„Fakten“ vs. „Fiktionen“ – die falsche Alternative. Zur Problematik eines Grundkonzepts der Geschichtswissenschaft und des Geschichtslernens. Erweiterte Fassung

Körber, Andreas (2019): „Fakten“ vs. „Fiktionen“ – die falsche Opposition. Zur Problematik eines Grundkonzepts der Geschichtswissenschaft und des Geschichtslernens. Erweiterte Fassung. In: Historisch denken lernen [Blog des AB Geschichtsdidaktik; Universität Hamburg], 23./25.11.2019.

 

„History is the fiction we invent
to persuade ourselves that
events are knowable and
life has order and direction“1

Die Frage nach den „Fakten“2 lässt Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik und den Geschichtsunterricht nicht los. Vor ein paar Jahren war sie – auch und gerade im Umfeld des Hamburger Historikertages – Gegenstand einer öffentlichen Kontroverse um den Geschichtsunterricht gewesen, zu welcher ich auch hier im Blog Stellung bezogen habe.3 Zuletzt ist sie – den Berichten einiger Teilnehmer*innen auf Twitter zufolge – auf dem gerade noch laufenden „histocamp 2019“ in Berlin erneut aufgeworfen.

In der Entgegensetzung zu „Fiktionen“ schließlich war sie auch Thema des von mir betreuten Heftes 2018 der Zeitschrift für Geschichtsdidaktik. Weil ich es dort in meiner Einleitung nicht in dieser Form und Deutlichkeit geschrieben habe, möchte ich hier in aller Kürze dafür argumentieren, dass sowohl das Konzept der „Fakten“ als auch die Entgegensetzung zu „Fiktionen“ Teil des Problems, nicht aber Teil der Lösung darstellen (das Wiedergängertum dieser Frage deutet bereits auf die Problematik hin). Worin also besteht das Problem?

In dem über diesem Beitrag als Motto zitierten Satz steckt viel Wahrheit — ebenso in Bezug auf die Funktion von Geschichte (Orientierung), wie auf den Wunsch, die Dinge (Ereignisse) einfach „wissen“ und ebenso „vermitteln“ zu können.

Genau dieses letztere Bedürfnis bedient die Vorstellung von „Fakten“ als gegebene und letztlich nur zur Kenntnis zu nehmende Einheiten, die vor aller Anstrengung höhrerer historischer Denkprozesse zunächst einmal einfach zur Kenntnis zu nehmen und diesen Denkprozessen zugrunde zu legen sind. Auch wenn sich das Konzept historischen Wissens – entgegen mancher Vorstellung in der breiteren Öffentlichkeit – nicht darauf reduzieren lässt (prozedurales Wissen um Verfahren der Erkenntnisgewinnung, Konzept- und auch metakognitives Wissen sind weithin anerkannt), so gehört die Vorstellung des „Wissens“ von Fakten als der Grundlage, des Ausgangsmaterials historischen Denkens und der Gewinnung historischer Einsichten doch noch oft dazu. Der in der eingangs zitierten Kontroverse zitierte Artikel „Schüler müssen Fakten lernen“ des Berliner Kollegen Thomas Sandkühler ist nur ein Beispiel.

Die Vorstellung, dass die Verfügung über solches Wissen eine eher niedere Stufe historischer Lerntätigkeit ist, liegt auch der weit verbreiteten Lernzieltaxonomie nach Benjamin Bloom zugrunde – zumindest ihrer Modellierung der kognitiven Dimension. Diese unterscheidet in aufsteigender Folge im Bild einer Pyramide „Wissen“ („knowledge“), „Verständnis“ („Comprehension“), „Anwendung“ („Application“), „Analyse“ („Analysis“), „Synthese“ („Synthesis“) und „Bewertung“ („Evaluation“). Ähnlich – und vielleicht noch schärfer – formuliert es die revidierte Fassung nach Lorin Anderson und David Krathwol, in welcher die Nomen durch Operationen anzeigende Verben ersetzt sind und die Reihenfolge leicht vertauscht sowie die letzte Stufe verändert ist: „Remember“, „Understand“, „Apply“, „Analyze“, „Evaluate“ und „Create“.

Die dieser Abstufung zugrunde liegende Vorstellung der Progression von Lernen ist – zumindest für die Domäne und Disziplin Geschichte – hoch problematisch: Dass historisches Wissen nicht Grundlage und Ausgangspunkt historischen Denkens sein kann, sondern als dessen Ergebnis anzusehen ist, hat jüngst der US-amerikanischen Historiker und Geschichtsdidaktiker Sam Wineburg postuliert. Er fordert, die Taxonomie nach Bloom gewissermaßen um 180° zu drehen, um sie gewissermaßen vom Kopf auf die Füße zu stellen.4 Im Hintergrund dieser Position steht Wineburgs bekannte Position, derzufolge historisches Denken nichts dem Menschen angeborenes ist – ein „unnatürlicher Akt“. Ohne einen durchaus als anstrengend gedachten Lernprozess würden wir alle nämlich Phänomene der Vergangenheit mit Hilfe der uns aus unserer heutigen Lebenswelt vertrauten Konzepte, Vorstellungen und Kriterien betrachten – also „präsentistisch“. Wir müssen nicht nur abstrakt lernen, dass die Vergangenheit anders war, dass Menschen andere (und keineswegs minderwertige) Perspektiven, Verstehenshorizonte und Weltsichten hatten, sondern wir müssen es uns (Wineburg zufolge) in der Auseinandersetzung mit Fragen an die Vergangenheit und Materialien aus der Vergangenheit mühsam antrainieren, diese Andersartigkeit zu unterstellen und zu erkennen. Das betrifft gerade auch die Identifikation dessen, was der Fall war. „Wissen“ über Vergangenes hinsichtlich seiner Tatsächlichkeit ist so das oberste Ergebnis historischen Denkens – keineswegs aber eine einfach zu setzende Voraussetzung.5 Dies passt im Übrigen durchaus auch zu einer Aussage des deutschen Kollegen Karl-Ernst Jeismann, demzufolge Werturteile („Evaluation“) keineswegs am Ende, sondern am Anfang vieler historischer Denkprozesse stehen – zumindest in der Form von Relevanz-Entscheidungen, welche die Beschäftigung mit Vergangenem und seiner Bedeutung erst in Gang setzen.6

Ich selbst halte Wineburgs Kritik an der Taxonomie von Bloom bzw. Anderson/Krathwol für berechtigt, seine Lösung ihre Drehung um 180° jedoch für keine Lösung, denn sie übersieht, dass „Wissen“ bzw. „Erinnern“ – wie die meisten Fähigkeiten und Tätigkeiten – nie nur in einer Qualitäts- bzw. Elaborationsstufe vorliegen. Es wäre ebenso falsch, Wissen nur am Ende langer Lernprozesse zu verorten. Das gilt gleichermaßen für die Operationen der Anwendung, Synthese, Bewertung – und natürlich auch für das Verständnis. Für alle diese Operationen gilt doch, dass sie sowohl in einfachen alltäglichen Ausprägungen Formen wie auch in hoch elaborierten Untersuchungen von Fachleuten und Forschern nicht nur vorkommen, sondern explizit adressiert werden.
Die Taxonomien müssen vielmehr (wenn man schon Wineburgs bildlicher Lösung folgt) nicht um 180° gedreht werden, sondern um 90°, wie auch ihre Pyramidenform aufgelöst werden müss. Dies ergäbe mehrere „Säulen“ für die einzelnen Fähigkeiten und Operationen, die jeweils für sich „gestuft“ werden können. „Lernen“ ist dann nicht zu begreife als der Fortschritt von jeweils einer zur nächsten Operation, nachdem die jeweils erste „abgeschlossen“ wäre, sondern ein Prozess der Elaboration sowohl der einzelnen Operationen bzw. Fähigkeiten und ihres jeweiligen Zusammenhanges.7

Dann aber sind „Fakten“ weder einfach Voraussetzungen noch allein abschließendes Ziel historischer Denk- und Lernprozesse. Sie sind vielmehr jeweils auf unterschiedlichem Niveau der Abstraktion und Reflexion erfolgende mentale Zusammenfassungen von Facetten vergangenen Lebens, Handelns, Leidens und Seins zum Zwecke ihrer Benennung und Kommunikation sowie ihrem Einbezug in weitere Argumentationen. Sie sind weder Voraussetzung noch Ergebnis, sondern (historisch) denkend und urteilend gewonnene Komplexe aus Kenntnissen, Unterscheidungen und Bedeutungszuweisungen — und als solche sind sie sowohl Ergebnis wie Voraussetzung historischen Denkens. Damit aber sind sie nicht einfach „gegeben“, sondern bedürfen immer wieder der Reflexion und Verständigung. Das ist insbesondere deshalb so, weil die Abgrenzung solcher „Facetten“ des Vergangenes von anderen keineswegs vorgegeben ist, denn die „Unterscheidung von Dingen, wie sie waren, und von Dingen, wie wir sie sehen“, ist mit Peter von Moos „von vornherein ‚eine leere Geste‘, weil wir ausschließlich einer durch Interpretation gefilterten und zu interpretierenden Auswahl sprachlich verfaßter Denkwürdigkeiten (bzw. ‚Fakten‘) aus Myriaden von Ereignissen gegenüberstehen.“8. Was als „Fakt“ isoliert werden kann, ist nicht nur eine Frage der Genauigkeit historischen Arbeitens, sondern auch eine der Perspektive, des Fragestelung, des Interesses, der durch den je eigenen Wahrnehmungs- und Auffassungshorizont geprägten Unterscheidungsfähigkeit (gewissermaßen der „Brille“).

Folgt daraus nun doch ein Relativismus? Keineswegs, – oder doch höchstens hinsichtlich des zuletzt angesprochenen Aspekts der Abgrenzung und Identifikation der „Fakten“, nicht aber hinsichtlich ihrer Tatsächlichkeit. Wer den Begriff der „Fakten“ ablehnt, behauptet keineswegs Beliebigkeit und redet auch keineswegs notwendig der (freien) Fiktion das Wort, auch wenn alle Benennungen von Fakten und Ereignissen aufgrund der Partikularität der Überlieferung, der Selektivität und der Perspektivitität immer auch konjekturale Anteile anhaften. Das Problem mit den „Fakten“ besteht nicht in ihrer Faktizität, sondern in ihrem vorausgesetzten und beibehaltenen Charakter als vorgegebene Einheiten, die man als solche wissen und kennen kann, ohne die Perspektivität und das Interesse, das zu ihrer Unterscheidung geführt hat zu berücksichtigen. „Auschwitz“ (um ein sehr deutliches Beispiel zu nehmen) ist kein „Faktum“. Dieser Satz betreitet nicht, dass es Auschutz gegeben hat, er erkennt aber an, dass (1.) der Begriff „Auschwitz“ mehr bezeichnet als eine neutrale, eindeutig abgrenzbare und auch nicht weiter zerlegbare Einheit des Vergangene, die erst im Nachhinein Bezug zu und Bedeutung für andere gewinnt. Nein, das was wir mit „Auschwitz“ bezeichnen, ist für die Menschen, die dort gelitten haben und ermordet wurden, für die ebenso leidenden Überlebenden udn ihre Nachkommen, aber eben auch für die Täter und deren Nachkommen, und schließlich für uns Heutige jeweils etwas graduell anderes. Es gibt nicht ein Auschwitz, es gab und es gibt viele. Das aber heißt nicht, dass sie nichts miteinander zu tun hätten, dass sie getrennt voneinander existierten, oder gar, dass es sich bei Auschitz „nur“ um Konstruktionen handelte.

Worum es hier geht, ist aber nicht, ob „Auschwitz“ „ein Faktum“ ist, sondern um die Faktizität der jeweils mit dem Terminus „Auschwitz“ konkret bezeichneten Ereignisse und Erfahrungen. Diese ist (in den allermeisten Fällen) überaus gut belegt. Das Gegenteil des Sprechens vom „Faktum Auschwitz“ ist somit nicht die Behauptung seine Fiktionalität. Nicht „Fakt“ oder „Fiktion“ ist die korrekte Opposition, sondern „vorausgesetztes Faktum“ oder „denkend gewonnene Einsicht in das Vergangene und seine Faktizität“. Beides nämlich, sowohl die jeweils konkrete Abgrenzung und Zusammenfassung wie auch ihre Eigenschaft der „Faktizität“ nämlich sind im Modus des historischen Denkens zu gewinnen, sind Ergebnisse solcher Denkprozesse. Anders wären „Fake News“ und Lügen nicht zu identifizieren und zu scheiden. Den „Erinnerungen“ des „Benjamin Wilkomirski“ (eigentlich Bruno Dösseker) und dem darin figurierenden (nur außerhalb des Buches „identifizierten“) „Auschwitz“ etwa konnte und musste die Faktizität abgesprochen werden, ohne dass dies auch auf Auschwitz insgesamt zutrifft.

Dass sowohl die Identifikation und Abgrenzung der jeweiligen Ge- oder Begebenheit als auch ihre Faktizität Ergebnisse von Denkprozessen sind, hindert nicht, sie in der Kommunikation über Vergangenheit und Geschichte auch als Fakten anzusprechen. Solche „Fakten“ als „als solche“ lernen zu lassen und sie Schüler*innen als Vorausetzung von Deutung und Interpretation zu „vermitteln“, untergräbt den Aufbau der Kompetenzen, die nötig sind, in der vielfältigen und problematischen Geschichtskultur kritisch denkend bestehen zu können.

Nicht nur Ordnung und Sinn („order and direction“), sondern auch die „Wissbarkeit“ von Begebenheiten (und, ergänze: Gegebenheiten)9 sind also Ergebnis, nicht aber Voraussetzung historischen Denkens – und sollten auch als solche in historischen Lernprozessen figurieren. Und wäre es nicht der leicht ironisch-fatalistische Ton von Calvins Weisheit (die ihm im Comic dazu dient, eine „revisionistische“ Biographie seiner selbst schreiben zu wollen), wäre vieles an dem Zitat durchaus ernsthaft bedenkenswert. Man müsste allerdings die Termini „Fiktion“ und „erfinden“ ersetzen nicht durch ihre Gegenteile („Fakten“ und „herausfinden“), sondern durch „Erzählungen“ und „erstellen“ — oder eben „konstruieren“. „Geschichte sind diejenigen Erzählungen, die wir konstruieren, um uns zu überzeugen, dass wir etwas [ergänzen: über Vergangenes] wissen, das uns in unserem Leben Ordnung und Orientierung bietet.“

Das ist es, was damit gemeint ist, Historisches Denken sei „Kontingenzbewältigung“. Der Begriff der „Kontingenz“ bezeichnet hier nämlich weit mehr als „Zufall“. Er verweist auf die Ungewissheit, die entsteht zwischen den beiden Überzeugungen (a) alles in der Welt und im Leben sei eindeutig vorherbestimmt, und (b) es gäbe überhaupt keine Zusammenhänge zwischen Einzelheiten des Lebens – weder innerhalb einer Zeit noch über Zeiten hinweg.
Erstere Überzeugung würde historisches Denken unnötig machen, weil wir selbst uns als völlig determiniert und somit ohne jegliche Entscheidungsmöglichkeit, ohne jegliche Freiheit von Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Urteil und Entscheidung begreigen müssten. „Orientierung“ wäre nicht nur nutzlos – wir kämen gar nicht erst auf die Idee, nach ihr zu suchen. Die letztere Position wiederum (völlige Zufälligkeit) müsste uns in eine absolute Aporie führen, denn wir könnten streng genommen gar nichts mit irgendeinem Grad an Sicherheit erwarten. Dass ein wir auch immer gearteter Zusammenhang zwischen den Phänomenen, Gegebenheiten und Begebenheiten im Leben auch über die Zeiten hinweg besteht, ist somit wesentliches Element der Kontingenz (con-tingere, lat.: berühren, übertragen), aber eben auch, dass dieser Zusammenhang nicht einfach gegeben und erkennbar ist, sondern umfassende (wenn auch nicht unendliche) Freiheitsgrade bereit hält. Es ist dieser Bereich der Kontingenz zwischen vorausgesetzter, nicht aber fraglos und eindeutig bestimmbarer Bedeutung von Vergangenem für das Gegenwärtige und Zukünftige, für unsere Erwartungen und Pläne, der Historisches Denken nötig macht – und mit ihm ein „Wissen“ um Vergangenes, das aber nicht einfach gegeben ist. Wissen von „Fakten“ ist ebenso historisch denkend zu erschließen, in Form von Schlussfolgerungen über die Faktizität von Einzelheiten nämlich, wie solches über synchrone und diachrone Zusammenhänge und schließlich auch wie Schlussfolgerungen und Wertungen über Bedeutsamkeit und Bedeutungen für unsere eigene und aller Gegenwart und Zukunft.

Was bedeutet dies nun für Geschichtsunterricht? Folgt daraus, dass in Unterrichtseinheiten und -stunden keine „Fakten“ mehr erscheinen dürfen, dass es nicht mehr zulässig oder akzeptabel ist, Gegebenheiten (Strukturen) und Begebenheiten (Ereignisse, Ereignisabfolgen, Handlungen etc.) nicht mehr in Form von Lehrervorträgen, Zeitleisten und Tabellen, Autorentexten etc. Schülern zur Verfügung zu stellen, als Material für die Bearbeitung? Mitnichten! Derartige Referenzen sind ja nicht nur Instrumente schulischen Lernens, sondern Teil der gesellschaftlichen Kommunikation über Geschichte. Und je nach konkreter Fragestellung und Aufgabe bleibt es nicht nur hilfreich, sondern auch nötig, sie Schüler*innen zur Verfügung zu stellen oder aber sie selbst von ihnen herausarbeiten zu lassen. Das aber bedeutet nicht, dass sie nicht selbst im Laufe der Arbeit mit ihnen in den Fokus reflektierenden, etwa differenzierenden und bewertenden Denkens geraten dürften und müssen. Im Gegenteil gehört es geradezu zur Aufgabe historischen Lernens, in den Materialien (insbesondere perspektivisch unterschiedlichen Quellen und Darstellungen) begegnende Setzungen und Behauptungen nicht nur zu berücksichtigen, sondern auch zu prüfen und ggf. selbst neu, differenziert zu formulieren oder auch abzulehnen.

Ein weiteres kommt hinzu: Das Begreifen von „Fakten“ (wenn man den Terminus nicht völlig verabschieden will) als nicht gegebene, sondern als im Rahmen eines Denk-, Forschungs- und Kommunikationsprozesse jeweils „vorläufig“ gefasste Verweise auf Facetten des Historischen ermöglicht es nicht nur, sie zu differenzieren und zu zu interpretieren, sondern auch kulturell und sprachlich unterschiedliche Formen nicht nur ihrer Bezeichnung und Interpretation, sondern auch der Abgrenzung differenziell zu vergleichen. Das ermöglicht die explizite Thematisierung und Reflexion so unterschiedlicher Bezeichnungen wie „Siebenjähriger Krieg“, „French and Indian War“, „3. Schlesischer Krieg“, „Great War for the Empire“, „Guerre de la Conquête“ und „Dritter Karnatischer Krieg“ als Bezeichnungen sowohl für jeweils unterschiedliche, aber auch (mehr oder weniger) zusammenhängende Ereignisse und – mehr noch – der solchen Bezeichnungen innewohnenden politischen, kulturellen und zeitlichen Perspektiven (einige dieser Bezeichnungen sind ja erst im Rückblick zu prägen gewesen). Ebenso wird es möglich, Bezeichnungen in Einfacher und Leichter Sprache hinsichtlich ihrer Leistungen (für die Erschließung der Sachverhalte und die Beteiligung an den Lernprozessen und Deutungen) und Grenzen bzw. der Bedarfe an weiteren Erläuterungen udn Ergänzungen explizit besprechen.

Die Konsequenz aus der Problematisierung des Konzepts „Fakten“ aufgrund der damit verbundenen möglichen Konnotation (v.a. bei Lernenden) des gewissermaßen dem Historischen Denken und Lernen vorgelagerten und ihm dadurch auch partiell entzogenen Status, und aus der Fokussierung auf „Faktizität“ als der eigentlich gemeinten und relevanten Eigenschaft, heißt also nicht Relativismus, sondern die jederzeit nötige Ermöglichung der Thematisierung und Reflexion sowohl der Konstitution der einzelnen „Fakten“ als auch ihrer Qualifikation als „faktisch“. Für letztere Operationen steht mit dem Konzept der Triftigkeiten bzw. Plausibilitäten, v.a. in empirischer Hinsicht10 ein Instrumentarium bereit, das es – in elementarisierter, bzw. genauer: graduierter Form – auch Schüler*innen ermöglicht, zu eigenen Sachurteilen über die Faktizität behaupteter Ereignisse zu kommen. Damit schließlich eröffnet die Fokussierung auf Faktizität statt auf „Fakten“ auch die Konstruktion einer Lernprogression in der Erfassung und Reflexion dieser Dimensionen historischen Denkens und historischer Kommunikation gewissermaßen „schrittweise“ gelehrt und gelernt werden kann.

  1. Watterson, Bill (2010): „Calvin and Hobbes“ 19.7.1993; In: ders.: The complete Calvin and Hobbes. Book 3. Kansas City: Andrews McMeel., S. 210 []
  2. Ich habe den Titel des Beitrags noch einmal geändert. „Alternative“ scheint doch passender als „Opposition“.  A.K. 26.11.2019 []
  3. Vgl. Geschichte – Kompetenzen und/oder Fakten? Zu einigen aktuellen Zeitungsartikeln und zur Frage der Chronologie und Fortgang der „Debatte“ um die Fakten in der Geschichtsdidaktik []
  4. Wineburg, Samuel S. (2018): Why learn history (when it’s already on your phone). Chicago: University of Chicago Press, S 81ff. []
  5. Wineburg, Sam (1999): Historical Thinking and Other Unnatural Acts. In: The Phi Delta Kappan 80 (7), S. 488–499. und Wineburg, Sam (2001): Historical thinking and other unnatural acts. Charting the future of teaching the past. Philadelphia: Temple University Press (Critical perspectives on the past) []
  6. Jeismann, Karl-Ernst (2000): ‚Geschichtsbewusstsein‘ als zentrale Kategorie der Didaktik des Geschichtsunterrichts. In: Karl-Ernst Jeismann: Geschichte und Bildung. Beiträge zur Geschichtsdidaktik und zur historischen Bildungsforschung. Hg. v. Karl-Ernst Jeismann und Wolfgang Jacobmeyer. Paderborn: Schöningh, S. 46–72, S. 66. []
  7. Vgl. auch Körber, Andreas (2012): Graduierung historischer Kompetenzen. In: Michele Barricelli und Martin Lücke (Hg.): Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts. Historisches Lernen in der Schule, Bd. 1. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag (Wochenschau Geschichte), S. 236–254. []
  8. Moos, Peter von (1999): Gefahren des Mittelalterbegriffs. Diagnostische und präventive Aspekte. In: Joachim Heinzle (Hg.): Modernes Mittelalter. Neue Bilder einer populären Epoche. 1. Aufl. Frankfurt am Main, Leipzig: Insel-Verlag (Insel-Taschenbuch, 2513), S. 31–63, hier S. 54 []
  9. „Gegebenheit“ meint hier eben nicht, dass etwas aus der Vergangenheit uns eindeutig erkennbar mitgegeben sei, sondern die von handelnden und leidenden Menschen jeweils zu ihrer Zeit vorgefundenen Bedigungen, hier also STrukturen des Vergangenen. []
  10. Rüsen, Jörn (2013): Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft. Köln: Böhlau, S. 57ff []

Neue Publikation

gerade erschienen:
Körber, Andreas (2019): Presentism, alterity and historical thinking. In: Historical Encounters. A Journal of Historical Consciousness, Historical Cultures, and History Education 6 (1), S. 110–116 http://hej.hermes-history.net/index.php/HEJ/article/download/113/104.

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Körber, Andreas (2019): Presentism, alterity and historical thinking. In: Historical Encounters. A Journal of Historical Consciousness, Historical Cultures, and History Education 6 (1), S. 110–116. http://hej.hermes-history.net/index.php/HEJ/article/download/113/104.

Call for Papers: Doing History

Call for Papers/Projects | Workshop am 20./21.6.2019

Doing History

Praktiken des Geschichtemachens in transmedialen Geschichtskulturen

30. April 2019, von Thorsten Logge

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Foto: T. Logge

 

Die Praktiken des „Geschichtemachens“ stehen im Mittelpunkt einer neuen interdisziplinären Forschungsinitiative: Die Projektgruppe „Doing History“ sucht Projektideen für die Einrichtung des Forschungsverbundes „Doing History – Praktiken des Geschichtemachens in transmedialen Geschichtskulturen“ und Beiträge für einen Auftaktworkshop, der am 20./21. Juni 2019 in Hamburg stattfindet. Zielgruppe sind alle historisch arbeitenden Disziplinen in den Kultur- und Geisteswissenschaften.

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Geschichte ist nicht einfach Vergangenheit, über die berichtet wird, Geschichte wird gemacht! Performative Geschichtskulturen konstruieren Geschichte in unterschiedlichen Kontexten – in Romanen, Fernsehsendungen, Kinofilmen, Reenactments, Gedenkveranstaltungen, szenischen Lesungen, Ausstellungen oder historiografischen Projekten – auch, um individuelle und kollektive Identitäten herzustellen und auszuhandeln. All diese Praktiken des Geschichtemachens mit ihren je spezifischen Techniken und Verfahren der Herstellung und Distribution von Narrativen sowie mit den unterschiedlichen textuellen und nicht-textuellen Produkten oder Objektivationen, in denen die Narrative ihre mediale Form finden, lassen sich als Variationen eines performativ erweiterten Begriffs von Historiografie fassen. Dieser bezieht sich nicht allein auf die Arbeit und das Ergebnis der textlich fokussierten professionellen Historikerinnen und Historiker, sondern umfasst potentiell alle denkbaren Praktiken des Geschichtemachens.

Kommunikative Formen und Mittel des „Geschichtemachens“

Bei den hier angesprochenen Aushandlungsprozessen spielen die Formen und Mittel der Kommunikation mit der ihnen jeweils eigenen, besonderen Materialität und Medialität eine wichtige Rolle. Sie sind inhärente Bestandteile der nicht selten überlappenden oder gar in eins fallenden Entstehungs-, Präsentations-, Distributions- und Rezeptionsprozesse, kurzum: der Performativität des Geschichtemachens. Wohl kaum eine Praxis des Geschichtemachens lässt sich zudem auf ein einziges Medium beschränken, sie alle sind grundsätzlich transmedial. Das gilt auch dann, wenn einzelne Medien zuweilen eine dominantere Rolle einnehmen. Während etwa die universitäre Geschichtsschreibung noch immer und überwiegend Schriftquellen, d. h. Texte, bevorzugt, privilegiert Geschichte in Film und Fernsehen eher Bild- oder Bewegtbildquellen. Wiederum andere Praktiken des Geschichtemachens nutzen diverse, auch nicht-textuelle, Objekte, Formen und Formate in ganz unterschiedlichen Kombinationen. Dies gilt ausdrücklich auch für die Performance-Kunst.

Aber auch Medien selbst können zum Gegenstand der Aushandlung werden, die wiederum von ihnen selbst und ihren Eigenschaften mit beeinflusst wird. Im Prozess des Geschichtemachens entstehen somit medial konnotierte „Geschichtssorten“, über die auch diese doppelte Rolle der Medien greifbar wird.

Praxeologische Perspektiven

Obwohl in den letzten Jahren das Interesse vor allem an populären medialen Geschichtsdarstellungen in verschiedenen Disziplinen immer stärker gestiegen ist, fehlt es weiterhin an einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Prozessualität von Geschichtskonstruktionen selbst: einer Analyse des DOING History. Geschichtssorten sind daher auch weniger aufzufassen als Werkkategorien wie „Genres“, „Gattungen“ oder „Formate“, sondern als Aneignungs- und Gebrauchsformen (uses of the past) und produktive Handlungstypen (practices of historiography). Aus ihnen gehen die medial differenzierten, adressatenfokussierten, narrativen Geschichtsprodukte hervor (history types), die in Identitäts- und Orientierungsdiskursen von räumlich, zeitlich und sozial spezifischen Versammlungsöffentlichkeiten/medialen Milieus gegenwartsbezogen kommunikativ verhandelt werden (adaptions to and adoptions of history). Aneignungs- und Gebrauchsformen sowiedie Praktiken der Adaption und Adoption stellen im Aus- und Aufführen von Geschichte wiederum eigene Ereignisse dar, für die Aus- und Aufführenden sowie deren Publika. Nicht nur die referenzierten Ereignisse in der Vergangenheit, auch das rezipierende Erleben von Geschichte hat somit einen spezifischen Ort in Raum und Zeit und hinterlässt eigene Spuren. Die Praktiken des Geschichtemachens wirken zudem produktiv und transformativ auf das Geschichtsbewusstsein aller an diesem Prozess Teilhabenden.

Das Projekt DOING HISTORY steht für einen Perspektivenwechsel: Nicht mehr die referenzierte Ge- oder Begebenheit in der Vergangenheit soll im Mittelpunkt stehen, sondern vielmehr die unterschiedlichen historiografischen Praktiken der Ereignisbeschreibung und -konstituierung in und durch Geschichte, deren medial spezifischen Produkte sowie ihre Einbettung in diskursiven Aushandlungsprozessen. Das Projekt verortet sich somit transdisziplinär an den Schnittstellen von Geschichtswissenschaft, Medien- und Kommunikationswissenschaft, Geschichtsdidaktik, Europäischer Ethnologie sowie allen Geistes-, Kultur- und Humanwissenschaften, die sich mit der Produktion und Distribution von (historischem) Wissen beschäftigen.

Das Projekt DOING HISTORY widmet sich den unterschiedlichen Praxen, in denen und durch die Geschichte konstruiert wird. Im Mittelpunkt stehen unter anderem Prozesse des Sammelns, Archivierens, Selektierens, des Fragmentierens, Rahmens, Inszenierens und des Narrativierens, Operationen der Transmission, d. h. der Übertragung, der Vermittlung und Übermittlung, die die Bearbeitungsprozesse des Materials kennzeichnen, der Adaption, Adoption und Transgression im Umgang mit Vergangenheit und Geschichte, des historischen Lernens auch und gerade in historischer Perspektive sowie nicht zuletzt der Agency, der Handlungsmacht, die den einzelnen Akteuren bei den Transformations- und Transgressionsprozessen bei der Produktion, der Repräsentation, der Distribution, der Exhibition – also den Aufführungspraktiken – und der Rezeption von Geschichte in verschiedenen (medialen) Milieus zukommt. Die Praktiken des Geschichtemachens werden dabei nicht allein unter medialen, methodischen, sozialen oder psychologischen Fragestellungen untersucht, sondern stets auch im Hinblick darauf, wie in ihnen und mit ihnen historischer Sinn entsteht und dieser gesellschaftlich distribuiert wird.

Transdisziplinärer Zugriff auf das Machen von Geschichte

Auch wenn dieser praxeologische Perspektivenwechsel vor allem im emergierenden Feld der Public History besonders deutlich wird, zeichnet er sich in verschiedenen Fächern bereits seit mehreren Jahren ab. Er unterstreicht die Transdisziplinarität einer Fragestellung, die sich auf die Prozessualität des Aushandelns von Geschichte(n) konzentriert und auf die Art und Weise, wie dadurch Handlungsmacht für die jeweiligen Akteure, Subjekte und Objekte historiografischer Praktiken potenziert oder depotenziert wird. Tatsächlich zeigen sich ähnliche Fragen und Perspektivenwechsel in mehreren transdisziplinären Ansätzen: in der Adaptierung der Akteur-Netzwerk-Theorie und praxeologischen Herangehensweisen in den Performance Studies, den Körpertheorien der Medien oder der medienwissenschaftlichen Medialitätsforschung, in der Mediologie ebenso wie in medienethnographischen Ansätzen oder den Postcolonial Studies – um hier nur einige zu nennen. Auch die Geschichtsdidaktik hat schon früh Formen des „außerwissenschaftlichen“ und „außerschulischen“ Umgangs mit Geschichte in den Blick genommen, ihre Prägung durch sowie Bedeutung für das Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft theoretisch und empirisch untersucht und mit Blick auf entsprechende Beiträge, Herausforderungen, Anforderungen und Pragmatiken für historisches Lehren und Lernen reflektiert.

Querstehend zu Fächergrenzen zeigt sich hier eine gemeinsame Suchbewegung, die den Zusammenhang von Geschichte als mediale Form der Aushandlung von Identität (bzw. Dividualität) untersucht und dabei auch Fragen nach medialer Authentizität bzw. Glaubwürdigkeit (und die Bedingtheit dieser Kriterien) stellt. Geschichtemachen kann freilich auch als Form des Spielens oder gemeinsamen Tuns verstanden werden, als Freizeit- und Unterhaltungspraxis, als Kommodifizierung des Historischen, dessen primäres Ziel nicht die identitätsbezogene Orientierung und Sinnbildung ist. Auch diese Praktiken bringen stets historische Narrationen in diversen medialen Formen und Formaten hervor und verbreiten sie in kommunikativen Praktiken. Sie können und müssen allesamt inter- und transdisziplinär untersucht werden. Im Mittelpunkt stehen dabei gleichermaßen historische wie gegenwärtige Praktiken der Geschichtskonstruktion, nicht-universitäre wie auch universitäre Praktiken des Geschichtemachens in allen denkbaren (medialen) Formen und Formaten.

Beiträge gesucht!

Wir suchen nach Beiträgen und Projekten, die sich mit folgenden Aspekten, Zusammenhängen oder Komplexen beschäftigen:

  1. Fragen zu Medialität und Performanz: Wie wird Geschichte medial ausgehandelt? Wie lässt sich das Material der Vergangenheit in der Gegenwart als Teil der Erinnerungskultur assoziativ verwenden? Wie verändern sich Glaubwürdigkeitskriterien von handlungsorientierten Geschichtskonstruktionen?
  2. Fragen zu Handlungsmacht und Empowerment: Wie verändert sich durch die Konstruktion und Aushandlung von Geschichte die Handlungsmacht von Akteuren und Aktanten? Welche (historischen) Vorbilder gibt es für partizipative Geschichtskonstruktionen?
  3. Fragen zu theoretischen und methodischen Perspektiven: Welche neuen theoretischen wie auch methodischen Perspektiven ergeben sich im Rahmen einer praxeologischen Analyse von Geschichtskonstruktionen?
  4. Vergleichende bzw. inter- und transkulturelle Ansätze: Wie gestaltet sich das Doing History in verschiedenen kulturellen Kontexten?
  5. Medientheoretische Perspektiven: Welche theoretischen und methodischen Aspekte sind bei der Untersuchung transmedialer Praktiken des Geschichtemachens zu berücksichtigen?
  6. Diachrone Perspektiven: Wie haben sich Formen und Praxen des Umgangs mit Geschichte verändert? Welche Bedeutung haben diese Veränderungen für die Herausbildung neuer Geschichtsbilder und Geschichtsverständnisse?
  7. Didaktische Perspektiven: Welchen Einfluss auf Formen historischen Lernens in unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen haben einzelne oder mehrere Praxen und Medien des Doing History? Welchen Beitrag können sie leisten? Welche Ansprüche an Lernprozesse stellen sie an ihre Akteure und welche Herausforderungen an historisches Lernen in der Gesellschaft ergeben sich aus ihrer Existenz und Entwicklung?

Projekte, die Aspekte und Ansätze quer zu den hier genannten Feldern diskutieren und/oder ergänzende Fragestellungen diskutieren möchten, sind herzlich willkommen.
Bewerbung

Einreichungen enthalten ein Abstract (maximal 500 Worte) und eine Kurzbiografie und sind einzusenden an thorsten.logge@uni-hamburg.de, Einsendeschluss ist der 30. April 2019.
Workshop am 20./21. Juni 2019

Die Projektgruppe wählt aus den Einsendungen geeignete Projektbeiträge aus. Die ausgewählten Beitragenden werden in der ersten Maiwoche informiert und zur Ausarbeitung eines 15-minütigen Vortrags eingeladen, der auf einem Workshop am 20./21. Juni 2019 in Hamburgpräsentiert werden soll. Der Workshop dient der Vorbereitung eines Forschungsverbundantrags, in dem die Einzelbeiträge als Teilprojekte integriert werden können.
Veröffentlichung

Eine Veröffentlichung der ausgewählten Beiträge in der Reihe „Medien der Geschichte“ (De Gruyter Oldenbourg) ist vorgesehen, der Band soll 2020 erscheinen.

Reisekostenübernahme

Reisekosten (Deutsche Bahn, 2. Klasse) werden bis zu einer Höhe von 250 Euro pro Beitrag übernommen, eine Unterkunft im Hotel wird gestellt.

Projektgruppe „Doing History“

Prof. Dr. Cord Arendes (Heidelberg)
Prof. Dr. Andreas Körber (Hamburg)
Prof. Dr. Thorsten Logge (Hamburg)
PD Dr. Stefanie Samida (Heidelberg)
Dr. Juliane Tomann (Jena)
Prof. Dr. Thomas Weber (Hamburg)

[pdf]

Kontakt

Prof. Dr. Thorsten Logge
Universität Hamburg
Fakultät für Geisteswissenschaften
Fachbereich Geschichte | Public History
Überseering 35 #5, Raum 02045
22297 Hamburg
Tel.: +49 (0)40 42838 9061
E-Mail: thorsten.logge@uni-hamburg.de

Neuer Beitrag zu Historischem Denken und Historischen Computerspielen

Körber, Andreas (2018): „Geschichte – Spielen – Denken. Kontingenzverschiebungen und zweiseitige Triftigkeiten“. In: MedienPädagogik. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung. DOI: http://dx.doi.org/10.21240/mpaed/00/2018.04.04.X. Online verfügbar unter http://www.medienpaed.com/article/view/602.

Ein neuer Beitrag zu historischen Denken und Historischen Computerspielen ist nun erschienen:

Körber, Andreas (2018): „Geschichte – Spielen – Denken. Kontingenzverschiebungen und zweiseitige Triftigkeiten“. In: MedienPädagogik. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung. DOI: http://dx.doi.org/10.21240/mpaed/00/2018.04.04.X. Online verfügbar unter http://www.medienpaed.com/article/view/602.

Interessante Diskussion über Historische (Computer)-Spiele und Authentizität

Eine interessante Diskussion Relevanz der Kategorie „Authentizität“ in Bezug auf Historische (Computer)-Spielen findet sich derzeit im Blog zum „Geschichtstalk im Super7000„:

„Die Authentizität, die nicht bleiben will.“

Geschützt: Geschichte spielen: Kontingenzverschiebungen

Dieser Inhalt ist passwortgeschützt. Um ihn anschauen zu können, bitte das Passwort eingeben:

Konzeptfehler, Unkenntnis und unqualifizierte, abwertende Anwürfe

Aus einer Mail, die mich vor einigen Tagen erreichte:

„Sehr geehrter Herr Prof. Körber,

ist Ihnen eigentlich klar, dass der (nicht immer unberechtigte) Zeitvertreib „Nazi-Jagd“ ausfallen muss, wenn – wie Sie irrigerweise vermuten – die „Vergangenheit“ gar nicht mehr rekonstruierbar ist?

Sowohl Ortmeyer als auch de Lorent gehen ja – durchaus zu Recht – davon aus, dass es eine historische Wahrheit gibt, die sich erkennen lässt und aus der dann Konsequenzen zu ziehen sind. Diesen Diskussionen entziehen Sie mit Ihrem naiven Subjektivismus den Boden – so wie Sie Trump und auch Fred Leuchter den Boden bereiten.

Letzten Endes alles eine Frage fehlender Philosophiekenntnisse. Spötter würden jetzt sagen: „Stinkaffe muss sterben, damit Sie denken können.“ Ich aber sage: „Sie müssten weg, damit Ortmeyer und de Lorent streiten können.“

Vielleicht zeigt Ihnen all das, wie irrational und destruktiv dieser naive Dosensubjektivismus nun einmal ist.“

Auf die bekannt-bemüht eigenwillige Bildung unscharfer, beleidigender statt inhaltlich polemischer Begriffe („Stinkaffe“, „Dosensubjektivismus“) will ich gar nicht weiter eingehen. Eine Richtigstellung lohnen jedoch ein paar andere Punkte:

  1. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass so ausgewiesene Kollegen wie Benjamin Ortmeyer und Peter deLorent sich von meiner Existenz, Anwesenheit oder sonst irgendwie am „streiten“ hindern lassen würden. Auch ist mir nicht bekannt, dass sich je einer von ihnen über etwas in dieser Hinsicht beschwert hätte.
  2. Etwas ernsthafter: „Nazi-Jagd“ ist weder allgemein noch für die beiden Kollegen (oder jeweils einen von ihnen) ein „Zeitvertreib“, noch ist das was sie tun, nämlich die kritische Auseinandersetzung mit der historischen Dimension der Disziplin, den bei der „Entnazifizierung“ unabsichtlich oder oft auch absichtlich übersehenen, vertuschten etc. Belastungen von im Bildungswesen (oder sonst in der Öffentlichkeit) agierenden Personen, als „Zeitvertreib“ zu diskreditieren – da hilft auch die halbherzige Klammernotiz („nicht immer unberechtigt“) nicht.
  3. Es ist offenkundig, dass Sie weder Benjamin Ortmeyers noch Peter deLorents Bestrebungen ernst zu nehmen gewillt sind.
  4. Indem Sie aber fordern, dass ich „weg“ müsste, damit sie weiter machen können mit dem von ihnen verächtlich gemachten Tun, schwingen Sie sich selbst zu einem Möchtegern-totalitären Bestimmer darüber auf, was sein darf, und was nicht. Auseinandersetzung in der Sache ist das nicht.
  5. Andererseits ist deutlich, dass beides, die unqualifizierten Schlussfolgerungen ad personam und die saloppen Bezüge auf einen Streit (? – ist es nicht eher eine Kontroverse?), an der ich gar nicht teilgenommen habe, nur Anlass oder gar Vorwand ist, um eine trivialobjektivistische Position zu bekräftigen und von dieser aus jegliche konstruktivistische Erkenntnistheorie des Historischen zu diskreditieren.
    Allein — der implizite Vorwurf beruht auf fundamentalen Missverständnissen der Theorie und falschen (oder nicht-)Lesungen: Dass ich der Auffassung wäre, die Vergangenheit, sei „gar nicht mehr mehr rekonstruierbar“ ist  falsch. Um das hier nicht zu einer neuerlichen Theoriedarlegung ausarten zu lassen, nur in Kürze:

    1. Nirgends in meinen Texten wird das Konzept einer Re-Konstruktion der Vergangenheit abgelehnt — das von mir mit erstellte FUER-Kompetenzmodell Historischen Denkens weist ja als einer der beiden Grundoperationen dieses Denkens die „(Re-)Konstruktion“ aus.
    2. Zunächst: Was Sie oben mit dem landläufigen und auch fachlich genutzten Begriff „die Vergangenheit“ meinen, ist damit eigentlich schlecht bezeichnet: es geht Ihnen um „die vergangene Wirklichkeit“. Der Terminus „Vergangenheit“  bezeichnet ja recht eigentlich nur deren Eigenschaft, gerade nicht mehr existent zu sein und deswegen nicht unabhängig von Re-Konstruktionsprozessen erkennbar.
    3. Was allerdings ein erkenntnistheoretischer Irrtum ist, ist der Glaube, das Ergebnis von Re-Konstruktion wäre „die Vergangenheit“ oder eben besser: die vergangene Wirklichkeit selbst.
    4. Re-Konstruktion ist immer
      • selektiv: Das gesamte Vergangene, — also das, was Sie mit „Vergangenheit“ bezeichnen — nützte uns nichts, selbst wenn es keinen Verlust an Quellen gäbe. Es orientierte uns so schlecht wie eine Landkarte im Maßstab 1:1 – so Danto)
      • partikular: wir interessieren uns für Ausschnitte der Vergangenheiten. Uns für alles mehr als nur nominell zu interessieren, kann nur auf Verwirrung beruhen, die Verfolgung entsprechender Interessen nur zu ihrer Fortsetzung und/oder Steigerung führen.
      • perspektivisch: Wie re-konstruieren unter einer bestimmten Fragestellung, mit einem Interesse an Zusammenhängen, die den Zeitgenossen der betrachteten Zeiten nicht bekannt gewesen sein müssen, oft nicht einmal bekannt gewesen sein konnten, oft auch, weil sie erst mit Späterem einen „Zusammenhang“ ergeben)
      • und somit fundamental von den Interessen, Fragen, Konzepten, Werten usw. des Historisch Denkenden beeinflusst.

      Das Ergebnis der Re-Konstruktion ist Geschichte, nicht Vergangenheit (was auch insofern stimmt, dass die Geschichte eben nicht vergangen ist, ihr also die Qualität der „Vergangenheit“ gar nicht eignet – das geschieht erst später).

    5. Gleichzeitig gilt aber auch, dass solches Re-Konstruieren nicht ohne die Voraussetzung von tatsächlichem Vergangenem funktioniert, d.h. von der Voraussetzung der Tatsächlichkeit von Ge- und Begebenheiten in früheren Zeiten, denen nun die Eigenschaft des Vergangen-Seins eignet. Re-Konstruktion von Geschichte unterscheidet sich somit — ganz ähnlich wie bei Aristoteles die Historie von der Poetik – sie will nämlich etwas aussagen, dessen Geltung und Orientierungsfähigkeit konstitutiv davon abhängen, dass diese Aussagen nicht über etwas fiktives, Beliebiges gemacht werden. Die Tatsächlichkeit des Vergangenes ist nämlich unabdingbarer Bestandteil unserer zeitlichen Orientierungsbedürfnisse, der Interessen und somit der Fragen. Wer historisch fragt, fragt nach Aussagen über ein Vergangenes, das eben nicht einfach ausgedacht ist. Wer auf solche Bedürfnisse und Fragen antwortet (nämlich re-konstruiert historisch narrativ) sagt somit etwas über tatsächliches Vergangenes aus. Hier ist das „über“ von Bedeutung: Die Aussage selbst ist in Form und Sinnbildung gegenwärtig — auch in ihrer Rezeption, aber sie bezieht sich auf etwas, dessen frühere Tatsächlichkeit vorausgesetzt wird. Die historische Aussage, das Ergebnis der Re-Konstruktion, ist somit nicht das Vergangene selbst, sondern — wenn sie belastbar ist — eine gegen Einsprüche und Zweifel methodisch gesicherte Bezugnahme auf das Vergangene, das selbst nicht mehr gegenwärtig sein und nicht mehr „vergegenwärtigt“ werden kann.
      Die Kollegen Ortmeyer und deLorent interessieren sich für die NS-Vergangenheit wirklicher früheren Menschen, nicht ausgedachter Romanfiguren, weil das Wissen über dieses Vergangene und das „Nachwirken“ etwas darüber aussagt, in welchem „Geiste“, mit welchen Konzepten und Werten unsere Gesellschaft entstanden ist und sich heute auseinandersetzen muss.

      Das Re-Konstruieren ist eben etwas anderes als ein einfaches „Wahrnehmen“ des Vergangenen, nämlich im vollen Sinne ein konstruktiver Prozess. Die Vorsilbe „re“ drückt dabei eben nicht das Ziel der (illusorischen) vollständigen Wiederherstellung aus, sondern die Gebundenheit der Konstruktion durch ihren Fokus auf das Vergangene. Das ist auch der Grund, warum ich etwa Jörg van Nordens Plädoyer für die Bezeichnung der Operation als „Konstruktion“ (ohne Vorsilbe) nicht teile. Er interpretiert das „re“ als Hinweis auf Wiederherstellungsabsicht, die er (zu Recht) ablehnt. Ich sehe im Fehlen der Vorsilbe die Gefahr, die Bindung der Konstruktionsleistung an das Ziel der Erkenntnis über etwas Gewesenes, aus dem Blick zu verlieren, und sie mit freier Konstruktion (die nur anderen Zielen dient) zu vermengen.

    6. Die Bindung: Das ist dann auch der Grund, warum das Konzept der Re-Konstruktion keineswegs Beliebigkeit bedeutet, also kriterienlos wäre. Zu widersprechen ist aber die der Vorstellung, das Maß der Qualität einer Re-Konstruktion sei (allein) deren Übereinstimmung mit dem Vergangenen. Re-Konstruktion dient der Orientierung innerhalb eines gegenwärtigen (und erwarteten zukünftigen) gesellschaftlichen Rahmen angesichts der Vergangenheit. Es ist daher an mehrere Kriterien zu binden. Das ist der Ort, wo etwas die „Triftigkeiten“ bzw. „Plausibilitäten“ von Rüsen ins Spiel kommen.
    7. Es geht beim Re-Konstruieren also durchaus um Erkenntnisse über die Vergangenheit, aber eben weder um die Erkenntnis „des Vergangenen“ an sich 1 noch um Erkenntnisse über Vergangenes, die von jeglichem Einfluss späterer Perspektiven, Werte, Konzepte etc. frei wären.

 

  1. „Vergangenheit“ kann man sehr wohl feststellen, nämlich die Eigenschaft von Zuständen, vergangen zu sein und gerade nicht rekonstruktionsunabhängig erkannt werden zu können. []

Neue Publikation

Körber, Andreas (2017): Historical consciousness and the moral dimension. In Historical Encounters 4 (1), pp. 81–89. Available online at http://hej.hermes-history.net/index.php/HEJ/article/view/83/60.

Aus einem Projekt der Kollegen Jan Löfström (Helsinki, FInnland), Niklas Ammert (Kalmar, Schweden) und Heather Sharp (Newcastle, Australien) zum Zusammenhang von Geschichts- und moralischem Bewusstsein ist ein Sonderband der Online-Zeitschrift „Historical Encounters“ hervorgegangen,

Historical Encounters. A journal of historical consciousness, historical cultures, and historical education. 4,1 (2017): Special Issue: Historical and Moral Consciousness

mit folgenden Artikeln, darunter einem eigenen:

  • Niklas Ammert, Silvia Edling, Jan Löfström, Heather Sharp: „Bridging historical consciousness and moral consciousness: Promises and challenges“, pp. 1-13
  • Guðmundur Heiðar Frímannsson: „Moral and historical consciousness“, pp. 14-22
  • Niklas Ammert: „Patterns of reasoning: A tentative model to analyse historical and moral consciousness among 9th grade students“, pp. 23-35
  • Silvia Edling: „Historical and modal consciousness in the light of ethics of dissensus: One approach to handle plurality in education.“, pp. 36-51
  • Fredrik Alvén: „Making democrats while developing their historical consciousness: A complex task.“, pp. 52-67
  • Jan Löfström, Liisa Myyry: „Analysing adolescents’ reasoning about historical responsibility in dialogue between history education and social psychology.“, pp. 68-80
  • Andreas Körber: „Historical consciousness and the moral dimension.“; pp. 81-89

Fortgang der "Debatte" um die Fakten in der Geschichtsdidaktik

Körber, Andreas (6.11.2016): „Fortgang der „Debatte“ um die Fakten in der Geschichtsdidaktik“

Die Debatte um „Fakten“ in der Geschichtsdidaktik (vgl.
Geschichte – Kompetenzen und/oder Fakten? Zu einigen aktuellen Zeitungsartikeln und zur Frage der Chronologie) geht weiter.

Thomas Sandkühler verweist nun auf Facebook auf einen (inzwischen auch online verfügbaren) Artikel in der ZEIT vom 3.11.2016: Bucher, Eva: „Der Untergang der Fakten“. In DIE ZEIT Nr. 46/2016 (3.11.2016), und beklagt, auch in der Geschichtsdidaktik stehe „das Gefühl wieder in hohem Kurs, wogegen „Fakten“ als überlebter Positivismus abgetan“ würden (https://www.facebook.com/thomas.sandkuhler.5/posts/705009552996862).

Meine Antwort darauf lautet:
„Fakten als überlebter Positivismus in der Geschichtsdidaktik? Nein, die Vermittlung von von „Fakten“ als gesicherte, von den Schülern nicht kritisch zu bedenkende Aussagen und Zusammenhänge, vor allem als Voraussetzung, nicht aber als Gegenstand eigenen kritischen historischen Denkens: Das wäre (und manchmal ist) überholter Positivismus.
Dass die Diagnose des „Postfaktischen“ und die tatsächliche Ablehnung von „Fakten“ zugunsten unbegründeter gefühlter Überzeugungen seitens bestimmter interessierter wie leichtgläubiger Gruppen aber keineswegs erzwingt, das Fördern kritischen Denkens erneut abzulehnen, hat vor einigen Wochen z.B. Philipp Sarasin in Geschichte der Gegenwart gezeigt: http://geschichtedergegenwart.ch/fakten-was-wir-in-der…/.
Geschichtsdidaktik als „Teil des Postfaktischen“ ist eine grobe Verkennung des Anliegens, nämlich die Lernenden zu befähigen und zu ermutigen (auch: zu ermutigen), selbst und selbstständig kritisch das zu prüfen, was ihnen präsentiert wird. Da kann es nicht um die Behauptung eines „Fakten“-Status gehen, wo doch hinreichend bekannt ist, dass Fakten ohne Interpretation, ohne Verwendung gegenwärtiger Begriffe, gibt. Die Reaktion der Geschichtsdidaktik darf gerade kein Rekurs auf die Vermittlung von Fakten sein, sondern die Befähigung zur kritischen Prüfung aller Faktenbehauptungen — unter Anwendung durchaus „harter“ Kriterien von Plausibilität. Nur damit kann man den Behauptungen des Postfaktischen wirkungsvoll entgegentreten.“ (https://www.facebook.com/ankoerber/allactivity?privacy_source=activity_log_top_menu#)

 

Interessanter Beitrag von Sam Wineburg (2016): Warum es beim Historischen Denken nicht um Geschichte geht.

Sam Wineburg (Stanford University), Leiter der Stanford History Education Group, hat elektronisch einen Artikel veröffentlicht, der überschrieben ist mit „Why Historical Thinking is not about History„. Interessant und unbedingt lesenswert. Vgl. auch https://www.facebook.com/StanfordHistoryEducationGroup/posts/1232838216756064