade bei jün­geren Schüler(inne)n — die Gefahr eine Über­wäl­ti­gung durch eine Opfer­geschichte, welche den eige­nen Ver­ar­beitung­shor­i­zont über­steigt?
    • Was wäre das gewün­schte Lernziel? Iden­ti­fika­tion mit den Opfern?
      1. Wohl kaum im Sinne ein­er Pro­jek­tion in die Opfer hinein.
      2. auch wohl kaum im Sinne ein­er Veren­gung des Nach­denkens über das Geschehens aus ein­er (an Hand von Quellen) re-kon­stru­ierten oder nachemp­fun­de­nen Opfer­per­spek­tive.
        1. dass Erin­nern an Ver­gan­ge­nes in dieser Gesellschaft in ganz unter­schiedlichen For­men statt find­et
        2. dass das seinen Grund hat
        3. dass dieses Erin­nern und seine For­men keineswegs immer schon da waren und selb­stver­ständlich sind, son­dern dass um sie gerun­gen wird, darüber disku­tiert,
        4. dass Erin­nern nicht ein­fach “fer­tig” ist, wenn ein Denkmal, ein Gedenkstein, eine Stolper­stein liegt, son­dern dass es um ein immer neues Nach-Denken geht.

      Es ist somit m.E. möglich, ger­ade auch im Geschicht­sun­ter­richt über das Gedenken und Erin­nern, über For­men der Verge­gen­wär­ti­gung von Ver­gan­gen­heit als Teil des gegen­wär­ti­gen Umgangs der Gesellschaft zu ler­nen.

Dies würde kaum den Forderung entsprechen, dass Geschicht­sun­ter­richt zur Ori­en­tierung der eige­nen Iden­tität und des eige­nen Han­delns dienen soll.

Meines Eracht­ens bieten die Stolper­steine ger­ade dann einen guten Ansatzpunkt zu his­torischem Ler­nen, wenn man nicht vorschnell ihrem Ver­weis auf die konkreten Opfer fol­gt, son­dern sie zunächst als das ernst und in den Blick nimmt, was sie sind: For­men der Auseinan­der­set­zung der gegen­wär­ti­gen Gesellschaft mit der Ver­gan­gen­heit, auf die sie ver­weisen — und mit sich selb­st, als umstrit­tene For­men der Erin­nerungskul­tur zu ein­er umstrit­te­nen Ver­gan­gen­heit.
Dieser Logik zufolge müssten zunächst die Stolper­steine selb­st Gegen­stand des Ler­nens wer­den — die Tat­sache, dass sie an bes­timmten Orten liegen, dass dieses keineswegs selb­stver­ständlich ist, dass es Men­schen gibt, die sich dafür ein­set­zen (und ihre Argu­mente) und solche, die dage­gen sein — aus ver­schiede­nen Grün­den, von pro­fa­nen, erin­nerungskul­turell gedanken­losen (etwa Furcht um die Beein­träch­ti­gung des Geschäfts vor dem ein Stein liegt) über emi­nent his­torische (etwa Scham über das eigene Wegse­hen damals, aber auch über die eigene erin­nerungskul­turelle Untätigkeit oder Zöger­lichkeit) bis hin zu poli­tis­chen (Leug­nung des Geschehens, Abwehr dieser Form der ‘Schuld­präsen­ta­tion’) — aber auch zu unter­schiedlichen erin­nerungskul­turellen Sym­bo­l­iken und Wer­tun­gen (s. Zen­tral­rat der Juden, Stadt München, Sin­ti und Roma).
Durch die zunächst auf die Gegen­wart blick­ende Erschließung der Stolper­steine in ihrer Pro­gram­matik und Sym­bo­l­ik, poli­tis­chen Bedeu­tung, den Pros und Con­tras erst wird der Blick auf die konkreten Men­schen gelenkt, der­er gedacht wird. Das ist m.E. nur auf den ersten Blick eine “Instru­men­tal­isierung”, bei genauerem Hin­se­hen vielmehr eine “Aufw­er­tung”. Diese Men­schen wer­den dann näm­lich als Men­schen Gegen­stand his­torisch­er Betra­ch­tung und his­torischen Ler­nens, die dieser Gesellschaft etwas bedeuten (wenn auch unter­schiedlich­es), nicht als von außen (dem Lehrer, der Ini­tia­tive, den Autoren eines Beglei­thefts) vorgegebene Beispiele.
Ein solch­es Vorge­hen, das von der gegen­wär­ti­gen Umstrit­ten­heit aus­ge­ht, von der gegen­wär­ti­gen Erin­nerungskul­tur mit ihren Ver­w­er­fun­gen und Debat­ten, ermöglicht es m.E. auch, das Ler­nen über den Holo­caust und die Depor­ta­tio­nen in eine län­gere Pro­gres­sion zu über­führen. Mit jün­geren Schü­lerin­nen und Schülern kön­nte somit zunächst noch ohne die Gefahr der Über­forderung und Über­wäl­ti­gung die Tat­sache the­ma­tisiert wer­den,