Lehrerfortbildung in Brixen (Südtirol, Italien)

Kör­ber, Andreas; Stork, Anni­ka (23./24.10.2019): “His­torisches Ler­nen aus neuen Blick­winkeln.” Lehrerfort­bil­dung für Lehrper­so­n­en der Mit­tel- und Ober­schule sowie der Berufs­bil­dung auf Ein­ladung der Deutschen Bil­dungsver­wal­tung Bozen. Brix­en: Mit­telschule “Michael Pach­er”.

Anni­ka Stork und Andreas Kör­ber haben vom 23. bis 24. Okto­ber 2019 eine Lehrerfort­bil­dung zum The­ma “His­torisches Ler­nen aus neuen Blick­winkeln” für Lehrper­so­n­en der Mit­tel- und Ober­schule sowie der Berufs­bil­dung auf Ein­ladung der Deutschen Bil­dungsver­wal­tung Bozen an der Mit­telschule “Michael Pach­er” in Brix­en gehal­ten. Vgl. http://www.provinz.bz.it/bildung-sprache/didaktik-beratung/downloads/LP2019_2020_www(1).pdf, S. 146.

Internationale Konferenz zur Erinnerungskultur in Ghana und Deutschland im Vergleich

Kör­ber, Andreas (20.9.2012): “His­tor­i­cal Remem­ber­ing and Learn­ing at Memo­ri­als in Ger­many” and a Cam­pus-Tour on “Decen­tral­ized Remem­ber­ing of the Crimes of Nation­al Social­ism”. Vor­trag auf der Tagung “Struc­tures and Process­es of Com­mem­o­rat­ing Cru­el­ties in Acad­eme and His­to­ry Teach­ing: The com­mem­o­ra­tion of the Transat­lantic Slave Trade and of the Nation­al Social­ist Crimes in Com­par­i­son” vom 20. bis 24. Sep­tem­ber 2012 in Ham­burg

 

Vom 20. bis 24. Sep­tem­ber 2012 fand in Ham­burg die vom Arbeits­bere­ich Geschichts­di­dak­tik der Uni­ver­sität Ham­burg gemein­same mit dem Stu­dien­zen­trum der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und der Mis­sion­sakademie an der Uni­ver­sität Ham­burg ver­anstal­tete inter­na­tionale Kon­ferenz “Struc­tures and Process­es of Com­mem­o­rat­ing Cru­el­ties in Acad­eme and His­to­ry Teach­ing: The com­mem­o­ra­tion of the Transat­lantic Slave Trade and of the Nation­al Social­ist Crimes in Com­par­i­son” statt.

Die Kon­ferenz hat­te zum Ziel, Struk­turen und For­men des öffentlichen Erin­nerns in Deutsch­land an die nation­al­sozial­is­tis­chen Ver­brechen in Deutsch­land und Europa und diejeni­gen der öffentlichen Präsen­ta­tion der Geschichte des Transat­lantis­chen Sklaven­han­dels (wie auch der ein­heimis­chen Sklaverei) in Ghana sowie die gegen­wär­tige Rolle dieser The­men in schulis­chem und uni­ver­sitärem Geschicht­sler­nen zu ver­gle­ichen und auf die didak­tis­chen Poten­tiale ger­ade auch des Ver­gle­ichs hin auszu­loten. Dabei wurde auch die Bedeu­tung von Reli­gion und religiösem Denken sowohl für die Sklaverei, den Sklaven­han­del und ihre Über­win­dung als auch für his­torisches Denken und Erin­nern sowie Ler­nen an diesem Gegen­stand the­ma­tisiert.

Die The­matik der Tagung entsprach ein­er gemein­samen Idee von Prof. Dr. Kofi Dark­wah von der Uni­ver­si­ty od Edu­ca­tion in Win­ne­ba/Ghana und Prof. Dr. Andreas Kör­ber. Sie wurde in enger Zusam­me­nar­beit mit Kol­legin­nen und Kol­le­gen mehrerer Uni­ver­sitäten in Ghana von Jan Bre­it­en­stein, Dok­torand der Geschichts­di­dak­tik an der Uni­ver­sität Ham­burg, vor­bere­it­et und organ­isiert.

Ref­er­enten der Tagung waren:

  • Dr. Kofi Baku (Uni­ver­si­ty of Ghana, Legon; Head of His­to­ry Depart­ment): “Mem­o­ry and Memo­ri­al­is­ing Slav­ery and Slave Trade in Ghana: Whose mem­o­ry, Which memo­ri­als and for What Pur­pose?”
  • Prof. Dr. Andreas Kör­ber (Ham­burg Uni­ver­si­ty):  “His­tor­i­cal Remem­ber­ing and Learn­ing at Memo­ri­als in Ger­many” and a Cam­pus-Tour on “Decen­tral­ized Remem­ber­ing of the Crimes of Nation­al Social­ism”
  • Prof. Dr. Eliz­a­beth Amoah (Uni­ver­si­ty of Ghana, Legon;): “Reli­gion and Slav­ery in Ghana”
  • Prof. Dr. Wern­er Kahl (Acad­e­my of Mis­sion, Ham­burg): “The­ol­o­gy after Auschwitz: Where is god? — Expe­ri­ences and reflec­tions of African migrant pas­tors in Neuengamme.”
  • Dr. Ako­sua Per­bi (Uni­ver­si­ty of Ghana, Legon;): “Slav­ery in Ghana: The Unfor­got­ten Past”
  • Ulrike Jensen and Mar­co Küh­n­ert (Neuengamme Con­cen­tra­tion Camp Memo­r­i­al): Guid­ed Tour
  • Dr. Oliv­er von Wrochem (Neuengamme Con­cen­tra­tion Camp Memo­r­i­al Strudy cen­tre): “Neuengamme as a Memo­r­i­al and Place for His­tor­i­cal Learn­ing”
  • Nicholas Ivor (Head of the Ghana Muse­ums and Mon­u­ments Boards (GMMB) for the Cen­tral and West­ern Regions): “Cape Coast Cas­tle as a Memo­r­i­al and Place for His­tor­i­cal Learn­ing”
  • HMJoki­nen (Ham­burg): “Wands­bek World White Revis­it­ed” (com­mem­o­ra­tive per­for­mance)
  • Prof. Dr. Klaus Weber (Europa-Uni­ver­sität Viad­ri­na, Frankfurt/Oder): “There were many Schim­mel­manns: Hamburg’s and Cen­tral Europe’s Links with the Atlantic Slave Trade and Plan­ta­tion Economies, 16th to the 19th Cen­turies”
  • Jan Bre­it­en­stein (Ham­burg Uni­ver­si­ty): “Per­for­ma­tive Com­mem­o­rat­ing and Flu­idRemem­ber­ing of the Transat­lantic Slave Trade: Impulse or Frame­work for (process-ori­ent­ed) His­tor­i­cal Learn­ing?”
  • Dr. Yaw Ofusu-Kusi (Uni­ver­si­ty of Edu­ca­tion, Win­ne­ba/Ghana): “Vio­la­tions of Child­hood through Enslave­ment of Chil­dren in West Africa: Past, Present and the Future.”
  • Prof. Dr. (em.) Bodo von Bor­ries (Uni­ver­sität Ham­burg): „Transat­lantic Slave Trade“ and „German/ Euro­pean Holo­caust“ as Mas­ter Nar­ra­tives – Edu­ca­tion in between Com­mem­o­ra­tion of Geno­cides and Neces­si­ty of Human Rights.”
  • Dr. Felix Duo­du (Uni­ver­si­ty of Edu­ca­tion, Win­ne­ba/Ghana): “The rel­e­vance of soci­etal diver­si­ty for Inter eth­nic (his­to­ry) Teach­ing in Ghana.”
  • Dr. Clau­dia Lenz (The Euro­pean Werge­land Cen­tre, Oslo/Norway): “Com­pe­tence ori­ent­ed his­tor­i­cal learn­ing as inter­cul­tur­al learn­ing – expe­ri­ences from the TeacMem project.”
  • Joke van der Leeuw-Roord (Euro­clio, The Hague): “Chang­ing His­tor­i­cal Learn­ing in Schools and its impli­ca­tions for Teach­ing about Slav­ery and Nation­al Social­ism”
  • Emmanuel Koom­son (African Chris­t­ian Mis­sion A.C.M. Junior High School, Winneba/Ghana): “Slave Trade and its Com­mem­o­ra­tion as a Top­ic for His­tor­i­cal Learn­ing in Ghana.”
  • Hilde­gard Wack­er (Gym­na­si­um Cor­veystraße, Ham­burg and Ham­burg Uni­ver­si­ty): “Nation­al Social­ism and its Com­mem­o­ra­tion as a Top­ic for His­tor­i­cal Learn­ing in Ger­many.”

 

Neuer Aufsatz zur Theorie Interkulturellen Geschichtslernens

Kör­ber, Andreas (2010): „The­o­retis­che Dimen­sio­nen des Interkul­turellen Geschicht­sler­nens.“ In: Ventzke, Mar­cus; Mebus, Sylvia; Schreiber, Wal­traud (Hgg.; 2010): Geschichte denken statt pauken in der Sekun­darstufe II. 20 Jahre nach der friedlichen Rev­o­lu­tion: Deutsche und europäis­che Per­spek­tiv­en im gym­nasialen Geschicht­sun­ter­richt. Rade­beul: Säch­sis­ches Bil­dungsin­sti­tut; S. 25–48. Der Band ist hier über PeDOCS ver­füg­bar: http://www.pedocs.de/frontdoor.php?source_opus=6540&la=de.

Liebe Kommiliton(inn)en,

nach einiger Verzögerung ist der fol­gende Band nun endlich auch physisch hier eingetrof­fen.

Ventzke, Mar­cus; Mebus, Sylvia; Schreiber, Wal­traud (Hgg.; 2010): Geschichte denken statt pauken in der Sekun­darstufe II. 20 Jahre nach der friedlichen Rev­o­lu­tion: Deutsche und europ­päis­che Per­spek­tiv­en im gym­nasialen Geschicht­sun­ter­richt. Rade­beul: Säch­sis­ches Bil­dungsin­sti­tut.

Darin befind­et sich mein Auf­satz

Kör­ber, Andreas (2010): „The­o­retis­che Dimen­sio­nen des Interkul­turellen Geschicht­sler­nens.“ S. 25–48,

in welchem ich ver­suche, das Konzept der his­torischen Sinnbil­dung aus der nar­ra­tivis­tis­chen Geschicht­she­o­rie auf das interkul­turelle Denken zu über­tra­gen und aus bei­dem eine neu fundierte Vorstel­lung interkul­tureller his­torisch­er Kom­pe­tenz zu entwick­eln.

Fremdverstehen und Perspektivität im Geschichtsunterricht

Das Konzept des “Fremd­ver­ste­hens” spielt in der Geschichts­di­dak­tik wie in der Fremd­sprachen­di­dak­tik eine Rolle — Grund genug, über das Ver­hält­nis der gle­ich lau­t­en­den Konzepte bei­der Fach­di­dak­tiken nachzu­denken.
Beim Fremd­sprachen­ler­nen ist das Konzept offen­bar Teil ein­er mod­erneren Didak­tik, welche sich nicht allein auf den Spracher­werb (im Sinne von “langue”) konzen­tri­eren will, son­dern Kom­mu­nika­tions­fähigkeit im weit­eren Sinne in den Blick nimmt. Im Zuge dieser Ori­en­tierung wur­den offen­bar die ein­er älteren Tra­di­tion (ger­ade auch des Denkens in Nation­al-Kul­turen) ver­hafteten Anteile von “Lan­deskunde” über­führt in ein­er mod­erner­er Kul­tur­the­o­rie und-wis­senschaft entsprechen­den Konzepte interkul­turellen Ler­nens. Es geht dem­nach im engeren Sinne des (fremd-)sprachlichen Kom­pe­ten­z­er­werbs um die Befähi­gung der Ler­nen­den, nicht nur aktiv und pas­siv kor­rekt ‘die fremde Sprache’ zu benutzen, son­dern die sich in ihr aus­drück­enden und von ihr mit geprägten kul­turellen Per­spek­tiv­en auf Welt zu ver­ste­hen. “Fremd­ver­ste­hen” ist also in der Fremd­sprachen­di­dak­tik ein ganz eng mit dem interkul­turellen Ler­nen ver­bun­denes Konzept.
Das gilt auch für die Geschichts­di­dak­tik. “Fremd­ver­ste­hen” ist als Konzept auch hier zunächst (und sehr früh) mit dem Blick auf die Her­aus­forderun­gen eines Geschicht­sun­ter­richts “in ein­er klein­er wer­den­den Welt” reflek­tiert wor­den (Schörken 1980), wom­it wesentliche Anstöße interkul­turellen Ler­nens vor­weggenom­men wurde. Dann geri­et dieser interkul­turelle Fokus ein wenig ins Hin­tertr­e­f­fen gegenüber ein­er Aufw­er­tung des Begriffs in ein­er anderen Per­spek­tive, näm­lich des sozialen Fremd­ver­ste­hens. Gemeint war die Auf­gabe des Geschicht­sun­ter­richts, im Rah­men der Abkehr von einem zunehmend kri­tisierten, bil­dungs­bürg­er­lichen und geis­teswis­senschaftlichen nationalen Geschichts­bildes und der Zuwen­dung zu sozial­grup­pen­spez­i­fis­chen Per­spek­tiv­en und ins­beson­dere ein­er “Geschichte von unten”, die spez­i­fis­chen Ori­en­tierungs­bedürfnisse, Deu­tungs- und Erk­lärungsmuster und somit Geschichts­bilder inner­halb der eige­nen “Nation” oder Kul­tur ernst zu nehmen und anzuerken­nen. “Fremd­ver­ste­hen” wurde somit zu einem Konzept, das der inneren Kohä­sion nicht durch Uni­formierung und Ver­mit­tlung eines gemein­samen Geschichts­bildes, son­dern ger­adezu durch Anerken­nung der Unter­schiede, diente. Erst später ist der Begriff dann im Zuge des (späten) Ein­stiegs der Geschichts­di­dak­tik in die Debat­te um das “interkul­turelle Ler­nen” (vgl. Rüsen 1998, Alavi 1998, Alavi/v. Bor­ries 2000; Kör­ber 2001; dazu zulet­zt Kör­ber 2010 i.E.) wieder im interkul­turellen Sinne aufge­grif­f­en wor­den.
In dieser Hin­sicht beste­ht offenkundig deut­lich­er Nach­holbe­darf, zumin­d­est auf Seit­en der Geschichts­di­dak­tik, die Ergeb­nisse der Reflex­ion auch der jew­eils anderen Diszi­plin (vor allem des Graduiertenkol­legs “Didak­tik des FRemd­ver­ste­hens”; Bre­del­la & Christ 2007) für sich nutzbar zu machen. Es scheint näm­lich so zu sein, dass in bei­den Diszi­plinen par­tiell dur­chaus ver­gle­ich­bare oder zumin­d­est kom­ple­men­täre Diskus­sio­nen und Ergeb­nisse vor­liegen. Das mag etwa für das Konzept der “Per­spek­tivenko­or­di­na­tion” (Kol­len­rott 2008, 48) gel­ten, das für das Fremd­ver­ste­hen beim Sprachen­ler­nen als höch­stes Ziel gehan­delt wird. Indem somit ger­ade nicht die Fähigkeit, qua­si die Per­spek­tiv­en zu “switchen” und ger­adezu “in der anderen Kul­tur” zu denken, zum ober­sten Ziel erhoben wird (wie es in der Folge einiger Kul­turschock­the­o­rien und Kul­tur­wech­selthe­o­rien zuweilen gefordert wurde; vgl. Witte 2006, zit n. Hu 2008; dazu Kör­ber 2010 i.E.), indem also das “mit den Augen der/des Anderen sehen” nicht als Ziel, son­dern als Bedin­gung erkan­nt wurde für ein Sehen mit den eige­nen Augen (vgl. Dehne 2008, 130), das sich sein­er Per­spek­tivik und Per­spek­tive bewusster ist, und als solch­es die Anderen bess­er, wenn auch nicht “voll­ständig” “ver­ste­ht”, sind hier ähn­liche Erken­nt­nisse zu erken­nen.
Den­noch besitzt der Begriff des Fremd­ver­ste­hens in der Geschichts­di­dak­tik mit einigem Recht einen weit­eren Ort. v.Borries/Tornow schrieben 2001: “Geschichte ist per se Fremd­ver­ste­hen — übri­gens auch per se interkul­turell” (84). Das kann als eine der üblichen Behaup­tun­gen gele­sen wer­den, dem eige­nen Fach qua sein­er Natur eine beson­dere Eig­nung für das ger­ade hoch gehal­tene Bil­dungsziel (2001 war das das “Interkul­turelle”) zu attestieren. Es kann und muss aber min­destens eben­so als eine Ein­sicht in die spez­i­fis­che Natur des his­torischen Denkens ver­standen wer­den: dass his­torisch Denk­ende (und somit auch his­torisch Ler­nende) es selb­st dort, wo sie sich im Bere­ich der “eige­nen” Geschichte bewe­gen, wo sie die Ver­gan­gen­heit ihrer eige­nen Gruppe, ihrer Nation, ihrer Kul­tur etc. in den Blick nehmen, mit Fremd­heit zu tun haben. “The past is a For­eign Coun­try” betitelte David Lowen­thal (übri­gens von Hause aus Geo­graph) sein wohl ein­flussre­ich­stes Werk (“They do things dif­fer­ent­ly there”). Der Zeitablauf selb­st ist (bess­er: die in ihm statt find­en­den Verän­derun­gen sind) es, die die Kul­turen einan­der fremd macht. Selb­st wer sich den Her­aus­forderun­gen interkul­turellen Fremd­ver­ste­hens ver­weigern wollte, käme bei der Beschäf­ti­gung mit der Ver­gan­gen­heit nicht um ein solch­es Fremd­ver­ste­hen herum (es sei denn, die tem­po­rale Fremd­heit würde schlichtweg geleugnet, im Modus tra­di­tionaler Sinnbil­dung für neben­säch­lich gegenüber den weit­er gülti­gen Kon­stan­ten erk­lärt o.ä.).
Dass die spez­i­fisch his­torische Einübung in ein Fremd­ver­ste­hen auch zur Beförderung der Fähigkeit zur ver­ste­hen­den und anerken­nen­den Auseinan­der­set­zung mit gegen­wär­tig Frem­den führt, dass Geschichte (und mit ihr Geschicht­sun­ter­richt) also nicht nur per se interkul­turell, son­dern darüber­hin­aus interkul­turellem Ver­ständi­gen per se förder­lich sind, kann gehofft und geglaubt wer­den, wäre aber noch zu unter­suchen.
Bei der Reflex­ion dieser Frage wird es wichtig sein, sich auch die Unter­schiede zwis­chen den bei­den For­men des Fremd­ver­ste­hens, näm­lich des syn­chro­nen (gle­ichzeit­i­gen) gegen über anderen Kul­turen einer‑, und des diachro­nen gegenüber anderen Zeit­en ander­er­seits, zu verge­gen­wär­ti­gen.

Eine Grafik mag dazu hil­fre­ich sein:

Fremdverstehen syn- und diachron

 

In dieser Grafik beze­ich­nen:

  • 1 und 2 die Her­aus­forderun­gen zwis­chen gegen­wär­ti­gen “Kul­turen”, Sub- und Teil“kulturen” ver­schieden­ster Art, sich in der heuti­gen Zeit miteinan­der ver­ständi­gen zu kön­nen, und dafür die Per­spek­tive der jew­eils Anderen zumin­d­est par­tiell ein­nehmen zu kön­nen und sie zu “ver­ste­hen”. Da dies ide­al­er­weise und als Her­aus­forderung ein gegen­seit­iger Prozess ist, ist es als Dop­pelpfeil geze­ich­net.
  • 3 und 4 hinge­gen die spez­i­fisch his­torische Her­aus­forderung des Ver­ste­hens der Men­schen ein­er anderen Zeit. Dieser Prozess ist (ent­ge­gen allen ide­al­is­tis­chen Vorstel­lun­gen eines “Gespräch[s] des men­schlichen Geistes über die Jahrhun­derte teilzuhaben …” — so der Titel der von K. GOEBEL 1990 hg. Festschrift für H. G. Kirch­hoff) nicht bi-direk­tion­al und somit nur mit ein­fachen Pfeilen eingeze­ich­net.

Im Gegen­satz zu 1 und 2 ist die spez­i­fisch his­torische Her­aus­forderung in 3 und 4 anders struk­turi­ert: Es kann auch ide­aliter nicht um ein <em>gegenseitiges </em> Ver­ste­hen des Frem­den gehen: der Auf­trag liegt allein bei uns. Dass unsere Vor­fahren uns “ver­ste­hen” mögen, ist außer in Gedanken­spie­len, nicht plau­si­bel. Eben­sowenig aber kön­nen uns “die Anderen” antworten außer­halb der Mate­ri­alien aus ihrer Zeit, die sie uns über­lassen haben bzw. die (wie auch immer) “auf uns gekom­men” sind. Es ist eben nicht möglich, dass die Frem­den mit ihrer Kom­pe­tenz des Fremd­ver­ste­hens uns ent­ge­genkom­men, uns kor­rigieren, mit uns über Wahrnehmungen, Deu­tun­gen, Be-Deu­tun­gen etc. ver­han­deln. His­torisches Fremd­ver­ste­hen ist eine ganz schön ein­seit­ige Angele­gen­heit. Und, der Nach­welt, obliegt die Ver­ant­wor­tung.

  • 5 und 6 beze­ich­nen sodann die dop­pel­ten Her­aus­forderun­gen, aus ein­er eige­nen heuti­gen Per­spek­tiv­en die Ver­gan­gen­heit ein­er anderen ver­ste­hen zu wollen und/oder sollen, wie auch die Tat­sache, dass natür­lich “die Anderen” eben­so ihren Blick auf “unsere” Ver­gan­gen­heit haben.
  • 7 und 8 schließlich beze­ich­nen die (uns wiederum nur über Re-Kon­struk­tio­nen empirisch fass­bare) Tat­sache, dass die Beziehun­gen von Fremd- und Selb­st-Wahrnehmungen und somit das “Fremd­ver­ste­hen”, wenn auch nicht notwendig als Norm, so doch aber als reale Her­aus­forderung, natür­lich auch in der Ver­gan­gen­heit gegeben waren.

In allen genan­nten Beispie­len sind — das kommt hinzu — die Ele­mente und Beziehun­gen nicht ein­fach gegeben, son­dern müssen denk­end (re-)konstruiert wer­den. Wer “sie” sind, und wer “wir”, kann wed­er ein­fach als gegeben angenom­men wer­den noch als in einem ein­ma­li­gen Denkakt festzule­gen. Das liegt unter anderem daran, dass jed­er Einzelne von uns nicht einem “Wir” ange­hört und somit jed­er einzelne Andere nicht einem “sie”, son­dern vie­len gle­ichzeit­ig. So kommt es ständig vor, dass ein konkreter ander­er Men­sch in ein­er Hin­sicht Teil der “Wir”-Gruppe und in ander­er Teil des “Sie” ist — sei es, dass ein Mitschüler unser­er Ler­nen­den im Rah­men ein­er Schulgeschichte ein­mal als Ange­höriger der Par­al­lelk­lasse erscheint, dann wieder als Mit­glied der gle­ichen Schule (eine Maßstab­s­frage also), sei es dass ein Bekan­nter hin­sichtlich seines Musikgeschmacks “ein­er von uns” ist, aber lei­der Anhänger eines anderen Fußbal­lvere­ins.

Hier nun schlägt die Dif­feren­zierung zwis­chen syn- und diachronem Fremd­ver­ste­hen voll durch: Während es im syn­chro­nen Ver­hält­nis möglich ist, mit dem Gegenüber über seine Vorstel­lun­gen des “wir” und des “sie” zu disku­tieren, die jew­eilige Selb­st-Sicht aktiv zu erfra­gen und auszu­tauschen, gelingt dies gegenüber den Ange­höri­gen fremder Zeit­en nicht. Hier müssen die Selb­st- und Fremd­bilder mit Hil­fe der his­torischen Meth­ode erschlossen wer­den.

Wichtiger aber noch ist, dass das “Wir” und das “Sie” nicht nur kon­stru­iert wer­den müssen, son­dern dass in der his­torischen, diachro­nen Per­spek­tive die Iden­tität der bei­den (bzw. vie­len) Iden­titäten über t1 und t2 hin­weg eben­so Kon­struk­tio­nen sind. Wer das “Wir” in ein­er Ver­gan­gen­heit war, muss eben­so denk­end erschlossen und plau­si­bel gemacht wer­den. Das gilt natür­lich für “Sie” ganz genau­so: Welche Teile der Ver­gan­gen­heit zur “Deutschen” Geschichte gehören ist somit eben­so Gegen­stand von Kon­struk­tion wie der Umfang der “Türkischen Geschichte”.

Nr. 5 und 6 machen nun deut­lich, dass auch dieses wieder Gegen­stand interkul­tureller Ver­hand­lungsnotwendigkeit­en sein kann. Was wir in unser­er eige­nen his­to­ri­ographis­chen Tra­di­tion unter “Türkische Geschichte” fassen, muss mit dem Bild der heuti­gen Türken keineswegs übere­in­stim­men — eben­sowenig wie die Vorstel­lung dessen, was “Deutsch­land” in Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart aus­macht, von uns allein bes­timmt wer­den kön­nte.

His­torisches Fremd­ver­ste­hen umfasst also

  • die intellek­tuelle (dabei aber auch ästhetis­che, moralis­che, poli­tis­che etc.) Her­aus­forderung, Men­schen in früheren Zeit­en  zu “ver­ste­hen”, wobei ein gegen­seit­iges Ver­ständi­gen über dieses Ver­ste­hen, über das Gelin­gen von Ver­ständ­nis, nicht möglich ist. Man wird keine Zus­tim­mung für seine Deu­tungsver­suche erhal­ten. Kom­mu­nika­tive Vali­dierun­gen eigen­er Deu­tun­gen durch Gespräche mit dem Betrof­fe­nen gelin­gen der Geschichte nicht;
  • die intellek­tuelle (…) Her­aus­forderung, gegen­wär­tige “Andere” zu ver­ste­hen, und zwar im Falle der Geschichte hin­sichtlich ihrer Ori­en­tierungs­bedürfnisse, ihrer his­torischen Selb­stver­ständ­nisse, ihrer Deu­tungs- und Erk­lärungsmuster, Norm- und Wertvorstel­lun­gen und den daraus entste­hen­den Geschichts­bildern.
  • die sich aus der Kom­bi­na­tion der bei­den ergebende dop­pelte Her­aus­forderung, die his­torischen Iden­tität­skon­struk­tio­nen “der Anderen” zu ver­ste­hen (und anzuerken­nen), dabei aber selb­st auch gegenüber den zeitlich und kul­turell Anderen selb­st ein Ver­ständ­nis aufzubauen.

Ins­beson­dere mit Blick auf die spez­i­fisch his­torische Dimen­sion kann “Ver­ste­hen” somit nicht tat­säch­lichen gülti­gen Nachvol­lzug der Wahrnehmungen, Denk‑, Urteils- und Hand­lungsweisen “der Anderen” meinen. Es kann man­gels der Möglichkeit der kom­mu­nika­tiv­en Vali­dierung wed­er der prinzip­iellen Unver­füg­barkeit der Ver­gan­gen­heit und somit der prinzip­iell nar­ra­tiv­en Struk­tur his­torisch­er Deu­tun­gen, nicht darum gehen, die Anderen “in uns” abzu­bilden. Weitaus frucht­bar­er als Gelin­gens­be­din­gung für “Ver­ste­hen” und “Ver­ständ­nis” ist die Konzep­tion eines “ver­ständig darüber sprechen” kön­nens. Damit wird nicht das unerr­e­ich­bare Ide­al ein­er Annäherung an die Ver­gan­gen­heit zum Kri­teri­um, son­dern die innere Plau­si­bil­ität des Nachvol­lzugs.

Ger­ade weil dies so ist, ist aber auch zu fordern, dass die eige­nen Konzepte der “frem­den” Geschichte (eben­so wie “fremde” Geschicht­en über das “eigene”) auf der Ebene der Gegen­wart kom­mu­nika­tiv vali­diert wer­den. Das bedeutet, dass immer dort, wo es um “fremde Geschichte” geht, nicht nur auf der Ebene der Quellen, son­dern ger­ade auch auf der­jeni­gen der rezen­ten Deu­tun­gen beide/alle Per­spek­tiv­en zumin­d­est par­tiell herange­zo­gen wer­den.

Lit­er­atur

ALAVI, BETTINA (1998): Geschicht­sun­ter­richt in der mul­ti­eth­nis­chen Gesellschaft. Eine fach­di­dak­tis­che Studie zur Mod­i­fika­tion des Geschicht­sun­ter­richts auf­grund migra­tions­be­d­ingter Verän­derun­gen. Frank­furt am Main: IKO — Ver­lag für interkul­turelle Kom­mu­nika­tion (Inter­diszi­plinäre Stu­di­en zum Ver­hält­nis von Migra­tio­nen, Eth­niz­ität und gesellschaftlich­er Mul­ti­kul­tur­al­ität; 9).

ALAVI, BETTINA; BORRIES, BODO v. (2000): “Geschichte.” In: REICH, HANS; HOLZBRECHER, ALFRED; ROTH, HANS JOACHIM (Hrsg.; 2000): Fach­di­dak­tik interkul­turell. Ein Hand­buch. Opladen: Leske + Budrich, S. 55–91.

DEHNE, BRIGITTE (2008): “ ‘Mit eige­nen Augen sehen’ oder ‘Mit den Augen des anderen sehen’? Eine kri­tis­che Auseinan­der­set­zung mit den geschichts­di­dak­tis­chen Konzepten der Per­spek­tivenüber­nahme und des Fremd­ver­ste­hens.” In: BAUER, JAN-PATRICK; MEYER-HAMME, JOHANNES; KÖRBER, ANDREAS (Hrsg.; 2008): Geschicht­sler­nen – Inno­va­tio­nen und Reflex­io­nen. Geschichts­di­dak­tik im Span­nungs­feld von the­o­retis­chen Zus­pitzun­gen, empirischen Erkun­dun­gen, nor­ma­tiv­en Über­legun­gen und prag­ma­tis­chen Wen­dun­gen — Festschrift für Bodo von Bor­ries zum 65. Geburt­stag. Ken­zin­gen: Cen­taru­rus Ver­lag (Rei­he Geschichtswis­senschaft; 54), S. 121–144.

GOEBEL, KLAUS (1990): ”Am Gespräch des men­schlichen Geistes über die Jahrhun­derte teilzuhaben.”.Festschrift für H.-G. Kirch­hoff. Bochum: Brock­mey­er.

HU, ADELHEID (2008): “Interkul­turelle Kom­pe­tenz. Ansätze zur Dimen­sion­ierung und Eval­u­a­tion ein­er Schlüs­selkom­pe­tenz fremd­sprach­lichen Ler­nens.” In: FREDERKING, VOLKER (Hrsg.; 2008): Schw­er mess­bare Kom­pe­ten­zen. Her­aus­forderun­gen für die empirische Fach­di­dak­tik. Balt­mannsweil­er: Schnei­der Ver­lag, S. 11–35.

KOLLENROTT, ANNE INGRID  (2008). Sichtweisen auf deutsch-englisch bilin­gualen Geschicht­sun­ter­richt. Eine empirische Studie mit Fokus auf interkul­turelles Ler­nen. Frank­furt a.M.: Lang.

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Gastvortrag Dr. Lücke: Anmoderation A.Körber

Andreas Kör­ber

“Diver­si­ty und Geschichts­di­dak­tik”

Ich freue mich, mit Dr. Mar­tin Lücke heute einen Kol­le­gen hier begrüßen zu kön­nen, der als Experte gel­ten kann für eine Fragestel­lung, die – wieder ein­mal – als Her­aus­forderung für geschichts­di­dak­tis­che The­o­rie und Prax­is ver­standen wer­den kann.

Hat­ten wir es im let­zten Gastvor­trag der Kol­le­gin Bea Lundt (die ich hier auch begrüße) damit zu tun, unser Bild sowohl von Afri­ka als auch vom Mit­te­lal­ter in Frage stellen zu müssen und über sich daraus ergebende Kon­se­quen­zen für his­torisches Denken und Ler­nen nachzu­denken, so geht es dies­mal um ein ganzes Bün­del dur­chaus anders gelagert­er, stärk­er kat­e­go­ri­aler Her­aus­forderun­gen. In sin­ngemäßer Anwen­dung unseres Kom­pe­tenz-Struk­tur­mod­ells nicht auf his­torisches Denken als solch­es, son­dern auf die fach­di­dak­tis­chen Kom­pe­ten­zen müsste man davon sprechen, dass unsere “Sachkom­pe­tenz Geschichts­di­dak­tik” ela­bori­ert wer­den muss – und mit ihr die Kom­pe­ten­zen,

  1. fach­di­dak­tis­che Fragestel­lun­gen und fach­di­dak­tisch rel­e­vante The­men­stel­lun­gen zu iden­ti­fizieren,
  2. fach­di­dak­tis­che Lern­prozesse und Unter­richtsmod­elle zu analysieren, um die in ihnen enthal­te­nen Prämis­sen, Set­zun­gen, Werte, das in sie einge­gan­gene Ver­ständ­nis von Form und Ziel his­torischen Ler­nens, aber auch die Vorstel­lun­gen davon zu erken­nen, wie denn his­torisches Ler­nen funk­tion­ieren kann und soll (man kön­nte das an den ger­ade erschiene­nen Arbeits­fas­sun­gen der neuen Ham­burg­er Bil­dungs- und Rah­men­pläne für Pri­mar- und Stadt­teilschule sowie für die verkürzte Sek I des Gym­na­si­ums testen).

Das gilt natür­lich auch für pub­lizierte Unter­richt­sen­twürfe und Mate­ri­alien. Gle­icher­maßen wird dadurch aber auch unsere didak­tis­che Kon­struk­tion­skom­pe­tenz her­aus­ge­fordert (und hof­fentlich ela­bori­ert), näm­lich die Fähigkeit, Fer­tigkeit und Bere­itschaft, im Sinne der uns heute von Mar­tin Lücke präsen­tierten Kat­e­gorien (die dem Titel seines Vor­trages nach ja vor allem Analy­sekat­e­gorien sind) iden­titäts- und ori­en­tierungsrel­e­vante Lern­prozesse und ‑umge­bun­gen zu konzip­ieren – und dann auch wieder zu diag­nos­tizieren.

Dazu gehört natür­lich nach wie vor die Lernbe­din­gungs­analyse, die Analyse nicht nur von Gegen­stän­den und The­men, son­dern der anthro­pol­o­gis­chen, insti­tu­tionellen und kul­turellen Voraus­set­zun­gen von Ler­nen.

“Race, class and gen­der” – die Drei­heit der bere­its klas­sis­cher­weise in der The­o­rie der “Inter­sek­tion­al­ität”, also der gegen­seit­i­gen Durch­dringung und Bee­in­flus­sung von Diskri­m­inierun­gen und Benachteili­gun­gen benutzten Dimen­sio­nen (heutzu­tage zumeist um weit­ere ergänzt) betr­e­f­fen ja ger­ade nicht nur die qua­si sozi­ol­o­gisch zu analysieren­den Diskri­m­inierung­sprozesse, son­dern auch die Iden­titäten, sie sind nicht nur wirk­sam in der Fremdzuschrei­bung von Eigen­schaften und Zuge­hörigkeit­en, bei der In- und Exk­lu­sion, der Er- und Ent­mäch­ti­gung von Men­schen zur Teil­habe, son­dern auch im Bere­ich der Selb­st-Konzepte, der eige­nen Vorstel­lun­gen von Zuge­hörigkeit­en. Und insofern his­torisches Denken und Fra­gen immer mit der Klärung von Iden­tität in zeitlich­er Hin­sicht zu tun hat, insofern his­torische Fra­gen und Denkprozesse aus der zeitlichen Verun­sicherung unseres Selb­st- und Weltver­ständ­niss­es entste­hen, sind sie für die Fach­di­dak­tik bedeut­sam.

Allerd­ings wer­fen die genan­nten Kat­e­gorien natür­lich auch Fra­gen auf: “Race, Class und Gen­der” sind sämtlich keine zeitüber­greifend fest­ste­hen­den, von außen gegebe­nen Konzepte und Unter­schei­dun­gen. An allen dreien lässt sich das zeigen. Die Entwick­lung nicht nur der Kat­e­gorien von geschlechtlich­er Diskri­m­inierung, son­dern ger­ade auch der wis­senschaftlichen Konzepte, mit denen sie analysiert und behan­delt wer­den, ist das wohl bekan­nteste Beispiel, aber auch in Bezug auf “Klassen” gilt, dass sie sozi­ol­o­gisch nicht ohne weit­eres auf alle Zeit­en anwend­bar sind, die Zeit der Klassen­the­o­rien sozialer Ungle­ich­heit galt bere­its ein­mal als vor­bei zugun­sten von Schicht­en und später Milieu-The­o­rien. Ob sie angesichts von Hartz IV und sich öff­nen­der Schere zwis­chen arm und Reich wiederkommt, sein dahingestellt. Und dass “race” ein Konzept ist, dass nicht ohne Reflex­ion auf seine Prämis­sen und Grund­konzepte ver­wen­det wer­den kann, ist angesichts von Ras­sis­men mit ihren spez­i­fis­chen Rassenkonzepten ger­ade in Deutsch­land evi­dent. Mit anderen Worten: Nie­mand – wed­er eine his­torische Per­son als Teil des Gegen­stands eines Lern­prozess­es, noch ein Mit­glied ein­er Lern­gruppe oder ein(e) ander­weit­ig his­torisch Denk­ende® – kann mit diesen Kat­e­gorien ein­fach klas­si­fiziert wer­den.

Race, Class und Gen­der sind aber mehr als nur Beispiele für vari­able Analy­sekonzepte. Wenn sie his­torisch gewen­det frucht­bar gemacht wer­den sollen nicht nur für wis­senschaftliche Analyse, son­dern für rel­e­vante Lern­prozesse, dann müssen sie dif­feren­ziert und reflek­tiert wer­den in didak­tis­ch­er Hin­sicht.

Ger­ade dafür sind wir heute hier. Mar­tin Lücke, Lehrkraft für beson­dere Auf­gaben im Arbeits­bere­ich Didak­tik der Geschichte am Friedrich Mei­necke-Insti­tut der FU Berlin, zuvor Stu­di­en­rat an einem Berlin­er Gym­na­si­um, Mitar­beit­er an Lehrstühlen in Leipzig und Berlin, erscheint dafür genau der Richtige.

Er hat sein Lehramtsstudi­um in Biele­feld absolviert mit den Fäch­ern Geschichte und Deutsch, und sein Ref­er­en­dari­at mit Zweit­em Staat­sex­a­m­en in Berlin abgelegt. 2007 hat er an der Uni­ver­sität Biele­feld bei ein­er aus­gewiese­nen Kol­le­gin der neueren Kul­turgeschichte (Mar­ti­na Kessel) pro­moviert über das The­ma “männliche Pros­ti­tu­tion im Kaiser­re­ich und Weimar­er Repub­lik” und dafür auch mehrere Preise erhal­ten, darunter den Hed­wig-Hintze-Preis des Ver­ban­des der His­torik­erin­nen und His­torik­er Deutsch­lands.

Mar­tin Lücke hat sich daneben aber ger­ade auch in der Fach­di­dak­tik inzwis­chen bre­it­er aufgestellt, etwa durch Ver­anstal­tun­gen und Vorträge sowie Pub­lika­tio­nen zu spez­i­fis­chen Medi­en beim his­torischen Ler­nen (Film), zur The­o­rie his­torischen Denkens und Ler­nens (Stich­wort: Nar­ra­tiv­ität), Holo­caust und his­torisches Ler­nen, Zeit­geschichte und viele andere The­men mehr.

Mein per­sön­lich­es Inter­esse an dem nun fol­gen­den Vor­trag ist eines, das aus ein­er spez­i­fis­chen Skep­sis entspringt, ob und wie die Kat­e­gorien der Diver­si­ty-Ansätze zu den den Konzepten interkul­turellen Ler­nens und Denkens in Beziehung geset­zt wer­den kön­nen. Unter­laufen nicht die klas­si­fika­torischen Sek­tion­ierun­gen mod­erne, vari­able Kul­turbe­griffe – oder kön­nen und müssen sie vielmehr als deren Konkretisierung aufge­fasst wer­den? Inter- und Tran­skul­turellem Denken (im Sinne von W.Welsch etwa) und dem Diver­si­ty-Ansatz liegen sicht­bar ver­gle­ich­bare Prob­le­m­analy­sen und Inten­tio­nen zu Grunde – ihre Instru­mente sind aber zumin­d­est nicht deck­ungs­gle­ich. Kann es sein, dass das “interkul­turelle Ler­nen” noch zu ide­al­is­tisch erscheint und die Diver­si­ty-Stud­ies als Her­aus­forderung und als Fort­führung anti­ras­sis­tis­ch­er Ansätze dies ver­mei­den helfen? Ich bin ges­pan­nt. Ich will hier aber nicht eine neue Gliederung über den Vor­trag leg­en, son­dern freue mich auf die spätere Diskus­sion und bitte nun Mar­tin Lücke, uns die Diver­si­ty mit Blick auf his­torisches Denken und Ler­nen nahe zu brin­gen.

Herr Dr. Lücke, Sie haben das Wort!