“Fakten” vs. “Fiktionen” — die falsche Alternative. Zur Problematik eines Grundkonzepts der Geschichtswissenschaft und des Geschichtslernens. Erweiterte Fassung

Kör­ber, Andreas (2019): “Fak­ten” vs. “Fik­tio­nen” — die falsche Oppo­si­tion. Zur Prob­lematik eines Grund­konzepts der Geschichtswis­senschaft und des Geschicht­sler­nens. Erweit­erte Fas­sung. In: His­torisch denken ler­nen [Blog des AB Geschichts­di­dak­tik; Uni­ver­sität Ham­burg], 23./25.11.2019.

 

“His­to­ry is the fic­tion we invent
to per­suade our­selves that
events are know­able and
life has order and direc­tion” 1

Die Frage nach den “Fak­ten” 2 lässt Geschichtswis­senschaft, Geschichts­di­dak­tik und den Geschicht­sun­ter­richt nicht los. Vor ein paar Jahren war sie — auch und ger­ade im Umfeld des Ham­burg­er His­torik­ertages — Gegen­stand ein­er öffentlichen Kon­tro­verse um den Geschicht­sun­ter­richt gewe­sen, zu welch­er ich auch hier im Blog Stel­lung bezo­gen habe. 3 Zulet­zt ist sie — den Bericht­en einiger Teilnehmer*innen auf Twit­ter zufolge — auf dem ger­ade noch laufend­en “his­to­camp 2019″ in Berlin erneut aufge­wor­fen.

In der Ent­ge­genset­zung zu “Fik­tio­nen” schließlich war sie auch The­ma des von mir betreuten Heftes 2018 der Zeitschrift für Geschichts­di­dak­tik. Weil ich es dort in mein­er Ein­leitung nicht in dieser Form und Deut­lichkeit geschrieben habe, möchte ich hier in aller Kürze dafür argu­men­tieren, dass sowohl das Konzept der “Fak­ten” als auch die Ent­ge­genset­zung zu “Fik­tio­nen” Teil des Prob­lems, nicht aber Teil der Lösung darstellen (das Wiedergänger­tum dieser Frage deutet bere­its auf die Prob­lematik hin). Worin also beste­ht das Prob­lem?

In dem über diesem Beitrag als Mot­to zitierten Satz steckt viel Wahrheit — eben­so in Bezug auf die Funk­tion von Geschichte (Ori­en­tierung), wie auf den Wun­sch, die Dinge (Ereignisse) ein­fach “wis­sen” und eben­so “ver­mit­teln” zu kön­nen.

Genau dieses let­ztere Bedürf­nis bedi­ent die Vorstel­lung von “Fak­ten” als gegebene und let­ztlich nur zur Ken­nt­nis zu nehmende Ein­heit­en, die vor aller Anstren­gung höhrerer his­torisch­er Denkprozesse zunächst ein­mal ein­fach zur Ken­nt­nis zu nehmen und diesen Denkprozessen zugrunde zu leg­en sind. Auch wenn sich das Konzept his­torischen Wis­sens — ent­ge­gen manch­er Vorstel­lung in der bre­it­eren Öffentlichkeit — nicht darauf reduzieren lässt (proze­du­rales Wis­sen um Ver­fahren der Erken­nt­nis­gewin­nung, Konzept- und auch metakog­ni­tives Wis­sen sind wei­thin anerkan­nt), so gehört die Vorstel­lung des “Wis­sens” von Fak­ten als der Grund­lage, des Aus­gangs­ma­te­ri­als his­torischen Denkens und der Gewin­nung his­torisch­er Ein­sicht­en doch noch oft dazu. Der in der ein­gangs zitierten Kon­tro­verse zitierte Artikel “Schüler müssen Fak­ten ler­nen” des Berlin­er Kol­le­gen Thomas Sand­küh­ler ist nur ein Beispiel.

Die Vorstel­lung, dass die Ver­fü­gung über solch­es Wis­sen eine eher niedere Stufe his­torisch­er Lern­tätigkeit ist, liegt auch der weit ver­bre­it­eten Lernzieltax­onomie nach Ben­jamin Bloom zugrunde — zumin­d­est ihrer Mod­el­lierung der kog­ni­tiv­en Dimen­sion. Diese unter­schei­det in auf­steigen­der Folge im Bild ein­er Pyra­mide “Wis­sen” (“knowl­edge”), “Ver­ständ­nis” (“Com­pre­hen­sion”), “Anwen­dung” (“Appli­ca­tion”), “Analyse” (“Analy­sis”), “Syn­these” (“Syn­the­sis”) und “Bew­er­tung” (“Eval­u­a­tion”). Ähn­lich — und vielle­icht noch schär­fer — for­muliert es die rev­i­dierte Fas­sung nach Lorin Ander­son und David Krath­wol, in welch­er die Nomen durch Oper­a­tio­nen anzeigende Ver­ben erset­zt sind und die Rei­hen­folge leicht ver­tauscht sowie die let­zte Stufe verän­dert ist: “Remem­ber”, “Under­stand”, “Apply”, “Ana­lyze”, “Eval­u­ate” und “Cre­ate”.

Die dieser Abstu­fung zugrunde liegende Vorstel­lung der Pro­gres­sion von Ler­nen ist — zumin­d­est für die Domäne und Diszi­plin Geschichte — hoch prob­lema­tisch: Dass his­torisches Wis­sen nicht Grund­lage und Aus­gangspunkt his­torischen Denkens sein kann, son­dern als dessen Ergeb­nis anzuse­hen ist, hat jüngst der US-amerikanis­chen His­torik­er und Geschichts­di­dak­tik­er Sam Wineb­urg pos­tuliert. Er fordert, die Tax­onomie nach Bloom gewis­ser­maßen um 180° zu drehen, um sie gewis­ser­maßen vom Kopf auf die Füße zu stellen. 4 Im Hin­ter­grund dieser Posi­tion ste­ht Wineb­urgs bekan­nte Posi­tion, derzu­folge his­torisches Denken nichts dem Men­schen ange­borenes ist — ein “unnatür­lich­er Akt”. Ohne einen dur­chaus als anstren­gend gedacht­en Lern­prozess wür­den wir alle näm­lich Phänomene der Ver­gan­gen­heit mit Hil­fe der uns aus unser­er heuti­gen Lebenswelt ver­traut­en Konzepte, Vorstel­lun­gen und Kri­te­rien betra­cht­en — also “präsen­tis­tisch”. Wir müssen nicht nur abstrakt ler­nen, dass die Ver­gan­gen­heit anders war, dass Men­schen andere (und keineswegs min­der­w­er­tige) Per­spek­tiv­en, Ver­ste­hen­shor­i­zonte und Welt­sicht­en hat­ten, son­dern wir müssen es uns (Wineb­urg zufolge) in der Auseinan­der­set­zung mit Fra­gen an die Ver­gan­gen­heit und Mate­ri­alien aus der Ver­gan­gen­heit müh­sam antrainieren, diese Ander­sar­tigkeit zu unter­stellen und zu erken­nen. Das bet­rifft ger­ade auch die Iden­ti­fika­tion dessen, was der Fall war. “Wis­sen” über Ver­gan­ge­nes hin­sichtlich sein­er Tat­säch­lichkeit ist so das ober­ste Ergeb­nis his­torischen Denkens — keineswegs aber eine ein­fach zu set­zende Voraus­set­zung. 5 Dies passt im Übri­gen dur­chaus auch zu ein­er Aus­sage des deutschen Kol­le­gen Karl-Ernst Jeis­mann, demzu­folge Wer­turteile (“Eval­u­a­tion”) keineswegs am Ende, son­dern am Anfang viel­er his­torisch­er Denkprozesse ste­hen — zumin­d­est in der Form von Rel­e­vanz-Entschei­dun­gen, welche die Beschäf­ti­gung mit Ver­gan­genem und sein­er Bedeu­tung erst in Gang set­zen. 6

Ich selb­st halte Wineb­urgs Kri­tik an der Tax­onomie von Bloom bzw. Anderson/Krathwol für berechtigt, seine Lösung ihre Drehung um 180° jedoch für keine Lösung, denn sie über­sieht, dass “Wis­sen” bzw. “Erin­nern” — wie die meis­ten Fähigkeit­en und Tätigkeit­en — nie nur in ein­er Qual­itäts- bzw. Elab­o­ra­tionsstufe vor­liegen. Es wäre eben­so falsch, Wis­sen nur am Ende langer Lern­prozesse zu verorten. Das gilt gle­icher­maßen für die Oper­a­tio­nen der Anwen­dung, Syn­these, Bew­er­tung — und natür­lich auch für das Ver­ständ­nis. Für alle diese Oper­a­tio­nen gilt doch, dass sie sowohl in ein­fachen alltäglichen Aus­prä­gun­gen For­men wie auch in hoch ela­bori­erten Unter­suchun­gen von Fach­leuten und Forsch­ern nicht nur vorkom­men, son­dern expliz­it adressiert wer­den.
Die Tax­onomien müssen vielmehr (wenn man schon Wineb­urgs bildlich­er Lösung fol­gt) nicht um 180° gedreht wer­den, son­dern um 90°, wie auch ihre Pyra­mi­den­form aufgelöst wer­den müss. Dies ergäbe mehrere “Säulen” für die einzel­nen Fähigkeit­en und Oper­a­tio­nen, die jew­eils für sich “gestuft” wer­den kön­nen. “Ler­nen” ist dann nicht zu begreife als der Fortschritt von jew­eils ein­er zur näch­sten Oper­a­tion, nach­dem die jew­eils erste “abgeschlossen” wäre, son­dern ein Prozess der Elab­o­ra­tion sowohl der einzel­nen Oper­a­tio­nen bzw. Fähigkeit­en und ihres jew­eili­gen Zusam­men­hanges. 7

Dann aber sind “Fak­ten” wed­er ein­fach Voraus­set­zun­gen noch allein abschließen­des Ziel his­torisch­er Denk- und Lern­prozesse. Sie sind vielmehr jew­eils auf unter­schiedlichem Niveau der Abstrak­tion und Reflex­ion erfol­gende men­tale Zusam­men­fas­sun­gen von Facetten ver­gan­genen Lebens, Han­delns, Lei­dens und Seins zum Zwecke ihrer Benen­nung und Kom­mu­nika­tion sowie ihrem Ein­bezug in weit­ere Argu­men­ta­tio­nen. Sie sind wed­er Voraus­set­zung noch Ergeb­nis, son­dern (his­torisch) denk­end und urteilend gewonnene Kom­plexe aus Ken­nt­nis­sen, Unter­schei­dun­gen und Bedeu­tungszuweisun­gen — und als solche sind sie sowohl Ergeb­nis wie Voraus­set­zung his­torischen Denkens. Damit aber sind sie nicht ein­fach “gegeben”, son­dern bedür­fen immer wieder der Reflex­ion und Ver­ständi­gung. Das ist ins­beson­dere deshalb so, weil die Abgren­zung solch­er “Facetten” des Ver­gan­ge­nes von anderen keineswegs vorgegeben ist, denn die “Unter­schei­dung von Din­gen, wie sie waren, und von Din­gen, wie wir sie sehen”, ist mit Peter von Moos “von vorn­here­in ‘eine leere Geste’, weil wir auss­chließlich ein­er durch Inter­pre­ta­tion gefilterten und zu inter­pretieren­den Auswahl sprach­lich ver­faßter Denkwürdigkeit­en (bzw. ‘Fak­ten’) aus Myr­i­aden von Ereignis­sen gegenüber­ste­hen.” 8. Was als “Fakt” isoliert wer­den kann, ist nicht nur eine Frage der Genauigkeit his­torischen Arbeit­ens, son­dern auch eine der Per­spek­tive, des Fragestelung, des Inter­ess­es, der durch den je eige­nen Wahrnehmungs- und Auf­fas­sung­shor­i­zont geprägten Unter­schei­dungs­fähigkeit (gewis­ser­maßen der “Brille”).

Fol­gt daraus nun doch ein Rel­a­tivis­mus? Keineswegs, — oder doch höch­stens hin­sichtlich des zulet­zt ange­sproch­enen Aspek­ts der Abgren­zung und Iden­ti­fika­tion der “Fak­ten”, nicht aber hin­sichtlich ihrer Tat­säch­lichkeit. Wer den Begriff der “Fak­ten” ablehnt, behauptet keineswegs Beliebigkeit und redet auch keineswegs notwendig der (freien) Fik­tion das Wort, auch wenn alle Benen­nun­gen von Fak­ten und Ereignis­sen auf­grund der Par­tiku­lar­ität der Über­liefer­ung, der Selek­tiv­ität und der Per­spek­tiv­i­tität immer auch kon­jek­tu­rale Anteile anhaften. Das Prob­lem mit den “Fak­ten” beste­ht nicht in ihrer Fak­tiz­ität, son­dern in ihrem voraus­ge­set­zten und beibehal­te­nen Charak­ter als vorgegebene Ein­heit­en, die man als solche wis­sen und ken­nen kann, ohne die Per­spek­tiv­ität und das Inter­esse, das zu ihrer Unter­schei­dung geführt hat zu berück­sichti­gen. “Auschwitz” (um ein sehr deut­lich­es Beispiel zu nehmen) ist kein “Fak­tum”. Dieser Satz bestre­it­et nicht, dass es Auschwtz gegeben hat, er erken­nt aber an, dass (1.) der Begriff “Auschwitz” mehr beze­ich­net als eine neu­trale, ein­deutig abgrenzbare und auch nicht weit­er zer­leg­bare Ein­heit des Ver­gan­gene, die erst im Nach­hinein Bezug zu und Bedeu­tung für andere gewin­nt. Nein, das was wir mit “Auschwitz” beze­ich­nen, ist für die Men­schen, die dort gelit­ten haben und ermordet wur­den, für die eben­so lei­den­den Über­leben­den udn ihre Nachkom­men, aber eben auch für die Täter und deren Nachkom­men, und schließlich für uns Heutige jew­eils etwas gradu­ell anderes. Es gibt nicht ein Auschwitz, es gab und es gibt viele. Das aber heißt nicht, dass sie nichts miteinan­der zu tun hät­ten, dass sie getren­nt voneinan­der existierten, oder gar, dass es sich bei Auschwitz “nur” um Kon­struk­tio­nen han­delte.

Worum es hier geht, ist aber nicht, ob “Auschwitz” “ein Fak­tum” ist, son­dern um die Fak­tiz­ität der jew­eils mit dem Ter­mi­nus “Auschwitz” konkret beze­ich­neten Ereignisse und Erfahrun­gen. Diese ist (in den aller­meis­ten Fällen) über­aus gut belegt. Das Gegen­teil des Sprechens vom “Fak­tum Auschwitz” ist somit nicht die Behaup­tung seine Fik­tion­al­ität. Nicht “Fakt” oder “Fik­tion” ist die kor­rek­te Oppo­si­tion, son­dern “voraus­ge­set­ztes Fak­tum” oder “denk­end gewonnene Ein­sicht in das Ver­gan­gene und seine Fak­tiz­ität”. Bei­des näm­lich, sowohl die jew­eils konkrete Abgren­zung und Zusam­men­fas­sung wie auch ihre Eigen­schaft der “Fak­tiz­ität” näm­lich sind im Modus des his­torischen Denkens zu gewin­nen, sind Ergeb­nisse solch­er Denkprozesse. Anders wären “Fake News” und Lügen nicht zu iden­ti­fizieren und zu schei­den. Den “Erin­nerun­gen” des “Ben­jamin Wilkomirs­ki” (eigentlich Bruno Dössek­er) und dem darin fig­uri­eren­den (nur außer­halb des Buch­es “iden­ti­fizierten”) “Auschwitz” etwa kon­nte und musste die Fak­tiz­ität abge­sprochen wer­den, ohne dass dies auch auf Auschwitz ins­ge­samt zutrifft.

Dass sowohl die Iden­ti­fika­tion und Abgren­zung der jew­eili­gen Ge- oder Begeben­heit als auch ihre Fak­tiz­ität Ergeb­nisse von Denkprozessen sind, hin­dert nicht, sie in der Kom­mu­nika­tion über Ver­gan­gen­heit und Geschichte auch als Fak­ten anzus­prechen. Solche “Fak­ten” als “als solche” ler­nen zu lassen und sie Schüler*innen als Voraus­set­zung von Deu­tung und Inter­pre­ta­tion zu “ver­mit­teln”, unter­gräbt den Auf­bau der Kom­pe­ten­zen, die nötig sind, in der vielfälti­gen und prob­lema­tis­chen Geschicht­skul­tur kri­tisch denk­end beste­hen zu kön­nen.

Nicht nur Ord­nung und Sinn (“order and direc­tion”), son­dern auch die “Wiss­barkeit” von Begeben­heit­en (und, ergänze: Gegeben­heit­en) 9 sind also Ergeb­nis, nicht aber Voraus­set­zung his­torischen Denkens — und soll­ten auch als solche in his­torischen Lern­prozessen fig­uri­eren. Und wäre es nicht der leicht iro­nisch-fatal­is­tis­che Ton von Calvins Weisheit (die ihm im Com­ic dazu dient, eine “revi­sion­is­tis­che” Biogra­phie sein­er selb­st schreiben zu wollen), wäre vieles an dem Zitat dur­chaus ern­sthaft bedenkenswert. Man müsste allerd­ings die Ter­mi­ni “Fik­tion” und “erfind­en” erset­zen nicht durch ihre Gegen­teile (“Fak­ten” und “her­aus­find­en”), son­dern durch “Erzäh­lun­gen” und “erstellen” — oder eben “kon­stru­ieren”. “Geschichte sind diejeni­gen Erzäh­lun­gen, die wir kon­stru­ieren, um uns zu überzeu­gen, dass wir etwas [ergänze: über Ver­gan­ge­nes] wis­sen, das uns in unserem Leben Ord­nung und Ori­en­tierung bietet.”

Das ist es, was damit gemeint ist, His­torisches Denken sei “Kontin­genzbe­wäl­ti­gung”. Der Begriff der “Kontin­genz” beze­ich­net hier näm­lich weit mehr als “Zufall”. Er ver­weist auf die Ungewis­sheit, die entste­ht zwis­chen den bei­den Überzeu­gun­gen (a) alles in der Welt und im Leben sei ein­deutig vorherbes­timmt, und (b) es gäbe über­haupt keine Zusam­men­hänge zwis­chen Einzel­heit­en des Lebens — wed­er inner­halb ein­er Zeit noch über Zeit­en hin­weg.
Erstere Überzeu­gung würde his­torisches Denken unnötig machen, weil wir selb­st uns als völ­lig deter­miniert und somit ohne jegliche Entschei­dungsmöglichkeit, ohne jegliche Frei­heit von Aufmerk­samkeit, Wahrnehmung, Urteil und Entschei­dung begreifen müssten. “Ori­en­tierung” wäre nicht nur nut­z­los — wir kämen gar nicht erst auf die Idee, nach ihr zu suchen. Die let­ztere Posi­tion wiederum (völ­lige Zufäl­ligkeit) müsste uns in eine absolute Apor­ie führen, denn wir kön­nten streng genom­men gar nichts mit irgen­deinem Grad an Sicher­heit erwarten. Dass ein wie auch immer geart­eter Zusam­men­hang zwis­chen den Phänome­nen, Gegeben­heit­en und Begeben­heit­en im Leben auch über die Zeit­en hin­weg beste­ht, ist somit wesentlich­es Ele­ment der Kontin­genz (con-tin­gere, lat.: berühren, über­tra­gen), aber eben auch, dass dieser Zusam­men­hang nicht ein­fach gegeben und erkennbar ist, son­dern umfassende (wenn auch nicht unendliche) Frei­heits­grade bere­it hält. Es ist dieser Bere­ich der Kontin­genz zwis­chen voraus­ge­set­zter, nicht aber fra­g­los und ein­deutig bes­timm­bar­er Bedeu­tung von Ver­gan­genem für das Gegen­wär­tige und Zukün­ftige, für unsere Erwartun­gen und Pläne, der His­torisches Denken nötig macht — und mit ihm ein “Wis­sen” um Ver­gan­ge­nes, das aber nicht ein­fach gegeben ist. Wis­sen von “Fak­ten” ist eben­so his­torisch denk­end zu erschließen, in Form von Schlussfol­gerun­gen über die Fak­tiz­ität von Einzel­heit­en näm­lich, wie solch­es über syn­chrone und diachrone Zusam­men­hänge und schließlich auch wie Schlussfol­gerun­gen und Wer­tun­gen über Bedeut­samkeit und Bedeu­tun­gen für unsere eigene und aller Gegen­wart und Zukun­ft.

Was bedeutet dies nun für Geschicht­sun­ter­richt? Fol­gt daraus, dass in Unter­richt­sein­heit­en und ‑stun­den keine “Fak­ten” mehr erscheinen dür­fen, dass es nicht mehr zuläs­sig oder akzept­abel ist, Gegeben­heit­en (Struk­turen) und Begeben­heit­en (Ereignisse, Ereignis­ab­fol­gen, Hand­lun­gen etc.) nicht mehr in Form von Lehrervorträ­gen, Zeitleis­ten und Tabellen, Autorentex­ten etc. Schülern zur Ver­fü­gung zu stellen, als Mate­r­i­al für die Bear­beitung? Mit­nicht­en! Der­ar­tige Ref­eren­zen sind ja nicht nur Instru­mente schulis­chen Ler­nens, son­dern Teil der gesellschaftlichen Kom­mu­nika­tion über Geschichte. Und je nach konkreter Fragestel­lung und Auf­gabe bleibt es nicht nur hil­fre­ich, son­dern auch nötig, sie Schüler*innen zur Ver­fü­gung zu stellen oder aber sie selb­st von ihnen her­ausar­beit­en zu lassen. Das aber bedeutet nicht, dass sie nicht selb­st im Laufe der Arbeit mit ihnen in den Fokus reflek­tieren­den, etwa dif­feren­zieren­den und bew­er­tenden Denkens ger­at­en dürften und müssen. Im Gegen­teil gehört es ger­adezu zur Auf­gabe his­torischen Ler­nens, in den Mate­ri­alien (ins­beson­dere per­spek­tivisch unter­schiedlichen Quellen und Darstel­lun­gen) begeg­nende Set­zun­gen und Behaup­tun­gen nicht nur zu berück­sichti­gen, son­dern auch zu prüfen und ggf. selb­st neu, dif­feren­ziert zu for­mulieren oder auch abzulehnen.

Ein weit­eres kommt hinzu: Das Begreifen von “Fak­ten” (wenn man den Ter­mi­nus nicht völ­lig ver­ab­schieden will) als nicht gegebene, son­dern als im Rah­men eines Denk‑, Forschungs- und Kom­mu­nika­tion­sprozesse jew­eils “vor­läu­fig” gefasste Ver­weise auf Facetten des His­torischen ermöglicht es nicht nur, sie zu dif­feren­zieren und zu zu inter­pretieren, son­dern auch kul­turell und sprach­lich unter­schiedliche For­men nicht nur ihrer Beze­ich­nung und Inter­pre­ta­tion, son­dern auch der Abgren­zung dif­feren­ziell zu ver­gle­ichen. Das ermöglicht die explizite The­ma­tisierung und Reflex­ion so unter­schiedlich­er Beze­ich­nun­gen wie “Sieben­jähriger Krieg”, “French and Indi­an War”, “3. Schle­sis­ch­er Krieg”, “Great War for the Empire”, “Guerre de la Con­quête” und “Drit­ter Kar­natis­ch­er Krieg” als Beze­ich­nun­gen sowohl für jew­eils unter­schiedliche, aber auch (mehr oder weniger) zusam­men­hän­gende Ereignisse und — mehr noch — der solchen Beze­ich­nun­gen innewohnen­den poli­tis­chen, kul­turellen und zeitlichen Per­spek­tiv­en (einige dieser Beze­ich­nun­gen sind ja erst im Rück­blick zu prä­gen gewe­sen). Eben­so wird es möglich, Beze­ich­nun­gen in Ein­fach­er und Leichter Sprache hin­sichtlich ihrer Leis­tun­gen (für die Erschließung der Sachver­halte und die Beteili­gung an den Lern­prozessen und Deu­tun­gen) und Gren­zen bzw. der Bedarfe an weit­eren Erläuterun­gen udn Ergänzun­gen expliz­it besprechen.

Die Kon­se­quenz aus der Prob­lema­tisierung des Konzepts “Fak­ten” auf­grund der damit ver­bun­de­nen möglichen Kon­no­ta­tion (v.a. bei Ler­nen­den) des gewis­ser­maßen dem His­torischen Denken und Ler­nen vorge­lagerten und ihm dadurch auch par­tiell ent­zo­ge­nen Sta­tus, und aus der Fokussierung auf “Fak­tiz­ität” als der eigentlich gemein­ten und rel­e­van­ten Eigen­schaft, heißt also nicht Rel­a­tivis­mus, son­dern die jed­erzeit nötige Ermöglichung der The­ma­tisierung und Reflex­ion sowohl der Kon­sti­tu­tion der einzel­nen “Fak­ten” als auch ihrer Qual­i­fika­tion als “fak­tisch”. Für let­ztere Oper­a­tio­nen ste­ht mit dem Konzept der Triftigkeit­en bzw. Plau­si­bil­itäten, v.a. in empirisch­er Hin­sicht 10 ein Instru­men­tar­i­um bere­it, das es — in ele­men­tarisiert­er, bzw. genauer: graduiert­er Form — auch Schüler*innen ermöglicht, zu eige­nen Sachurteilen über die Fak­tiz­ität behaupteter Ereignisse zu kom­men. Damit schließlich eröffnet die Fokussierung auf Fak­tiz­ität statt auf “Fak­ten” auch die Kon­struk­tion ein­er Lern­pro­gres­sion in der Erfas­sung und Reflex­ion dieser Dimen­sio­nen his­torischen Denkens und his­torisch­er Kom­mu­nika­tion gewis­ser­maßen “schrit­tweise” gelehrt und gel­ernt wer­den kann.

Anmerkun­gen / Ref­er­ences
  1. Wat­ter­son, Bill (2010): “Calvin and Hobbes” 19.7.1993; In: ders.: The com­plete Calvin and Hobbes. Book 3. Kansas City: Andrews McMeel., S. 210 []
  2. Ich habe den Titel des Beitrags noch ein­mal geän­dert. “Alter­na­tive” scheint doch passender als “Oppo­si­tion”.  A.K. 26.11.2019[]
  3. Vgl. Geschichte – Kom­pe­ten­zen und/oder Fak­ten? Zu eini­gen aktuellen Zeitungsar­tikeln und zur Frage der Chronolo­gie und Fort­gang der “Debat­te” um die Fak­ten in der Geschichts­di­dak­tik []
  4. Wineb­urg, Samuel S. (2018): Why learn his­to­ry (when it’s already on your phone). Chica­go: Uni­ver­si­ty of Chica­go Press, S 81ff. []
  5. Wineb­urg, Sam (1999): His­tor­i­cal Think­ing and Oth­er Unnat­ur­al Acts. In: The Phi Delta Kap­pan 80 (7), S. 488–499. und Wineb­urg, Sam (2001): His­tor­i­cal think­ing and oth­er unnat­ur­al acts. Chart­ing the future of teach­ing the past. Philadel­phia: Tem­ple Uni­ver­si­ty Press (Crit­i­cal per­spec­tives on the past) []
  6. Jeis­mann, Karl-Ernst (2000): ‘Geschichts­be­wusst­sein’ als zen­trale Kat­e­gorie der Didak­tik des Geschicht­sun­ter­richts. In: Karl-Ernst Jeis­mann: Geschichte und Bil­dung. Beiträge zur Geschichts­di­dak­tik und zur his­torischen Bil­dungs­forschung. Hg. v. Karl-Ernst Jeis­mann und Wolf­gang Jacob­mey­er. Pader­born: Schön­ingh, S. 46–72, S. 66. []
  7. Vgl. auch Kör­ber, Andreas (2012): Graduierung his­torisch­er Kom­pe­ten­zen. In: Michele Bar­ri­cel­li und Mar­tin Lücke (Hg.): Hand­buch Prax­is des Geschicht­sun­ter­richts. His­torisches Ler­nen in der Schule, Bd. 1. Schwalbach/Ts.: Wochen­schau Ver­lag (Wochen­schau Geschichte), S. 236–254. []
  8. Moos, Peter von (1999): Gefahren des Mit­te­lal­ter­be­griffs. Diag­nos­tis­che und präven­tive Aspek­te. In: Joachim Hein­zle (Hg.): Mod­ernes Mit­te­lal­ter. Neue Bilder ein­er pop­ulären Epoche. 1. Aufl. Frank­furt am Main, Leipzig: Insel-Ver­lag (Insel-Taschen­buch, 2513), S. 31–63, hier S. 54 []
  9. “Gegeben­heit” meint hier eben nicht, dass etwas aus der Ver­gan­gen­heit uns ein­deutig erkennbar mit­gegeben sei, son­dern die von han­del­nden und lei­den­den Men­schen jew­eils zu ihrer Zeit vorge­fun­de­nen Bedin­gun­gen, hier also Struk­turen des Ver­gan­genen. []
  10. Rüsen, Jörn (2013): His­torik. The­o­rie der Geschichtswis­senschaft. Köln: Böh­lau, S. 57ff []
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Neue Publikation

ger­ade erschienen:
Kör­ber, Andreas (2019): Pre­sen­tism, alter­i­ty and his­tor­i­cal think­ing. In: His­tor­i­cal Encoun­ters. A Jour­nal of His­tor­i­cal Con­scious­ness, His­tor­i­cal Cul­tures, and His­to­ry Edu­ca­tion 6 (1), S. 110–116 http://hej.hermes-history.net/index.php/HEJ/article/download/113/104.

ger­ade erschienen:
Kör­ber, Andreas (2019): Pre­sen­tism, alter­i­ty and his­tor­i­cal think­ing. In: His­tor­i­cal Encoun­ters. A Jour­nal of His­tor­i­cal Con­scious­ness, His­tor­i­cal Cul­tures, and His­to­ry Edu­ca­tion 6 (1), S. 110–116. http://hej.hermes-history.net/index.php/HEJ/article/download/113/104.

Call for Papers: Doing History

Call for Papers/Projects | Workshop am 20./21.6.2019

Doing History

Praktiken des Geschichtemachens in transmedialen Geschichtskulturen

30. April 2019, von Thorsten Logge

https://assets.rrz.uni-hamburg.de/instance_assets/fakgw/11240897/733x414-doing-history-2019-a35dbc7a2c34b963758693ba39bdb67cbeb0c449.jpg

Foto: T. Logge

 

Die Praktiken des “Geschichtemachens” stehen im Mittelpunkt einer neuen interdisziplinären Forschungsinitiative: Die Projektgruppe “Doing History” sucht Projektideen für die Einrichtung des Forschungsverbundes “Doing History – Praktiken des Geschichtemachens in transmedialen Geschichtskulturen” und Beiträge für einen Auftaktworkshop, der am 20./21. Juni 2019 in Hamburg stattfindet. Zielgruppe sind alle historisch arbeitenden Disziplinen in den Kultur- und Geisteswissenschaften.

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Geschichte ist nicht ein­fach Ver­gan­gen­heit, über die berichtet wird, Geschichte wird gemacht! Per­for­ma­tive Geschicht­skul­turen kon­stru­ieren Geschichte in unter­schiedlichen Kon­tex­ten – in Roma­nen, Fernsehsendun­gen, Kinofil­men, Reen­act­ments, Gedenkver­anstal­tun­gen, szenis­chen Lesun­gen, Ausstel­lun­gen oder his­to­ri­ografis­chen Pro­jek­ten – auch, um indi­vidu­elle und kollek­tive Iden­titäten herzustellen und auszuhan­deln. All diese Prak­tiken des Geschichtemachens mit ihren je spez­i­fis­chen Tech­niken und Ver­fahren der Her­stel­lung und Dis­tri­b­u­tion von Nar­ra­tiv­en sowie mit den unter­schiedlichen textuellen und nicht-textuellen Pro­duk­ten oder Objek­ti­va­tio­nen, in denen die Nar­ra­tive ihre medi­ale Form find­en, lassen sich als Vari­a­tio­nen eines per­for­ma­tiv erweit­erten Begriffs von His­to­ri­ografie fassen. Dieser bezieht sich nicht allein auf die Arbeit und das Ergeb­nis der textlich fokussierten pro­fes­sionellen His­torik­erin­nen und His­torik­er, son­dern umfasst poten­tiell alle denkbaren Prak­tiken des Geschichtemachens.

Kommunikative Formen und Mittel des “Geschichtemachens”

Bei den hier ange­sproch­enen Aushand­lung­sprozessen spie­len die For­men und Mit­tel der Kom­mu­nika­tion mit der ihnen jew­eils eige­nen, beson­deren Mate­ri­al­ität und Medi­al­ität eine wichtige Rolle. Sie sind inhärente Bestandteile der nicht sel­ten über­lap­pen­den oder gar in eins fal­l­en­den Entstehungs‑, Präsentations‑, Dis­tri­b­u­tions- und Rezep­tion­sprozesse, kurzum: der Per­for­ma­tiv­ität des Geschichtemachens. Wohl kaum eine Prax­is des Geschichtemachens lässt sich zudem auf ein einziges Medi­um beschränken, sie alle sind grund­sät­zlich trans­me­di­al. Das gilt auch dann, wenn einzelne Medi­en zuweilen eine dom­i­nan­tere Rolle ein­nehmen. Während etwa die uni­ver­sitäre Geschichtss­chrei­bung noch immer und über­wiegend Schriftquellen, d. h. Texte, bevorzugt, priv­i­legiert Geschichte in Film und Fernse­hen eher Bild- oder Bewegt­bildquellen. Wiederum andere Prak­tiken des Geschichtemachens nutzen diverse, auch nicht-textuelle, Objek­te, For­men und For­mate in ganz unter­schiedlichen Kom­bi­na­tio­nen. Dies gilt aus­drück­lich auch für die Per­for­mance-Kun­st.

Aber auch Medi­en selb­st kön­nen zum Gegen­stand der Aushand­lung wer­den, die wiederum von ihnen selb­st und ihren Eigen­schaften mit bee­in­flusst wird. Im Prozess des Geschichtemachens entste­hen somit medi­al kon­notierte „Geschichtssorten“, über die auch diese dop­pelte Rolle der Medi­en greif­bar wird.

Praxeologische Perspektiven

Obwohl in den let­zten Jahren das Inter­esse vor allem an pop­ulären medi­alen Geschichts­darstel­lun­gen in ver­schiede­nen Diszi­plinen immer stärk­er gestiegen ist, fehlt es weit­er­hin an ein­er wis­senschaftlichen Auseinan­der­set­zung mit der Prozes­su­al­ität von Geschicht­skon­struk­tio­nen selb­st: ein­er Analyse des DOING His­to­ry. Geschichtssorten sind daher auch weniger aufz­u­fassen als Werkkat­e­gorien wie „Gen­res“, „Gat­tun­gen“ oder „For­mate“, son­dern als Aneig­nungs- und Gebrauchs­for­men (uses of the past) und pro­duk­tive Hand­lungstypen (prac­tices of his­to­ri­og­ra­phy). Aus ihnen gehen die medi­al dif­feren­zierten, adres­saten­fokussierten, nar­ra­tiv­en Geschicht­spro­duk­te her­vor (his­to­ry types), die in Iden­titäts- und Ori­en­tierungs­diskursen von räum­lich, zeitlich und sozial spez­i­fis­chen Versammlungsöffentlichkeiten/medialen Milieus gegen­warts­be­zo­gen kom­mu­nika­tiv ver­han­delt wer­den (adap­tions to and adop­tions of his­to­ry). Aneig­nungs- und Gebrauchs­for­men sowiedie Prak­tiken der Adap­tion und Adop­tion stellen im Aus- und Auf­führen von Geschichte wiederum eigene Ereignisse dar, für die Aus- und Auf­führen­den sowie deren Pub­li­ka. Nicht nur die ref­eren­zierten Ereignisse in der Ver­gan­gen­heit, auch das rezip­ierende Erleben von Geschichte hat somit einen spez­i­fis­chen Ort in Raum und Zeit und hin­ter­lässt eigene Spuren. Die Prak­tiken des Geschichtemachens wirken zudem pro­duk­tiv und trans­for­ma­tiv auf das Geschichts­be­wusst­sein aller an diesem Prozess Teil­haben­den.

Das Pro­jekt DOING HISTORY ste­ht für einen Per­spek­tiven­wech­sel: Nicht mehr die ref­eren­zierte Ge- oder Begeben­heit in der Ver­gan­gen­heit soll im Mit­telpunkt ste­hen, son­dern vielmehr die unter­schiedlichen his­to­ri­ografis­chen Prak­tiken der Ereignis­beschrei­bung und ‑kon­sti­tu­ierung in und durch Geschichte, deren medi­al spez­i­fis­chen Pro­duk­te sowie ihre Ein­bet­tung in diskur­siv­en Aushand­lung­sprozessen. Das Pro­jekt verortet sich somit trans­diszi­plinär an den Schnittstellen von Geschichtswis­senschaft, Medi­en- und Kom­mu­nika­tion­swis­senschaft, Geschichts­di­dak­tik, Europäis­ch­er Eth­nolo­gie sowie allen Geistes‑, Kul­tur- und Human­wis­senschaften, die sich mit der Pro­duk­tion und Dis­tri­b­u­tion von (his­torischem) Wis­sen beschäfti­gen.

Das Pro­jekt DOING HISTORY wid­met sich den unter­schiedlichen Prax­en, in denen und durch die Geschichte kon­stru­iert wird. Im Mit­telpunkt ste­hen unter anderem Prozesse des Sam­melns, Archivierens, Selek­tierens, des Frag­men­tierens, Rah­mens, Insze­nierens und des Nar­ra­tivierens, Oper­a­tio­nen der Trans­mis­sion, d. h. der Über­tra­gung, der Ver­mit­tlung und Über­mit­tlung, die die Bear­beitung­sprozesse des Mate­ri­als kennze­ich­nen, der Adap­tion, Adop­tion und Trans­gres­sion im Umgang mit Ver­gan­gen­heit und Geschichte, des his­torischen Ler­nens auch und ger­ade in his­torisch­er Per­spek­tive sowie nicht zulet­zt der Agency, der Hand­lungs­macht, die den einzel­nen Akteuren bei den Trans­for­ma­tions- und Trans­gres­sion­sprozessen bei der Pro­duk­tion, der Repräsen­ta­tion, der Dis­tri­b­u­tion, der Exhi­bi­tion – also den Auf­führung­sprak­tiken – und der Rezep­tion von Geschichte in ver­schiede­nen (medi­alen) Milieus zukommt. Die Prak­tiken des Geschichtemachens wer­den dabei nicht allein unter medi­alen, method­is­chen, sozialen oder psy­chol­o­gis­chen Fragestel­lun­gen unter­sucht, son­dern stets auch im Hin­blick darauf, wie in ihnen und mit ihnen his­torisch­er Sinn entste­ht und dieser gesellschaftlich dis­tribuiert wird.

Transdisziplinärer Zugriff auf das Machen von Geschichte

Auch wenn dieser prax­e­ol­o­gis­che Per­spek­tiven­wech­sel vor allem im emergieren­den Feld der Pub­lic His­to­ry beson­ders deut­lich wird, zeich­net er sich in ver­schiede­nen Fäch­ern bere­its seit mehreren Jahren ab. Er unter­stre­icht die Trans­diszi­pli­nar­ität ein­er Fragestel­lung, die sich auf die Prozes­su­al­ität des Aushan­delns von Geschichte(n) konzen­tri­ert und auf die Art und Weise, wie dadurch Hand­lungs­macht für die jew­eili­gen Akteure, Sub­jek­te und Objek­te his­to­ri­ografis­ch­er Prak­tiken poten­ziert oder depoten­ziert wird. Tat­säch­lich zeigen sich ähn­liche Fra­gen und Per­spek­tiven­wech­sel in mehreren trans­diszi­plinären Ansätzen: in der Adap­tierung der Akteur-Net­zw­erk-The­o­rie und prax­e­ol­o­gis­chen Herange­hensweisen in den Per­for­mance Stud­ies, den Kör­perthe­o­rien der Medi­en oder der medi­en­wis­senschaftlichen Medi­al­itäts­forschung, in der Medi­olo­gie eben­so wie in medi­enethno­graphis­chen Ansätzen oder den Post­colo­nial Stud­ies – um hier nur einige zu nen­nen. Auch die Geschichts­di­dak­tik hat schon früh For­men des „außer­wis­senschaftlichen“ und „außer­schulis­chen“ Umgangs mit Geschichte in den Blick genom­men, ihre Prä­gung durch sowie Bedeu­tung für das Geschichts­be­wusst­sein in der Gesellschaft the­o­retisch und empirisch unter­sucht und mit Blick auf entsprechende Beiträge, Her­aus­forderun­gen, Anforderun­gen und Prag­matiken für his­torisches Lehren und Ler­nen reflek­tiert.

Quer­ste­hend zu Fächer­gren­zen zeigt sich hier eine gemein­same Such­be­we­gung, die den Zusam­men­hang von Geschichte als medi­ale Form der Aushand­lung von Iden­tität (bzw. Divid­u­al­ität) unter­sucht und dabei auch Fra­gen nach medi­aler Authen­tiz­ität bzw. Glaub­würdigkeit (und die Bed­ingth­eit dieser Kri­te­rien) stellt. Geschichtemachen kann freilich auch als Form des Spie­lens oder gemein­samen Tuns ver­standen wer­den, als Freizeit- und Unter­hal­tung­sprax­is, als Kom­mod­i­fizierung des His­torischen, dessen primäres Ziel nicht die iden­titäts­be­zo­gene Ori­en­tierung und Sinnbil­dung ist. Auch diese Prak­tiken brin­gen stets his­torische Nar­ra­tio­nen in diversen medi­alen For­men und For­mat­en her­vor und ver­bre­it­en sie in kom­mu­nika­tiv­en Prak­tiken. Sie kön­nen und müssen alle­samt inter- und trans­diszi­plinär unter­sucht wer­den. Im Mit­telpunkt ste­hen dabei gle­icher­maßen his­torische wie gegen­wär­tige Prak­tiken der Geschicht­skon­struk­tion, nicht-uni­ver­sitäre wie auch uni­ver­sitäre Prak­tiken des Geschichtemachens in allen denkbaren (medi­alen) For­men und For­mat­en.

Beiträge gesucht!

Wir suchen nach Beiträ­gen und Pro­jek­ten, die sich mit fol­gen­den Aspek­ten, Zusam­men­hän­gen oder Kom­plex­en beschäfti­gen:

  1. Fra­gen zu Medi­al­ität und Per­for­manz: Wie wird Geschichte medi­al aus­ge­han­delt? Wie lässt sich das Mate­r­i­al der Ver­gan­gen­heit in der Gegen­wart als Teil der Erin­nerungskul­tur assozia­tiv ver­wen­den? Wie verän­dern sich Glaub­würdigkeit­skri­te­rien von hand­lung­sori­en­tierten Geschicht­skon­struk­tio­nen?
  2. Fra­gen zu Hand­lungs­macht und Empow­er­ment: Wie verän­dert sich durch die Kon­struk­tion und Aushand­lung von Geschichte die Hand­lungs­macht von Akteuren und Aktan­ten? Welche (his­torischen) Vor­bilder gibt es für par­tizipa­tive Geschicht­skon­struk­tio­nen?
  3. Fra­gen zu the­o­retis­chen und method­is­chen Per­spek­tiv­en: Welche neuen the­o­retis­chen wie auch method­is­chen Per­spek­tiv­en ergeben sich im Rah­men ein­er prax­e­ol­o­gis­chen Analyse von Geschicht­skon­struk­tio­nen?
  4. Ver­gle­ichende bzw. inter- und tran­skul­turelle Ansätze: Wie gestal­tet sich das Doing His­to­ry in ver­schiede­nen kul­turellen Kon­tex­ten?
  5. Medi­en­the­o­retis­che Per­spek­tiv­en: Welche the­o­retis­chen und method­is­chen Aspek­te sind bei der Unter­suchung trans­me­di­aler Prak­tiken des Geschichtemachens zu berück­sichti­gen?
  6. Diachrone Per­spek­tiv­en: Wie haben sich For­men und Prax­en des Umgangs mit Geschichte verän­dert? Welche Bedeu­tung haben diese Verän­derun­gen für die Her­aus­bil­dung neuer Geschichts­bilder und Geschichtsver­ständ­nisse?
  7. Didak­tis­che Per­spek­tiv­en: Welchen Ein­fluss auf For­men his­torischen Ler­nens in unter­schiedlichen gesellschaftlichen Zusam­men­hän­gen haben einzelne oder mehrere Prax­en und Medi­en des Doing His­to­ry? Welchen Beitrag kön­nen sie leis­ten? Welche Ansprüche an Lern­prozesse stellen sie an ihre Akteure und welche Her­aus­forderun­gen an his­torisches Ler­nen in der Gesellschaft ergeben sich aus ihrer Exis­tenz und Entwick­lung?

Pro­jek­te, die Aspek­te und Ansätze quer zu den hier genan­nten Feldern disku­tieren und/oder ergänzende Fragestel­lun­gen disku­tieren möcht­en, sind her­zlich willkom­men.
Bewer­bung

Ein­re­ichun­gen enthal­ten ein Abstract (max­i­mal 500 Worte) und eine Kurzbi­ografie und sind einzusenden an thorsten.logge@uni-hamburg.de, Ein­sende­schluss ist der 30. April 2019.
Work­shop am 20./21. Juni 2019

Die Pro­jek­t­gruppe wählt aus den Ein­sendun­gen geeignete Pro­jek­t­beiträge aus. Die aus­gewählten Beitra­gen­den wer­den in der ersten Mai­woche informiert und zur Ausar­beitung eines 15-minüti­gen Vor­trags ein­ge­laden, der auf einem Work­shop am 20./21. Juni 2019 in Ham­burg­präsen­tiert wer­den soll. Der Work­shop dient der Vor­bere­itung eines Forschungsver­bun­dantrags, in dem die Einzel­beiträge als Teil­pro­jek­te inte­gri­ert wer­den kön­nen.
Veröf­fentlichung

Eine Veröf­fentlichung der aus­gewählten Beiträge in der Rei­he „Medi­en der Geschichte“ (De Gruyter Old­en­bourg) ist vorge­se­hen, der Band soll 2020 erscheinen.

Reisekostenübernahme

Reisekosten (Deutsche Bahn, 2. Klasse) wer­den bis zu ein­er Höhe von 250 Euro pro Beitrag über­nom­men, eine Unterkun­ft im Hotel wird gestellt.

Projektgruppe „Doing History“

Prof. Dr. Cord Aren­des (Hei­del­berg)
Prof. Dr. Andreas Kör­ber (Ham­burg)
Prof. Dr. Thorsten Logge (Ham­burg)
PD Dr. Ste­fanie Sami­da (Hei­del­berg)
Dr. Juliane Tomann (Jena)
Prof. Dr. Thomas Weber (Ham­burg)

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Kontakt

Prof. Dr. Thorsten Logge
Uni­ver­sität Ham­burg
Fakultät für Geis­teswis­senschaften
Fach­bere­ich Geschichte | Pub­lic His­to­ry
Überseer­ing 35 #5, Raum 02045
22297 Ham­burg
Tel.: +49 (0)40 42838 9061
E‑Mail: thorsten.logge@uni-hamburg.de

Neuer Beitrag zu Historischem Denken und Historischen Computerspielen

Kör­ber, Andreas (2018): “Geschichte – Spie­len – Denken. Kontin­gen­zver­schiebun­gen und zwei­seit­ige Triftigkeit­en”. In: Medi­en­Päd­a­gogik. Zeitschrift für The­o­rie und Prax­is der Medi­en­bil­dung. DOI: http://dx.doi.org/10.21240/mpaed/00/2018.04.04.X. Online ver­füg­bar unter http://www.medienpaed.com/article/view/602.

Ein neuer Beitrag zu his­torischen Denken und His­torischen Com­put­er­spie­len ist nun erschienen:

Kör­ber, Andreas (2018): “Geschichte – Spie­len – Denken. Kontin­gen­zver­schiebun­gen und zwei­seit­ige Triftigkeit­en”. In: Medi­en­Päd­a­gogik. Zeitschrift für The­o­rie und Prax­is der Medi­en­bil­dung. DOI: http://dx.doi.org/10.21240/mpaed/00/2018.04.04.X. Online ver­füg­bar unter http://www.medienpaed.com/article/view/602.

Interessante Diskussion über Historische (Computer)-Spiele und Authentizität

Eine inter­es­sante Diskus­sion Rel­e­vanz der Kat­e­gorie “Authen­tiz­ität” in Bezug auf His­torische (Computer)-Spielen find­et sich derzeit im Blog zum “Geschicht­stalk im Super7000″:

“Die Authen­tiz­ität, die nicht bleiben will.”

Geschützt: Geschichte spielen: Kontingenzverschiebungen

Dieser Inhalt ist pass­wort­geschützt. Um ihn anschauen zu kön­nen, bitte das Pass­wort eingeben:

Konzeptfehler, Unkenntnis und unqualifizierte, abwertende Anwürfe

Aus ein­er Mail, die mich vor eini­gen Tagen erre­ichte:

“Sehr geehrter Herr Prof. Kör­ber,

ist Ihnen eigentlich klar, dass der (nicht immer unberechtigte) Zeitvertreib “Nazi-Jagd” aus­fall­en muss, wenn — wie Sie irriger­weise ver­muten — die “Ver­gan­gen­heit” gar nicht mehr rekon­stru­ier­bar ist?

Sowohl Ort­mey­er als auch de Lorent gehen ja — dur­chaus zu Recht — davon aus, dass es eine his­torische Wahrheit gibt, die sich erken­nen lässt und aus der dann Kon­se­quen­zen zu ziehen sind. Diesen Diskus­sio­nen entziehen Sie mit Ihrem naiv­en Sub­jek­tivis­mus den Boden — so wie Sie Trump und auch Fred Leuchter den Boden bere­it­en.

Let­zten Endes alles eine Frage fehlen­der Philoso­phieken­nt­nisse. Spöt­ter wür­den jet­zt sagen: “Stinkaffe muss ster­ben, damit Sie denken kön­nen.” Ich aber sage: “Sie müssten weg, damit Ort­mey­er und de Lorent stre­it­en kön­nen.”

Vielle­icht zeigt Ihnen all das, wie irra­tional und destruk­tiv dieser naive Dosen­sub­jek­tivis­mus nun ein­mal ist.”

Auf die bekan­nt-bemüht eigen­willige Bil­dung unschar­fer, belei­di­gen­der statt inhaltlich polemis­ch­er Begriffe (“Stinkaffe”, “Dosen­sub­jek­tivis­mus”) will ich gar nicht weit­er einge­hen. Eine Richtig­stel­lung lohnen jedoch ein paar andere Punk­te:

  1. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass so aus­gewiesene Kol­le­gen wie Ben­jamin Ort­mey­er und Peter deLorent sich von mein­er Exis­tenz, Anwe­sen­heit oder son­st irgend­wie am “stre­it­en” hin­dern lassen wür­den. Auch ist mir nicht bekan­nt, dass sich je ein­er von ihnen über etwas in dieser Hin­sicht beschw­ert hätte.
  2. Etwas ern­sthafter: “Nazi-Jagd” ist wed­er all­ge­mein noch für die bei­den Kol­le­gen (oder jew­eils einen von ihnen) ein “Zeitvertreib”, noch ist das was sie tun, näm­lich die kri­tis­che Auseinan­der­set­zung mit der his­torischen Dimen­sion der Diszi­plin, den bei der “Ent­naz­i­fizierung” unab­sichtlich oder oft auch absichtlich überse­henen, ver­tuscht­en etc. Belas­tun­gen von im Bil­dungswe­sen (oder son­st in der Öffentlichkeit) agieren­den Per­so­n­en, als “Zeitvertreib” zu diskred­i­tieren — da hil­ft auch die halb­herzige Klam­mer­notiz (“nicht immer unberechtigt”) nicht.
  3. Es ist offenkundig, dass Sie wed­er Ben­jamin Ort­mey­ers noch Peter deLorents Bestre­bun­gen ernst zu nehmen gewil­lt sind.
  4. Indem Sie aber fordern, dass ich “weg” müsste, damit sie weit­er machen kön­nen mit dem von ihnen verächtlich gemacht­en Tun, schwin­gen Sie sich selb­st zu einem Möchte­gern-total­itären Bes­tim­mer darüber auf, was sein darf, und was nicht. Auseinan­der­set­zung in der Sache ist das nicht.
  5. Ander­er­seits ist deut­lich, dass bei­des, die unqual­i­fizierten Schlussfol­gerun­gen ad per­son­am und die salop­pen Bezüge auf einen Stre­it (? — ist es nicht eher eine Kon­tro­verse?), an der ich gar nicht teilgenom­men habe, nur Anlass oder gar Vor­wand ist, um eine triv­ialob­jek­tivis­tis­che Posi­tion zu bekräfti­gen und von dieser aus jegliche kon­struk­tivis­tis­che Erken­nt­nis­the­o­rie des His­torischen zu diskred­i­tieren.
    Allein — der implizite Vor­wurf beruht auf fun­da­men­tal­en Missver­ständ­nis­sen der The­o­rie und falschen (oder nicht-)Lesungen: Dass ich der Auf­fas­sung wäre, die Ver­gan­gen­heit, sei “gar nicht mehr mehr rekon­stru­ier­bar” ist  falsch. Um das hier nicht zu ein­er neuer­lichen The­o­riedar­legung ausarten zu lassen, nur in Kürze:
    1. Nir­gends in meinen Tex­ten wird das Konzept ein­er Re-Kon­struk­tion der Ver­gan­gen­heit abgelehnt — das von mir mit erstellte FUER-Kom­pe­tenz­mod­ell His­torischen Denkens weist ja als ein­er der bei­den Grun­d­op­er­a­tio­nen dieses Denkens die “(Re-)Konstruktion” aus.
    2. Zunächst: Was Sie oben mit dem landläu­fi­gen und auch fach­lich genutzten Begriff “die Ver­gan­gen­heit” meinen, ist damit eigentlich schlecht beze­ich­net: es geht Ihnen um “die ver­gan­gene Wirk­lichkeit”. Der Ter­mi­nus “Ver­gan­gen­heit”  beze­ich­net ja recht eigentlich nur deren Eigen­schaft, ger­ade nicht mehr exis­tent zu sein und deswe­gen nicht unab­hängig von Re-Kon­struk­tion­sprozessen erkennbar.
    3. Was allerd­ings ein erken­nt­nis­the­o­retis­ch­er Irrtum ist, ist der Glaube, das Ergeb­nis von Re-Kon­struk­tion wäre “die Ver­gan­gen­heit” oder eben bess­er: die ver­gan­gene Wirk­lichkeit selb­st.
    4. Re-Kon­struk­tion ist immer
      • selek­tiv: Das gesamte Ver­gan­gene, — also das, was Sie mit “Ver­gan­gen­heit” beze­ich­nen — nützte uns nichts, selb­st wenn es keinen Ver­lust an Quellen gäbe. Es ori­en­tierte uns so schlecht wie eine Land­karte im Maßstab 1:1 — so Dan­to)
      • par­tiku­lar: wir inter­essieren uns für Auss­chnitte der Ver­gan­gen­heit­en. Uns für alles mehr als nur nominell zu inter­essieren, kann nur auf Ver­wirrung beruhen, die Ver­fol­gung entsprechen­der Inter­essen nur zu ihrer Fort­set­zung und/oder Steigerung führen.
      • per­spek­tivisch: Wie re-kon­stru­ieren unter ein­er bes­timmten Fragestel­lung, mit einem Inter­esse an Zusam­men­hän­gen, die den Zeitgenossen der betra­chteten Zeit­en nicht bekan­nt gewe­sen sein müssen, oft nicht ein­mal bekan­nt gewe­sen sein kon­nten, oft auch, weil sie erst mit Späterem einen “Zusam­men­hang” ergeben)
      • und somit fun­da­men­tal von den Inter­essen, Fra­gen, Konzepten, Werten usw. des His­torisch Denk­enden bee­in­flusst.

      Das Ergeb­nis der Re-Kon­struk­tion ist Geschichte, nicht Ver­gan­gen­heit (was auch insofern stimmt, dass die Geschichte eben nicht ver­gan­gen ist, ihr also die Qual­ität der “Ver­gan­gen­heit” gar nicht eignet — das geschieht erst später).

    5. Gle­ichzeit­ig gilt aber auch, dass solch­es Re-Kon­stru­ieren nicht ohne die Voraus­set­zung von tat­säch­lichem Ver­gan­genem funk­tion­iert, d.h. von der Voraus­set­zung der Tat­säch­lichkeit von Ge- und Begeben­heit­en in früheren Zeit­en, denen nun die Eigen­schaft des Ver­gan­gen-Seins eignet. Re-Kon­struk­tion von Geschichte unter­schei­det sich somit — ganz ähn­lich wie bei Aris­tote­les die His­to­rie von der Poet­ik — sie will näm­lich etwas aus­sagen, dessen Gel­tung und Ori­en­tierungs­fähigkeit kon­sti­tu­tiv davon abhän­gen, dass diese Aus­sagen nicht über etwas fik­tives, Beliebiges gemacht wer­den. Die Tat­säch­lichkeit des Ver­gan­ge­nes ist näm­lich unab­d­ing­bar­er Bestandteil unser­er zeitlichen Ori­en­tierungs­bedürfnisse, der Inter­essen und somit der Fra­gen. Wer his­torisch fragt, fragt nach Aus­sagen über ein Ver­gan­ge­nes, das eben nicht ein­fach aus­gedacht ist. Wer auf solche Bedürfnisse und Fra­gen antwortet (näm­lich re-kon­stru­iert his­torisch nar­ra­tiv) sagt somit etwas über tat­säch­lich­es Ver­gan­ge­nes aus. Hier ist das “über” von Bedeu­tung: Die Aus­sage selb­st ist in Form und Sinnbil­dung gegen­wär­tig — auch in ihrer Rezep­tion, aber sie bezieht sich auf etwas, dessen frühere Tat­säch­lichkeit voraus­ge­set­zt wird. Die his­torische Aus­sage, das Ergeb­nis der Re-Kon­struk­tion, ist somit nicht das Ver­gan­gene selb­st, son­dern — wenn sie belast­bar ist — eine gegen Ein­sprüche und Zweifel method­isch gesicherte Bezug­nahme auf das Ver­gan­gene, das selb­st nicht mehr gegen­wär­tig sein und nicht mehr “verge­gen­wär­tigt” wer­den kann.
      Die Kol­le­gen Ort­mey­er und deLorent inter­essieren sich für die NS-Ver­gan­gen­heit wirk­lich­er früheren Men­schen, nicht aus­gedachter Roman­fig­uren, weil das Wis­sen über dieses Ver­gan­gene und das “Nach­wirken” etwas darüber aus­sagt, in welchem “Geiste”, mit welchen Konzepten und Werten unsere Gesellschaft ent­standen ist und sich heute auseinan­der­set­zen muss.

      Das Re-Kon­stru­ieren ist eben etwas anderes als ein ein­fach­es “Wahrnehmen” des Ver­gan­genen, näm­lich im vollen Sinne ein kon­struk­tiv­er Prozess. Die Vor­silbe “re” drückt dabei eben nicht das Ziel der (illu­sorischen) voll­ständi­gen Wieder­her­stel­lung aus, son­dern die Gebun­den­heit der Kon­struk­tion durch ihren Fokus auf das Ver­gan­gene. Das ist auch der Grund, warum ich etwa Jörg van Nor­dens Plä­doy­er für die Beze­ich­nung der Oper­a­tion als “Kon­struk­tion” (ohne Vor­silbe) nicht teile. Er inter­pretiert das “re” als Hin­weis auf Wieder­her­stel­lungsab­sicht, die er (zu Recht) ablehnt. Ich sehe im Fehlen der Vor­silbe die Gefahr, die Bindung der Kon­struk­tion­sleis­tung an das Ziel der Erken­nt­nis über etwas Gewe­senes, aus dem Blick zu ver­lieren, und sie mit freier Kon­struk­tion (die nur anderen Zie­len dient) zu ver­men­gen.

    6. Die Bindung: Das ist dann auch der Grund, warum das Konzept der Re-Kon­struk­tion keineswegs Beliebigkeit bedeutet, also kri­te­rien­los wäre. Zu wider­sprechen ist aber die der Vorstel­lung, das Maß der Qual­ität ein­er Re-Kon­struk­tion sei (allein) deren Übere­in­stim­mung mit dem Ver­gan­genen. Re-Kon­struk­tion dient der Ori­en­tierung inner­halb eines gegen­wär­ti­gen (und erwarteten zukün­fti­gen) gesellschaftlichen Rah­men angesichts der Ver­gan­gen­heit. Es ist daher an mehrere Kri­te­rien zu binden. Das ist der Ort, wo etwas die “Triftigkeit­en” bzw. “Plau­si­bil­itäten” von Rüsen ins Spiel kom­men.
    7. Es geht beim Re-Kon­stru­ieren also dur­chaus um Erken­nt­nisse über die Ver­gan­gen­heit, aber eben wed­er um die Erken­nt­nis “des Ver­gan­genen” an sich 1 noch um Erken­nt­nisse über Ver­gan­ge­nes, die von jeglichem Ein­fluss später­er Per­spek­tiv­en, Werte, Konzepte etc. frei wären.

 

Anmerkun­gen / Ref­er­ences
  1. “Ver­gan­gen­heit” kann man sehr wohl fest­stellen, näm­lich die Eigen­schaft von Zustän­den, ver­gan­gen zu sein und ger­ade nicht rekon­struk­tion­sun­ab­hängig erkan­nt wer­den zu kön­nen.[]
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Neue Publikation

Kör­ber, Andreas (2017): His­tor­i­cal con­scious­ness and the moral dimen­sion. In His­tor­i­cal Encoun­ters 4 (1), pp. 81–89. Avail­able online at http://hej.hermes-history.net/index.php/HEJ/article/view/83/60.

Aus einem Pro­jekt der Kol­le­gen Jan Löf­ström (Helsin­ki, FInn­land), Niklas Ammert (Kalmar, Schwe­den) und Heather Sharp (New­cas­tle, Aus­tralien) zum Zusam­men­hang von Geschichts- und moralis­chem Bewusst­sein ist ein Son­der­band der Online-Zeitschrift “His­tor­i­cal Encoun­ters” her­vorge­gan­gen,

His­tor­i­cal Encoun­ters. A jour­nal of his­tor­i­cal con­scious­ness, his­tor­i­cal cul­tures, and his­tor­i­cal edu­ca­tion. 4,1 (2017): Spe­cial Issue: His­tor­i­cal and Moral Con­scious­ness

mit fol­gen­den Artikeln, darunter einem eige­nen:

  • Niklas Ammert, Sil­via Edling, Jan Löf­ström, Heather Sharp: „Bridg­ing his­tor­i­cal con­scious­ness and moral con­scious­ness: Promis­es and chal­lenges“, pp. 1–13
  • Guð­mundur Heiðar Frí­manns­son: „Moral and his­tor­i­cal con­scious­ness“, pp. 14–22
  • Niklas Ammert: „Pat­terns of rea­son­ing: A ten­ta­tive mod­el to analyse his­tor­i­cal and moral con­scious­ness among 9th grade stu­dents“, pp. 23–35
  • Sil­via Edling: „His­tor­i­cal and modal con­scious­ness in the light of ethics of dis­sensus: One approach to han­dle plu­ral­i­ty in edu­ca­tion.“, pp. 36–51
  • Fredrik Alvén: „Mak­ing democ­rats while devel­op­ing their his­tor­i­cal con­scious­ness: A com­plex task.“, pp. 52–67
  • Jan Löf­ström, Liisa Myyry: „Analysing ado­les­cents’ rea­son­ing about his­tor­i­cal respon­si­bil­i­ty in dia­logue between his­to­ry edu­ca­tion and social psy­chol­o­gy.“, pp. 68–80
  • Andreas Kör­ber: „His­tor­i­cal con­scious­ness and the moral dimen­sion.“; pp. 81–89

Fortgang der “Debatte” um die Fakten in der Geschichtsdidaktik

Kör­ber, Andreas (6.11.2016): “Fort­gang der “Debat­te” um die Fak­ten in der Geschichts­di­dak­tik”

Die Debat­te um “Fak­ten” in der Geschichts­di­dak­tik (vgl.
Geschichte – Kom­pe­ten­zen und/oder Fak­ten? Zu eini­gen aktuellen Zeitungsar­tikeln und zur Frage der Chronolo­gie) geht weit­er.

Thomas Sand­küh­ler ver­weist nun auf Face­book auf einen (inzwis­chen auch online ver­füg­baren) Artikel in der ZEIT vom 3.11.2016: Buch­er, Eva: “Der Unter­gang der Fak­ten”. In DIE ZEIT Nr. 46/2016 (3.11.2016), und beklagt, auch in der Geschichts­di­dak­tik ste­he “das Gefühl wieder in hohem Kurs, woge­gen “Fak­ten” als über­lebter Pos­i­tivis­mus abge­tan” wür­den (https://www.facebook.com/thomas.sandkuhler.5/posts/705009552996862).

Meine Antwort darauf lautet:
“Fak­ten als über­lebter Pos­i­tivis­mus in der Geschichts­di­dak­tik? Nein, die Ver­mit­tlung von von “Fak­ten” als gesicherte, von den Schülern nicht kri­tisch zu bedenk­ende Aus­sagen und Zusam­men­hänge, vor allem als Voraus­set­zung, nicht aber als Gegen­stand eige­nen kri­tis­chen his­torischen Denkens: Das wäre (und manch­mal ist) über­holter Pos­i­tivis­mus.
Dass die Diag­nose des “Post­fak­tis­chen” und die tat­säch­liche Ablehnung von “Fak­ten” zugun­sten unbe­grün­de­ter gefühlter Überzeu­gun­gen seit­ens bes­timmter inter­essiert­er wie leicht­gläu­biger Grup­pen aber keineswegs erzwingt, das Fördern kri­tis­chen Denkens erneut abzulehnen, hat vor eini­gen Wochen z.B. Philipp Sarasin in Geschichte der Gegen­wart gezeigt: http://geschichtedergegenwart.ch/fakten-was-wir-in-der…/.
Geschichts­di­dak­tik als “Teil des Post­fak­tis­chen” ist eine grobe Verken­nung des Anliegens, näm­lich die Ler­nen­den zu befähi­gen und zu ermuti­gen (auch: zu ermuti­gen), selb­st und selb­st­ständig kri­tisch das zu prüfen, was ihnen präsen­tiert wird. Da kann es nicht um die Behaup­tung eines “Fakten”-Status gehen, wo doch hin­re­ichend bekan­nt ist, dass Fak­ten ohne Inter­pre­ta­tion, ohne Ver­wen­dung gegen­wär­tiger Begriffe, gibt. Die Reak­tion der Geschichts­di­dak­tik darf ger­ade kein Rekurs auf die Ver­mit­tlung von Fak­ten sein, son­dern die Befähi­gung zur kri­tis­chen Prü­fung aller Fak­ten­be­haup­tun­gen — unter Anwen­dung dur­chaus “har­ter” Kri­te­rien von Plau­si­bil­ität. Nur damit kann man den Behaup­tun­gen des Post­fak­tis­chen wirkungsvoll ent­ge­gen­treten.” (https://www.facebook.com/ankoerber/allactivity?privacy_source=activity_log_top_menu#)