Historisch Denken Lernen an den neuen Debatten um die Schuld am Ersten Weltkrieg — aber wie?

Kör­ber, Andreas (5.1.2014): “His­torisch Denken Ler­nen an den neuen Debat­ten um die Schuld am Ersten Weltkrieg — aber wie?”

Es war ja zu erwarten, dass im Vor­feld des hun­dertjähri­gen Gedenkens des Beginns des Ersten Weltkrieges die Debat­ten um die Ursachen und ins­beson­dere um die “Schuld” an diesem Krieg eine erneute Kon­junk­tur erleben wür­den. Nicht nur die große neue Unter­suchung von Christo­pher Clark, welche die ins­beson­dere von Fritz Fis­ch­er vertretene These vom deutschen Kriegswillen und ins­beson­dere von der vornehm­lich deutschen Ver­ant­wor­tung erneut in Frage stellt, hat dazu deut­lich beige­tra­gen.

Was aber ist daraus zu ler­nen? Geht es darum, die — wenn man den Kom­men­ta­toren fol­gt — vornehm­lich in lib­eralen und “linken” Kreisen pop­uläre These der deutschen “Allein­schuld” in den Köpfen der Men­schen auszu­tauschen gegen die neue, Clark’sche Vari­ante ein­er mehr­seit­ig verteil­ten Verur­sachung? Das wäre his­torisches Ler­nen im Sinne ein­er recht kru­den Konzep­tion von “Abbild­di­dak­tik”, der zufolge die jew­eils aktuellen Erken­nt­nisse der His­torik­er als beste Annäherun­gen an die “his­torische Wahrheit” zu “ver­mit­teln”, nein, zu “über­mit­teln” seien. Und es wäre doch allzu wenig — nicht nur, weil es let­ztlich an der rezep­tiv­en Abhängigkeit der so Belehrten von den Forschun­gen der Fach­leute (und den pub­lizis­tis­chen Machtver­hält­nis­sen unter ihnen) nicht ändert, son­dern auch, weil damit der let­ztlich unpro­duk­tiv­en Vorstel­lung ein­er his­torischen “Wahrheit” Vorschub geleis­tet würde, die in Form ein­er Annäherung an die ver­gan­gene Wirk­lichkeit herkommt, und nicht der weitaus anschluss- und ori­en­tierungs­fähigeren Konzep­tion, derzu­folge es um die Qual­ität als rela­tionaler Konzepte zwis­chen Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit gedachter his­torisch­er Aus­sagen geht, die sich in ihrer Zus­tim­mungs­fähigkeit (“Triftigkeit” oder “Plau­si­bil­ität” in drei oder vier Dimen­sio­nen; vgl. Rüsen 1994; Rüsen 2013) bemisst. Anders gesagt: Wer über und an historische(n) Deu­tun­gen ler­nen will, muss die jew­eils spez­i­fis­chen Ori­en­tierungs­bedürfnisse, die Nor­mvorstel­lun­gen, die Imp­lika­tio­nen der einzel­nen Inter­pre­ta­tio­nen usw. mit­denken.

In diesem Zusam­men­hang sind — wie so oft — pub­lizis­tis­che Inter­ven­tio­nen von His­torik­ern und anderen öffentlichen “Ver­mit­tlern” mit­samt den öffentlichen Reak­tio­nen inter­es­sant, wie sie etwa in den Debat­ten unter Online-Zeitungsar­tikeln zuhauf zu find­en sind. Weit davon ent­fer­nt zu glauben, dass diese “die öffentliche(n) Meinung(en)” bzw. deren Verteilung reli­a­bel abbilde­ten oder auch nur die wahre Mei­n­ung der jew­eili­gen (oft­mals anony­men) Autoren, halte ich diese Debat­ten doch für sehr geeignet, his­torisches Denken zu ler­nen, weil sie zum Teil pro­to­typ­isch über­höht und zuge­spitzt Deu­tun­gen und Schlussfol­gerun­gen, Sachver­halt­sauss­gaen, Sach- und Wer­turteile präsen­tieren, die als “sag­bar” gel­ten. Es geht also in gewiss­er Form um Diskur­s­analy­sen in rudi­men­tär­er Form, um aus ihnen mögliche und unmögliche, zus­tim­mungs­fähige und prob­lema­tis­che For­men his­torisch­er Sinnbil­dung samt ihrer Gel­tungsansprüche und entsprechen­der Appelle an die Leser erschließbar zu machen, ohne dass am Ende eine gemein­same Sicht, eine von allen geteilte Bew­er­tung ste­hen muss — hof­fentlich aber doch einiges an besserem Ver­ständ­nis über die Be-Deutung(en) der jew­eili­gen Geschicht­en.

Die For­men, welche die Debat­te gegen­wär­tig anzunehmen begin­nt, sind da schon sehr auf­schlussre­ich.

In der WELT fordern heute vier namhafte deutsche Historiker(innen), näm­lich Dominik Gep­pert, Sönke Neitzel, Cora Stephan und Thomas Weber, die Ablö­sung der These von der Deutschen Allein­schuld (“Warum Deutsch­land nicht allein Schuld ist”) — und zwar dur­chaus mit (bedenkenswerten) Argu­menten, die nicht nur auf die Ver­gan­gen­heit zie­len, son­dern ger­ade auch auf die möglichen Wirkun­gen im gegen­wär­ti­gen poli­tis­chen Feld der europäis­chen Poli­tik. In unserem Zusam­men­hang inter­es­sant ist dabei die oben beraits angedeutete Bew­er­tung der These von deutsch­er Schuld als “link­er Mythos”. Die sich anschließende Diskus­sion (“Kom­mentare”) erweist sich aber als noch inter­es­san­ter. Wo die Historiker(innen) die Eig­nung des Ersten Weltkriegs und der Schuld­frage zur Bekämp­fung von Nation­al­is­mus bezweifeln, nehmen viele Kom­men­ta­toren diese Ablehnung der Fis­ch­er-These zum Anlass, um in dur­chaus rein nationalem Denken wiederum die Schuld entwed­er direkt bei den dama­li­gen Fein­den der Deutschen zu verorten oder diese von jeglich­er Schuld freizus­prechen. Wie dort die Kat­e­gorien durcheinan­der gehen, etwa “Ursache”, “Anlass”, aber auch “Schuld” und “Ver­ant­wor­tung”, macht deut­lich, dass der Opti­mis­mus der His­torik­er, mit der kor­rek­ten his­torischen Deu­tung solcher­lei Nation­al­is­men zu erschw­eren, reich­lich unbe­grün­det erscheint.

Noch inter­es­san­ter wird es aber, wenn man gle­ichzeit­ig einen Artikel des englis­chen Bil­dungsmin­is­ters Michael Gove in der englis­chen Dai­ly Mail her­anzieht — und den dazuge­höri­gen Kom­men­tar im Guardian von seinem “Schatten”-Kollegen Tris­tram Hunt). In ersterem (“Michael Gove blasts ‘Black­ad­der myths’ about the First World War spread by tele­vi­sion sit-coms and left-wing aca­d­e­mics”) kri­tisiert Grove unter anderen “linke” Geschichtsmythen, und zwar mit Hil­fe ein­er — so Hunt — “bere­inigten” Ver­sion der The­sen von Max Hast­ings, denen zufolge der Krieg ein “notwendi­ger Akt des Wider­standes gegen ein mil­i­taris­tis­ches, kriegstreiberisches und impe­ri­al­is­tis­ches Deutsch­land” (wörtlich: “a nec­es­sary act of resis­tance against a mil­i­taris­tic Ger­many bent on war­mon­ger­ing and impe­r­i­al aggres­sion”) gewe­sen sei — mit ein­er Neuau­flage von Fritz Fis­ch­ers These der deutschen Kriegss­chuld also. “In an arti­cle for the Dai­ly Mail, Mr Gove says he has lit­tle time for the view of the Depart­ment for Cul­ture and the For­eign Office that the com­mem­o­ra­tions should not lay fault at Germany’s door” ‑schreibt Mail Online. Ganz ähn­lich und in der poli­tis­chen Aus­rich­tung noch deut­lich­er auch Boris John­son: “Ger­many start­ed the Great War, but the Left can’t bear to say so” im “Tele­graph”.

Bei­der­seits der Nord­see also eine Ablehnung “link­er” The­sen — nur, dass ein­mal The­sen Fis­ch­ers als solche gel­ten und sie ein­mal gegen solche in Anschlag gebracht wer­den. Grund genug also, ger­ade auch in diesem Falle nicht allein nach der “Wahrheit” zu fra­gen, son­dern die Nar­ra­tio­nen konkret zu prüfen — zu de-kon­stru­ieren, um in der Ter­mi­nolo­gie von FUER zu bleiben.

Natür­lich sind die Kom­mentare auch in der Dai­ly Mail und im Guardian eben­falls inter­es­sant und einzubeziehen und natür­lich wird noch vieles geschehen in der Debat­te. Erst mit ihnen, mit Nar­ra­tion, Inter­pre­ta­tion sowie Wer­tung und den jew­eili­gen vielfälti­gen Gegen­po­si­tio­nen aber wird ein Mate­r­i­al daraus, welch­es es für his­torisches Ler­nen im kom­pe­ten­zori­en­tierten Sinne geeignet macht.

Eine kleine Anmerkung mein­er­seits sei aber noch ges­tat­tet:
Die Abwehr der Fis­ch­er-These als “links” und zu gefährlich ide­al­is­tisch und die Befür­wor­tung ein­er real­is­tis­cheren Sicht auf die Ursachen des Ersten Weltkriegs auch als Basis für eine real­is­tis­chere Poli­tik in Europa mag ja richtig sein. Aber es darf nicht verkan­nt wer­den, dass ger­ade auch die Fis­ch­er-Kon­tro­verse in einem his­torischen Zusam­men­hang ste­ht — wie auch die deutsche Erin­nerungspoli­tik zuvor. Dass die Fis­ch­er-These nicht zur Abwehr von Nation­al­is­mus tauge, ist also nur begren­zt richtig. In den 60er Jahren und angesichts der Fort­set­zung der Entschuldigungspoli­tik der Zwis­chenkriegszeit (man Denke an “Die große Poli­tik der europäis­chen Kabi­nette”) hat­te die Her­ausar­beitung wenn nicht der “Allein­schuld”, so aber doch des deut­lichen Kriegswil­lens dur­chaus ihre Berech­ti­gung und Funk­tion — die Kom­mentare zum WELT-Artikel bele­gen das indi­rekt noch heute.

Und noch ein paar Anmerkun­gen — als Nach­trag:

  • Die Inter­ven­tio­nen bei­der hier in aller Kürze vorgestell­ter Seit­en gehen gegen “linke” Geschichts­bilder und führen gegen sei das Inter­esse an Wahrheit und Ehrlichkeit an. Das klingt zunächst ein­mal gut. Aber die Oppo­si­tion von “Wahrheit” und “Ehrlichkeit” gegen “poli­tis­che” Geschichts­bilder ist in sich selb­st falsch — und zwar zunächst (!) unab­hängig davon, welch­er poli­tis­chen Rich­tung die kri­tisierten Geschichts­bilder entstam­men. Es würde schon enorm weit­er­helfen, anerzuerken­nen, dass jede Posi­tion, welche für sich poli­tis­che Neu­tral­ität, unpoli­tis­che “Ehrlichkeit” und “Wahrheit” beansprucht, ihrer­seits emi­nent poli­tisch ist — und zwar nicht nur, weil die sie behaup­ten­den Autoren jew­eils selb­st (hof­fentlich) poli­tis­che Men­schen mit Überzeu­gun­gen, Posi­tio­nen und Vorstel­lun­gen für gegen­wart und Zukun­ft sind und ihre Vorstel­lun­gen von der Ver­gan­gen­heit von ihnen mit geprägt wer­den, son­dern auch weil die Vorstel­lung ein­er vor­poli­tis­chen Raums der Wahrheit und der verz­er­ren­den Natur poli­tis­ch­er Per­spek­tiv­en irrig ist. Es wäre noch mehr gewon­nen, wenn die Ein­sicht, welche für die Poli­tik­di­dak­tik in den 1960er Jahren Her­mann Giesecke for­muliert hat, dass die Natur der Demokratie die Uneinigkeit und die Auseinan­der­set­zung ist und dass Kon­tro­ver­sen keineswegs ein zu ver­mei­den­des Übel, son­dern die Form sind, in welch­er notwendi­ger­weise unter­schiedliche Inter­essen an, Blicke auf und ver­ar­beitungsweisen von sozialer und poli­tis­ch­er Real­ität sicht­bar und aus­ge­han­delt wer­den, wenn diese Ein­sicht nun endlich auch auf das Feld der Geschichte über­tra­gen würde. Die Geschicht­s­the­o­rie stellt das nötige Instru­men­tar­i­um seit Langem bere­it: Geschichte ist immer stan­dort­ge­bun­den und somit per­spek­tivisch, sie ist immer par­tiell und selek­tiv und sie ist immer gegen­wär­tig. Sie ist näm­lich von der Ver­gan­gen­heit zu unter­schei­den. Während diese ein­ma­lig war und nur in ein­er Form existiert hat ist sie überkom­plex und als solche nicht zu erken­nen. Geschichte als die immer gegen­wär­tige, an einen (zeitlichen, sozialen, poli­tis­chen, kul­turellen, …) Stan­dort gebun­dene und von diesem Stand­punkt und seinen Prä­gun­gen aus geformte Erzäh­lung über (!) Ver­gan­gen­heit ist vielfältig und das zu recht. Damit ist einem Rel­a­tivis­mus das Wort gere­det, demzu­folge jede Aus­sage über diese Ver­gan­gen­heit, jede Geschichte gle­ich gut wäre, wohl aber der Ein­sicht, dass es nicht nur eine “richtige” Sicht gibt, son­dern dass auf­grund ihres rela­tionalen, Vergangenheit(en) udn gegenwarte(en) miteinan­der verbinden­den Charak­ters mehrere “gültig” sein kön­nen. Und es fol­gt eben­so daraus, dass es noch mehr unwahre Geschicht­en gibt: näm­lich solche, deren Rela­tio­nen anerkan­nten Stan­dards widersprechen.Das Resul­tat ist, dass in allen Gesellschaften, aber mehr noch in lib­eralen, plu­ralen und het­ero­ge­nen eine ständi­ge Auseinan­der­set­zung über und um Geschichte Herrschen muss, bei dessen sin­nvoller Aus­gestal­tung nicht die Über­wäl­ti­gung der jew­eils anderen zu Anerken­nung der eige­nen Darstel­lung, Deu­tung und Schlussfol­gerung das Ziel sein muss, son­dern die Her­stel­lung ein­er neuen Ebene von his­torisch­er Kul­tur­al­ität, bei der die jew­eili­gen Geschicht­en so miteinan­der kom­pat­i­bel (nicht aber iden­tisch) gemacht wer­den, dass man miteinan­der reden, denken, Gegen­wart gestal­ten und zukun­ft (aktiv) erwarten kann. Das wäre übri­gens auch “Ein­heit in Vielfalt” und stünde etwa einem “Europäis­chen Geschichts­be­wusst­sein” gut an. Es wäre aber noch mehr — es bedeutete, das his­torische Denken selb­st zu demokratisieren.
    Garaus fol­gt zum einen, dass “Geschicht­spoli­tik” nichts neg­a­tives ist — sofern der Begriff nicht ein die Geschichte zum vorder­gründi­gen Zweck miss­brauchen­des Han­deln beze­ich­net, son­dern das Poli­tik­feld, in dem solche sowie demokratis­che For­men des Rin­gens um his­torische Ori­en­tierung stat­tfind­en. Eine Ent­ge­genset­zung von “Poli­tik” und “Geschichte” ist unfrucht­bar. Bess­er wäre es, anzuerken­nen, dass demokratis­che Gesellschaften sich auch über die Gel­tungsansprüche öffentlich­er Geschicht­saus­sagen, über ihre Verbindlichkeit (Geschicht­spoli­tik) wie über die aus ihnen zu ziehen­den Schlussfol­gerun­gen im poli­tis­chen Han­deln (“Ver­gan­gen­heit­spoli­tik” in einem Sinne, der nicht nur auf die Ver­ar­beitung von Dik­tatur­erfahrun­gen beschränkt bleiben darf) immer neu auseinan­der­set­zen müssen.Daraus fol­gte aber auch, dass die Klas­si­fika­tion eines Geschichts­bildes als “links” oder “rechts” noch kein Argu­ment sein dürfte, es zu dis­qual­i­fizieren. Poli­tis­che Geschichts­bilder sind nor­mal und sie müssen als solche ernst genom­men wer­den. Man muss sich mit ihnen auseinan­der­set­zen, und sie in ihrer nar­ra­tiv­en Erk­lärungs- und Ori­en­tierungskraft disku­tieren — das meint die jüngst von Bodo von Bor­ries einge­forderte “Nar­ra­tionsprü­fung” oder “De-Kon­struk­tion”. Dass einige linke wie auch einige “rechte” Geschichts­bilder diese Prü­fung kaum über­ste­hen wer­den, dürfte klar sein — wobei ich selb­st noch immer denke, dass viele expliz­it “rechte” Geschichts­bilder auf­grund in sie einge­hen­der Nor­men und Vorstel­lun­gen prob­lema­tis­ch­er sind als viele “linke”, wobei aber natür­lich auch hier vieles prob­lema­tisch ist.
    Es wäre also viel gewon­nen, den Ver­weis auf “links” (und “rechts”) nicht als Argu­ment anzuführen, son­dern vielmehr die Geschichts­darstel­lun­gen aller Prove­nienz ein­er prü­fung zu unterziehen, die wesentlich, aber nicht nur auf den Quellen, beruht, son­dern auch die einge­hen­den Nor­men, Men­schen­bilder, Gesellschaft­s­the­o­rien, aber auch die Erk­lärungsmuster und­somit die Imp­lika­tio­nen für das heutige Zusam­men­leben in den Blick nimmt. Nichts anderes meinte übri­gens Jörn Rüsen mit seinen schon zitierten drei “Triftigkeit­en” bzw. neuerd­ings “vier Plau­si­bil­itäten”
  • Es ist aber noch etwas anderes anzumerken: Eine Schlussfol­gerung hier­aus lautet, dass die Mit­glieder min­destens der mod­er­nen, plu­ralen und het­ero­ge­nen Gesellschaften im Geschicht­sun­ter­richt und der poli­tis­chen Bil­dung in die Lage ver­set­zt wer­den müssen, eigen­ständig und ver­ant­wortlich an dieser gesellschaftlichen Auseinan­der­set­zung um Geschichte teilzunehmen. Das meint “Kom­pe­ten­zori­en­tierung”. Sie dür­fen nicht in ein­er Lage belassen oder ger­ade erst in sie ver­set­zt wer­den, dass sie nur rezep­tiv aufnehmen, was “die Fach­leute” ihnen erzählen, und mit dem Ver­weis auf ihren Fach­leute-Sta­tus legit­imieren. Ander­er­seits: die Vorstel­lung, dass jede® befähigt wer­den soll, sich seine eigene “Mei­n­ung” (oder bess­er: “Auf­fas­sung”) zu bilden, kann auch über­trieben oder dies­bezüglich missver­standen wer­den. Es geht zwar schon darum, dass “Every­man his own his­to­ri­an” sein kön­nen muss — aber die Vorstel­lung ein­er Abschaf­fung der his­tor­sichen Zun­ft der Fach­leute zugun­sten ein­er völ­li­gen “Demokratisierung” der his­torischen Forschung wäre nicht nur über­zo­gen ide­al­is­tisch — sie wäre auch töricht. Es ist zwar das Ziel des kom­pe­ten­zori­en­tierten Geschicht­sun­ter­richts, dass prinzip­iell jedes Mit­glied der mod­er­nen Gesellschaft über die grundle­gen­den Fähigkeit­en des his­torischen Denkens selb­st ver­fügt, also — etwa nach Jeis­mann — selb­st Sachver­halts­fest­stel­lun­gen (um den Begriff ein­mal abzuwan­deln) tre­f­fen, Sach- und Wer­turteile his­torisch­er Art fällen kann — aber es kann und soll nicht gemeint sein, dass jed­er in jedem Falle zum Experten wer­den soll und muss. Aber dann gehört es zur his­torischen Bil­dung und Kom­pe­tenz, Aus­sagen von His­torik­ern wie von Akteuren der öffentlichen his­torischen Debat­ten nicht nur ver­ste­hen und sich zwis­chen ihnen entschei­den zu kön­nen, son­dern sie in dem Sinne kri­tisch zu rezip­ieren, dass sie kri­tisch befragt (“hin­ter­fragt” heißt das mod­ern) und bedacht wer­den kön­nen — und zwar nicht nur auf ihre Quellen hin (“Prü­fung der empirischen Triftigkeit”), son­dern auch auf die Prämis­sen, Nor­men, Mod­elle — und auf die Imp­lika­tio­nen für die Gesellschaft und jeden einzel­nen in Gegen­wart und Zukun­ft. Das aber umfasst auch, den Sta­tus solch­er Aus­sagen als Teile ein­er (nicht zwin­gend partei‑, aber doch) poli­tis­chen Auseinan­der­set­zung um zeitliche Ori­en­tierung zu erken­nen und zu akzep­tieren. Einzelne Posi­tio­nen als “ehrlich”, weil unpoli­tisch und andere als falsch WEIL poli­tisch zu klas­si­fizieren, hil­ft dabei nicht.
  • His­torisches Ler­nen ger­ade auch im Geschicht­sun­ter­richt sollte somit nicht gedacht wer­den als die Bevor­ratung der Ler­nen­den mit ein­er bes­timmten Ori­en­tierung, son­dern vornehm­lich um die Befähi­gung der Ler­nen­den zur Selb­sto­ri­en­tierung und zur Teil­habe an der gesellschaftlichen Ori­en­tierung.

Ergänzun­gen 7.1.2014/23.1.2014:

Multiperspektivität? Multiperspektivität!

In der geschichts­di­dak­tis­chen Lehre spielt das Prinzip der “Mul­ti­per­spek­tiv­ität” eine große Rolle. Es scheint auch für die Studieren­den eingängig zu sein — jeden­falls fehlen pos­i­tive Bezug­nah­men darauf in fast kein­er Hausar­beit.
Oft aber han­delt es sich dabei um reine Lip­pen­beken­nt­nisse — oder um For­men, die zeigen, dass die Eingängigkeit des Ter­mi­nus und die schein­bare Klarheit oft ein tief­eres Ver­ständ­nis dur­chaus erschw­eren.  1

Ein Beispiel:
In manchen Hausar­beit­en wird das Prinzip befür­wortet — eben­so wie in pub­lizierten Unter­richts­beispie­len. Die skizzierten Unter­richt­s­pla­nun­gen beste­hen dann darin, zu einem Kon­flikt (im weit­eren Sinne) jew­eils eine Quelle der einen und ein­er der anderen Kon­flik­t­partei zu präsen­tieren und bear­beit­en zu lassen:

  • bei The­ma­tisierun­gen des deutsch-franzö­sis­chen Ver­hält­niss­es vom Krieg 1870/71 zum 1. Weltkrieg wer­den Beispiele der bei­der­seit­i­gen Pro­pa­gan­da genutzt;
  • bei der Behand­lung des spanisch-bask­ischen Kon­flik­ts wird den Schülern präsen­tiert:
    1. ein Artikel, welch­er “den” ter­ror­is­tis­chen Basken alle Schuld gibt;
    2. ein Artikel, welch­er zwis­chen exter­mistis­chen Basken und solchen unter­schei­det, die in Frieden leben wollen
  • das Ver­hält­nis der “Rassen” in den USA wird fol­gen­der­maßen the­ma­tisiert:
    1. ein Zeitungsar­tikel, der die klas­sis­chen Vorurteile der Weißen gegenüber den Schwarzen (Verge­wal­ti­gung weißer Frauen) präsen­tiert und Lynchjus­tiz befür­wortet;
    2. ein Artikel ein­er Jour­nal­istin, welche die Real­ität intereth­nis­ch­er Liebes­beziehun­gen her­ausstellt. 2

Bei­de Arbeit­en leit­en daraus die Ziel­stel­lung ab, die Schüler(innen) kön­nten am Ver­gle­ich der Artikel erken­nen, dass es nicht die eine wahre Geschichte gebe, son­dern dass “es” immer mehrere Per­spek­tiv­en “gebe”.

Das ist natür­lich die qua­si stan­dar­d­isierte Formel der Geschichts­di­dak­tik. Aber ist sie hier gerecht­fer­tigt? Ich habe meine Zweifel. An bei­den Fällen lässt sich zeigen, dass das Prinzip der “Mul­ti­per­spek­tiv­ität”  nicht durch die Gegenüber- oder Zusam­men­stel­lung irgendwelch­er unter­schiedlichen Per­spek­tiv­en auf einen Sachver­halt ein­gelöst wer­den kann, son­dern dass es der his­torischen Reflex­ion der Per­spek­tiv­en bedarf — auf ihre Rel­e­vanz  für his­torisches Ler­nen näm­lich. 3  Nicht dass Quellen unter­schiedlichen Per­spek­tiv­en auf den gle­ichen Gegen­stand entstam­men, ist rel­e­vant, son­dern welch­er Art dieser Per­spek­tive­nun­ter­schied ist:

Dass Vertreter von geg­ner­ischen Parteien eines Kon­flik­ts diesen unter­schiedlich bew­erten und darstellen, ist unmit­tel­bar ein­sichtig — auch den Schülern. Daraus ist wenig zu ler­nen. Das Prob­lem ist, dass sowohl den Kon­flik­t­parteien als auch den Schüler(inne)n der Vor­wurf der “Lüge” an die jew­eils andere Partei bzw. (aus der Sicht des “neu­tralen” Ler­nen­den) an eine von ihnen schnell zur Hand und er auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Die Ein­sicht, die dem Prinzip der Mul­ti­per­spek­tiv­ität zu Grunde liegt, näm­lich dass es zu jedem Zusam­men­hang zeit­genös­sisch (auf der “Ebene der Quellen”) wie ret­ro­spek­tiv (auf der “Ebene der Darstel­lun­gen”) mehrere berechtigte Per­spek­tiv­en gibt, ja dass solche Per­spek­tive­nun­ter­schiede notwendig sind, ist daran kaum zu gewin­nen.

Hier wäre also zu for­mulieren, dass im Sinne dieser Ein­sicht rel­e­vante Mul­ti­per­spek­tiv­ität dann entste­ht, wenn Unter­schiede der Beurteilung eines Zus­tandes oder ein­er Hand­lung (Quellen) und in der späteren His­torisierung (Darstel­lung) nicht unmit­tel­bar auf antag­o­nis­tis­che Inter­essen zurück­ge­führt wer­den kön­nen.

Es ist also viel frucht­bar­er, solche Per­spek­tiv­en zu kon­trastieren, die nicht ein­fach die Posi­tio­nen zweier Kon­flik­t­parteien abbilden, son­dern die unter­schiedliche Sichtweisen auf den Kon­flikt auf “ein­er” Seite präsen­tieren — und so auch ver­schiedene His­torisierun­gen bzw. his­torische Begrün­dun­gen präsen­tieren:

  1. Beim deutsch-franzö­sis­chen Krieg 1870/71 oder zum 1. Weltkrieg wären das etwa die Per­spek­tive  von Nation­al­is­ten und Kriegs­be­für­wortern gegenüber der­jeni­gen von Paz­i­fis­ten oder von Vertretern der Arbeit­er­be­we­gung, die den Zusam­men­halt der Pro­le­tari­er befür­worten — und zwar nach Möglichkeit auf der gle­ichen, oder bess­er noch: auf “bei­den” Seit­en des Krieges;
  2. im spanisch-bask­ischen Ver­hält­nis wären etwa jew­eils zu präsen­tieren:
    1. eine bask­ische Argu­men­ta­tion nation­al­is­tis­ch­er Art, die vielle­icht eine ewige Eigen­ständigkeit “der Basken” betont,
    2. eine andere, die vielfältige Beziehun­gen der Basken zu ihren Nach­barn und Verän­derun­gen des Selb­stver­ständ­niss­es betont

    Eben­so wären unter­schiedliche “spanis­che” Argu­men­ta­tio­nen und Nar­ra­tive zu kon­trastieren;

  3. in Bezug auf die Rassen­prob­leme in den USA wären vielle­icht zu nutzen:
    • eine “schwarze”, welche eine bessere Zukun­ft und ein friedlich­es Zusam­men­leben zwis­chen Schwarz und Weiß voraussieht bzw. erstrebt;
    • eine andere “schwarze” Per­spek­tive, welche nur auf Kon­fronta­tion und Kampf set­zt;
    • eine “weiße” Per­spek­tive, die offen ras­sis­tisch argu­men­tiert (wie die oben skizzierte);
    • eine weit­ere “weiße” Per­spek­tive, die die “Prob­leme mit den Schwarzen” nicht auf deren Eigen­schaften, son­dern auf deren Lage zurück­führt und so eine Verän­derungsper­spek­tive eröffnet.

Das nun gilt für alle Spielarten von Mul­ti­per­spek­tiv­ität:

  • für diejenige der zeit­genös­sis­chen Per­spek­tiv­en (Quellen: “Mul­ti­per­spek­tiv­ität” im engeren Sinne)
  • für diejenige später­er Sinnbil­dun­gen (Darstel­lun­gen: “Kon­tro­ver­sität”)
  • für diejenige heutiger Schlussfol­gerun­gen und Urteile durch die Ler­nen­den “Plu­ral­ität”).

Mul­ti­per­spek­tiv­ität ist also ein Prinzip, das nicht ein­fach durch Vielzahl und ‑falt und durch das for­male Kri­teri­um “unter­schiedlich­er” Sichtweise zu berück­sichti­gen ist, son­dern erst durch die Reflex­ion auf das Ver­hält­nis der Per­spek­tiv­en zueinan­der.

Die oben genan­nten Kon­flik­t­parteien-Per­spek­tiv­en sind dabei nicht aus­geschlossen (zuweilen sind sie dur­chaus wichtig), reichen aber nicht aus, um die dem Prinzip zu Grunde liegende Ein­sicht in die unhin­terge­hbare Per­spek­tiv­ität von Geschichte und somit die Plu­ral­ität der Sinnbil­dun­gen tat­säch­lich ein­sichtig zu machen.

Anmerkun­gen / Ref­er­ences
  1. Vgl. auch den Beitrag “Zur Unein­deutigkeit geschichts­di­dak­tis­ch­er Topoi”.[]
  2. Entsprechende Quellen sind etwa zu find­en in dem Beitrag MARTSCHUKAT, JÜRGEN; STORRER, THOMAS (2001): “Gewal­ter­fahrung und Erin­nerung. Das Ende der Sklaverei in den USA.” In: KÖRBER, ANDREAS (Hrsg.; 2001): Interkul­turelles Geschicht­sler­nen. Geschicht­sun­ter­richt unter den Bedin­gun­gen von Ein­wan­derung und Glob­al­isierung. Konzep­tionelle Über­legun­gen und prak­tis­che Ansätze. Mün­ster: Wax­mann (Novem­ber­akademie; 2), S. 193–203, der allerd­ings weitaus mehr Per­spek­tiv­en bere­it­stellt.[]
  3. vgl.:  STRADLING, ROBERT (2004): Mul­ti­per­spec­tiv­i­ty in his­to­ry teach­ing. A guide for teach­ers.: Coucil of Europe, p. 19[]
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Kommentar zu einem Eintrag bei weblog.histnet.ch über Wikipedia im Geschichtsunterricht

Ich war beim Werk­stattge­spräch lei­der nicht dabei. Was mich aber wirk­lich inter­essieren würde jen­seits aller (nein: neben allen) Fra­gen nach Authen­tiz­ität, Ver­lässlichkeit, Repro­duzier­barkeit ist unter spez­i­fisch didak­tis­chen Gesicht­spunk­ten die Frage, ob mit­tels der Diskus­sions-Seit­en von Wikipedia (und ähn­lichen Pro­jek­ten) das (nicht nur geschichts-) didak­tis­che Konzept der “Kon­tro­ver­sität” beson­ders in Wert geset­zt wer­den kann.
Das Konzept basiert ja auf der the­o­retisch ein­sichti­gen Vorstel­lung, dass es nicht die eine wahre Geschichte gibt, son­dern jew­eils per­spek­tivisch und kul­turell sowie wer­tend unter­schiedliche, und dass es so zu ein­er Mehrzahl von nicht immer span­nungs­frei miteinan­der kom­binier­baren Re-Kon­struk­tio­nen kommt.

Für den Geschicht­sun­ter­richt wird ‑in Anlehnung an den Beu­tels­bach­er Kon­sens (1976)- dann gefordert, dass, was in Wis­senschaft und Gesellschaft kon­tro­vers ist, auch im Unter­richt kon­tro­vers the­ma­tisiert wer­den müsse, damit Schü­lerin­nen und Schüler ler­nen, mit eben diesen Kon­tro­ver­sen in der Gesellschaft umzuge­hen (so zumin­d­est unsere kom­pe­ten­zthe­o­retis­che Vorstel­lung; vgl. Schreiber/Körber 2006).
Im Rah­men der kon­ven­tionellen Unter­richtsme­di­en kann dieses geschehen, indem in diesen “typ­is­che” Posi­tio­nen einan­der gegenüber gestellt wer­den (wenn es auch noch immer zu wenige wirk­lich mul­ti­per­spek­tivisch und kon­tro­vers angelegte Quel­len­samm­lun­gen gibt), und, indem die Schü­lerin­nen und Schüler mit oder ohne Hil­fe in ihrer Umge­bung solche Deu­tungs-Kon­tro­ver­sen ent­deck­en.

Wird das mit Wikipedia anders und leichter? Stellen die Diskus­sions-Seit­en eine rel­e­vante Auswahl rel­e­van­ter und repräsen­ta­tiv­er Per­spek­tiv­en und Kon­tro­ver­sen dar? Gibt es also durch Wikipedia weniger auf den Haupt-Seit­en, son­dern mehr auf den Debat­ten-Seit­en einen Zugriff auf die Real­ität des Deu­tungs­geschäfts (Vgl. meinen Vor­trag in Schleswig)?

Und – daran anschließend – welche Konzepte und Kat­e­gorien sowie method­is­che Fähigkeit­en müssen entwick­elt und gefördert wer­den, um in diesen doch nicht spez­i­fisch vorstruk­turi­erten Debat­ten die rel­e­van­ten Per­spek­tiv­en zu entz­if­fern, ihre Deu­tun­gen zu de-kon­stru­ieren und disku­tier­bar zu machen?

Hier wäre es z.B. sin­nvoll, an konkreten his­torischen The­men ein­mal die Debat­ten­seit­en zu analysieren, um exem­plar­isch zu erar­beit­en, ob diese das oben geschilderte Poten­tial haben, oder ob sie sich doch eher als Spiel­wiese für abstruse Detaild­iskus­sio­nen von ‘Freaks’ oder für poli­tis­che Grabenkämpfe erweisen? [Damit soll nicht gesagt sein, dass das nicht ger­ade rel­e­vante Diskus­sio­nen ergibt, wer aber etwa die Debat­te um Illigs These zwis­chen dessen Adepten Gün­ter Lelarge und ein­er weit­ge­hend wech­sel­nden Gruppe eher wis­senschaftlich argu­men­tieren­der Teil­nehmer in ein­er news­group ken­nt, ken­nt auch die poli­tis­chen Pub­lika­tio­nen).

Gruß

Andreas Kör­ber