Sinnbildungstypen: Analytische Nutzung und Bedarf weiterer Differenzierung

Bekan­nter­maßen hat die Lehre der Sinnbil­dungstypen nach Jörn Rüsen, bei Ernst Bern­heim bere­its vorgeprägt, mehrere Erweiterun­gen und Verän­derun­gen erfahren. Von Bedeu­tung sind vor allem die Alter­na­tiv­for­mulierun­gen von Hans-Jür­gen-Pan­del, der mit dem zyk­lis­chen und dem organ­is­chen zwei weit­ere Nar­ra­tions­mo­di hinzufügt und das genetis­che in “gegen­warts­genetis­ches” und “telis­ches” Erzählen aus­d­if­feren­ziert1, sowie die Anord­nung von dreien der vier Rüsen’schen Typen in ein­er Spi­rale (samt ein­er ten­ta­tiv­en Erweiterung nach “unten” und “oben”) und ihrer jew­eili­gen Ergänzung durch eigene Kri­tik­for­men durch Bodo von Bor­ries 1988.2

Mit Hil­fe dieser Sinnbil­dungstypen lassen sich zwar nicht alle, wohl aber wesentliche Grund­struk­turen von his­torischen Aus­sagen analysieren und typ­isieren3

Allerd­ings zeigt sich in der Prax­is recht schnell, dass es auch For­men his­torisch­er Sinnbil­dung gibt, die mit den so gegebe­nen Begrif­f­en eben nicht hin­re­ichend erfasst wer­den. An einem recht aktuellen Beispiel aus der Geschicht­skul­tur sein das kurz illus­tri­ert:

Joki­nen, bildende Kün­st­lerin und geschicht­skul­turell wie geschicht­spoli­tisch tätige Aktivistin in Ham­burg mit deut­lichem The­men­schw­er­punkt auf der Kolo­nialgeschichte und der­jeni­gen der Nachkolo­nialen Zeit (vgl. ihr Pro­jekt “Park postkolo­nial”) hat Anfang des Jahres auf der Web­site ihres Ham­burg­er Afri­ka-Pro­jek­ts einen kurzen Artikel über das “kolo­niale Herz der ‘HafenCi­ty” veröf­fentlicht.

In ihm stellt sie zunächst die 1903 auf der Ham­burg­er Korn­haus­brücke zur Ham­burg­er Spe­ich­er­stadt aufgestell­ten Stand­bilder von Christoph Colum­bus und Vas­co da Gama (diejeni­gen für Mag­el­lan und James Cook wur­den im Zweit­en Weltkrieg zer­stört)4vor und ord­net ihre Entste­hung  kurz in die “Hochzeit der kolo­nialen Eroberung des afrikanis­chen Kon­ti­nents” ein. Daher sind die vier “Erober­erstat­uen” für sie auch “an promi­nen­ter Stelle Sinnbilder dieser ‘Pio­nier­leis­tun­gen’ europäis­ch­er Expan­sion, in deren Kiel­wass­er sich Ham­burgs Han­delsh­er­ren sahen.”

Im weit­eren Artikel ver­weist Joki­nen auf die gle­ich nebe­nan befind­liche Baustelle der HafenCi­ty und referiert die Namen wichtiger neuer Gebäude, Straßen und Plätze: dort: ‘Hum­boldthaus’, ‘Vespuc­ci­haus’, ‘Kaiserkai’, ‘Mar­co-Polo-Ter­rassen’ und ‘Mag­el­lan-Ter­rassen’. Weit­er geht es zum ‘Übersee­quarti­er’ mit nach Kolo­nial­waren benan­nten Gebäu­den. Die Beze­ich­nung ‘über­seisch’ wird (zu recht) als “tra­di­tionell […] beschni­gen­des Syn­onym für ‘kolo­nial’ charak­ter­isiert, bis der Artikel in die Frage mün­det: “Fir­miert die ‘HafenCi­ty’ jet­zt als überdi­men­sion­aler Kolo­nial­warenkrämer­laden?”

Das, was Joki­nen in ihrem Artikel referiert ist ein­deutig dem Typus der tra­di­tionalen Sinnbil­dung zuzuord­nen — und zwar sowohl 1884ff und 2003ff: Die Veweise auf und Verge­gen­wär­ti­gun­gen von Ver­gan­gen­heit sollen Gel­tung auch für die Gegen­wart haben, sie sollen gegen­wär­tiges Sein und Han­deln begrün­den. Das gilt ger­ade auch für den zitierten Ausspruch Ole von Beusts, dass im Übersee­quarti­er kün­ftig das Herz der Hafenci­ty” schlage. Wenn dort heute Kreuz­fahrtschiffe anle­gen sollen, so ist darin zwar dur­chaus eine Änderung zu erken­nen, die mit genetis­ch­er Sinnbil­dung hätte ver­ar­beit­et wer­den kön­nen (etwa im Sinne ein­er Zivil­isierung des Aus­greifens in die Welt vom kolo­nialen Aus­beu­tung­shan­del zum Devisen brin­gen­den Touris­mus), nicht aber müssen (es sind auch andere Deu­tungsmuster denkbar). Wichtig ist vielmehr, dass ger­ade solche Verän­derun­gen nicht the­ma­tisiert wur­den. Die Namensge­bung fol­gt der his­torischen Logik der zwar nicht bruchlosen, aber eben­falls nicht verän­dern­den “Anknüp­fung”.

Dass Joki­nens Artikel selb­st diese tra­di­tionale Sinnbil­dung kri­tisiert, ist unübersehrbar. Die Anführungsze­ichen bei “Pio­nier­leis­tun­gen”, der z.T. iro­nis­che Ton (“überdi­men­sion­aler Kolo­nial­warenkrämer­laden”) wie auch ein­deutigere Aus­sagen (etwa über den Protest des Eine Welt Net­zw­erks gegen “die impe­ri­alen Namen im Stad­traum”) machen dies deut­lich.

Ist also Joki­nens Darstel­lung mit Bodo von Bor­ries’ Kat­e­gorie der “tra­di­tions-kri­tis­chen Sinnbil­dung” zu fassen?

Diese ste­ht in sein­er Bear­beitung von Rüsens Sinnbil­dungslehre zwis­chen der tra­di­tionalen Sinnbil­dung und der exem­plar­ischen und beze­ich­net den­jeni­gen Modus des his­torischen Denkens, der die tra­di­tionale Logik, d.h. die ihr innewohnende Logik der Still­stel­lung von Zeit und des Fortschreibens eines Gel­tungsanspruchs, kri­tisch wen­det. “Tra­di­tions-kri­tisch” ist diejenige Sinnbil­dung, die aufzeigt, dass es nicht (mehr) aus­re­icht, auf Tra­di­tio­nen zu ver­weisen, um Gel­tung herzustellen, dass es vielmehr ander­er (kom­plex­er­er) For­men his­torisch­er Kon­ti­nu­itätsvorstel­lun­gen bedarf, um Ori­en­tierung zu ermöglichen, Sinn zu bilden.

Ist es das, was hier bei Joki­nen geschieht?

Die let­zten zwei Sätze des Artikels (gle­ich nach der Frage nach dem “überdi­men­sion­ierten Kolo­nial­warenkrämer­laden”) geben näheren Auf­schluss:

“Oder kann es Ein­sicht geben, Straßen, Plätze, Denkmäler den­jeni­gen zu wid­men, die Opfer des aus Ham­burg maßge­blich betriebe­nen Kolo­nial­is­mus wur­den” Und den­jeni­gen, die Wider­stand leis­teten gegen die aus­greifende Macht?”

Wie sind diese bei­den Sätze einzuord­nen? Welch­es Licht wer­fen Sie auf die Sinnbil­dung im Artikel selb­st?

Ganz deut­lich wird erkennbar, dass Joki­nen nicht die Logik der Tra­di­tion kri­tisiert, son­dern die konkrete impe­ri­ale Tra­di­tion. Sie ver­weist auch nicht auf Regel­haftigkeit­en oder auf Verän­derun­gen, etwa auf einen wie auch immer geart­eten Fortschritt (s.o.). Nein, sie emp­fiehlt vielmehr den Wech­sel der Tra­di­tion von der­jeni­gen der Pio­niere zu der­jeni­gen ihrer Opfer. Es geht also um eine “Gegen-Tra­di­tion”.

Insofern dieses Ansin­nen eine in der Geschichte der Geschichts- und Erin­nerungskul­tur recht junge Art des Umgangs mit der eige­nen Ver­gan­gen­heit markiert, namentlich die Anforderung, nicht die prob­lem­los der eige­nen “Wir-“Gruppe zuzurech­nen­den Helden darzustellen, zu erin­nern und zu ehren, auch nicht die eige­nen Opfer der Tat­en ander­er, son­dern die Opfer der eige­nen Tat­en unter den Anderen, ist es dur­chaus möglich, eine genetis­che Sinnbil­dung darüber zu bilden, also etwa diese Form geschicht­skul­tureller Sinnbil­dung als einen Fortschritt der selb­st-reflex­iv­en Post­mod­erne gegenüber der auf die Förderung des Eigen­grup­pen­stolzes angewiese­nen oder erpicht­en Mod­erne zu deuten — aber darum geht es hier nicht. Es ist nicht die Frage, ob Joki­nens Geshichts­be­wusst­sein “fortschrit­tlich­er” ist als das der Erbauer der Korn­haus­brücke, son­dern welche Sinnbil­dungs­form sich in ihrem Text aus­drückt (und ob daraus Kon­se­quen­zen für die The­o­rie der Sinnbil­dungstypen gezo­gen wer­den kön­nen).

Joki­nens Forderung nach Benen­nung von Straßen, Plätzen, Gebäu­den und nach Denkmälern für die Opfer des Kolo­nial­is­mus ist sein­er­seits tra­di­tion­al struk­turi­ert. Es geht ihr offenkundig darum, eine prob­lema­tisch “gewor­dene” (oder inzwis­chen als prob­lema­tisch erkan­nte) Tra­di­tion abzulösen und eine neue daneben zu stellen, die neue Iden­titäts- und Ori­en­tierungsange­bote macht.

Hier nun stellt sich ein Ter­mi­nolo­gie-Prob­lem. Joki­nens Sinnbil­dungsmuster ist offenkundig “tra­di­tons-kri­tisch” — aber ger­ade nicht in dem Sinne, wie von Bor­ries es in der Erweiterung von Rüsen meinte. Sie kri­tisiert eine Tra­di­tion, nicht Tra­di­tion an sich. Ist also die Beze­ich­nung “tra­di­tions-rktis­che Sinnbil­dung” bei von Bor­ries gut gewählt? Gilt das gle­iche für “exem­pel-kri­tisch” und “genese-kri­tisch”? Die Tat­sache, dass diese Ter­mi­ni vom Sprachge­fühl her auf Sinnbil­dun­gen passen, die gar nicht die Logik des Traditionalen/Exemplarischen/Genetischen, son­dern “nur” jew­eils konkrete Traditionen/Exempel/Genesen kri­tis­eren und andere Beispiele der­sel­ben Klasse empfehlen, lässt dies verneinen.

Wir brauchen offenkundig eine weit­ere Dif­feren­zierung im Mod­ell, die hier nur skizziert wer­den kann:

  • anthro­pol­o­gisch kon­stant
  • kon­stanz-kri­tisch
    • tra­di­tions-kri­tisch (eine bes­timmte Tra­di­tion kri­tisierend, aber in der Logik tra­di­tionalen Denkens verbleibend)
    • tra­di­tion­al­itäts-kri­tisch (die Logik tra­di­tionaler Sinnbil­dung kri­tisierend)
  • exem­plar­isch
    • exem­pel-kri­tisch (die Gel­tung und Ori­en­tierungskraft eines bes­timmten Beispiels bzw. ein­er Rei­he von Beispie­len für die eigene Gegen­wart kri­tisierend, aber inner­halb der Logik der exem­plar­ischen Sinnbil­dung verbleibend, d.h. andere, bessere Beispiele und Regeln für möglich hal­tend.)
    • exem­plarik-kri­tisch (die Logik der exem­plar­ischen Sinnbil­dung, aus ver­gan­genen Beispie­len Regeln für die Bewäl­ti­gung von Gegen­wart und Zukun­ft ableit­en zu wollen, kri­tisierend)
  • genetisch
    • genese-kri­tisch (eine bes­timmte skizzierte Entwick­lungsrich­tung kri­tisierend, aber inner­halb der Logik genetis­chen Denkens verbleibend, d.h. andere, verbesserte Vorstel­lun­gen ein­er gerichteten Entwick­lung für möglich hal­tend)
    • genetik-kri­tisch (die Logik der genetis­chen Sinnbil­dung kri­tisieren, d.h. die Vorstel­lung aus Rei­hen ver­gan­gener Beispiele eine für Gegen­wart und Zukun­ft gültige Entwick­lungs-/Ver­lauf­s­rich­tung ableit­en zu kön­nen, kri­tisierend)
  1. PANDEL, HANS-JÜRGEN (2002): “Erzählen und Erzäh­lak­te. Neuere Entwick­lun­gen in der didak­tis­chen Erzählthe­o­rie.” IN: DEMANTOWSKY, MARCO; SCHÖNEMANN, BERND (Hrsg.; 2002): Neuere geschichts­di­dak­tis­che Posi­tio­nen. Bochum: Pro­jekt-Ver­lag (Dort­munder Arbeit­en zur Schulgeschichte zur und his­torischen Didak­tik; 32), S. 39–56. []
  2. BORRIES, BODO VON (1988): Geschicht­sler­nen und Geschichts­be­wußt­sein. empirische Erkun­dun­gen zu Erwerb und Gebrauch von His­to­rie.; 1. Aufl.; Stuttgart: Klett, S. 59–96. []
  3. Dabei ist natür­lich zu beacht­en, dass  kaum eine reale Nar­ra­tion jew­eils nur einen dieser Typen in Rein­form enthält. []
  4. Vgl. auch die kurze Erläuterung im “Ham­burg Web” sowie Eifin­ger, Mar­i­on (2007): Restau­rierungs-Bericht. []

Zwei Zitate: Johan Huizinga und Keith Jenkins über den Begriff der Geschichte

Auf den ersten Blick recht ähn­lich:

Geschichte ist “die geistige Form, in der sich eine Kul­tur über ihre Ver­gan­gen­heit Rechen­schaft gibt” definierte Johan Huizin­ga (Über eine Def­i­n­i­tion des Begriffs Geschichte [s.u.], 86 bzw. 13).

Demge­genüber Kei­th Jenk­ins:

“[…] his­to­ry can be seen as the way groups/classes make sense of the past by mak­ing it theirs.” (Jenk­ins, Kei­th (1991/2002): Re-Think­ing His­to­ry. Lon­don, New York: Rout­ledge, S. 45).

Bei­de Def­i­n­i­tio­nen erken­nen nicht nur den kat­e­go­ri­alen Unter­schied zwis­chen Ver­gan­gen­heit und Geschichte an, son­dern auch die Bedeu­tung, die überindi­vidu­elle, kollek­tive Instanzen dabei haben. Bei Huizin­ga sind es “Kul­turen”, bei Jenk­ins soziale Grup­pen und/oder Klassen. Worin sie sich aber unter­schei­den — und das erscheint mir bedenkenswert, ist, dass Huizin­gas Def­i­n­i­tion voraus­set­zt, die in ein­er Geschichte reflek­tierte Ver­gan­gen­heit­sei  die “eigene” der jew­eili­gen Kul­tur, woge­gen Jenk­ins’ Def­i­n­i­tion reflek­tiert, dass sie erst durch den Akt des his­torischen Denkens zur eige­nen wird — indem sie näm­lich als solche kon­stru­iert wird, indem ein Zusam­men­hang zur eige­nen Gegen­wart hergestellt wird.

“Quelle”? “Beweis”? “Zeugnis”? Zur (auch unterrichtlichen) Frag-Würdigkeit geschichtswissenschaftlicher Konzepte

Die Wieder­lek­türe von Kei­th Jenk­ins’ Re-Think­ing His­to­ry (1991; seit 2002 bei den Rout­ledge Clas­sics) nach eini­gen Jahren zeigt mir (erneut), dass Geschicht­sun­ter­richt und Geschichts­di­dak­tik noch immer oft­mals auf reich­lich dün­nem erken­nt­nis­the­o­retis­chem Grund gebaut sind.

Gegenüber dem “klas­sis­chen” Geschicht­sun­ter­richt, der darauf aus­gelegt ist, den Ler­nen­den ein (wenn auch wis­senschaftlich abgesichertes) Geschichts­bild als Ori­en­tierung anzu­bi­eten (und mit Hil­fe päd­a­gogis­ch­er Mit­tel und Zwänge es von ihnen wieder abzu­ver­lan­gen) sind die gegen­wär­ti­gen Strö­mungen der Meth­o­d­en- und Kom­pe­ten­zori­en­tierung zwar als ein enormer Fortschritt zu werten, ins­beson­dere mit dem Ziel, die Ler­nen­den  zu eigen­ständi­gem his­torischen Denken zu befähi­gen und ihnen die dafür nöti­gen Konzepte und Ver­fahren anzu­bi­eten. Dazu gehört unter anderen inzwis­chen auch klas­sis­cher­weise (bis in Unter­richtsmod­elle hinein)1 die Unter­schei­dung zwis­chen “Quellen” und “Darstel­lun­gen”, die als eine erken­nt­nis­the­o­retis­che Grun­derken­nt­nis allen Schülern bere­its so früh wie möglich ermöglicht wer­den soll.

Das Prob­lem mit dieser Unter­schei­dung beste­ht darin, dass sie in der Form, in der sie meis­tens konzep­tion­al­isiert und oper­a­tional­isiert wird, das Prob­lem eher ver­stärkt als zu sein­er Lösung beizu­tra­gen — und zwar vor allem dadurch, dass in den meis­ten Fällen so getan wird, als wäre diese Unter­schei­dung eine, die in den Mate­ri­alien vorgegeben wäre. Dazu trägt auch die Markierung von Mate­ri­alien in Schul­büch­ern mit “Q” und “D” bei, welche den Schüler sig­nal­isieren, um welche Sorte Mate­r­i­al es sich han­delt. Genau das unter­schlägt aber, dass die Eigen­schaft, “Quelle” zu sein, den Mate­ri­alien ger­ade nicht inhärent ist. Sie wer­den — um im deutschen Sprachge­brauch zu bleiben (zu anderen Möglichkeit­en s.u.) — erst durch die Fra­gen des His­torik­ers zu Quellen. The­o­retisch ist das auch anerkan­nt, aber ger­ade die genan­nte Schul­buch­prax­is wird dem nicht gerecht.

Aber ist es damit getan (wie ich an ander­er Stelle gefordert habe), diese Kannze­ich­nung aufzugeben und dien Mate­ri­alien unter­schied­s­los mit “M” zu kennze­ich­nen, damit die Schü­lerin­nen und Schüler die Frage nach “Quelle oder Darstel­lung” immer selb­st bear­beit­en müssen (sofern nicht prag­ma­tis­cher­weise ihnen diese von Fall zu Fall auch von der Lehrper­son abgenom­men wird)? Das wäre sich­er sin­nvoll, löst das Prob­lam aber nur zu Hälfte, denn das eigentliche Prob­lem liegt im Konzept der “Quelle” selb­st — es ist erken­nt­nis­the­o­retisch unzulänglich.

Nun soll an dieser Stelle wed­er die The­o­rie der Quelle in der deutschen Geschicht­s­the­o­rie noch die The­o­rie und Geschichte des Quel­lenein­satzes im Geschicht­sun­ter­richt als solche reka­pit­uliert wer­den. Es wird also wed­er um die Konzep­tion­ali­ierun­gen und Dif­feren­zierun­gen nach Ernst Bern­heim noch nach Johann Gus­tav Droy­sen gehen noch um alter­na­tive Dif­feren­zierun­gen, etwa die Unter­schei­dung in Doku­mente und Mon­u­mente u.a. nach Pan­delxx. Ich möchte vielmehr ein kurzes Schlaglicht wer­den auf einen Zusam­men­hang, den ich in unserem Kom­pe­ten­zen-Band nur unzulänglich behan­delt habe.

In der englis­chen Geschichtswis­senschaft und Geschicht­s­the­o­rie (und darauf hat mich die Lek­türe von Kei­th Jenk­ins’ schmalem aber unge­mein anre­gen­dem Band wieder hingewiesen) wird die gle­iche Prob­lematik (unter anderem) mit ein­er etwas anderen Ter­mi­nolo­gie disku­tiert. Damit meine ich nicht so sehr, dass dort der Ter­mi­nus “Source” nicht wie in der deutschen Tra­di­tion für “Orig­i­nal­ma­te­r­i­al” reserviert wird, son­dern auch auf “Lit­er­atur”  ange­wandt wird (so dass von “Primärquellen” und “Sekundärquellen” die Rede sein kann, was bei vie­len Kol­le­gen in Deutsch­land nur als Dif­feren­zierung inner­halb der “Quellen” als legit­im anerkan­nt wird), son­dern vielmehr, dass eine inten­sive Diskus­sion um das Konzept und den Begriff der “Evi­denz” geführt wurde (sowohl in der Geschichtswis­senschaft als auch in der Didak­tik, etwa als “sec­ond order con­cept” bei Ros Ash­by — dort in Kon­trastierung zum Konzept des “Zeug­niss­es” — tes­ti­mo­ny).

Ins­beson­dere die von Jenk­ins  referierte und kom­men­tierte Debat­te um Begriff und Konzept der “Evi­denz” zwis­chen Geof­frey Elton und Edward halltt Carr wirft ein Licht auf die Konzepte, mit denen His­torik­er ihr Geschäft verse­hen, das zu reflek­tieren auch für die deutsche Geschichts­di­dak­tik sin­nvoll erscheint.

“Evi­denz” als Begriff beze­ich­net in dieser Debat­te die Eigen­schaft von Über­resten aus der Ver­gan­gen­heit, als Beleg für oder gegen eine vorgängig exis­tente Deu­tung (oder zumin­d­est Ver­mu­tung) ver­wen­det wer­den zu kön­nen — so jeden­falls die über­legene Posi­tion E.H. Carrs gegen G. Elton, welch­er “Evi­denz” als vorgängig vor dem Denken der His­torik­er dachte.2 Let­ztere Posi­tion ähnelt sehr den Vorstel­lun­gen, die in Deutsch­land mit dem Konzept der “Quelle” beze­ich­net wer­den, näm­lich dass let­ztlich das his­torische Wis­sen aus dem orig­i­nalen Mate­r­i­al aus der Ver­gan­gen­heit “entspringt”.

Jenk­ins selb­st präferiert augen­schein­lich über den durch die Ver­wen­dung bei durch Elton und inkon­sis­ten­ten Gebrauch welb­st bei Carr prob­lem­be­hafteten Begriff der “Evi­denz” den­jeni­gen der “Spur”. Die aus der Ver­gan­gen­heit überkomme­nen Mate­ri­alien sind “Spuren”, die auf ihre tat­säch­liche Gewe­sen­heit hin­weisen, selb­st aber, ohne das Zutun der His­torik­er, nichts über sie aus­sagen. Der let­ztere Aspekt ist dabei insofern wichtig, als er darauf hin­weist, dass keine auch noch so skrupulös und method­isch sauber erstellte Aus­sage die Ver­gan­gen­heit wieder her­stellen kann, da diese eben nicht aus Aus­sagen bestand.3

Wed­er der Begriff der “Evi­denz” noch der­jenige der “Quelle” ist also der “bessere”. Vielmehr sind es gegen­wär­tige, in der wis­senschaftlichen Com­mu­ni­ty etablierte Konzepte, mit denen his­torisch Denk­ende (vor allem His­torik­er) der erken­nt­nis­the­o­retis­chen Prob­leme, die ihnen beim Arbeit­en mit Mate­ri­alien begeg­nen, Herr zu wer­den tra­cht­en, nicht aber diesen Mate­ri­alien inhärente Begriffe.

Der Begriff der Quelle erscheint dabei aber dur­chaus als der prob­lema­tis­chere, ger­ade weil er let­ztlich eine Meta­pher darstellt: Das Bild sug­geriert das eigen­tätige “Entsprin­gen” der (Er-)Kenntnis bzw. des Wis­sens über die Ver­gan­gen­heit aus ihnen, wie das Wass­er in ein­er Quelle auch ohne Zutung des Men­schen her­vor­tritt. Diese Vorstel­lung ist aber (wie Jenk­ins in seinem ersten Kapi­tel ein­dringlich dar­legt) gründlich irrig. His­torisches Wis­sen “an sich” gibt es nicht. Es gibt immer nur his­torisches Wis­sen für jeman­dem, aus ein­er bes­timmten gegen­wär­ti­gen, sozialen und kul­turellen (sowie poli­tis­chen etc.) Per­spek­tive erstellt. Das ist übri­gens auch die Vorbe­din­gung dafür, dass his­torisches Wis­sen Ori­en­tierungskraft ent­fal­ten kann. Die von vie­len (Jenk­ins nen­nt sie “cer­tain­tists”) angestrebte “objek­tive” Erken­nt­nis im Sinne ein­er für alle gle­ichen und verbindlichen Geschichte dürfte näm­lich let­ztlich diese Ori­en­tierungskraft ver­lieren. Der von vie­len eben­so gefürchtete “Rel­a­tivis­mus” ist also gar keine Gefahr von Beliebigkeit.  Im Gegen­teil: Die Erken­nt­nis der Rel­a­tiv­ität his­torisch­er Erken­nt­nis (auf Grund von Per­spek­tiv­ität, Par­tial­ität, Selek­tiv­ität, Vielfalt, Gebun­den­heit an den Erfahrungs‑, Konzept‑, Wert- und Sprach­hor­i­zont des jew­eilig his­tor­sich Denk­enden) steigert vielmehr die Anforderun­gen an die Qual­ität und die Gültigkeit his­torisch­er Aus­sagen. Es reicht näm­lich nicht mehr, eine möglichst all­ge­mein stim­mige his­torische Aus­sage zu tre­f­fen — sie muss konkret ori­en­tieren. Aber das ist ein anderes The­ma.

Sum­mierend ergibt sich:

  1. Das Konzept der Quelle ist prob­lema­tisch, weil es als eine Meta­pher vom “Ursprung” der his­torischen Erken­nt­nis den tat­säch­lichen Ablauf his­torisch­er Erken­nt­nis­prozesse ver­stellt. Quellen sind eben nicht  “Aus­gangspunk­te his­torisch­er Erken­nt­nis“4,  son­dern gewis­ser­maßen ein Aus­gangs­ma­te­r­i­al unter mehreren (wenn auch eines mit beson­derem Sta­tus).

  1. Das Konzept der “Evi­denz” ist dem­jeni­gen der Quelle deut­lich über­legen, weil es anerken­nt, dass die Mate­ri­alien aus der Ver­gan­gen­heit nicht an sich, son­dern für etwas Evi­den­zcharak­ter besitzen. Allerd­ings muss dabei beachtet wer­den, dass diese Mate­ri­alien dann nicht Evi­den­zen sind, son­dern als solche genutzt wer­den kön­nen.
  2. Das Konzept der “Spur” erscheint mir hier noch am weitesten führend.

Nun geht es in diesem Blog ja nicht um Geschicht­s­the­o­rie oder his­torische Erken­nt­nis­the­o­rie als solche, son­dern um his­torischdes (Denken) Ler­nen (obwohl, wie deut­lich gewor­den sein sollte, Let­zteres nicht ohne eine gründliche Reflex­ion auf Ersteres konzip­iert wer­den kann).

Was also fol­gt aus den obi­gen Reflex­io­nen für his­torisches Ler­nen bzw. für staatlichen Geschicht­sun­ter­richt? Muss das Konzept der Quelle aus den Schul­büch­ern gestrichen wer­den — und zwar sowohl hin­sichtlich der Mate­ri­alkennze­ich­nun­gen als auch als Konzept aus dem Meth­o­d­en- oder Kom­pe­ten­z­seit­en? Muss er durch andere Konzepte, etwa den der Evi­denz oder der Spur erset­zt wer­den? Geht es also darum, die offen­sichtlich prob­lema­tis­che Ter­mi­nolo­gie der Geschichtswis­senschaft und der Geschichts­di­dak­tik über kurz oder lang zu emendieren, zu verbessern (und dann weit­er zu machen wie bish­er)? Ich denke nicht:

Ger­ade weil das Denken in den Konzepten “Quelle” und “Darstel­lung”, in der Unter­schei­dung und den damit ver­bun­de­nen erken­nt­nis­the­o­retis­chen Ideen und Überzeu­gun­gen ver­bre­it­et ist und weite Teile sowohl der fach­wis­senschaftlich erstell­ten His­to­ri­ogra­phie als auch der Geschicht­skul­tur davon geprägt sind, wäre es wenig hil­fre­ich, Schü­lerin­nen und Schülern diese Begriffe vorzuen­thal­ten. Es muss also beim his­torischen Ler­nen darum gehen, nicht nur die nach eige­nen Stan­dards akzept­ablen, son­dern auch die wei­thin akzep­tierten Begriffe zu “lehren”. Es mag hier eine Abwand­lung des Beu­tels­bach­er Kon­sens­es gel­ten: Nicht nur muss im Unter­richt kon­tro­vers erscheinen, was in Wis­senschaft und Gesellschaft kon­tro­vers ist, son­dern auch das, was in der Gesellschaft akzep­tiert und wei­thin ver­wen­det wird (also die “Kon­ven­tio­nen”) muss the­ma­tisiert wer­den. (Es ist näm­lich nicht “die Ver­gan­gen­heit” der Gegen­stand des Geschicht­sun­ter­richts, son­dern das his­torische Denken — auch das der Gesellschaft).

Aber das reicht noch nicht: Erstens, weil auch die von uns jew­eils akzep­tierten aund anerkan­nten Konzepte sich aus anderen Per­spek­tiv­en (oder auch nur bei weit­er­er Reflex­ion) als eban­falls prob­lema­tisch her­ausstellen kön­nen. Genau genom­men gibt es  ja keine “unprob­lema­tis­chen” Konzepte. Konzepte sind immer Instru­mente zum Bedenken von Fra­gen zu Sachver­hal­ten und gehören immer ein­er anderen Kat­e­gorie als die mit ihnen beze­ich­neten Sachver­halte selb­st. Insofern gehören ihre “Leis­tun­gen” und “Gren­zen”, die Bedin­gun­gen ihrer Gel­tung oder Triftigkeit zu den Begrif­f­en hinzu. Es müsste beim his­torischen Ler­nen also darum gehen, die ver­wen­de­ten Konzepte nicht nur den Ler­nen­den “anzu­di­enen”, son­dern sie ihnen reflex­iv ver­füg­bar zu machen.

Wenn Jugendliche also Begriffe und Konzepte ler­nen, dan müssen es jew­eils mehrere dieser Konzepte sein, und zwar in ver­gle­ichen­dem Zugriff und in Reflex­ion ihrer jew­eili­gen Inten­sio­nen und Exten­sio­nen. Genau das ist auch das Konzept im Kom­pe­tenz­mod­ell “His­torisches Denken”: Die ein­fache Ver­fü­gung über das jew­eilige Konzept (etwa: anhand vorgegeben­er Kri­te­rien), d.h. die Fähigkeit zur Anwen­dung des Konzepts und Begriffs, stellt eben “nur” (aber gle­ichzeit­ig: “immer­hin”) das “inter­mediäre” Niveau dar. Ela­bori­ert ist die Ver­fü­gung über die Konzepte dann zu nen­nen, wenn eben diese Leis­tun­gen und Gren­zen reflek­tiert wer­den kön­nen, wenn die Konzepte und Begriffe nicht mehr nur voraus­ge­set­zt und ange­wandt wer­den kön­nen, son­dern selb­st erken­nt­nis­the­o­retisch reflek­tiert. Erst dann kann davon gesprochen wer­den, dass der Ler­nende “kom­pe­tent” his­torisch denkt.

So kann im übri­gen auch die Sack­gasse über­wun­den wer­den, die sich aus Kei­th Jenk­ins richtiger Analyse ergeben kön­nte, dass es let­ztlich keine ein­deutig und allein richti­gen Wahrheit­skri­te­rien gibt, son­dern dass jede kul­turelle, soziale, poli­tis­che Gruppe ihre eige­nen Kri­te­rien für ihre Wahrheit auf­stellt und pflegt — woraus in der Tat ein Rel­a­tivis­mus­prob­lem entste­hen kann: Soll Schule die eine oder die andere Vari­ante, die eine oder die andere Epis­te­molo­gie zur Grund­lage machen?

Auch hier zeigt sich in Meth­o­d­en- und Kom­pe­ten­zori­en­tierung ein Ausweg: Ihr zufolge beste­ht his­torisches Ler­nen nicht nur und nicht dom­i­nant darin, den Schü­lerin­nen und Schülern eine his­torische Ori­en­tierung zu geben, son­dern sie zu befähi­gen, sich selb­st eine solche zu erar­beit­en und die his­torischen Ori­en­tierun­gen der Mit­men­schen sich zu erschließen, um mit ihnen über Geschichte und Gegen­wart zu kom­mu­nizieren. Ger­ade wenn und weil Geschichte umstrit­ten ist, darf es Schule wed­er darum gehen, Ergeb­nis (Geschichts­bild) und Grund­lage (Epis­te­molo­gie) ein­er gesellschaftlichen Gruppe, noch eine “bere­inigte”, ver­meintlich neu­trale Vari­ante zu ver­mit­teln — vielmehr muss es Ziel sein, die Ler­nen­den zu befähi­gen, sich in dieser Gemen­ge­lage von his­torischen Deu­tun­gen selb­st­ständig zurechtzufind­en.

Kei­th Jenk­ins Kri­tik an lib­eralen Vorstel­lun­gen der Möglichkeit ein­er all­seits gülti­gen Ver­sion ist wei­thin nachvol­lziehbar. Aber auch die Vorstel­lung, dass es jedem einzel­nen nicht nur möglich, son­dern jed­er auch zuständig dafür ist, selb­st­ständig zu denken, beruht auf lib­eralen Grund­sätzen. In diesem Sinne ist meine didak­tis­che Schlussfol­gerung u.a. aus Kei­th Jenk­ins’ Rel­a­tivis­mus deut­lich weniger kri­tisch gegenüber “lib­eralen” Vorstel­lun­gen.

  1. Darunter auch ein eigenes, zum Mayflower-Com­pact []
  2. []
  3. Dies ist ein Argu­ment von David Lowen­thal aus The Past is a For­eign Coun­try. Vgl. dazu wiederum Jenk­ins, S. 14. []
  4. So Arnold, Klaus: Quellen, in: Jor­dan, Ste­fan: Lexikon Geschichtswis­senschaft. Hun­dert Grund­be­griffe. Stuttgart 2002, S. 251–255, hier S. 251 []

Reflektiertes Geschichtsbewusstsein — Elemente einer Definition und Operationalisierung (Stand: 23.10.2008)

  1. Def­i­n­i­tion:
  2. Reflek­tiertes Geschichts­be­wusst­sein ist diejenige Art und Weise des Umgangs mit Geschichte, der his­torischen Sinnbil­dung, die sich ihrer eige­nen Voraus­set­zun­gen und der weit­eren Deter­mi­nan­ten und Fak­toren sowie des Ver­fahrens, sein­er Leis­tun­gen und Gren­zen bewusst ist. Während der Begriff des „Geschichts­be­wusst­seins” in sein­er Def­i­n­i­tion als „Sinnbil­dung über Zeit­er­fahrung” auch un- und unter­be­wusste Prozesse und Struk­turen ein­schließt, ist reflek­tiertes Geschichts­be­wusst­sein eine gesteigerte, informierte Form.

  3. Prämis­sen:
    1. „Geschichte” ist nicht gle­ich Ver­gan­gen­heit, son­dern immer eine par­tielle, gedeutete, kon­stru­ierte Ver­gan­gen­heit.
    2. „Geschichte” ist per­spek­tivisch.

  4. Deter­mi­nan­ten:
  5. Deter­mi­nan­ten von Geschichts­be­wusst­sein, die in einem reflek­tierten Geschichts­be­wusst­sein selb­st bewusst gemacht wer­den und argu­men­ta­tiv bew­ertet wer­den kön­nen müssen, sind u.a.:

    1. das jew­eils eigene Bedürf­nis, welch­es ein his­torisches Denken aus­gelöst bzw. angestoßen hat, darunter auch: inwieweit dieses Bedürf­nis aus der eige­nen per­sön­lichen Erfahrung entspringt,
    2. vorgängig in den Prozess des his­torischen Denkens einge­brachte Vorstel­lun­gen dessen, was am Ende dabei her­aus kom­men kön­nte: Vorstel­lun­gen von der Leis­tung his­torischen Wis­sens und Denkens, über die „Ori­en­tierungskraft” für das Indi­vidu­um und die Gesellschaft.
    3. eigene poli­tis­che, soziale, religiöse etc. Posi­tio­nen (bzw. die eigene Zuge­hörigkeit zu gegen­wär­ti­gen sozialen Grup­pen mit eige­nen Werten etc.)
    4. Vorstel­lun­gen über das Zus­tandekom­men his­torischen Wis­sens (Infor­ma­tio­nen)
      1. Wis­sen und Vorstel­lun­gen über Über­liefer­ungswege von Infor­ma­tio­nen (Quellen, Tra­di­tion, Über­rest etc.)
      2. Vorstel­lun­gen über Wahrheit und Objek­tiv­ität in der Geschichte
        1. Überzeu­gun­gen im Hin­blick auf die Frage, ob es eine erken­nt­nisun­ab­hängige Real­ität gibt und ob sie zugänglich ist
        2. Vorstel­lun­gen darüber, woran man “objek­tive” Geschicht­en erken­nen kann
      3. Vorstel­lun­gen über Per­spek­tiv­ität und Kon­tro­ver­sität von geschichtlichem Wis­sen
    5. Auf­fas­sun­gen über Plu­ral­ität und/oder Ein­heit “richtiger” Geschichte(n)
    6. Vorstel­lun­gen über die his­torischen gewor­de­nen Bedin­gun­gen der eige­nen Gegen­wart und des eige­nen Fra­gens
    7. Vorstel­lun­gen über „denk-lei­t­ende” Formeln etc.
    8. Bewusste Unter­schei­dung zwis­chen Analyse, Sachurteil und Wer­turteil

Andreas Körber; Fußleiste


Dis­tanzierung von ver­wiese­nen Seit­en;
zulet­zt geän­dert: 23.10.2008; Dr. Andreas Kör­ber

Die anthropologische Begründung des historischen Denkens nach Jörn Rüsen und die Lehre von den Sinnbildungstypen des historischen Denkens [Version 3; letzte Änderung: 25.2.2014]

Vorbemerkung

Dieser Beitrag ist ein Ver­such, einen der m.E. zen­tralen Texte zur The­o­rie des his­torischen Denkens (und Ler­nens), näm­lich das Kapi­tel “Zeit­er­fahrung und Selb­sti­den­tität” in His­torische Ver­nun­ft von Jörn Rüsen (Rüsen 1983, S. 48–58) sowie seine Typolo­gie der Sinnbil­dun­gen his­torischen Denkens und einzelne Erweiterun­gen und Verän­derun­gen der darin vorgeschla­ge­nen Konzepte und Begriffe für Anfänger ver­ständlich auszu­drück­en.

I. Geschichtsdenken ist keine ausschließliche Domäne der Wissenschaft

Geschichtswis­senschaft ist keineswegs eine Instanz, welche allein “richtiges” his­torisches Wis­sen pro­duziert. His­torisches Denken find­et immer und über­all in der Gesellschaft statt. Es ist kein Spez­i­fikum der Wis­senschaft. “His­torisches Ler­nen” sollte daher auch nicht darin gese­hen wer­den, die Ergeb­nisse der Geschichtswis­senschaft in die Köpfe der Ler­nen­den zu trans­ferieren (sog. “Abbild­di­dak­tik”), son­dern diese zu selb­st­ständi­gem his­torischen Denken zu befähi­gen. Die “Abbild­di­dak­tik” scheit­ert zudem an der Tat­sache, dass wir Aus­sagen über Geschichte immer nur in Form von Nar­ra­tio­nen besitzen, also sprach­lichen Aus­drück­en. Ein Ver­gle­ich an ein­er nar­ra­tionsun­ab­hängi­gen “Wirk­lichkeit” ist nicht denkbar, denn diese ist a) ver­gan­gen und wäre b) zu kom­plex, um über­haupt “1:1” und voll­ständig erkan­nt oder gar ver­bal­isiert wer­den zu kön­nen (vgl. Dan­to 1980).

His­torische Aus­sagen sind immer

  • nar­ra­tiv struk­turi­ert
  • ret­ro­spek­tiv
  • selek­tiv
  • per­spek­tivisch
  • in der Gegen­wart ange­siedelt

.

Was aber macht nun his­torisches Denken zu his­torischem Denken — was ist das Beson­dere an der Geschichte (z.B. im Ver­gle­ich zur Lit­er­atur oder anderen Denk­for­men?

II. Historisches Denken als anthropologisch notwendiger Prozess

Der Men­sch ist anthro­pol­o­gisch darauf angewiesen, eine Vorstel­lung davon zu haben, wie (zumin­d­est in etwa) das “Mor­gen” ausse­hen wird, in dem er han­deln will und für das er heute pla­nen muss (Rüsen 1983, S. 48ff).
Dass man ‘mor­gen’ nicht ein­fach so weit­er macht, wie heute, liegt dabei daran, dass der Men­sch in der Lage ist, sich die Welt anders vorzustellen, als sie ist, dass er also auch Verän­derun­gen pla­nen kann (“Inten­tion­al­ität­süber­schuss” nen­nt Jörn Rüsen das). Dass sich das ‘Mor­gen’ zudem vom ‘Heute’ unter­schei­den wird, ja sog­ar von dem, wie er sich das ‘Mor­gen’ heute vorstellen kann, erfährt der Men­sch aber immer dann, wenn er die ‘heuti­gen’ Erfahrun­gen mit seinen ‘gestri­gen’ Plä­nen für ‘heute’ ver­gle­icht: Es ist anders gekom­men als gedacht — und zwar in ein­er Weise, die wed­er vorherse­hbar ist, noch rein zufäl­lig (“Kontin­genz”).

Diese Erfahrung und ihre Extrap­o­la­tion in die Zukun­ft (‘wenn es heute anders ist als gestern gedacht — wie kann ich dann sagen, was mor­gen sein wird?’) kön­nte den Men­schen dazu führen, gar nicht mehr in eine Zukun­ft pla­nen zu kön­nen, also hand­lung­sun­fähig zu wer­den — wenn nicht für eine plau­si­ble Vorstel­lung gesorgt würde, wie aus dem ‘Heute’ ein ‘Mor­gen’ wird.

Eine solche Vorstel­lung, wie aus dem ‘Heute’ das ‘Mor­gen’ her­vorge­hen kann (nicht muss), ist möglich durch einen Blick zurück und die ‘Erforschung’ dessen, wie denn aus dem ‘Gestern’ das ‘Heute’ gewor­den ist — und schließlich wieder durch eine Extrap­o­la­tion der so gemacht­en Erfahrun­gen von Verän­derun­gen in eine (prinzip­iell) all­ge­me­ingültige Regel: eine “Kon­ti­nu­itätsvorstel­lung” über den Ver­lauf der Geschichte. His­torisches Denken ist der Blick zurück angesichts eines aktuellen Ori­en­tierungs­bedürfniss­es (ein­er aktuellen zeitlichen Verun­sicherung), um eine Vorstel­lung zu gewin­nen, wie ‘heute’ und ‘mor­gen’ sin­nvoll gehan­delt wer­den kann.

His­torisches Denken (“Geschichts­be­wusst­sein”) ist die Bil­dung von Sinn über die Erfahrung von zeitlich­er Kontin­genz. “Sinnbil­dung über Zeit­er­fahrung”.

Das klingt drama­tis­ch­er, als es ist: Schon der Erwerb neuen Detail­wis­sens kann dazu führen, bish­erige Vorstel­lun­gen konkretisieren zu müssen. Oft­mals wird es bei diesen ‘Ori­en­tierungs­bedürfnis­sen’ darum gehen, beste­hende Vorstel­lun­gen zu bestäti­gen. Aber dazu müssen sie grund­sät­zlich erst ein­mal in Frage gestellt wer­den: Der Blick in die Ver­gan­gen­heit öffnet beste­hende Vorstel­lun­gen vom Zeitver­lauf für eine Revi­sion.

Dieser Prozess des Zurück­blick­ens kann nicht völ­lig voraus­set­zungs­frei geschehen. Auch wird nie “die” “ganze” Geschichte ein­er Revi­sion unter­zo­gen. His­torisches Denken geht immer von aktuellen und konkreteren Irri­ta­tio­nen der bish­er geleis­teten Vorstel­lun­gen aus — und beruht daher auf jew­eils aktuellen und aus ein­er beson­deren Sit­u­a­tion entsprin­gen­den Voraus­set­zun­gen.

Diese Voraus­set­zun­gen umfassen zum Einen die konkreten Erfahrun­gen und die aus ihnen entsprin­gen­den Fra­gen an die Ver­gan­gen­heit. Aber auch diese sind natür­lich nicht frei von den vorher gemacht­en Erfahrun­gen. So gehen die soziale Posi­tion des his­torische Fra­gen­den, seine bish­eri­gen Wertvorstel­lun­gen, seine Überzeu­gun­gen, sein Wis­sen und viele Rah­menbe­din­gun­gen in das Ori­en­tierungsin­ter­esse ein — und auch in die Lei­t­en­den Hin­sicht­en, mit denen er den Blick in die Ver­gan­gen­heit wen­det. Die “Lei­t­en­den Hin­sicht­en” sind so etwas wie ein Fil­ter, mit dem die Menge der Dat­en aus der Ver­gan­gen­heit vorgängig gefiltert wird — qua­si ein mehrdi­men­sion­ales Selek­tion­sin­stru­ment, das man vor Augen nimmt, bevor man sich den Dat­en aus der Ver­gan­gen­heit zuwen­det.

Mit diesen lei­t­en­den Hin­sicht­en und den beherrscht­en Meth­o­d­en (auch diese ein aus der Gegen­wart mit­ge­brachter Fak­tor) wer­den nun die zur Ver­fü­gung ste­hen­den oder extra in Erfahrung gebracht­en ‘Dat­en’ aus der Ver­gan­gen­heit ‘gesichtet’. Mit den so gemacht­en Erfahrun­gen wer­den die beste­hen­den Vorstel­lun­gen ‘umge­baut’, so dass die anfangs irri­tieren­den neuen Erfahrun­gen mit den so gemacht­en in eine neue Kon­ti­nu­itätsvorstel­lung gebracht wer­den. Diese muss natür­lich der bish­eri­gen nicht völ­lig wider­sprechen, oft­mals genügt eine Präzisierung im Detail, manch­mal sind grundle­gen­dere Änderun­gen notwendig. Inwieweit hier wirk­lich voll­ständig neue Vorstel­lun­gen entste­hen kön­nen, ist schw­er zu entschei­den. Vieles spricht dafür, dass auch bei der Kon­struk­tion von Kon­ti­nu­itätsvorstel­lun­gen dem einzel­nen Denk­enden ein Vor­rat an Deu­tungsmustern zur Ver­fü­gung ste­ht, der nur in begren­ztem Umfang abge­wan­delt und ergänzt wer­den kann. Prinzip­ielles Umler­nen, die Kon­struk­tion völ­lig neuar­tiger Kon­ti­nu­itätsvorstel­lun­gen, ist daher vohl nur duch vielfache Abwan­delung von beste­hen­den Deu­tun­gen möglich.

III. Deutungsmuster und Sinnbildungstypen

Die den einzel­nen Denk­enden zur Ver­fü­gung ste­hen­den Deu­tungsmuster lassen sich vielfach ord­nen. Eine grundle­gende Ord­nung ist die von Jörn Rüsen erar­beit­ete Ein­teilung in vier Sinnbil­dungstypen. Es han­delt sich dabei um grundle­gende Arten von Kon­ti­nu­itätsvorstel­lun­gen die in ein­er logis­chen Rei­hen­folge hin­sichtlich ihres Kom­plex­itäts­grades ste­hen.

Tra­di­tionale Sinnbil­dung
Die Tra­di­tionale Sinnbil­dung ‘über­sieht’ den Wan­del der Ver­hält­nisse über die Zeit. Es ist diejenige Sinnbil­dung, die im Lauf der Geschichte ‘alles beim Alten’ aus­macht. Dinge, die ein­mal erre­icht wur­den, gel­ten als weit­er­hin gültig, Ver­lorenes als unwieder­bringlich dahin. Diese Sinnbil­dung ist nur so lange plau­si­bel, wie sich wirk­lich nichts wirk­lich wichtiges ändert. Unter dieser Bedin­gung hil­ft tra­di­tionales Geschichts­denken tat­säch­lich, in die Zukun­ft zu pla­nen — es ist eine Vergewis­serung dessen, was denn ent­standen und gewor­den ist und was auch ‘Mor­gen’ noch gel­ten wird.
Exem­plar­ische Sinnbil­dung
Die exem­plar­ische Sinnbil­dung irt insofern kom­plex­er, als sie Verän­derun­gen im Laufe der Zeit anerken­nt. Allerd­ings ver­sucht sie, die Verän­derun­gen als Wan­del zwis­chen ver­schiede­nen Fällen der­sel­ben Art zu ver­ste­hen, d.h. die Verän­derung wird als nur den Einzelfall betr­e­f­fend ver­standen, woge­gen grund­sät­zlich alles beim Alten bleibt. Das bedeutet aber, dass die Einzelfälle nur Beispiele für eine all­ge­me­ingültige Regel sind, die überzeitlich gilt, und dass man aus der Betra­ch­tung eines Fall­es oder mehrerer Fälle auch für einen weit­eren, kom­menden Fall ler­nen kann. His­torisches Denken zielt nun mehr auf die Erken­nt­nis ein­er überzeitlichen Regel. “Regelkom­pe­tenz” ist das Ziel.[1]
Kri­tis­che Sinnbil­dung
Kri­tis­che Sinnbil­dung ist im Mod­ell von Jörn Rüsen diejenige Sinnbil­dung, die beste­hende Ori­en­tierun­gen und Vorstel­lun­gen außer Kraft zu set­zen im Stande ist — und zwar auf Grund gegen­teiliger Erfahrun­gen im Umgang mit ver­gan­genem Mate­r­i­al. Sie lehrt, dass es doch nicht so sein kann, dass alle Einzelfälle immer nur Fälle eienr Art sind. Sie leugnet, dass es eine all­ge­me­ingültige Regel gibt, ohne schon selb­st eine neue Sinnbil­dung anzubieten.Die kri­tis­che Sinnbil­dung an dieser Stelle zwis­chen exem­plar­isch­er und genetis­ch­er Sinnbil­dung unterzubrin­gen, ist unzweck­mäßig. Vgl. die Argu­men­ta­tion im erweit­erten Mod­ell unten.
Genetis­che Sinnbil­dung
Die genetis­che Sinnbil­dung reagiert auf die Kri­tik der kri­tis­chen Sinnbil­dung. Sie erken­nt an, dass die Verän­derun­gen in der Geschichte, die die Sich­tung des empirischen Mate­ri­als ergeben hat, nicht nur Verän­derun­gen inner­halb eines überzeitlich gülti­gen Regel­sys­tems sind, son­dern dass sich die Regeln selb­st geän­dert haben. Sie ver­sucht, den Zusam­men­hang zwis­chen Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukun­ft dadurch wieder her zu stellen, dass eine gerichtete Verän­derung angenom­men wird, eine Entwick­lung und sie zielt darauf, die Rich­tung dieser Verän­derung zu erken­nen. His­torisches Ori­en­tiert­sein bedeutet nicht mehr, die all­ge­meinen Regeln zu ken­nen, son­dern eine Vorstel­lung davon zu haben, wie, d.h. in welche “Rich­tung” sich die Ver­hält­nisse geän­dert haben, und diese Entwick­lung in die Zukun­ft extrapolieren zu kön­nen.

Hinzu kommt, dass diese Typen nicht nur hin­sichtlich ihrer Kom­plex­ität aufeinan­der folgen[2], son­dern der The­o­rie zufolge auch inner­halb der His­to­ri­ogra­phiegeschichte. Etwa bis Mitte des 5.Jh. vor Chr. habe eine tra­di­tionale Geschichtss­chrei­bung vorge­herrscht, seit Thuky­dides etwa habe Geschichte die Auf­gabe Schaf­fung von Regelkom­pe­tenz angenom­men und seit dem Ende des Mit­te­lal­ters und ins­beson­dere mit Aufk­lärung und His­toris­mus sei die Gerichteth­eit von Verän­derun­gen in den Blick ger­at­en — vor allem auf Grund der Erfahrun­gen, die das Welt­bild am Beginn der Neuzeit grund­sät­zlich verän­dert haben (Ent­deck­ung Amerikas, Buch­druck, Human­is­mus) und der starken und sich beschle­u­ni­gen­den Verän­derun­gen der Lebensver­hält­nisse im Gefolge der indus­triellen Rev­o­lu­tion.

Ein weit­er­er zu beach­t­en­der Punkt ist, dass diese Typen nie in Rein­form auftreten, son­dern nach dem Mod­ell von Kom­pe­tenz und Per­for­manz zusam­men wirken: Im Laufe der Men­schheits­geschichte seien die jew­eils kom­plex­eren For­men nacheinan­der entwick­elt wor­den — in Abhängigkeit von der jew­eili­gen Wahrnehmung der Verän­der­lichkeit der Lebenswelt. Aber das bedeutet nicht, dass dieser typ dann allein vertreten gewe­sen sei. Alle weniger Kom­plex­en Typen hät­ten weit­er gewirkt. Auch wenn die Men­schen die Kom­pe­tenz zu kom­plex­erere Sinnbil­dung entwick­eln, aktu­al­isieren sie sie nicht ständig. Ein Großteil des tat­säch­lichen his­torischen Denkens find­en unter Zuhil­fe­nahme “nieder­er” Oper­a­tionstypen statt. Das mag eine Faust­formel als Hypothese ver­an­schaulichen: Solange ich einen Sachver­halt auf niedriger Kom­plex­ität­sebene zufrieden stel­lend, d.h. ori­en­tierend, zu Sinn ver­ar­beit­en kann, bleibe ich dabei, erst wenn mich eine Erken­nt­nis der Verän­derun­gen dazu führt, dies nicht als ori­en­tierend (sin­nvoll) anzuse­hen, greife ich zu den (per­formiere die) näch­sthöheren Kom­plex­itäts­for­men von Sinnbil­dung, zu denen ich fähig (kom­pe­tent) bin: “So unkom­pliziert wie möglich, so kom­plex wie nötig”. Das würde erk­lären, dass auch in ein­er Zeit stark­er Verän­derun­gen der Lebenswelt (z.B. Tech­niken­twick­lung) noch viele Dinge (im All­t­ag) mit Hil­fe von exem­plar­isch struk­turi­erten Regeln (z.B. Sprich­wörtern) ver­ar­beit­et wer­den.

Rüsen zufolge treten die Sinnbil­dungstypen gesellschaftlich also immer in charak­ter­is­tis­chen Kom­bi­na­tio­nen auf, wobei eine dom­i­nant sei. Ich denke aber, dass selb­st einzelne Sinnbil­dung­sprozesse sich nie rein einem Typ zuord­nen lassen, son­dern dass vielmehr Misch- und Kom­bi­na­tion­stypen vorkom­men. Zudem denke ich, dass in der Ver­wen­dung der Typen zur Analyse von tat­säch­lichen Sinnbil­dun­gen Vari­a­tio­nen her­aus­gear­beit­et wer­den kön­nen.

Ein sehr gutes Beispiel bilden m.E. die aktuellen Diskus­sio­nen um Gen­tech­nolo­gie und Men­schen­bild: “Fortschritt?” (opti­mistisch-genetisch) oder “wieder ein­mal ein Beispiel dafür, dass sich die Inter­essen der Mächti­gen durch­set­zen wer­den?” (pes­simistisch tra­di­tion­al bzw. exem­plar­isch) oder ein Anwen­dungs­fall für zeitüber­greifend gültige Regeln (z.B. Men­schen­rechte, exem­plar­isch), die aber weit­er entwick­elt wer­den müssen (genetisch). Hier zeigt sich m.E. sehr schön, dass die vier Sinnbil­dungstypen bei RÜSEN noch zu all­ge­mein definiert sind (bzw. über­wiegend so ver­standen wer­den). “Exem­plar­ische Sinnbil­dung” ist m.E. (auch in der Logik der Typolo­gie) nicht auf die Erken­nt­nis ein­er über *alle* Zeit­en hin­weg gültige Regel gerichtet, son­dern auf eine Regel, die über *län­gere* Zeiträume hin­weg gilt. Erst die Erken­nt­nis, dass die Regel nicht mehr gilt, zwingt zur nächst kom­plex­eren Sinnbil­dung, der genetis­chen Sinnbil­dung. Aber: Auch wenn ich weiß, dass vor langer Zeit andere Regeln gegolten haben, ich aber mit seit eben so län­ger­er Zeit bewährten Regeln auskomme (“in der Antike mag das anders gewe­sen sein, aber seit der Erfind­ung von xy gilt”). Man kön­nte dies eine “genetisch aufgek­lärte oder sen­si­bil­isierte exem­plar­ische Sinnbil­dung” nen­nen — und das trifft sich ja auch mit Rüsens Aus­sage, dass diese Typen nie in Rein­form, son­dern immer in charak­ter­is­tis­chen Kom­bi­na­tio­nen auftreten.

Das Sinnbil­dungsmod­ell ist inzwis­chen recht berühmt gewor­den. Weniger bekan­nt ist eine sub­stantielle Weiterung, die Bodo von Bor­ries vorgeschla­gen hat (von Bor­ries 1988, S. 59–96): Die Platzierung der “Kri­tis­chen Sinnbil­dung” zwis­chen exem­plar­isch­er und genetis­ch­er Sinnbil­dung bei RÜSEN ist his­to­ri­ogra­phiegeschichtlich ver­ständlich, aber unzweck­mäßig, weil sich weit­ere kri­tis­che Vari­anten (“Tra­di­tions-Kri­tik”, “Exem­pel-Kri­tik”, “Genese-Kri­tik”) denken lassen, ja eigentlich sog­ar notwendig sind. Einige weit­ere Muster lassen sich dann per Analo­gi­eschluss “erfind­en”. Das (inzwis­chen nochmal; 2013) mod­i­fizierte Mod­ell sähe dann aus wie fol­gt. Ich habe — auf­grund einiger Erfahrun­gen mit Übun­gen zum Erken­nen von Sinnbil­dungsmustern in Nar­ra­tiv­en bei Klausuren — auch Test­fra­gen einge­baut:

(anthro­pol­o­gis­che oder naturge­set­zliche) Kon­stanz
Die Vorstel­lung, dass ein Zusam­men­hang zwis­chen beobacht­baren, erfahre­nen Phänome­nen, jeglich­er Verän­derung ent­zo­gen ist, dass er qua­si naturge­set­zlichen Charak­ter hat, muss wohl von der tra­di­tionalen Sinnbil­dung unter­schieden wer­den. Hin­sichtlich des Kom­plex­itäts­grades der Verän­derungser­fahrung muss er vor der tra­di­tionalen Verän­derung platziert wer­den. Die Test­frage lautet: “Geht der Autor davon aus, dass etwas immer gültig und unverän­der­bar ist, ohne auch nur irgend­wann begonnen zu haben?”
kon­stanz-kri­tis­che Sinnbil­dung
Die Erken­nt­nis, dass in einem “zuvor” als kon­stant angenomme­nen Erfahrungs­bere­ich, hin­sichtlich eines Zusam­men­hanges doch ein Wan­del fest­stell­bar ist, müsste als “Kon­stanz-Kri­tik” beze­ich­net wer­den. Die Test­frage wäre: “Stellt der Autor (nur) in Frage, dass etwas ohne einen Beginn qua­si naturge­set­zlich gültig ist?”
Tra­di­tionale Sinnbil­dung
Die Tra­di­tionale Sinnbil­dung ‘über­sieht’ den Wan­del der Ver­hält­nisse über die Zeit. Es ist diejenige Sinnbil­dung, die im Lauf der Geschichte ‘alles beim Alten’ aus­macht. Dinge, die ein­mal erre­icht wur­den, gel­ten als weit­er­hin gültig, Ver­lorenes als unwieder­bringlich dahin. Diese Sinnbil­dung ist nur so lange plau­si­bel, wie sich wirk­lich nichts wirk­lich wichtiges ändert. Unter dieser Bedi­gung hil­ft tra­di­tionales Geschichts­denken tat­säch­lich, in die Zukun­ft zu pla­nen — es ist eine Vergewis­serung dessen, was denn ent­standen und gewor­den ist und was auch ‘Mor­gen’ noch gel­ten wird. Die Test­frage lautet: “Behauptet der Autor (ggf. impliz­it), dass etwas heute Gültiges irgend­wann in der Geschichte erfun­den, ent­deckt bzw. errun­gen wurde oder durch son­st ein Ereig­nis oder Akte (sei­ther) fortwährende Gel­tung erlangt hat?”
Kri­tisch-tra­di­tionale Sinnbil­dung
Unter “kri­tisch-tra­di­tion­al” möchte ich Sinnbil­dun­gen fassen, in welchen eine konkrete Tra­di­tion­slin­ie kri­tisiert wird, jedoch nicht, um eine andere Art, einen anderen Typus der Sinnbil­dung dage­gen zu set­zen, son­dern um eine andere Tra­di­tion (also eine Sinnbil­dung gle­ichen Typs) zu behaupten. Hier wird also nicht der Typ, son­dern die konkrete Sinnkon­struk­tion inner­halb des gle­ichen Typs kri­tisiert. Das wäre etwa der Fall, wenn für die Gel­tung ein­er bes­timmten sozialen Ord­nungeine Ursache abgelehnt und eine andere behauptet wird: “Die Sozialver­sicherung in Deutsch­land haben wir nicht Bis­mar­ck zu ver­danken — sie ist eine Errun­gen­schaft des Kampfes der Arbeit­erk­lasse”. Ob das triftig ist oder nicht — hier würde eine Tra­di­tion mit­tels ein­er anderen kri­tisiert. Die Test­frage lautet, ob der Autor einen behaupteten Beginn oder Ursprung durch einen anderen erset­zt wis­sen will.
Tra­di­tions-kri­tis­che Sinnbil­dung
Irgend­wann machen Men­schen die Erfahrung, dass nicht alles, was entste­ht, auch (gültig) bleibt, dass das, was ver­loren geht, in ähn­lich­er Form wieder entste­hen kann. Die his­torische Naiv­ität eines Geschichts­be­wusst­seins, das nur fragt, wie etwas ent­standen ist, oder wer etwas erfun­den hat, ist damit gebrochen, ohne dass eine neue Ori­en­tierungs­form ent­standen ist. Die Test­frage lautet: “Will der Autor in Frage stellen, dass das heute Gültige in der Ver­gan­gen­heit ein­fach ent­deckt, errun­gen, gefun­den oder ges­tiftet wurde und sei­ther unverän­dert gültig ist?”
Exem­plar­ische Sinnbil­dung
Nun kommt eine genauere Analyse der Dat­en aus ver­gan­genen Zeit­en zu dem Ergeb­nis, dass sich viele Dinge wieder­holen, dass es aber in den Details dur­chaus merk­bare Unter­schiede gibt. Die nun entste­hende exem­plar­ische Sinnbil­dung ist insofern kom­plex­er, als sie Verän­derun­gen im Laufe der Zeit anerken­nt. Allerd­ings ver­sucht sie, die Verän­derun­gen als Wan­del zwis­chen ver­schiede­nen Fällen der­sel­ben Art zu ver­ste­hen, d.h. die Verän­derung wird als nur den Einzelfall betr­e­f­fend ver­standen, woge­gen grund­sät­zlich alles beiom Alten bleibt. Das bedeutet aber, dass die Einzelfälle nur Beispiele für eine all­ge­me­ingültige Regel sind, die überzeitlich gilt, und dass man aus der Betra­ch­tung eines Fall­es oder mehrerer Fälle auch für einen weit­eren, kom­menden Fall ler­nen kann. His­torisches Denken zielt nun mehr auf die Erken­nt­nis ein­er überzeitlichen Regel. “Regelkom­pe­tenz” ist das Ziel. Die Test­frage lautet: “Geht der Autor davon aus, dass hin­ter den ver­schiede­nen Fällen der Geschichte eine Regel erkennbar ist, mit deren Hil­fe gegen­wär­tige Ereignisse erk­lärt und eigenes Han­deln verbessert wer­den kann?”
kri­tisch-exem­plar­ische Sinnbil­dung
Auch hier gilt, dass nicht jede Kri­tik an ein­er Regel­be­haup­tung bere­its eine Kri­tik am Sinnbil­dungstyp darstellt. Wer also die Gel­tung ein­er Regel bezweifelt, “nur” um eine andere Regel dage­gen zu set­zen, bildet nicht im Rüsen­schen Sinn (exempel-)“kritisch” Sinn, son­dern kri­tisiert inner­halb der exem­plar­ischen Sinnbil­dung. Das kön­nte man “kri­tisch-exem­plar­ische Sinnbil­dung” nen­nen. Die Test­frage lautet, ob der Autor eine bes­timmte, in ein­er Geschichte aus der Ver­gan­gen­heit abgeleit­ete (oder aus der Gegen­wart auf die Ver­gan­gen­heit pro­jizierte) Regel kri­tisiert, und eine andere Regel­haftigkeit erwartet oder behauptet. Beispiel: “Alle diese Lebens­geschicht­en zeigen keineswegs, dass was Hän­schen nicht lernt, auch für Hans nicht mehr zu erwer­ben ist, wohl aber, dass es bes­timmte soziale Bedin­gun­gen dafür gibt, ob auch in höherem Alter noch gel­ernt wer­den kann.”
Exem­pel-kri­tis­che Sinnbil­dung
Die exem­pel-kri­tis­che Sinnbil­dung etabliert sich demge­genüber in dem Moment, indem es den Men­schen nicht mehr gelingt, neuar­tige Erfahrun­gen unter eine der herge­bracht­en oder durch Analyse viel­er ähn­lich­er Fälle gewonnene Regel zu sub­sum­mieren. In dem Moment, wo die Erken­nt­nis reift, dass sich nicht nur die Anwen­dungs­fälle, son­dern auch die Logiken des Han­delns ändern, ist die kri­tik am exem­plar­ischen Denken for­muliert — jedoch noch ohne einen Vorschlag, wie man denn nun den neuen Fall über­haupt mit dem Früheren in Verbindung brin­gen soll. Zunächst erscheint alles in Frage gestellt. Die Test­frage lautet hier, ob der Autor der Vorstel­lung ein­er die (betra­chteten) Zeit­en über­dauernd gülti­gen Regel gegenüber skep­tisch ist und vielmehr eine Verän­derung behauptet. Bsp.: “Die vie­len in Sprich­wörtern greif­baren Leben­sregeln aus der Vor­mod­erne funk­tion­ieren heute nicht mehr. Es ist aber eben­so unsin­nig, sie nur genauer for­mulieren zu wollen. Die Lebensm­stände haben sich der­art weit­er­en­twick­elt, dass man mit ihnen nie­man­dem mehr etwas Gutes tut.”
Genetis­che Sinnbil­dung
Die genetis­che Sinnbil­dung reagiert auf die Kri­tik der kri­tis­chen Sinnbil­dung. Sie erken­nt an, dass die Verän­derun­gen in der Geschichte, die die Sich­tung des empirischen Mate­ri­als ergeben hat, nicht nur Verän­derun­gen inner­halb eines überzeitlich gülti­gen Regel­sys­tems sind, son­dern dass sich die Regeln selb­st geän­dert haben. Sie ver­sucht, den Zusam­men­hang zwis­chen Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukun­ft dadurch wieder her zu stellen, dass eine gerichtete Verän­derung angenom­men wird, eine Entwick­lung und sie zielt darauf, die Rich­tung dieser Verän­derung zu erken­nen. His­torisches Ori­en­tiert­sein bedeutet nicht mehr, die all­ge­meinen Regeln zu ken­nen, son­dern eine Vorstel­lung davon zu haben, wie sich die Ver­hält­nisse geän­dert haben, und diese Entwick­lung in die Zukun­ft extrapolieren zu kön­nen. Die Test­frage lautet hier, ob der Autor davon aus­ge­ht, dass er aus den Verän­derun­gen, die er in der Ver­gan­gen­heit erken­nt, eine Rich­tung weit­er­er Verän­derun­gen her­ausle­sen will, mit denen er weit­ere Verän­derun­gen in der Zukun­ft erwarten kann. Bsp.: “Irgend­wann in der Zukun­ft wird der Men­sch unsterblich sein, denn die Geschichte der Medi­zin zeugt von einem immer besseren Ver­ständ­nis der Geheimisse des Lebens und der men­schlichen Kör­per­funk­tio­nen.
Kri­tisch-genetis­che Sinnbil­dung
und auch hier ist nicht jede Kri­tik an ein­er behaupteten Entwick­lungsrich­tung gle­ich eine am genetis­chen Denken. Die Kri­tik an einem Fortschrittsop­ti­mis­mus etwa, die diesem ent­ge­gen­hält, eigentlich werde doch alles schon immer immer schlim­mer, set­zt nicht das Denken in gerichteten Entwick­lun­gen außer Kraft, son­dern kehrt lediglich die Rich­tung um. Das wäre “kri­tisch-genetisch”, nicht “genese-kri­tisch”. Die Test­frage lautet hier, ob der Autor zwar die konkrete Vorstel­lung ein­er Verän­derung für unplau­si­bel hält, nicht aber, dass es eine Entwick­lungsrich­tung gibt, die in die Zukun­ft weit­erge­ht. Bsp.: “Die Men­schheit wird nicht immer bess­er leben, weil die Forschung so große Fortschritte macht — sie wird ihre Lebens­grund­lage immer weit­er aus­beuten und das eigene Über­leben immer stärk­er gefährden. Die Geschichte der Wis­senschaften ist keine des Fortschritts son­dern eine der zunehmen­dem Über­he­blichkeit und Ver­ant­wor­tungslosigkeit”.
Genese-kri­tis­che Sinnbil­dung
Auch die Vorstel­lung ein­er(!) Entwick­lungsrich­tung in allen Fällen, erscheint zunehmend als unplau­si­bel. Wed­er die genetis­che Kon­ti­nu­itätsvorstel­lung des ‘Fortschritts’ noch eine der zunehmenden Kom­plex­ität (z.B. in der Mod­ernisierungs­the­o­rie) erk­lärt hin­re­ichend alle Erfahrun­gen. Erstere ist vor allem durch die äußerst ambiva­len­ten Erfahrun­gen mit tech­nis­chem Fortschritt (Atom­waf­fen-Overkill; Umweltver­schmutzung), aber auch mit den Ratio­nal­isierungs-Poten­tialen der Mod­erne in der Folge der Aufk­lärung (Die Juden­ver­nich­tung im Drit­ten Reich als ratio­nal geplantes Pro­jekt) nor­ma­tiv in Frage gestellt. Eine ein­fache Entwick­lungsrich­tung scheint es nicht zu geben. Die Test­frage lautet hier, ob der Autor die Vorstel­lung, dass das, was die bish­erige Entwick­lung kennze­ich­net, als nicht wirk­lich für in die Zukun­ft ver­länger­bar kri­tisiert. Bsp.: “Nur weil die Geschichte der europäis­chen Neuzeit von ein­er Mod­ernisierung, d.h. zunehmender Kom­plex­ität der gesellschaften und ihrer (Sub-)Systeme gekennze­ich­net ist, kön­nen wir keineswegs davon aus­ge­hen, dass das immer so weit­er geht, oder dass das auch auf die anderen Regio­nen der Welt über­trag­bar ist.”
[Pluri-Genetis­che Sinnbil­dung?] / [Post­mod­erne Sinnbil­dung]?
Was kommt nach der genetis­chen Sinnbil­dung? Es ist noch nicht ein­deutig gek­lärt. Ein weit­er­er Vorschlag wäre eine “Pluri-genetis­che” Sinnbil­dung, welche die Exis­tenz mehrerer, unab­hängiger Entwick­lun­gen anerken­nt.

Als Vorschlag für die Nach­folge der genetis­chen Sinnbil­dung ‘geis­tert’ die post­mod­erne Geschichtss­chrei­bung durch die Lit­er­atur. Aber insofern sie jeglichen Zusam­men­hang zwis­chen Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukun­ft in Frage stellt, geht sie zwar fun­da­men­tal über das genetis­che Konzept hin­aus, stellt sich aber auch eigentlich außer­halb dieses ganzen Sinnbil­dungskonzeptes. Zumin­d­est diejeni­gen Teile der post­mod­er­nen Geschichtss­chrei­bung, die es ablehnen, sich mit ver­gan­genen Zeit­en um gegen­wär­tiger Prob­leme zu beschäfti­gen (mit dem sehr plau­si­blen Argu­ment, dass wir die Men­schen früher­er Zeit­en nicht auf ihre Eigen­schaft, unsere Vor­fahren zu sein, reduzieren dür­fen), dürften mit der ganzen anthro­pol­o­gis­chen Grundle­gung der Sinnbil­dungstypen­lehre und der oben skizzierten Begrün­dung, warum Men­schen über­haupt his­torisch denken, nicht ein­ver­standen sein. Einzuwen­den ist dage­gen, dass wir gar nicht anders kön­nen, als von heute aus zu denken. Auch eine Geschichtss­chrei­bung, die sich um die ver­gan­gene Lebenswelt um ihrer eige­nen Kom­plex­ität und Real­ität Willen küm­mert, beruht auf Voraus­set­zun­gen aus der Gegen­wart und trifft Entschei­dun­gen. Insofern muss es legit­im sein, auch das post­mod­erne Inter­esse an der Geschichte unter den obe­nen skizzierten Kri­te­rien der Ori­en­tierung für Gegen­wart und Zukun­ft zu betra­cht­en. Ander­er­seits kann nicht geleugnet wer­den, dass diese ganze Sinnbil­dungslehre selb­st genetisch gedacht ist. Indem die ver­schiede­nen Sinnbil­dungstypen als eine Abfolge hin­sichtlich ihrer Kom­plex­ität, aber auch ihres Auftretens im Rah­men der His­to­ri­ogra­phiegeschichte (und wohl auch im Rah­men der lebens­geschichtlichen Entwick­lung jedes Einzel­nen) ange­se­hen wer­den, stellt das Mod­ell selb­st ein genetis­ches Sinnbil­dungskon­strukt dar. Men­schen, die nur exem­plar­isch denken kön­nen, kön­nen den genetis­chen Typ der ‘Abfolge’ jew­eils kom­plex­er­er Sinnbil­dungstypen gar nicht ver­ste­hen. Wenn dem so ist: Wie kann ein solch­es Mod­ell einen post-genetis­chen Sinnbil­dungstyp inte­gri­eren, ohne diesen in das genetis­che Muster zu zwin­gen? Von daher betra­chtet kön­nte es tat­säch­lich die Post­mod­erne sein, deren Sinnbil­dungslogik spez­i­fis­chen, nach-mod­er­nen Erfahrun­gen (z.B. ein­er neuen Unüber­sichtlichkeit, des Nicht-Aufge­hens von gerichteten Zukun­ftsvorstel­lun­gen) gerecht wird, die aber in einem solchen Mod­ell nicht gefasst wer­den kann.

Ein zweit­er Vorschlag, der das Mod­ell in seinen Grundzü­gen bewahren würde, wäre der­jenige, ein his­torisches Denken, welch­es nicht auf die Erken­nt­nis ein­er all­ge­meinen, ‘die’ Geschichte umgreifend­en Verän­derung aus­gerichtet ist, son­dern welch­es in ver­schieden­er Hin­sicht Plu­ral­ität und Kon­struk­tiv­ität anerken­nt, als den näch­sten Sinnbil­dungstyp zu nehmen. Ein solch­es his­torisches Denken scheint sich — nicht zulet­zt ger­ade auch auf Grund der Arbeit­en von Rüsen — her­aus zu bilden. Es geht zum einen um die Anerken­nung von Geschichte und geschichtlichem Sinn als Kon­struk­tio­nen. Ein solch­es his­torisches Denken würde dann nicht nach ‘der’ Verän­derung der Lebensver­hält­nisse in der Zeit und ‘ihrer’ Rich­tung fra­gen, son­dern zunächst nach einzel­nen Verän­derun­gen (neben denen andere ste­hen kön­nen) und es würde anerken­nen, dass ver­schiedene Kon­struk­tio­nen solch­er Verän­derungsvorstel­lun­gen nebeneinan­der existieren kön­nen. Es würde zudem kul­turell unter­schiedliche Vorstel­lun­gen von Veränderung(en) und Entwick­lung anerken­nen.

Ob das für einen neuen Sinnbil­dungstyp aus­re­icht, muss die Diskus­sion erbrin­gen.

Eine weit­ere Typolo­gie von Sinnbil­dungsmustern hat jüngst Hans-Jür­gen Pan­del vorgeschla­gen. Sie weicht in eini­gen Punk­ten von der­jeni­gen Rüsens ab (Pan­del 2002, S. 43):

Erzählumuster nach PANDEL 2002, S. 43

Hierzu einige Erläuterun­gen und Anmerkun­gen:

Tra­di­tionale Sinnbil­dung
Diese Sinnbil­dungs­form erken­nt keine Verän­derung an. Sie stellt Zeit still. Wie bei RÜSEN ken­nt sie hier keinen aus­gewiese­nen Anfang der wahrgenomme­nen und als verpflich­t­end angenomme­nen Tra­di­tion. Hier scheint eine Unterteilung in einen Typ “Kon­stanz” und einen Typ “Tra­di­tion nach einem Ursprung” (s.o.) doch über­legen zu sein.
Genetis­che Sinnbil­dung
Sie ist bei PANDEL eine expliz­it “gegenwarts”-genetische Sinnbil­dung, die eine gerichtete Verän­derung nur bis zur Gegen­wart ken­nt, nicht aber ihre Ver­längerung in die Zukun­ft. Eine solche Sinnbil­dung würde fun­da­men­tal zwis­chen den Zeitab­schnit­ten “Ver­gan­gen­heit bis Gegen­wart” und “Gegen­wart in die Zukun­ft” unter­schei­den, dass die Funk­tion, aus einem Rück­blick in die Ver­gan­gen­heit eine Vorstel­lung für Verän­derun­gen in die Zukun­ft zu erlan­gen (s.o.), nicht mehr denkbar wäre. Wenn es einen solchen Typ gibt, kann ihm kaum die Funk­tion zuge­sprochen wer­den, aus der Aufar­beitung der Ver­gan­gen­heit eine Kon­ti­nu­itätsvorstel­lung zu erar­beit­en, die in die Zukun­ft extrapoliert für zukün­ftiges Han­deln Ori­en­tierung ver­schaf­fen soll. Auch aus diesem Grund bleibt zu über­legen, ob es sich nicht um eine Verbindung zwis­chen Ele­menten genetis­ch­er und solchen tra­di­tionaler Sinnbil­dung nach RÜSEN han­delt.
Telis­che Sinnbil­dung
Hierunter ver­ste­ht PANDEL eine Sinnbil­dung, die der his­torischen Entwick­lung ein Ziel “unter­stellt”. Dies ist insofern etwas anderes als RÜSENS genetis­che Sinnbil­dung, als diese (RÜSENs) nicht ein zwin­gen­des Zulaufen auf einen definierten Zielpunkt, son­dern lediglich die Vorstel­lung ein­er Rich­tung in den wahrgenomme­nen Verän­derun­gen umfasst. PAN­DELs “telis­ches Erzählen” scheint somit ein Son­der­fall der genetis­chen Sinnbil­dung nach RÜSEN zu sein.
Zyk­lis­che Sinnbil­dung
Hierunter wird die Vorstel­lung ver­standen, dass Geschichte sich regel­recht “wieder­holt”, und zwar expliz­it im Sinne der Wiedergewin­nung eines “früheren Zus­tandes”. Damit ist also anderes gemeint als die wieder­holte (dauernde) Gültigkeit bes­timmter Grund­muster in wech­sel­nden Zusam­men­hän­gen. Das wäre ein Aus­druck exem­plar­ischen his­torischen Denkens. Hier geht es um eine echte Rück­kehr. Die zyk­lis­che Sinnbil­dung muss dann als eine wirk­liche Ergänzung des “Sinnbil­dungsarse­nals” ange­se­hen wer­den.
Organ­is­che Sinnbil­dung
Hierunter ver­ste­ht Pan­del die Vorstel­lung, dass Geschichte sich nach einem Muster vol­lzieht, wie es in der Natur vorkommt, näm­lich mit Aufstiegs‑, Hoch- und Nieder­gangsphasen ähn­lich dem Leben­szyk­lus. Solche Grund­muster liegen z.B. dem bekan­nten “Der Unter­gang des Abend­lan­des” von Oswald Spen­gler zu Grunde, zum Teil auch dem “Auf­stieg und Fall der Großen Mächte” von Paul Kennedy, zumin­d­est aber wohl allen pop­ulären Prophezeiun­gen oder Prog­nosen eines kom­menden “Zeital­ters der Asi­at­en” und ähn­lichen Vorstel­lun­gen. Auch bei diesem Sinnbil­dungstyp ist zu fra­gen, ob er nicht eine Son­der­form des exem­plar­ischen Erzäh­lens darstellt, näm­lich eine, deren Regeln so abstrakt und gle­ichzeit­ig so umfassend-unabän­der­lich sind, dass sie nicht aktiv beherrscht, son­dern nur pas­siv erkan­nt wer­den kön­nen. In diesem Sinne (Regeln als Qua­si-Naturge­set­ze) kön­nte es sich auch um eine spez­i­fis­che Verbindung von “kon­stan­ter” und exem­plar­isch­er Sinnbil­dung han­deln.

Wie erkennbar ist, fehlt diesem Mod­ell auch eine Struk­turierung des Über­gangs zwis­chen den einzel­nen For­men.

Anmerkun­gen

[1] Schöne Beispiele (ohne Ver­wen­dung der Ter­mi­nolo­gie Rüsens) und eine dif­feren­zierte Betra­ch­tung über die Entste­hung des genetis­chen Musters bietet jet­zt auch Reemts­ma 2002.

[2] Eine kürzere Erläuterung der Sinnbil­dungs­for­men mit ein­er tabel­lar­ischen Auf­stel­lung ihrer Eigen­schaften ist zu find­en in: Rüsen, Jörn (1989): “His­torisch-poli­tis­ches Bewußt­sein — was ist das?” In: Cre­mer, Will; Com­michau, Imke (Red.) (1989; Hg.): Bun­desre­pub­lik Deutsch­land. Geschichte, Bewußt­sein. Bonn: Bun­deszen­trale für poli­tis­che Bil­dung (Schriftenreihe;273); S. 119–141.

Lit­er­atur

  • von Bor­ries, Bodo (1988): Geschicht­sler­nen und Geschichts­be­wußt­sein. Empirische Erkun­dun­gen zu Erwerb und Gebrauch von His­to­rie. Stuttgart: Ernst Klett.
  • Dan­to, Arthur C. (1980 [z. 1965]): Ana­lytis­che Philoso­phie der Geschichte. Frank­furt am Main: Suhrkamp Taschen­buch Ver­lag (Suhrkamp Taschen­buch Wis­senschaft; 328); 503 S.
  • Kennedy, Paul M. (2003): Auf­stieg und Fall der großen Mächte: ökonomis­ch­er Wan­del und mil­itärisch­er Kon­flikt von 1500 bis 2000. 4. Aufl.; Frank­furt am Main: Fis­ch­er-Taschen­buch-Verl. (Fis­ch­er-Taschen­büch­er; 14968).
  • Pan­del, Hans-Jür­gen (2002): “Erzählen und Erzäh­lak­te. Neuere Entwick­lun­gen in der didak­tis­chen Erzählthe­o­rie.” In: Deman­towsky, Mar­co; Schöne­mann, Bernd (2002; Hg.): Neuere geschichts­di­dak­tis­che Posi­tio­nen. Bochum: Pro­jekt-Ver­lag (Dort­munder Arbeit­en zur Schulgeschichte zur und his­torischen Didaktik;32); S. 39–56.
  • Reemts­ma, Jan Philipp (2002): “Was heißt: Aus der Geschichte ler­nen?” In: Reemts­ma, Jan Philipp (2002): ‘Wie hätte ich mich ver­hal­ten?’ und andere nicht nur deutsche Fra­gen. München. C.H. Beck (Beck’sche Rei­he; 1489), S. 30–52.
  • Rüsen, Jörn (1983): His­torische Ver­nun­ft. Grundzüge ein­er His­torik I: Die Grund­la­gen der Geschichtswis­senschaft. Göt­tin­gen: Van­den­hoeck & Ruprecht (Kleine Van­den­hoeck-Rei­he; 1489).
  • Rüsen, Jörn (1989): “His­torisch-poli­tis­ches Bewußt­sein — was ist das?” In: Cre­mer, Will; Com­michau, Imke (Red.) (1989; Hg.): Bun­desre­pub­lik Deutsch­land. Geschichte, Bewußt­sein. Bonn: Bun­deszen­trale für poli­tis­che Bil­dung (Schriftenreihe;273); S. 119–141.
  • Rüsen, Jörn (1993): “ ‘Mod­erne’ und ‘Post­mod­erne’ als Gesicht­spunk­te ein­er Geschichte der mod­er­nen Geschichtswis­senschaft.” In: Küt­tler, Wolf­gang; Rüsen, Jörn; Schulin, Ernst (Hg.): Geschichts­diskurs. Bd. 1: Grund­la­gen und Meth­o­d­en der His­to­ri­ogra­phiegeschichte. Frankfurt/Main: Fis­ch­er Taschen­buch Ver­lag, S. 17–30.
  • Spen­gler, Oswald (2003 [zuerst 1923]): Der Unter­gang des Abend­lan­des: Umrisse ein­er Mor­pholo­gie der Welt­geschichte. Ungekürzte Ausg. Aufl.; München: Dt. Taschen­buch-Verl. (dtv; 30073).

Retrospektivität

Aus ein­er stu­den­tis­chen Hausar­beit:

“Ein weit­eres Merk­mal der Nar­ra­tiv­ität ist die Ret­ro­spek­tiv­ität. Weil Ereignisse ‘ihre Eigen­schaft, Anfang von etwas zu sein, erst im Nach­hinein’ [Pan­del 1988, S. 8] preis­geben, kann der Anfang ein­er Geschichte erst bes­timmt wer­den, nach­dem das let­zte Ereig­nis abgeschlossen ist.”

So weit, so gut.  Dieser Satz ist aber nur zum Teil gültig, weil er, streng genom­men, voraus­set­zt, dass es per­spek­tive­nun­ab­hängiges Kri­teri­um dafür gibt, was denn ein Ereig­nis zum Bestandteil ein­er Rei­he macht, und wann diese abgeschlossen ist.

Anders gesagt: man kön­nte, wenn dieser Satz zuträfe, erst anfan­gen, eine Geschichte zu erzählen, wenn man abso­lut saich­er wüsste, dass kein weit­eres Ereig­nis ‘gle­ich­er Art’ oder im gle­ichen Zusam­men­hang mehr ein­tritt.

Das ist nicht nur erken­nt­nis­the­o­retisch unmöglich, weil es den Überblick über das Ganze vor seinem poten­tiellen Ende implizierte. Es nähme dem his­torischen Denken auch die Gegen­warts- und Zukun­fts­be­deu­tung, denn zu welchem Zweck betra­cht­en man ver­gan­gene Ereignisse und stellt Zusam­men­hänge zwis­chen ihnen her, wenn nicht zu dem Zweck, für gegen­wär­tige (gle­ichar­tige oder verän­derte, auf jeden Fall zusam­men­hän­gende) Fälle Ori­en­tierung zu find­en? Wenn man aber erst bis zum let­zten Ereig­nis warten müsste — was hülfe es?

Der Satz kann also höch­stens so gemeint sein, dass erst im Nach­hinein, nach einem wenig­stens zweit­en Ereig­nis, das als vor­läu­fig let­ztes Ereig­nis mit einem oder mehreren Vor­ange­hen­den in Verbindung gebracht wer­den kann, eine nar­ra­tive Sinnbil­dung möglich ist.

Druckfassung der Dissertation

Kör­ber, Andreas (1999): Gus­tav Stre­se­mann als Europäer, Patri­ot, Weg­bere­it­er und poten­tieller Ver­hin­der­er Hitlers. His­torisch-poli­tis­che Sinnbil­dun­gen in der öffentlichen Erin­nerung. Ham­burg: Krämer; 374 S; ISBN: 9783896220325.

Kör­ber, Andreas (1999): Gus­tav Stre­se­mann als Europäer, Patri­ot, Weg­bere­it­er und poten­tieller Ver­hin­der­er Hitlers. His­torisch-poli­tis­che Sinnbil­dun­gen in der öffentlichen Erin­nerung. Ham­burg: Krämer; 374 S; ISBN: 9783896220325

Dissertation über die öffentliche Erinnerung an Gustav Stresemann

Kör­ber, Andreas (1999): ‘Europäer’, ‘Patri­ot’, ‘Weg­bere­it­er’ und ‘poten­tieller Ver­hin­der­er’ Hitlers. His­torisch-poli­tis­che Sinnbil­dun­gen in der öffentlichen Erin­nerung an Gus­tav Stre­se­mann. Dis­ser­ta­tion; Ham­burg. Uni­ver­sität; Fach­bere­ich Geschichtswis­senschaft, Jan­u­ar 1999.

Kör­ber, Andreas (1999): ‘Europäer’, ‘Patri­ot’, ‘Weg­bere­it­er’ und ‘poten­tieller Ver­hin­der­er’ Hitlers. His­torisch-poli­tis­che Sinnbil­dun­gen in der öffentlichen Erin­nerung an Gus­tav Stre­se­mann. Dis­ser­ta­tion; Ham­burg. Uni­ver­sität; Fach­bere­ich Geschichtswis­senschaft, Jan­u­ar 1999.