“Quelle”? “Beweis”? “Zeugnis”? Zur (auch unterrichtlichen) Frag-Würdigkeit geschichtswissenschaftlicher Konzepte

Die Wieder­lek­türe von Kei­th Jenk­ins’ Re-Think­ing His­to­ry (1991; seit 2002 bei den Rout­ledge Clas­sics) nach eini­gen Jahren zeigt mir (erneut), dass Geschicht­sun­ter­richt und Geschichts­di­dak­tik noch immer oft­mals auf reich­lich dün­nem erken­nt­nis­the­o­retis­chem Grund gebaut sind.

Gegenüber dem “klas­sis­chen” Geschicht­sun­ter­richt, der darauf aus­gelegt ist, den Ler­nen­den ein (wenn auch wis­senschaftlich abgesichertes) Geschichts­bild als Ori­en­tierung anzu­bi­eten (und mit Hil­fe päd­a­gogis­ch­er Mit­tel und Zwänge es von ihnen wieder abzu­ver­lan­gen) sind die gegen­wär­ti­gen Strö­mungen der Meth­o­d­en- und Kom­pe­ten­zori­en­tierung zwar als ein enormer Fortschritt zu werten, ins­beson­dere mit dem Ziel, die Ler­nen­den  zu eigen­ständi­gem his­torischen Denken zu befähi­gen und ihnen die dafür nöti­gen Konzepte und Ver­fahren anzu­bi­eten. Dazu gehört unter anderen inzwis­chen auch klas­sis­cher­weise (bis in Unter­richtsmod­elle hinein)1 die Unter­schei­dung zwis­chen “Quellen” und “Darstel­lun­gen”, die als eine erken­nt­nis­the­o­retis­che Grun­derken­nt­nis allen Schülern bere­its so früh wie möglich ermöglicht wer­den soll.

Das Prob­lem mit dieser Unter­schei­dung beste­ht darin, dass sie in der Form, in der sie meis­tens konzep­tion­al­isiert und oper­a­tional­isiert wird, das Prob­lem eher ver­stärkt als zu sein­er Lösung beizu­tra­gen — und zwar vor allem dadurch, dass in den meis­ten Fällen so getan wird, als wäre diese Unter­schei­dung eine, die in den Mate­ri­alien vorgegeben wäre. Dazu trägt auch die Markierung von Mate­ri­alien in Schul­büch­ern mit “Q” und “D” bei, welche den Schüler sig­nal­isieren, um welche Sorte Mate­r­i­al es sich han­delt. Genau das unter­schlägt aber, dass die Eigen­schaft, “Quelle” zu sein, den Mate­ri­alien ger­ade nicht inhärent ist. Sie wer­den — um im deutschen Sprachge­brauch zu bleiben (zu anderen Möglichkeit­en s.u.) — erst durch die Fra­gen des His­torik­ers zu Quellen. The­o­retisch ist das auch anerkan­nt, aber ger­ade die genan­nte Schul­buch­prax­is wird dem nicht gerecht.

Aber ist es damit getan (wie ich an ander­er Stelle gefordert habe), diese Kannze­ich­nung aufzugeben und dien Mate­ri­alien unter­schied­s­los mit “M” zu kennze­ich­nen, damit die Schü­lerin­nen und Schüler die Frage nach “Quelle oder Darstel­lung” immer selb­st bear­beit­en müssen (sofern nicht prag­ma­tis­cher­weise ihnen diese von Fall zu Fall auch von der Lehrper­son abgenom­men wird)? Das wäre sich­er sin­nvoll, löst das Prob­lam aber nur zu Hälfte, denn das eigentliche Prob­lem liegt im Konzept der “Quelle” selb­st — es ist erken­nt­nis­the­o­retisch unzulänglich.

Nun soll an dieser Stelle wed­er die The­o­rie der Quelle in der deutschen Geschicht­s­the­o­rie noch die The­o­rie und Geschichte des Quel­lenein­satzes im Geschicht­sun­ter­richt als solche reka­pit­uliert wer­den. Es wird also wed­er um die Konzep­tion­ali­ierun­gen und Dif­feren­zierun­gen nach Ernst Bern­heim noch nach Johann Gus­tav Droy­sen gehen noch um alter­na­tive Dif­feren­zierun­gen, etwa die Unter­schei­dung in Doku­mente und Mon­u­mente u.a. nach Pan­delxx. Ich möchte vielmehr ein kurzes Schlaglicht wer­den auf einen Zusam­men­hang, den ich in unserem Kom­pe­ten­zen-Band nur unzulänglich behan­delt habe.

In der englis­chen Geschichtswis­senschaft und Geschicht­s­the­o­rie (und darauf hat mich die Lek­türe von Kei­th Jenk­ins’ schmalem aber unge­mein anre­gen­dem Band wieder hingewiesen) wird die gle­iche Prob­lematik (unter anderem) mit ein­er etwas anderen Ter­mi­nolo­gie disku­tiert. Damit meine ich nicht so sehr, dass dort der Ter­mi­nus “Source” nicht wie in der deutschen Tra­di­tion für “Orig­i­nal­ma­te­r­i­al” reserviert wird, son­dern auch auf “Lit­er­atur”  ange­wandt wird (so dass von “Primärquellen” und “Sekundärquellen” die Rede sein kann, was bei vie­len Kol­le­gen in Deutsch­land nur als Dif­feren­zierung inner­halb der “Quellen” als legit­im anerkan­nt wird), son­dern vielmehr, dass eine inten­sive Diskus­sion um das Konzept und den Begriff der “Evi­denz” geführt wurde (sowohl in der Geschichtswis­senschaft als auch in der Didak­tik, etwa als “sec­ond order con­cept” bei Ros Ash­by — dort in Kon­trastierung zum Konzept des “Zeug­niss­es” — tes­ti­mo­ny).

Ins­beson­dere die von Jenk­ins  referierte und kom­men­tierte Debat­te um Begriff und Konzept der “Evi­denz” zwis­chen Geof­frey Elton und Edward halltt Carr wirft ein Licht auf die Konzepte, mit denen His­torik­er ihr Geschäft verse­hen, das zu reflek­tieren auch für die deutsche Geschichts­di­dak­tik sin­nvoll erscheint.

“Evi­denz” als Begriff beze­ich­net in dieser Debat­te die Eigen­schaft von Über­resten aus der Ver­gan­gen­heit, als Beleg für oder gegen eine vorgängig exis­tente Deu­tung (oder zumin­d­est Ver­mu­tung) ver­wen­det wer­den zu kön­nen — so jeden­falls die über­legene Posi­tion E.H. Carrs gegen G. Elton, welch­er “Evi­denz” als vorgängig vor dem Denken der His­torik­er dachte.2 Let­ztere Posi­tion ähnelt sehr den Vorstel­lun­gen, die in Deutsch­land mit dem Konzept der “Quelle” beze­ich­net wer­den, näm­lich dass let­ztlich das his­torische Wis­sen aus dem orig­i­nalen Mate­r­i­al aus der Ver­gan­gen­heit “entspringt”.

Jenk­ins selb­st präferiert augen­schein­lich über den durch die Ver­wen­dung bei durch Elton und inkon­sis­ten­ten Gebrauch welb­st bei Carr prob­lem­be­hafteten Begriff der “Evi­denz” den­jeni­gen der “Spur”. Die aus der Ver­gan­gen­heit überkomme­nen Mate­ri­alien sind “Spuren”, die auf ihre tat­säch­liche Gewe­sen­heit hin­weisen, selb­st aber, ohne das Zutun der His­torik­er, nichts über sie aus­sagen. Der let­ztere Aspekt ist dabei insofern wichtig, als er darauf hin­weist, dass keine auch noch so skrupulös und method­isch sauber erstellte Aus­sage die Ver­gan­gen­heit wieder her­stellen kann, da diese eben nicht aus Aus­sagen bestand.3

Wed­er der Begriff der “Evi­denz” noch der­jenige der “Quelle” ist also der “bessere”. Vielmehr sind es gegen­wär­tige, in der wis­senschaftlichen Com­mu­ni­ty etablierte Konzepte, mit denen his­torisch Denk­ende (vor allem His­torik­er) der erken­nt­nis­the­o­retis­chen Prob­leme, die ihnen beim Arbeit­en mit Mate­ri­alien begeg­nen, Herr zu wer­den tra­cht­en, nicht aber diesen Mate­ri­alien inhärente Begriffe.

Der Begriff der Quelle erscheint dabei aber dur­chaus als der prob­lema­tis­chere, ger­ade weil er let­ztlich eine Meta­pher darstellt: Das Bild sug­geriert das eigen­tätige “Entsprin­gen” der (Er-)Kenntnis bzw. des Wis­sens über die Ver­gan­gen­heit aus ihnen, wie das Wass­er in ein­er Quelle auch ohne Zutung des Men­schen her­vor­tritt. Diese Vorstel­lung ist aber (wie Jenk­ins in seinem ersten Kapi­tel ein­dringlich dar­legt) gründlich irrig. His­torisches Wis­sen “an sich” gibt es nicht. Es gibt immer nur his­torisches Wis­sen für jeman­dem, aus ein­er bes­timmten gegen­wär­ti­gen, sozialen und kul­turellen (sowie poli­tis­chen etc.) Per­spek­tive erstellt. Das ist übri­gens auch die Vorbe­din­gung dafür, dass his­torisches Wis­sen Ori­en­tierungskraft ent­fal­ten kann. Die von vie­len (Jenk­ins nen­nt sie “cer­tain­tists”) angestrebte “objek­tive” Erken­nt­nis im Sinne ein­er für alle gle­ichen und verbindlichen Geschichte dürfte näm­lich let­ztlich diese Ori­en­tierungskraft ver­lieren. Der von vie­len eben­so gefürchtete “Rel­a­tivis­mus” ist also gar keine Gefahr von Beliebigkeit.  Im Gegen­teil: Die Erken­nt­nis der Rel­a­tiv­ität his­torisch­er Erken­nt­nis (auf Grund von Per­spek­tiv­ität, Par­tial­ität, Selek­tiv­ität, Vielfalt, Gebun­den­heit an den Erfahrungs‑, Konzept‑, Wert- und Sprach­hor­i­zont des jew­eilig his­tor­sich Denk­enden) steigert vielmehr die Anforderun­gen an die Qual­ität und die Gültigkeit his­torisch­er Aus­sagen. Es reicht näm­lich nicht mehr, eine möglichst all­ge­mein stim­mige his­torische Aus­sage zu tre­f­fen — sie muss konkret ori­en­tieren. Aber das ist ein anderes The­ma.

Sum­mierend ergibt sich:

  1. Das Konzept der Quelle ist prob­lema­tisch, weil es als eine Meta­pher vom “Ursprung” der his­torischen Erken­nt­nis den tat­säch­lichen Ablauf his­torisch­er Erken­nt­nis­prozesse ver­stellt. Quellen sind eben nicht  “Aus­gangspunk­te his­torisch­er Erken­nt­nis“4,  son­dern gewis­ser­maßen ein Aus­gangs­ma­te­r­i­al unter mehreren (wenn auch eines mit beson­derem Sta­tus).

  1. Das Konzept der “Evi­denz” ist dem­jeni­gen der Quelle deut­lich über­legen, weil es anerken­nt, dass die Mate­ri­alien aus der Ver­gan­gen­heit nicht an sich, son­dern für etwas Evi­den­zcharak­ter besitzen. Allerd­ings muss dabei beachtet wer­den, dass diese Mate­ri­alien dann nicht Evi­den­zen sind, son­dern als solche genutzt wer­den kön­nen.
  2. Das Konzept der “Spur” erscheint mir hier noch am weitesten führend.

Nun geht es in diesem Blog ja nicht um Geschicht­s­the­o­rie oder his­torische Erken­nt­nis­the­o­rie als solche, son­dern um his­torischdes (Denken) Ler­nen (obwohl, wie deut­lich gewor­den sein sollte, Let­zteres nicht ohne eine gründliche Reflex­ion auf Ersteres konzip­iert wer­den kann).

Was also fol­gt aus den obi­gen Reflex­io­nen für his­torisches Ler­nen bzw. für staatlichen Geschicht­sun­ter­richt? Muss das Konzept der Quelle aus den Schul­büch­ern gestrichen wer­den — und zwar sowohl hin­sichtlich der Mate­ri­alkennze­ich­nun­gen als auch als Konzept aus dem Meth­o­d­en- oder Kom­pe­ten­z­seit­en? Muss er durch andere Konzepte, etwa den der Evi­denz oder der Spur erset­zt wer­den? Geht es also darum, die offen­sichtlich prob­lema­tis­che Ter­mi­nolo­gie der Geschichtswis­senschaft und der Geschichts­di­dak­tik über kurz oder lang zu emendieren, zu verbessern (und dann weit­er zu machen wie bish­er)? Ich denke nicht:

Ger­ade weil das Denken in den Konzepten “Quelle” und “Darstel­lung”, in der Unter­schei­dung und den damit ver­bun­de­nen erken­nt­nis­the­o­retis­chen Ideen und Überzeu­gun­gen ver­bre­it­et ist und weite Teile sowohl der fach­wis­senschaftlich erstell­ten His­to­ri­ogra­phie als auch der Geschicht­skul­tur davon geprägt sind, wäre es wenig hil­fre­ich, Schü­lerin­nen und Schülern diese Begriffe vorzuen­thal­ten. Es muss also beim his­torischen Ler­nen darum gehen, nicht nur die nach eige­nen Stan­dards akzept­ablen, son­dern auch die wei­thin akzep­tierten Begriffe zu “lehren”. Es mag hier eine Abwand­lung des Beu­tels­bach­er Kon­sens­es gel­ten: Nicht nur muss im Unter­richt kon­tro­vers erscheinen, was in Wis­senschaft und Gesellschaft kon­tro­vers ist, son­dern auch das, was in der Gesellschaft akzep­tiert und wei­thin ver­wen­det wird (also die “Kon­ven­tio­nen”) muss the­ma­tisiert wer­den. (Es ist näm­lich nicht “die Ver­gan­gen­heit” der Gegen­stand des Geschicht­sun­ter­richts, son­dern das his­torische Denken — auch das der Gesellschaft).

Aber das reicht noch nicht: Erstens, weil auch die von uns jew­eils akzep­tierten aund anerkan­nten Konzepte sich aus anderen Per­spek­tiv­en (oder auch nur bei weit­er­er Reflex­ion) als eban­falls prob­lema­tisch her­ausstellen kön­nen. Genau genom­men gibt es  ja keine “unprob­lema­tis­chen” Konzepte. Konzepte sind immer Instru­mente zum Bedenken von Fra­gen zu Sachver­hal­ten und gehören immer ein­er anderen Kat­e­gorie als die mit ihnen beze­ich­neten Sachver­halte selb­st. Insofern gehören ihre “Leis­tun­gen” und “Gren­zen”, die Bedin­gun­gen ihrer Gel­tung oder Triftigkeit zu den Begrif­f­en hinzu. Es müsste beim his­torischen Ler­nen also darum gehen, die ver­wen­de­ten Konzepte nicht nur den Ler­nen­den “anzu­di­enen”, son­dern sie ihnen reflex­iv ver­füg­bar zu machen.

Wenn Jugendliche also Begriffe und Konzepte ler­nen, dan müssen es jew­eils mehrere dieser Konzepte sein, und zwar in ver­gle­ichen­dem Zugriff und in Reflex­ion ihrer jew­eili­gen Inten­sio­nen und Exten­sio­nen. Genau das ist auch das Konzept im Kom­pe­tenz­mod­ell “His­torisches Denken”: Die ein­fache Ver­fü­gung über das jew­eilige Konzept (etwa: anhand vorgegeben­er Kri­te­rien), d.h. die Fähigkeit zur Anwen­dung des Konzepts und Begriffs, stellt eben “nur” (aber gle­ichzeit­ig: “immer­hin”) das “inter­mediäre” Niveau dar. Ela­bori­ert ist die Ver­fü­gung über die Konzepte dann zu nen­nen, wenn eben diese Leis­tun­gen und Gren­zen reflek­tiert wer­den kön­nen, wenn die Konzepte und Begriffe nicht mehr nur voraus­ge­set­zt und ange­wandt wer­den kön­nen, son­dern selb­st erken­nt­nis­the­o­retisch reflek­tiert. Erst dann kann davon gesprochen wer­den, dass der Ler­nende “kom­pe­tent” his­torisch denkt.

So kann im übri­gen auch die Sack­gasse über­wun­den wer­den, die sich aus Kei­th Jenk­ins richtiger Analyse ergeben kön­nte, dass es let­ztlich keine ein­deutig und allein richti­gen Wahrheit­skri­te­rien gibt, son­dern dass jede kul­turelle, soziale, poli­tis­che Gruppe ihre eige­nen Kri­te­rien für ihre Wahrheit auf­stellt und pflegt — woraus in der Tat ein Rel­a­tivis­mus­prob­lem entste­hen kann: Soll Schule die eine oder die andere Vari­ante, die eine oder die andere Epis­te­molo­gie zur Grund­lage machen?

Auch hier zeigt sich in Meth­o­d­en- und Kom­pe­ten­zori­en­tierung ein Ausweg: Ihr zufolge beste­ht his­torisches Ler­nen nicht nur und nicht dom­i­nant darin, den Schü­lerin­nen und Schülern eine his­torische Ori­en­tierung zu geben, son­dern sie zu befähi­gen, sich selb­st eine solche zu erar­beit­en und die his­torischen Ori­en­tierun­gen der Mit­men­schen sich zu erschließen, um mit ihnen über Geschichte und Gegen­wart zu kom­mu­nizieren. Ger­ade wenn und weil Geschichte umstrit­ten ist, darf es Schule wed­er darum gehen, Ergeb­nis (Geschichts­bild) und Grund­lage (Epis­te­molo­gie) ein­er gesellschaftlichen Gruppe, noch eine “bere­inigte”, ver­meintlich neu­trale Vari­ante zu ver­mit­teln — vielmehr muss es Ziel sein, die Ler­nen­den zu befähi­gen, sich in dieser Gemen­ge­lage von his­torischen Deu­tun­gen selb­st­ständig zurechtzufind­en.

Kei­th Jenk­ins Kri­tik an lib­eralen Vorstel­lun­gen der Möglichkeit ein­er all­seits gülti­gen Ver­sion ist wei­thin nachvol­lziehbar. Aber auch die Vorstel­lung, dass es jedem einzel­nen nicht nur möglich, son­dern jed­er auch zuständig dafür ist, selb­st­ständig zu denken, beruht auf lib­eralen Grund­sätzen. In diesem Sinne ist meine didak­tis­che Schlussfol­gerung u.a. aus Kei­th Jenk­ins’ Rel­a­tivis­mus deut­lich weniger kri­tisch gegenüber “lib­eralen” Vorstel­lun­gen.

  1. Darunter auch ein eigenes, zum Mayflower-Com­pact []
  2. []
  3. Dies ist ein Argu­ment von David Lowen­thal aus The Past is a For­eign Coun­try. Vgl. dazu wiederum Jenk­ins, S. 14. []
  4. So Arnold, Klaus: Quellen, in: Jor­dan, Ste­fan: Lexikon Geschichtswis­senschaft. Hun­dert Grund­be­griffe. Stuttgart 2002, S. 251–255, hier S. 251 []

Gegenstand statt Bedingung. Zur Veränderung der Themen in kompetenzorientiertem Geschichtsunterricht

Auszug aus ein­er (guten) Hausar­beit zum The­ma “Ler­norte”:

“Eine zen­trale Eigen­schaft, die der außer­schulis­che Ler­nort mit sich bringt, ist vor allem die Anschaulichkeit, die die Imag­i­na­tion befördert. Der orig­i­nale Gegen­stand hat den Vorteil von z.B. ‘ori­ig­i­naler Farbe, Form, Größe und Drei­di­men­sion­al­ität, die kein anderes Medi­um erset­zen kann.‘1. Durch ihn kön­nen sich die Ler­nen­den real­is­tis­che Vorstel­lun­gen von früheren Leben­sum­stän­den und damals han­del­nden Men­schen machen. Imag­i­na­tion gilt all­ge­mein als wichtiger Fak­tor im Prozess his­torischen Ler­nens.”

Abge­se­hen vom etwas apodik­tis­chen let­zten Satz dürfte diese Aus­sage bei Geschichts­di­dak­tik­ern und ‑lehrern kaum auf Kri­tik stoßen — schon gar nicht die zitierte Pas­sage.

Allerd­ings wäre (nicht nur bei expliz­it kom­pe­ten­zori­en­tiertem Geschicht­sun­ter­richt) noch ein­mal zu fra­gen:

  1. Ist es ein hin­re­ichen­des Ziel von Geschicht­sun­ter­richt, dass sich Ler­nende Ver­gan­ge­nes “real­is­tisch” vorstellen kön­nen? Kul­miniert Geschicht­sun­ter­richt in der Präsen­ta­tion und Über­nahme von (wie auc immer medi­al gefassten) Bildern von Ver­gan­genem — oder ist diese zwar nur ein wesentlich­er, aber als solch­er nicht weit­er befragter Zwis­chen­schritt zu weit­eren Denkauf­gaben (in denen dann etwa der Gegen­warts­bezug ein­gelöst wird)?
  2. Welche Rolle spielt dabei die oben ange­sproch­ene “Orig­i­nal­ität” der Farbe, Form etc., d.h. die Authen­tiz­ität? Ist sie eine Eigen­schaft der Gegen­stände, der Objek­te, der Ler­norte vom Typ “his­torische Stätte”? Ist sie ihnen gegeben und wird sie somit zur pos­i­tiv­en Vor-Bedin­gung his­torischen Ler­nens? Oder ist sie eher eine den Objek­ten, Räu­men (auch: Tex­ten) zuerkan­nte Eigen­schaft?

Wenn “Orig­i­nal­ität”, “Authen­tiz­ität” und “Anschaulichkeit” in der oben angedeuteten Weise als gegeben gedacht und zur Vorbe­din­gung von Geschicht­sun­ter­richt gemacht wer­den, wird m.E. Wesentlich­es aus­ge­lassen:

  • Woher nimmt denn die Gesellschaft oder der Lehrer als ihr Agent im Prozess des his­torischen Lehrens und Ler­nens die Gewis­sheit, dass der Gegen­stand, seine Form und Farbe, seine Beschaf­fen­heit etc. “orginal” ist?
  • woher stammt die Aus­sage, dass eine Darstel­lung “anschaulich” ist in dem Sinne, dass sie optisch (ggf. auch anders) eingängig etwas anderes kor­rekt darstellt?
  • Ist es auch nur ent­fer­nt denkbar, dass der gle­iche Gegen­stand in früheren Zeit­en unter ver­gle­ich­barem Anspruch ganz anders präsen­tiert wurde — und dass er es später wieder anders wird?
  • Ist es auch nur ent­fer­nt denkbar, dass die Zuschrei­bung von Authen­tiz­ität und Orig­i­nal­ität ein­er spez­i­fisch gegen­wär­ti­gen und auch inner­halb der Gegen­wart spez­i­fis­chen Per­spek­tive (mit) ver­dankt wird?

Alle diese Bedin­gun­gen sind streng genom­men selb­st Teil des his­torischen Gegen­standes, der unter­richtlich “ver­mit­telt” wer­den soll.

His­torisches Ler­nen, das sich nicht darauf beschränken will, den Ler­nen­den Geschichts­bilder zu ver­mit­teln, muss die Kon­sti­tu­tion ihrer sach­lichen Gegen­stände immer (wenn auch nicht immer im gle­ichem Maße) zum Teil ihres Gegen­stands­bere­ichs machen.

Authen­tiz­ität und Orig­i­nal­ität dür­fen dann im Unter­richt nicht (nur) als voraus­ge­set­zte Bedin­gun­gen erscheinen, die selb­st nicht in den Hor­i­zont der Reflex­ion der Schüler ger­at­en, son­dern müssen immer auch Gegen­stand des Ler­nens sein, müssen befragt und disku­tiert wer­den, und zwar nicht im Sinne ein­er Unter­suchung des “ob” (oder ob nicht), son­dern eher des “inwiefern”. Es geht also nicht darum, gemein­sam ein Ver­ständ­nis darüber zu erzie­len, ob ein Gegen­stand als “orig­i­nal” ange­se­hen wer­den kann und soll (und ob er dann als 100%ig “echt” ange­sprochen wer­den darf), son­dern

  • inwiefern ihm diese Eigen­schaft zuerkan­nt wer­den kann und soll
  • und was das für das eigene Denken und Urteilen bedeutet.

Erst mit diesen Mod­i­fika­tio­nen (die in gutem Geschicht­sun­ter­richt immer auch schon eine Rolle gespielt haben, wenn auch nicht immer sys­tem­a­tisch) ist die Kom­pe­tenz der Ler­nen­den im Zen­trum des Unter­richts. Kom­pe­ten­zori­en­tierung bedeutet dann nicht, die klas­sis­chen Gegen­stände des Geschicht­sun­ter­richts gegen neuar­tige auszu­tauschen, son­dern an ihnen das his­torische Denken in all seinen Facetten (auch) zum Gegen­stand zu machen. Die The­men ändern sich dann alerd­ings dur­chaus. Wenn unter “The­ma” die Kom­bi­na­tion von Gegen­stand und Inten­tion ver­standen wird, dann lässt eine Kom­pe­ten­zori­en­tierung zumin­d­est solche The­ma­tisierun­gen nicht mehr zu, in denen die Kon­sti­tu­tion der Gegen­stände als his­torisch nicht auch Gegen­stand ist, und in denen das eigene Denken und Urteilen  keine Rolle spielt.

Es geht dann etwa in einem Muse­um nicht (nur) darum, an Hand eines alten land­wirtschaftlichen Geräts zu erken­nen und sich vorzustellen wie die Men­schen früher gear­beit­et und gelebt haben, son­dern auch zu reflek­tieren, was an dem Gerät eigentlich “alt” ist, inwiefern es für etwas ste­ht (und ste­hen soll), das “ver­gan­gen” ist, das im pos­i­tiv­en wie neg­a­tiv­en Sinne über­wun­den ist.

Es gin­ge darum zu klären, was uns dazu bringt, einen solchen Gegen­stand, ein solch­es Gerät als alt zu deklar­i­eren (und nicht etwa nur als “abgenutzt”). Das bedeutet, dass in Rela­tio­nen gesprochen wer­den muss. Ver­gle­iche mit gegen­wär­ti­gen Erfahrun­gen dür­fen dann nicht nur dazu genutzt wer­den, Alter­ität zu beto­nen, son­dern müssen genutzt wer­den auch als Äußerun­gen dazu, welche Eigen­schaften und Dimen­sio­nen als rel­e­vant für Gegen­wär­tiges, Heutiges, Aktuelles gel­ten und inwiefern die Ver­gan­gen­heit als “anders” imag­iniert und beurteilt wird.

Ähn­lich­es gilt im Übri­gen für viele Bedin­gun­gen his­torischen Ler­nens und Denkens — und auch von Lernzie­len.

So ist das eben­falls von Ulrich May­er for­mulierte Lernziel der “Ver­ständ­nis für die Ein­ma­ligkeit und Schutzwürdigkeit his­torisch­er Orte” doch sein­er­seits prob­lema­tisch. Ist wirk­lich gemeint, dass die Schüler(innen) ler­nen, dass his­torische Orte grund­sät­zlich schutzwürdig seien, und grund­sät­zlich ein­ma­lig? Mir scheint, dass hier wieder eine verkürzte For­mulierung eines Lernziel vor­liegt, das erst in kom­pe­ten­zori­en­tiert­er For­mulierung seine ganze Trag­weite aufzeigt:
“Die Schü­lerin­nen und Schüler sollen die Fähigkeit, Fer­tigkeit und Bere­itschaft erwer­ben und aus­bauen, die beson­dere Qual­ität eines gegebe­nen Ortes als his­torisch ein­ma­lig und schutzwürdig (zunehmend) selb­st­ständig einzuschätzen und zu beurteilen.”
Und auch hier dür­fen Lernziel und die dazuge­hörige Auf­gaben­stel­lung nicht nur nicht auf “dass” laut­en, son­dern nicht ein­mal auf “ob” oder “ob nicht”. Erst mit Hil­fe des Qual­i­fika­tors “inwiefern” näm­lich eröffnet eine Auf­gaben­stel­lung den Schü­lerin­nen und Schülern eine Argu­men­ta­tion­s­möglichkeit, die auch par­tielle oder andere Lösun­gen (Re-Kon­struk­tion, Doku­men­ta­tion) ein­bezieht.

  1. May­er, Ulrich: His­torische Orte als Ler­norte. In: May­er, Ulrich, Pan­del, Hans-Jür­gen, Schnei­der, Ger­hard (2004; Hrsg.): Hand­buch Meth­o­d­en im Geschicht­sun­ter­richt. Schwal­bach: Wochen­schau, S. 389–407, hier S. 394f [FN angepasst] []

Multiperspektivität? Multiperspektivität!

In der geschichts­di­dak­tis­chen Lehre spielt das Prinzip der “Mul­ti­per­spek­tiv­ität” eine große Rolle. Es scheint auch für die Studieren­den eingängig zu sein — jeden­falls fehlen pos­i­tive Bezug­nah­men darauf in fast kein­er Hausar­beit.
Oft aber han­delt es sich dabei um reine Lip­pen­beken­nt­nisse — oder um For­men, die zeigen, dass die Eingängigkeit des Ter­mi­nus und die schein­bare Klarheit oft ein tief­eres Ver­ständ­nis dur­chaus erschw­eren. 1

Ein Beispiel:
In manchen Hausar­beit­en wird das Prinzip befür­wortet — eben­so wie in pub­lizierten Unter­richts­beispie­len. Die skizzierten Unter­richt­s­pla­nun­gen beste­hen dann darin, zu einem Kon­flikt (im weit­eren Sinne) jew­eils eine Quelle der einen und ein­er der anderen Kon­flik­t­partei zu präsen­tieren und bear­beit­en zu lassen:

  • bei The­ma­tisierun­gen des deutsch-franzö­sis­chen Ver­hält­niss­es vom Krieg 1870/71 zum 1. Weltkrieg wer­den Beispiele der bei­der­seit­i­gen Pro­pa­gan­da genutzt;
  • bei der Behand­lung des spanisch-bask­ischen Kon­flik­ts wird den Schülern präsen­tiert:
    1. ein Artikel, welch­er “den” ter­ror­is­tis­chen Basken alle Schuld gibt;
    2. ein Artikel, welch­er zwis­chen exter­mistis­chen Basken und solchen unter­schei­det, die in Frieden leben wollen
  • das Ver­hält­nis der “Rassen” in den USA wird fol­gen­der­maßen the­ma­tisiert:
    1. ein Zeitungsar­tikel, der die klas­sis­chen Vorurteile der Weißen gegenüber den Schwarzen (Verge­wal­ti­gung weißer Frauen) präsen­tiert und Lynchjus­tiz befür­wortet;
    2. ein Artikel ein­er Jour­nal­istin, welche die Real­ität intereth­nis­ch­er Liebes­beziehun­gen her­ausstellt.2

Bei­de Arbeit­en leit­en daraus die Ziel­stel­lung ab, die Schüler(innen) kön­nten am Ver­gle­ich der Artikel erken­nen, dass es nicht die eine wahre Geschichte gebe, son­dern dass “es” immer mehrere Per­spek­tiv­en “gebe”.

Das ist natür­lich die qua­si stan­dar­d­isierte Formel der Geschichts­di­dak­tik. Aber ist sie hier gerecht­fer­tigt? Ich habe meine Zweifel. An bei­den Fällen lässt sich zeigen, dass das Prinzip der “Mul­ti­per­spek­tiv­ität”  nicht durch die Gegenüber- oder Zusam­men­stel­lung irgendwelch­er unter­schiedlichen Per­spek­tiv­en auf einen Sachver­halt ein­gelöst wer­den kann, son­dern dass es der his­torischen Reflex­ion der Per­spek­tiv­en bedarf — auf ihre Rel­e­vanz  für his­torisches Ler­nen näm­lich.3  Nicht dass Quellen unter­schiedlichen Per­spek­tiv­en auf den gle­ichen Gegen­stand entstam­men, ist rel­e­vant, son­dern welch­er Art dieser Per­spek­tive­nun­ter­schied ist:

Dass Vertreter von geg­ner­ischen Parteien eines Kon­flik­ts diesen unter­schiedlich bew­erten und darstellen, ist unmit­tel­bar ein­sichtig — auch den Schülern. Daraus ist wenig zu ler­nen. Das Prob­lem ist, dass sowohl den Kon­flik­t­parteien als auch den Schüler(inne)n der Vor­wurf der “Lüge” an die jew­eils andere Partei bzw. (aus der Sicht des “neu­tralen” Ler­nen­den) an eine von ihnen schnell zur Hand und er auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Die Ein­sicht, die dem Prinzip der Mul­ti­per­spek­tiv­ität zu Grunde liegt, näm­lich dass es zu jedem Zusam­men­hang zeit­genös­sisch (auf der “Ebene der Quellen”) wie ret­ro­spek­tiv (auf der “Ebene der Darstel­lun­gen”) mehrere berechtigte Per­spek­tiv­en gibt, ja dass solche Per­spek­tive­nun­ter­schiede notwendig sind, ist daran kaum zu gewin­nen.

Hier wäre also zu for­mulieren, dass im Sinne dieser Ein­sicht rel­e­vante Mul­ti­per­spek­tiv­ität dann entste­ht, wenn Unter­schiede der Beurteilung eines Zus­tandes oder ein­er Hand­lung (Quellen) und in der späteren His­torisierung (Darstel­lung) nicht unmit­tel­bar auf antag­o­nis­tis­che Inter­essen zurück­ge­führt wer­den kön­nen.

Es ist also viel frucht­bar­er, solche Per­spek­tiv­en zu kon­trastieren, die nicht ein­fach die Posi­tio­nen zweier Kon­flik­t­parteien abbilden, son­dern die unter­schiedliche Sichtweisen auf den Kon­flikt auf “ein­er” Seite präsen­tieren — und so auch ver­schiedene His­torisierun­gen bzw. his­torische Begrün­dun­gen präsen­tieren:

  1. Beim deutsch-franzö­sis­chen Krieg 1870/71 oder zum 1. Weltkrieg wären das etwa die Per­spek­tive  von Nation­al­is­ten und Kriegs­be­für­wortern gegenüber der­jeni­gen von Paz­i­fis­ten oder von Vertretern der Arbeit­er­be­we­gung, die den Zusam­men­halt der Pro­le­tari­er befür­worten — und zwar nach Möglichkeit auf der gle­ichen, oder bess­er noch: auf “bei­den” Seit­en des Krieges;
  2. im spanisch-bask­ischen Ver­hält­nis wären etwa jew­eils zu präsen­tieren:
    1. eine bask­ische Argu­men­ta­tion nation­al­is­tis­ch­er Art, die vielle­icht eine ewige Eigen­ständigkeit “der Basken” betont,
    2. eine andere, die vielfältige Beziehun­gen der Basken zu ihren Nach­barn und Verän­derun­gen des Selb­stver­ständ­niss­es betont

    Eben­so wären unter­schiedliche “spanis­che” Argu­men­ta­tio­nen und Nar­ra­tive zu kon­trastieren;

  3. in Bezug auf die Rassen­prob­leme in den USA wären vielle­icht zu nutzen:
    • eine “schwarze”, welche eine bessere Zukun­ft und ein friedlich­es Zusam­men­leben zwis­chen Schwarz und Weiß voraussieht bzw. erstrebt;
    • eine andere “schwarze” Per­spek­tive, welche nur auf Kon­fronta­tion und Kampf set­zt;
    • eine “weiße” Per­spek­tive, die offen ras­sis­tisch argu­men­tiert (wie die oben skizzierte);
    • eine weit­ere “weiße” Per­spek­tive, die die “Prob­leme mit den Schwarzen” nicht auf deren Eigen­schaften, son­dern auf deren Lage zurück­führt und so eine Verän­derungsper­spek­tive eröffnet.

Das nun gilt für alle Spielarten von Mul­ti­per­spek­tiv­ität:

  • für diejenige der zeit­genös­sis­chen Per­spek­tiv­en (Quellen: “Mul­ti­per­spek­tiv­ität” im engeren Sinne)
  • für diejenige später­er Sinnbil­dun­gen (Darstel­lun­gen: “Kon­tro­ver­sität”)
  • für diejenige heutiger Schlussfol­gerun­gen und Urteile durch die Ler­nen­den “Plu­ral­ität”).

Mul­ti­per­spek­tiv­ität ist also ein Prinzip, das nicht ein­fach durch Vielzahl und ‑falt und durch das for­male Kri­teri­um “unter­schiedlich­er” Sichtweise zu berück­sichti­gen ist, son­dern erst durch die Reflex­ion auf das Ver­hält­nis der Per­spek­tiv­en zueinan­der.

Die oben genan­nten Kon­flik­t­parteien-Per­spek­tiv­en sind dabei nicht aus­geschlossen (zuweilen sind sie dur­chaus wichtig), reichen aber nicht aus, um die dem Prinzip zu Grunde liegende Ein­sicht in die unhin­terge­hbare Per­spek­tiv­ität von Geschichte und somit die Plu­ral­ität der Sinnbil­dun­gen tat­säch­lich ein­sichtig zu machen.

  1. Vgl. auch den Beitrag “Zur Unein­deutigkeit geschichts­di­dak­tis­ch­er Topoi”. []
  2. Entsprechende Quellen sind etwa zu find­en in dem Beitrag MARTSCHUKAT, JÜRGEN; STORRER, THOMAS (2001): “Gewal­ter­fahrung und Erin­nerung. Das Ende der Sklaverei in den USA.” In: KÖRBER, ANDREAS (Hrsg.; 2001): Interkul­turelles Geschicht­sler­nen. Geschicht­sun­ter­richt unter den Bedin­gun­gen von Ein­wan­derung und Glob­al­isierung. Konzep­tionelle Über­legun­gen und prak­tis­che Ansätze. Mün­ster: Wax­mann (Novem­ber­akademie; 2), S. 193–203, der allerd­ings weitaus mehr Per­spek­tiv­en bere­it­stellt. []
  3. vgl.:  STRADLING, ROBERT (2004): Mul­ti­per­spec­tiv­i­ty in his­to­ry teach­ing. A guide for teach­ers.: Coucil of Europe, p. 19 []

Kritik der Bildungsstandards des Geschichtslehrerverbandes

Eine Kri­tik der “Bil­dungs­stan­dards Geschichte” des Geschicht­slehrerver­ban­des aus dem hes­sis­chen Lan­desver­band, vorgelegt von Wolf­gang Geiger und Mar­tin Liepach, find­et sich unter fol­gen­der Adresse:

http://www.geschichtslehrerverband-hessen.de/multimedia/dateien/kritik_bildungsstandards.pdf

Geschichtslernen an Stolpersteinen

Im Rah­men eines Sem­i­nars zu “Ler­norten” haben sich Arbeits­grup­pen mit den inzwis­chen in vie­len Städten Deutsch­lands ver­legten “Stolper­steinen” des Köl­ner Kün­stlers Gunter Dem­nig als For­men der Erin­nerung und Orten für bzw. Gegen­stän­den des Ler­nens beschäftigt.

Dabei ist mir aufge­fall­en, dass offenkundig ein Grund­muster der “Didak­tisierung” darin beste­ht, die Stolper­steine zum Anlass zu nehmen, die konkreten Biogra­phien der Opfer von Depor­ta­tion und Ver­nich­tung, an die sie erin­nern, zum eigentlichen Gegen­stand des Ler­nens zu machen. Die Beschäf­ti­gung mit den konkreten Men­schen, so die Argu­men­ta­tion, ermögliche eine ler­nende Reflex­ion auf die Auswirkun­gen der Poli­tik des Nation­al­sozial­is­mus auf konkrete Men­schen, auf die Bedin­gun­gen von Han­deln und Lei­den, und somit auch ein Ler­nen, welch­es die eigene Per­son, die Ori­en­tierung, in den Mit­telpunkt stelle — weniger die trock­e­nen “Fak­ten”.

Ich will diese Form der Didak­tisierung, welche eine Par­al­lele zum “biographis­chen Arbeit­en” in der Gedenkstät­ten­päd­a­gogik darstellt, nicht infrage stellen, möchte aber doch einige skep­tis­che Fra­gen und eine mögliche Alter­na­tive skizzieren:

    • Beste­ht nicht bei solch einem Anlass — ger­ade bei jün­geren Schüler(inne)n — die Gefahr eine Über­wäl­ti­gung durch eine Opfer­geschichte, welche den eige­nen Ver­ar­beitung­shor­i­zont über­steigt?
    • Was wäre das gewün­schte Lernziel? Iden­ti­fika­tion mit den Opfern?
      1. Wohl kaum im Sinne ein­er Pro­jek­tion in die Opfer hinein.
      2. auch wohl kaum im Sinne ein­er Veren­gung des Nach­denkens über das Geschehens aus ein­er (an Hand von Quellen) re-kon­stru­ierten oder nachemp­fun­de­nen Opfer­per­spek­tive.
        1. dass Erin­nern an Ver­gan­ge­nes in dieser Gesellschaft in ganz unter­schiedlichen For­men statt find­et
        2. dass das seinen Grund hat
        3. dass dieses Erin­nern und seine For­men keineswegs immer schon da waren und selb­stver­ständlich sind, son­dern dass um sie gerun­gen wird, darüber disku­tiert,
        4. dass Erin­nern nicht ein­fach “fer­tig” ist, wenn ein Denkmal, ein Gedenkstein, eine Stolper­stein liegt, son­dern dass es um ein immer neues Nach-Denken geht.

      Es ist somit m.E. möglich, ger­ade auch im Geschicht­sun­ter­richt über das Gedenken und Erin­nern, über For­men der Verge­gen­wär­ti­gung von Ver­gan­gen­heit als Teil des gegen­wär­ti­gen Umgangs der Gesellschaft zu ler­nen.

Dies würde kaum den Forderung entsprechen, dass Geschicht­sun­ter­richt zur Ori­en­tierung der eige­nen Iden­tität und des eige­nen Han­delns dienen soll.

Meines Eracht­ens bieten die Stolper­steine ger­ade dann einen guten Ansatzpunkt zu his­torischem Ler­nen, wenn man nicht vorschnell ihrem Ver­weis auf die konkreten Opfer fol­gt, son­dern sie zunächst als das ernst und in den Blick nimmt, was sie sind: For­men der Auseinan­der­set­zung der gegen­wär­ti­gen Gesellschaft mit der Ver­gan­gen­heit, auf die sie ver­weisen — und mit sich selb­st, als umstrit­tene For­men der Erin­nerungskul­tur zu ein­er umstrit­te­nen Ver­gan­gen­heit.
Dieser Logik zufolge müssten zunächst die Stolper­steine selb­st Gegen­stand des Ler­nens wer­den — die Tat­sache, dass sie an bes­timmten Orten liegen, dass dieses keineswegs selb­stver­ständlich ist, dass es Men­schen gibt, die sich dafür ein­set­zen (und ihre Argu­mente) und solche, die dage­gen sein — aus ver­schiede­nen Grün­den, von pro­fa­nen, erin­nerungskul­turell gedanken­losen (etwa Furcht um die Beein­träch­ti­gung des Geschäfts vor dem ein Stein liegt) über emi­nent his­torische (etwa Scham über das eigene Wegse­hen damals, aber auch über die eigene erin­nerungskul­turelle Untätigkeit oder Zöger­lichkeit) bis hin zu poli­tis­chen (Leug­nung des Geschehens, Abwehr dieser Form der ‘Schuld­präsen­ta­tion’) — aber auch zu unter­schiedlichen erin­nerungskul­turellen Sym­bo­l­iken und Wer­tun­gen (s. Zen­tral­rat der Juden, Stadt München, Sin­ti und Roma).
Durch die zunächst auf die Gegen­wart blick­ende Erschließung der Stolper­steine in ihrer Pro­gram­matik und Sym­bo­l­ik, poli­tis­chen Bedeu­tung, den Pros und Con­tras erst wird der Blick auf die konkreten Men­schen gelenkt, der­er gedacht wird. Das ist m.E. nur auf den ersten Blick eine “Instru­men­tal­isierung”, bei genauerem Hin­se­hen vielmehr eine “Aufw­er­tung”. Diese Men­schen wer­den dann näm­lich als Men­schen Gegen­stand his­torisch­er Betra­ch­tung und his­torischen Ler­nens, die dieser Gesellschaft etwas bedeuten (wenn auch unter­schiedlich­es), nicht als von außen (dem Lehrer, der Ini­tia­tive, den Autoren eines Beglei­thefts) vorgegebene Beispiele.
Ein solch­es Vorge­hen, das von der gegen­wär­ti­gen Umstrit­ten­heit aus­ge­ht, von der gegen­wär­ti­gen Erin­nerungskul­tur mit ihren Ver­w­er­fun­gen und Debat­ten, ermöglicht es m.E. auch, das Ler­nen über den Holo­caust und die Depor­ta­tio­nen in eine län­gere Pro­gres­sion zu über­führen. Mit jün­geren Schü­lerin­nen und Schülern kön­nte somit zunächst noch ohne die Gefahr der Über­forderung und Über­wäl­ti­gung die Tat­sache the­ma­tisiert wer­den,

(Neuer) Text zur Bedeutung von Kompetenzmodellen bei der Unterrichtsplanung

Die Kol­le­gen Peter Gautschi, Jan Hodel und Hans Utz haben bere­its im Früh­jahr im Inter­net (auf der Seite eines Gym­na­si­ums) einen Text zur Rolle von Kom­pe­tenz­mod­ellen für den Geschicht­slehrer veröf­fentlich.

Er bezieht sich auf das von Peter Gautschi inzwis­chen auch in sein­er Dis­ser­ta­tion weit­erge­führte Kom­pe­tenz­mod­ell “Guter Geschicht­sun­ter­richt” — also nicht unser FUER-Mod­ell, ist aber “den­noch” (gemeint ist natür­lich: auch deshalb) zu empfehlen.

GAUTSCHI, PETER; HODEL, JAN; UTZ, HANS (2009): “Kom­pe­tenz­mod­ell «Guter Geschicht­sun­ter­richt» — eine Ori­en­tierung­shil­fe zur Ange­bot­s­pla­nung für Lehrerin­nen und Lehrer. Online unter: http://www.gymlaufen.ch/fileadmin/pdf/was/oa11/oa11_2011/Kompetenzmodell-Geschichte-OA2011.pdf (gele­sen 9.12.2009).15.4.2009.

Eine andere Fas­sung (Stand: 8.2009) find­et sich hier:

GAUTSCHI, PETER; HODEL, JAN; UTZ, HANS (2009): “Kom­pe­tenz­mod­ell für «His­torisches Ler­nen» – eine Ori­en­tierung­shil­fe für Lehrerin­nen und Lehrer. Online unter: http://www.fhnw.ch/ph/isek/Sekundarstufe%201/de/Datenablage%20Webmaster/docs-professuren/gautschi/kompetenzmodell (gele­sen 9.12.2009).8.2009.

KÖRBER, ANDREAS (2010): “Aktuelle Themen im Geschichtsunterricht? Zwei Möglichkeiten geschichtlichen Lernens.”” In: Schulmagazin 5–10; 1/2010; S. 5–8.

Kör­ber, Andreas (2010): “Aktuelle The­men im Geschicht­sun­ter­richt? Zwei Möglichkeit­en geschichtlichen Ler­nens.”” In: Schul­magazin 5–10; 1/2010; S. 5–8.

Kör­ber, Andreas (2010): “Aktuelle The­men im Geschicht­sun­ter­richt? Zwei Möglichkeit­en geschichtlichen Ler­nens.”” In: <a href=“http://www.oldenbourg-klick.de/zeitschriften/schulmagazin‑5–10/2010–1/aktuelle-themen-im-geschichtsunterricht”>Schulmagazin 5–10; 1/2010</a>; S. 5–8.

27.11.2009: Gastvortrag von Prof. Dr. Bea Lundt (Flensburg)


Liebe Kommiliton(inn)en,

am 27.11. startet der Arbeits­bere­ich Geschichts­di­dak­tik eine neue Rei­he mit Gastvorträ­gen. Den Anfang macht Frau Prof. Dr. Bea Lundt von der Uni­ver­sität Flens­burg:

A.Körber

Gastvor­trag von Frau Prof. Dr. Bea Lundt:

Das Afrikanis­che Mit­te­lal­ter als Her­aus­forderung für die Geschichts­di­dak­tik.


beafrika_1Afri­ka im Mit­te­lal­ter? Bei dem Begriff “Mit­te­lal­ter” tauchen cbeafrika_1hristliche Dome vor unseren inneren Augen auf, Rit­ter in glänzen­den Rüs­tun­gen, städtis­che Handw­erk­er, aber auch arme und unwis­sende Bauern in ihren unzivil­isierten Dör­fern. Ger­ade erst erschienen sind Unter­richts-mate­ri­alien, die auch weit­er­hin “das Reich” und seine Kaiser als Vor­form Deutsch­lands präsen­tieren; noch immer einge­set­zt wird eine drei­gliedrige Lehn­spyra­mide zur Kennze­ich­nung ein­er sta­tis­chen sozialen Ord­nung, die ange­blich die Vor­mod­erne kenn-zeich­nete. Dabei zeigt uns die Forschung seit eini­gen Jahren eine dif­feren­zierte, mul­tire­ligiöse und mul­ti­kul­turelle Epoche von hoher Mobil­ität in einem weit über Europa hin­aus­re­ichen­den Raum. Am Ende der Karawa­nen­straßen durch die Sahara befan­den sich große Städte und Reiche. Zur Zeit wer­den in dem mit­te­lal­ter­lichen Gelehrten­zen­trum Tim­buk­tu zahlre­iche ara­bis­che Hand­schriften gesichert, die von Reich­tum und Wis­sen ein­er islamis­chen Schriftkul­tur des Mit­te­lal­ters zeu­gen. In Afri­ka ist man sich dieser Tra­di­tion bewusst und pflegt sie. Doch in die mit­teleu­ropäis­chen Geschichts­bilder sind solche Erken­nt­nisse noch nicht eingear­beit­et. Wir wer­den “unser” Mit­te­lal­ter teilen müssen…

Frau Prof. Dr. Bea Lundt ist Pro­fes­sorin für mit­te­lal­ter­liche Geschichte und für die Didak­tik der Geschichte an der Uni­ver­sität Flens­burg, eben­so nimmt sie Lehraufträge und Assozi­ierun­gen an der Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin wahr.

Datum: 27. Novem­ber 2009

Uhrzeit: 18.00 Uhr

Ort: Anna- Siem­sen- Hör­saal

(Von- Melle- Park 8 )

Vortrag zu kompetenzorientiertem Geschichtslernen an Gedenkstätten

Kör­ber, Andreas (3. 10. 2009): “Lehrer, Gedenkstät­ten, Schüler. Zum Ver­hält­nis von schulis­ch­er und außer­schulis­ch­er Bil­dung an Gedenkstät­ten.” Vor­trag, gehal­ten auf dem Kol­lo­qui­um: “Das KZ Neuengamme und seine Außen­lager. Geschichte, Nachgeschichte, Erin­nerung, Bil­dung” in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Kör­ber, Andreas (3. 10. 2009): “Lehrer, Gedenkstät­ten, Schüler. Zum Ver­hält­nis von schulis­ch­er und außer­schulis­ch­er Bil­dung an Gedenkstät­ten.” Vor­trag, gehal­ten auf dem Kol­lo­qui­um: “Das KZ Neuengamme und seine Außen­lager. Geschichte, Nachgeschichte, Erin­nerung, Bil­dung” in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Gastvortrag: Learning Each Other’s Historical Narrative

Learning Each Other‘s Historical Narrative — Gastvortrag

Vor­trag am 16. Juli 2009 16:15

Ein­ladung zu einem

Gastvor­trag
in englis­ch­er Sprache

Prof. Dr. Shifra Sagy
(Ben-Guri­on-Uni­ver­si­ty of the Negev;
Beer-She­va, Israel)

Prof. Dr. Sami Adwan
(Beth­le­hem Uni­ver­si­ty,
Pales­tin­ian Author­i­ty)

Learn­ing Each Other‘s His­tor­i­cal Nar­ra­tive
An inno­v­a­tive form of peace-pro­mot­ing his­to­ry teach­ing and its back­ground con­di­tions in con­flict­ing soci­eties

Sami Adwan, Prof. of Edu­ca­tion in Beth­le­hem, is co-ini­tia­tor (togeth­er with the late with Dan Bar-On) and co-direc­tor of PRIME, the Peace-Research Insti­tute for the Mid­dle East in Tal­itha Kumi. In this func­tion, he ini­ti­at­ed a project for pro­mot­ing a cul­ture of mutu­al under­stand­ing among Jew­ish Israeli and Pales­tin­ian Stu­dents using a his­to­ry text­book pre­sent­ing the his­to­ry of their soci­eties‘ con­flict in two con­trast­ing nar­ra­tives (Learn­ing each other‘s his­tor­i­cal nar­ra­tive; 3 vol­umes). This project makes use of prin­ci­ples which cor­re­late with stan­dard prin­ci­ples of his­to­ry teach­ing, the­o­ret­i­cal­ly cher­ished in Ger­man his­to­ry didac­tics, how­ev­er not ful­ly imple­ment­ed in teach­ing mate­ri­als so far (mul­ti­per­spec­tiv­i­ty, con­tro­ver­sial­ty, ori­en­ta­tion on nar­ra­tives rather than only on pri­ma­ry sources). Prof. Adwan will give a pre­sen­ta­tion about the idea of, the con­cept for and the expe­ri­ences with this project.

Shifra Sagy, Prof. of Psy­chol­o­gy, has under­tak­en empir­i­cal research about the per­cep­tion of the mutu­al con­flict among Jew­ish and Arab Israeli stu­dents in a lon­gi­tu­di­nal study. She will present her results and dis­cuss them with spe­cial regard to effects of the the chang­ing polit­i­cal sit­u­a­tion onto both the per­cep­tion and inter­pre­ta­tion both of the past and on the atti­tudes towards the oth­er.

Fakultät für Erziehungswis­senschaft, Psy­cholo­gie und Bewe­gungswis­senschaft

Pro­fes­sur für Erziehungswis­senschaft

unter bes. Berück­sich­ti­gung der Didak­tik der Geschichte und der Poli­tik

Prof. Dr. Andreas Kör­ber