Hinweis: Angriff auf den Geschichtswettbewerb von Memorial in Russland

Sven Tet­zlaff von der Kör­ber-Stiftung über einen Angriff auf den rus­sis­chen Part­ner­wet­tbe­werb von Memo­r­i­al:

http://www.koerber-stiftung.de/internationale-verstaendigung/nachrichten/news-details-internationale-verstaendigung/artikel/angriff-auf-die-offene-gesellschaft.html

Historisch Denken Lernen an den neuen Debatten um die Schuld am Ersten Weltkrieg — aber wie?

Kör­ber, Andreas (5.1.2014): “His­torisch Denken Ler­nen an den neuen Debat­ten um die Schuld am Ersten Weltkrieg — aber wie?”

Es war ja zu erwarten, dass im Vor­feld des hun­dertjähri­gen Gedenkens des Beginns des Ersten Weltkrieges die Debat­ten um die Ursachen und ins­beson­dere um die “Schuld” an diesem Krieg eine erneute Kon­junk­tur erleben wür­den. Nicht nur die große neue Unter­suchung von Christo­pher Clark, welche die ins­beson­dere von Fritz Fis­ch­er vertretene These vom deutschen Kriegswillen und ins­beson­dere von der vornehm­lich deutschen Ver­ant­wor­tung erneut in Frage stellt, hat dazu deut­lich beige­tra­gen.

Was aber ist daraus zu ler­nen? Geht es darum, die — wenn man den Kom­men­ta­toren fol­gt — vornehm­lich in lib­eralen und “linken” Kreisen pop­uläre These der deutschen “Allein­schuld” in den Köpfen der Men­schen auszu­tauschen gegen die neue, Clark’sche Vari­ante ein­er mehr­seit­ig verteil­ten Verur­sachung? Das wäre his­torisches Ler­nen im Sinne ein­er recht kru­den Konzep­tion von “Abbild­di­dak­tik”, der zufolge die jew­eils aktuellen Erken­nt­nisse der His­torik­er als beste Annäherun­gen an die “his­torische Wahrheit” zu “ver­mit­teln”, nein, zu “über­mit­teln” seien. Und es wäre doch allzu wenig — nicht nur, weil es let­ztlich an der rezep­tiv­en Abhängigkeit der so Belehrten von den Forschun­gen der Fach­leute (und den pub­lizis­tis­chen Machtver­hält­nis­sen unter ihnen) nicht ändert, son­dern auch, weil damit der let­ztlich unpro­duk­tiv­en Vorstel­lung ein­er his­torischen “Wahrheit” Vorschub geleis­tet würde, die in Form ein­er Annäherung an die ver­gan­gene Wirk­lichkeit herkommt, und nicht der weitaus anschluss- und ori­en­tierungs­fähigeren Konzep­tion, derzu­folge es um die Qual­ität als rela­tionaler Konzepte zwis­chen Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit gedachter his­torisch­er Aus­sagen geht, die sich in ihrer Zus­tim­mungs­fähigkeit (“Triftigkeit” oder “Plau­si­bil­ität” in drei oder vier Dimen­sio­nen; vgl. Rüsen 1994; Rüsen 2013) bemisst. Anders gesagt: Wer über und an historische(n) Deu­tun­gen ler­nen will, muss die jew­eils spez­i­fis­chen Ori­en­tierungs­bedürfnisse, die Nor­mvorstel­lun­gen, die Imp­lika­tio­nen der einzel­nen Inter­pre­ta­tio­nen usw. mit­denken.

In diesem Zusam­men­hang sind — wie so oft — pub­lizis­tis­che Inter­ven­tio­nen von His­torik­ern und anderen öffentlichen “Ver­mit­tlern” mit­samt den öffentlichen Reak­tio­nen inter­es­sant, wie sie etwa in den Debat­ten unter Online-Zeitungsar­tikeln zuhauf zu find­en sind. Weit davon ent­fer­nt zu glauben, dass diese “die öffentliche(n) Meinung(en)” bzw. deren Verteilung reli­a­bel abbilde­ten oder auch nur die wahre Mei­n­ung der jew­eili­gen (oft­mals anony­men) Autoren, halte ich diese Debat­ten doch für sehr geeignet, his­torisches Denken zu ler­nen, weil sie zum Teil pro­to­typ­isch über­höht und zuge­spitzt Deu­tun­gen und Schlussfol­gerun­gen, Sachver­halt­sauss­gaen, Sach- und Wer­turteile präsen­tieren, die als “sag­bar” gel­ten. Es geht also in gewiss­er Form um Diskur­s­analy­sen in rudi­men­tär­er Form, um aus ihnen mögliche und unmögliche, zus­tim­mungs­fähige und prob­lema­tis­che For­men his­torisch­er Sinnbil­dung samt ihrer Gel­tungsansprüche und entsprechen­der Appelle an die Leser erschließbar zu machen, ohne dass am Ende eine gemein­same Sicht, eine von allen geteilte Bew­er­tung ste­hen muss — hof­fentlich aber doch einiges an besserem Ver­ständ­nis über die Be-Deutung(en) der jew­eili­gen Geschicht­en.

Die For­men, welche die Debat­te gegen­wär­tig anzunehmen begin­nt, sind da schon sehr auf­schlussre­ich.

In der WELT fordern heute vier namhafte deutsche Historiker(innen), näm­lich Dominik Gep­pert, Sönke Neitzel, Cora Stephan und Thomas Weber, die Ablö­sung der These von der Deutschen Allein­schuld (“Warum Deutsch­land nicht allein Schuld ist”) — und zwar dur­chaus mit (bedenkenswerten) Argu­menten, die nicht nur auf die Ver­gan­gen­heit zie­len, son­dern ger­ade auch auf die möglichen Wirkun­gen im gegen­wär­ti­gen poli­tis­chen Feld der europäis­chen Poli­tik. In unserem Zusam­men­hang inter­es­sant ist dabei die oben beraits angedeutete Bew­er­tung der These von deutsch­er Schuld als “link­er Mythos”. Die sich anschließende Diskus­sion (“Kom­mentare”) erweist sich aber als noch inter­es­san­ter. Wo die Historiker(innen) die Eig­nung des Ersten Weltkriegs und der Schuld­frage zur Bekämp­fung von Nation­al­is­mus bezweifeln, nehmen viele Kom­men­ta­toren diese Ablehnung der Fis­ch­er-These zum Anlass, um in dur­chaus rein nationalem Denken wiederum die Schuld entwed­er direkt bei den dama­li­gen Fein­den der Deutschen zu verorten oder diese von jeglich­er Schuld freizus­prechen. Wie dort die Kat­e­gorien durcheinan­der gehen, etwa “Ursache”, “Anlass”, aber auch “Schuld” und “Ver­ant­wor­tung”, macht deut­lich, dass der Opti­mis­mus der His­torik­er, mit der kor­rek­ten his­torischen Deu­tung solcher­lei Nation­al­is­men zu erschw­eren, reich­lich unbe­grün­det erscheint.

Noch inter­es­san­ter wird es aber, wenn man gle­ichzeit­ig einen Artikel des englis­chen Bil­dungsmin­is­ters Michael Gove in der englis­chen Dai­ly Mail her­anzieht — und den dazuge­höri­gen Kom­men­tar im Guardian von seinem “Schatten”-Kollegen Tris­tram Hunt). In ersterem (“Michael Gove blasts ‘Black­ad­der myths’ about the First World War spread by tele­vi­sion sit-coms and left-wing aca­d­e­mics”) kri­tisiert Grove unter anderen “linke” Geschichtsmythen, und zwar mit Hil­fe ein­er — so Hunt — “bere­inigten” Ver­sion der The­sen von Max Hast­ings, denen zufolge der Krieg ein “notwendi­ger Akt des Wider­standes gegen ein mil­i­taris­tis­ches, kriegstreiberisches und impe­ri­al­is­tis­ches Deutsch­land” (wörtlich: “a nec­es­sary act of resis­tance against a mil­i­taris­tic Ger­many bent on war­mon­ger­ing and impe­r­i­al aggres­sion”) gewe­sen sei — mit ein­er Neuau­flage von Fritz Fis­ch­ers These der deutschen Kriegss­chuld also. “In an arti­cle for the Dai­ly Mail, Mr Gove says he has lit­tle time for the view of the Depart­ment for Cul­ture and the For­eign Office that the com­mem­o­ra­tions should not lay fault at Germany’s door” ‑schreibt Mail Online. Ganz ähn­lich und in der poli­tis­chen Aus­rich­tung noch deut­lich­er auch Boris John­son: “Ger­many start­ed the Great War, but the Left can’t bear to say so” im “Tele­graph”.

Bei­der­seits der Nord­see also eine Ablehnung “link­er” The­sen — nur, dass ein­mal The­sen Fis­ch­ers als solche gel­ten und sie ein­mal gegen solche in Anschlag gebracht wer­den. Grund genug also, ger­ade auch in diesem Falle nicht allein nach der “Wahrheit” zu fra­gen, son­dern die Nar­ra­tio­nen konkret zu prüfen — zu de-kon­stru­ieren, um in der Ter­mi­nolo­gie von FUER zu bleiben.

Natür­lich sind die Kom­mentare auch in der Dai­ly Mail und im Guardian eben­falls inter­es­sant und einzubeziehen und natür­lich wird noch vieles geschehen in der Debat­te. Erst mit ihnen, mit Nar­ra­tion, Inter­pre­ta­tion sowie Wer­tung und den jew­eili­gen vielfälti­gen Gegen­po­si­tio­nen aber wird ein Mate­r­i­al daraus, welch­es es für his­torisches Ler­nen im kom­pe­ten­zori­en­tierten Sinne geeignet macht.

Eine kleine Anmerkung mein­er­seits sei aber noch ges­tat­tet:
Die Abwehr der Fis­ch­er-These als “links” und zu gefährlich ide­al­is­tisch und die Befür­wor­tung ein­er real­is­tis­cheren Sicht auf die Ursachen des Ersten Weltkriegs auch als Basis für eine real­is­tis­chere Poli­tik in Europa mag ja richtig sein. Aber es darf nicht verkan­nt wer­den, dass ger­ade auch die Fis­ch­er-Kon­tro­verse in einem his­torischen Zusam­men­hang ste­ht — wie auch die deutsche Erin­nerungspoli­tik zuvor. Dass die Fis­ch­er-These nicht zur Abwehr von Nation­al­is­mus tauge, ist also nur begren­zt richtig. In den 60er Jahren und angesichts der Fort­set­zung der Entschuldigungspoli­tik der Zwis­chenkriegszeit (man Denke an “Die große Poli­tik der europäis­chen Kabi­nette”) hat­te die Her­ausar­beitung wenn nicht der “Allein­schuld”, so aber doch des deut­lichen Kriegswil­lens dur­chaus ihre Berech­ti­gung und Funk­tion — die Kom­mentare zum WELT-Artikel bele­gen das indi­rekt noch heute.

Und noch ein paar Anmerkun­gen — als Nach­trag:

  • Die Inter­ven­tio­nen bei­der hier in aller Kürze vorgestell­ter Seit­en gehen gegen “linke” Geschichts­bilder und führen gegen sei das Inter­esse an Wahrheit und Ehrlichkeit an. Das klingt zunächst ein­mal gut. Aber die Oppo­si­tion von “Wahrheit” und “Ehrlichkeit” gegen “poli­tis­che” Geschichts­bilder ist in sich selb­st falsch — und zwar zunächst (!) unab­hängig davon, welch­er poli­tis­chen Rich­tung die kri­tisierten Geschichts­bilder entstam­men. Es würde schon enorm weit­er­helfen, anerzuerken­nen, dass jede Posi­tion, welche für sich poli­tis­che Neu­tral­ität, unpoli­tis­che “Ehrlichkeit” und “Wahrheit” beansprucht, ihrer­seits emi­nent poli­tisch ist — und zwar nicht nur, weil die sie behaup­ten­den Autoren jew­eils selb­st (hof­fentlich) poli­tis­che Men­schen mit Überzeu­gun­gen, Posi­tio­nen und Vorstel­lun­gen für gegen­wart und Zukun­ft sind und ihre Vorstel­lun­gen von der Ver­gan­gen­heit von ihnen mit geprägt wer­den, son­dern auch weil die Vorstel­lung ein­er vor­poli­tis­chen Raums der Wahrheit und der verz­er­ren­den Natur poli­tis­ch­er Per­spek­tiv­en irrig ist. Es wäre noch mehr gewon­nen, wenn die Ein­sicht, welche für die Poli­tik­di­dak­tik in den 1960er Jahren Her­mann Giesecke for­muliert hat, dass die Natur der Demokratie die Uneinigkeit und die Auseinan­der­set­zung ist und dass Kon­tro­ver­sen keineswegs ein zu ver­mei­den­des Übel, son­dern die Form sind, in welch­er notwendi­ger­weise unter­schiedliche Inter­essen an, Blicke auf und ver­ar­beitungsweisen von sozialer und poli­tis­ch­er Real­ität sicht­bar und aus­ge­han­delt wer­den, wenn diese Ein­sicht nun endlich auch auf das Feld der Geschichte über­tra­gen würde. Die Geschicht­s­the­o­rie stellt das nötige Instru­men­tar­i­um seit Langem bere­it: Geschichte ist immer stan­dort­ge­bun­den und somit per­spek­tivisch, sie ist immer par­tiell und selek­tiv und sie ist immer gegen­wär­tig. Sie ist näm­lich von der Ver­gan­gen­heit zu unter­schei­den. Während diese ein­ma­lig war und nur in ein­er Form existiert hat ist sie überkom­plex und als solche nicht zu erken­nen. Geschichte als die immer gegen­wär­tige, an einen (zeitlichen, sozialen, poli­tis­chen, kul­turellen, …) Stan­dort gebun­dene und von diesem Stand­punkt und seinen Prä­gun­gen aus geformte Erzäh­lung über (!) Ver­gan­gen­heit ist vielfältig und das zu recht. Damit ist einem Rel­a­tivis­mus das Wort gere­det, demzu­folge jede Aus­sage über diese Ver­gan­gen­heit, jede Geschichte gle­ich gut wäre, wohl aber der Ein­sicht, dass es nicht nur eine “richtige” Sicht gibt, son­dern dass auf­grund ihres rela­tionalen, Vergangenheit(en) udn gegenwarte(en) miteinan­der verbinden­den Charak­ters mehrere “gültig” sein kön­nen. Und es fol­gt eben­so daraus, dass es noch mehr unwahre Geschicht­en gibt: näm­lich solche, deren Rela­tio­nen anerkan­nten Stan­dards widersprechen.Das Resul­tat ist, dass in allen Gesellschaften, aber mehr noch in lib­eralen, plu­ralen und het­ero­ge­nen eine ständi­ge Auseinan­der­set­zung über und um Geschichte Herrschen muss, bei dessen sin­nvoller Aus­gestal­tung nicht die Über­wäl­ti­gung der jew­eils anderen zu Anerken­nung der eige­nen Darstel­lung, Deu­tung und Schlussfol­gerung das Ziel sein muss, son­dern die Her­stel­lung ein­er neuen Ebene von his­torisch­er Kul­tur­al­ität, bei der die jew­eili­gen Geschicht­en so miteinan­der kom­pat­i­bel (nicht aber iden­tisch) gemacht wer­den, dass man miteinan­der reden, denken, Gegen­wart gestal­ten und zukun­ft (aktiv) erwarten kann. Das wäre übri­gens auch “Ein­heit in Vielfalt” und stünde etwa einem “Europäis­chen Geschichts­be­wusst­sein” gut an. Es wäre aber noch mehr — es bedeutete, das his­torische Denken selb­st zu demokratisieren.
    Garaus fol­gt zum einen, dass “Geschicht­spoli­tik” nichts neg­a­tives ist — sofern der Begriff nicht ein die Geschichte zum vorder­gründi­gen Zweck miss­brauchen­des Han­deln beze­ich­net, son­dern das Poli­tik­feld, in dem solche sowie demokratis­che For­men des Rin­gens um his­torische Ori­en­tierung stat­tfind­en. Eine Ent­ge­genset­zung von “Poli­tik” und “Geschichte” ist unfrucht­bar. Bess­er wäre es, anzuerken­nen, dass demokratis­che Gesellschaften sich auch über die Gel­tungsansprüche öffentlich­er Geschicht­saus­sagen, über ihre Verbindlichkeit (Geschicht­spoli­tik) wie über die aus ihnen zu ziehen­den Schlussfol­gerun­gen im poli­tis­chen Han­deln (“Ver­gan­gen­heit­spoli­tik” in einem Sinne, der nicht nur auf die Ver­ar­beitung von Dik­tatur­erfahrun­gen beschränkt bleiben darf) immer neu auseinan­der­set­zen müssen.Daraus fol­gte aber auch, dass die Klas­si­fika­tion eines Geschichts­bildes als “links” oder “rechts” noch kein Argu­ment sein dürfte, es zu dis­qual­i­fizieren. Poli­tis­che Geschichts­bilder sind nor­mal und sie müssen als solche ernst genom­men wer­den. Man muss sich mit ihnen auseinan­der­set­zen, und sie in ihrer nar­ra­tiv­en Erk­lärungs- und Ori­en­tierungskraft disku­tieren — das meint die jüngst von Bodo von Bor­ries einge­forderte “Nar­ra­tionsprü­fung” oder “De-Kon­struk­tion”. Dass einige linke wie auch einige “rechte” Geschichts­bilder diese Prü­fung kaum über­ste­hen wer­den, dürfte klar sein — wobei ich selb­st noch immer denke, dass viele expliz­it “rechte” Geschichts­bilder auf­grund in sie einge­hen­der Nor­men und Vorstel­lun­gen prob­lema­tis­ch­er sind als viele “linke”, wobei aber natür­lich auch hier vieles prob­lema­tisch ist.
    Es wäre also viel gewon­nen, den Ver­weis auf “links” (und “rechts”) nicht als Argu­ment anzuführen, son­dern vielmehr die Geschichts­darstel­lun­gen aller Prove­nienz ein­er prü­fung zu unterziehen, die wesentlich, aber nicht nur auf den Quellen, beruht, son­dern auch die einge­hen­den Nor­men, Men­schen­bilder, Gesellschaft­s­the­o­rien, aber auch die Erk­lärungsmuster und­somit die Imp­lika­tio­nen für das heutige Zusam­men­leben in den Blick nimmt. Nichts anderes meinte übri­gens Jörn Rüsen mit seinen schon zitierten drei “Triftigkeit­en” bzw. neuerd­ings “vier Plau­si­bil­itäten”
  • Es ist aber noch etwas anderes anzumerken: Eine Schlussfol­gerung hier­aus lautet, dass die Mit­glieder min­destens der mod­er­nen, plu­ralen und het­ero­ge­nen Gesellschaften im Geschicht­sun­ter­richt und der poli­tis­chen Bil­dung in die Lage ver­set­zt wer­den müssen, eigen­ständig und ver­ant­wortlich an dieser gesellschaftlichen Auseinan­der­set­zung um Geschichte teilzunehmen. Das meint “Kom­pe­ten­zori­en­tierung”. Sie dür­fen nicht in ein­er Lage belassen oder ger­ade erst in sie ver­set­zt wer­den, dass sie nur rezep­tiv aufnehmen, was “die Fach­leute” ihnen erzählen, und mit dem Ver­weis auf ihren Fach­leute-Sta­tus legit­imieren. Ander­er­seits: die Vorstel­lung, dass jede® befähigt wer­den soll, sich seine eigene “Mei­n­ung” (oder bess­er: “Auf­fas­sung”) zu bilden, kann auch über­trieben oder dies­bezüglich missver­standen wer­den. Es geht zwar schon darum, dass “Every­man his own his­to­ri­an” sein kön­nen muss — aber die Vorstel­lung ein­er Abschaf­fung der his­tor­sichen Zun­ft der Fach­leute zugun­sten ein­er völ­li­gen “Demokratisierung” der his­torischen Forschung wäre nicht nur über­zo­gen ide­al­is­tisch — sie wäre auch töricht. Es ist zwar das Ziel des kom­pe­ten­zori­en­tierten Geschicht­sun­ter­richts, dass prinzip­iell jedes Mit­glied der mod­er­nen Gesellschaft über die grundle­gen­den Fähigkeit­en des his­torischen Denkens selb­st ver­fügt, also — etwa nach Jeis­mann — selb­st Sachver­halts­fest­stel­lun­gen (um den Begriff ein­mal abzuwan­deln) tre­f­fen, Sach- und Wer­turteile his­torisch­er Art fällen kann — aber es kann und soll nicht gemeint sein, dass jed­er in jedem Falle zum Experten wer­den soll und muss. Aber dann gehört es zur his­torischen Bil­dung und Kom­pe­tenz, Aus­sagen von His­torik­ern wie von Akteuren der öffentlichen his­torischen Debat­ten nicht nur ver­ste­hen und sich zwis­chen ihnen entschei­den zu kön­nen, son­dern sie in dem Sinne kri­tisch zu rezip­ieren, dass sie kri­tisch befragt (“hin­ter­fragt” heißt das mod­ern) und bedacht wer­den kön­nen — und zwar nicht nur auf ihre Quellen hin (“Prü­fung der empirischen Triftigkeit”), son­dern auch auf die Prämis­sen, Nor­men, Mod­elle — und auf die Imp­lika­tio­nen für die Gesellschaft und jeden einzel­nen in Gegen­wart und Zukun­ft. Das aber umfasst auch, den Sta­tus solch­er Aus­sagen als Teile ein­er (nicht zwin­gend partei‑, aber doch) poli­tis­chen Auseinan­der­set­zung um zeitliche Ori­en­tierung zu erken­nen und zu akzep­tieren. Einzelne Posi­tio­nen als “ehrlich”, weil unpoli­tisch und andere als falsch WEIL poli­tisch zu klas­si­fizieren, hil­ft dabei nicht.
  • His­torisches Ler­nen ger­ade auch im Geschicht­sun­ter­richt sollte somit nicht gedacht wer­den als die Bevor­ratung der Ler­nen­den mit ein­er bes­timmten Ori­en­tierung, son­dern vornehm­lich um die Befähi­gung der Ler­nen­den zur Selb­sto­ri­en­tierung und zur Teil­habe an der gesellschaftlichen Ori­en­tierung.

Ergänzun­gen 7.1.2014/23.1.2014:

Ein interessanter Blogeintrag zu “Mißbrauch und Gebrauch der Geschichte”

Im archäol­o­gis­chen Blog Archäologik find­et sich heute eine inter­es­sante Reflex­ion zum “Miss­brauch und Gebrauch der Geschichte” von Rain­er Schreg auf­bauend auf einem aktuellen Heft von Aus Poli­tik und Zeit­geschichte zum The­ma “Geschichte als Instru­ment”, in dem unter anderem auch Bodo von Bor­ries — Mit­glied unseres Arbeits­bere­ichs einen Artikel ver­fasst hat mit dem Titel “Zurück zu den Quellen? Plä­doy­er für die Nar­ra­tionsprü­fung”, der von Schreg sehr gelobt wird.
Aus diesem Anlass möchte ich noch kurz auf einen eige­nen Beitrag zu diesem The­ma hin­weisen:
Kör­ber, Andreas (2012): “ ‘Uses’ and ‘ab-uses’ of his­to­ry. Pos­si­ble con­se­quences for his­to­ry teach­ing at schools”. In: pedocs: .

Geschichts- und Erinnerungspolitik im Bundestag in der Kritik (zu Recht)

Geschichts- und Erin­nerungspoli­tik sind nichts Anrüchiges — zumin­d­est nicht, wenn die Begriffe die Tat­sache beze­ich­nen, dass in Gesellschaften immer und notwendig um his­torische Deu­tun­gen und ihre Rel­e­vanz im öffentlichen Gedenken gerun­gen wird, um ihre Ein­heitlichkeit und Verbindlichkeit bzw. ihre Offen­heit und Plu­ral­ität (Mul­ti­per­spek­tiv­ität, Kon­tro­ver­sität) wie die diesen Ori­en­tierungs- und Ver­ständi­gung­sprozessen zu Grunde liegen­den Struk­turen, die dabei genutzten Ver­fahren, Instru­mente usw.

Diese Ein­sicht in die Legit­im­ität und Notwendigkeit ein­er gesellschaftlichen Auseinan­der­set­zung um Ver­gan­gen­heit und ihre (Be-)Deutung(en) ist das eine. Sie darf aber nicht dazu ver­führen, das, was auf diesem Poli­tik­feld (Geschicht­spoli­tik als poli­ty) geschieht, immer nur dis­tanziert zu betra­cht­en — im Gegen­teil: ger­ade die Ein­sicht in diese Notwendigkeit und Legit­im­ität ruft dazu auf, sich aktiv an dieser Auseinan­der­set­zung zu beteili­gen mit eige­nen Geschicht­spoli­tiken (poli­cies), und andere zu kri­tisieren und (natür­lich im Rah­men der plu­ralen Ori­en­tierung) zu bekämpfen.

Dass um Geschichte gerun­gen und gestrit­ten wird, ist also ein gutes Zeichen. Einzelne (oder auch viele) dabei vertrete­nen Deu­tun­gen und Inter­pre­ta­tio­nen sind oft­mals hoch prob­lema­tisch — und zwar nicht nur in dem Sinne, dass sie “falsche” Darstel­lun­gen der eigentlich richtig erkennbaren Ver­gan­gen­heit wären, son­dern ger­ade weil ihnen poli­tis­che Inter­essen eben­so zu Grunde liegen wie Erken­nt­nis­möglichkeit­en und per­spek­tiv­en. Geschicht­spoli­tik ist so das­jenige Feld, in dem his­torische Denu­tun­gen sowohl in ihrer Bindung an die Möglichkeit­en der Erken­nt­nis, an die nor­ma­tiv­en Qual­ität­skri­te­rien his­torisch­er Re-Kon­struk­tion und Inter­pre­ta­tion und an die het­ero­ge­nen sozialen, kul­turellen, poli­tis­chen und weit­ere Per­spek­tiv­en und Inter­essen­la­gen the­ma­tisch wer­den. Sie kön­nen und müssen selb­st zum Gegen­stand von Unter­suchung und Analyse (“De-Kon­struk­tion”) wer­den — wie zum gegen­stand poli­tis­ch­er Auseinan­der­set­zung. Dass die Geschicht­spoli­tik wie die Diszi­plin der Zeit­geschichte  geprägt wird von der unau­flös­baren Verbindung von gefordert­er wis­senschaftlich­er Dis­tanz der Analyse ein­er- und der je eige­nen poli­tis­chen Per­spek­tive ander­er­seits, muss immer mit bedacht wer­den, sollte aber kein Grund sein, dieses Feld nur Experten zu über­lassen. — im Gegen­teil: Geschicht­sun­ter­richt muss diese Kom­plexe expliz­it ein­beziehen, will er Ler­nende dazu befähi­gen, an der heit­i­gen Gesellschaft aktiv und pas­siv teilzuhaben.

In diesem Sinne ist die aktuelle Kon­tro­verse um “Flucht und Vertrei­bung”, um das geplante Denkmal und Zen­trum für/gegen Vertrei­bun­gen und ganz aktuell um den aktuellen Beschluss des Deutschen Bun­destages, den 5. August als “Ver­triebe­nen-Gedenk­tag” einzuricht­en, zu begrüßen — macht sie doch die ver­schiede­nen Sichtweisen und Inter­essen an der Geschichte in unser­er Gesellschaft erst sicht­bar (wie übri­gens all die gle­ichzeit­ig und ver­set­zt ablaufend­en Debat­ten und Kon­tro­ver­sen um die Erin­nerung an die Bombe­nan­griffe auf Dres­den, usw.).

Aus didak­tis­ch­er Per­spek­tive ist diese Debat­te also zu begrüßen und zu the­ma­tisieren. Unbeschadet davon ist es natür­lich notwendig, in dieser Frage selb­st Stel­lung zu beziehen. In diesem Sinne haben gemäß heuti­gen Presse­bericht­en eine Rei­he namhafter deutsch­er His­torik­er zusam­men mit eini­gen Kol­legin­nen und Kol­le­gen aus anderen Län­dern den Bun­destags­beschluss kri­tisiert. Dieser Kri­tik ist m.E. in vollem Umfange zuzus­tim­men. Dem anzuerken­nen­den Bedürf­nis von Ver­triebe­nen und Ange­höri­gen nach Gedenken und Erin­nerun­gen kann und muss auf andere Art und Weise Rech­nung  getra­gen wer­den als mit ein­er Sym­bo­l­ik, die ein­er Gle­ich­set­zung von “Flucht und Vertrei­bung” mit dem Holo­caust gle­ichkommt.

Hinweis: Blogeintrag über didaktisch wertvolle Newsletter

Allen, die Mate­ri­alien für “gegen­wart­skon­sti­tu­ierten” (nicht nur “-bezo­ge­nen”) Geschicht­sun­ter­richt benöti­gen und dabei auch interkul­turelle Bezüge beacht­en wollen, sei der fol­gende Hin­weis von Daniel Eisen­menger auf zwei wertvolle Nachrich­t­en­di­en­ste emp­fohlen: “Zwei Newslet­ter, die sich lohnen” auf “Medi­en im Geschicht­sun­ter­richt.”

AK

Geschichtslernen an Stolpersteinen

Im Rah­men eines Sem­i­nars zu “Ler­norten” haben sich Arbeits­grup­pen mit den inzwis­chen in vie­len Städten Deutsch­lands ver­legten “Stolper­steinen” des Köl­ner Kün­stlers Gunter Dem­nig als For­men der Erin­nerung und Orten für bzw. Gegen­stän­den des Ler­nens beschäftigt.

Dabei ist mir aufge­fall­en, dass offenkundig ein Grund­muster der “Didak­tisierung” darin beste­ht, die Stolper­steine zum Anlass zu nehmen, die konkreten Biogra­phien der Opfer von Depor­ta­tion und Ver­nich­tung, an die sie erin­nern, zum eigentlichen Gegen­stand des Ler­nens zu machen. Die Beschäf­ti­gung mit den konkreten Men­schen, so die Argu­men­ta­tion, ermögliche eine ler­nende Reflex­ion auf die Auswirkun­gen der Poli­tik des Nation­al­sozial­is­mus auf konkrete Men­schen, auf die Bedin­gun­gen von Han­deln und Lei­den, und somit auch ein Ler­nen, welch­es die eigene Per­son, die Ori­en­tierung, in den Mit­telpunkt stelle — weniger die trock­e­nen “Fak­ten”.

Ich will diese Form der Didak­tisierung, welche eine Par­al­lele zum “biographis­chen Arbeit­en” in der Gedenkstät­ten­päd­a­gogik darstellt, nicht infrage stellen, möchte aber doch einige skep­tis­che Fra­gen und eine mögliche Alter­na­tive skizzieren:

    • Beste­ht nicht bei solch einem Anlass — ger­ade bei jün­geren Schüler(inne)n — die Gefahr eine Über­wäl­ti­gung durch eine Opfer­geschichte, welche den eige­nen Ver­ar­beitung­shor­i­zont über­steigt?
    • Was wäre das gewün­schte Lernziel? Iden­ti­fika­tion mit den Opfern?
      1. Wohl kaum im Sinne ein­er Pro­jek­tion in die Opfer hinein.
      2. auch wohl kaum im Sinne ein­er Veren­gung des Nach­denkens über das Geschehens aus ein­er (an Hand von Quellen) re-kon­stru­ierten oder nachemp­fun­de­nen Opfer­per­spek­tive.
        1. dass Erin­nern an Ver­gan­ge­nes in dieser Gesellschaft in ganz unter­schiedlichen For­men statt find­et
        2. dass das seinen Grund hat
        3. dass dieses Erin­nern und seine For­men keineswegs immer schon da waren und selb­stver­ständlich sind, son­dern dass um sie gerun­gen wird, darüber disku­tiert,
        4. dass Erin­nern nicht ein­fach “fer­tig” ist, wenn ein Denkmal, ein Gedenkstein, eine Stolper­stein liegt, son­dern dass es um ein immer neues Nach-Denken geht.

      Es ist somit m.E. möglich, ger­ade auch im Geschicht­sun­ter­richt über das Gedenken und Erin­nern, über For­men der Verge­gen­wär­ti­gung von Ver­gan­gen­heit als Teil des gegen­wär­ti­gen Umgangs der Gesellschaft zu ler­nen.

Dies würde kaum den Forderung entsprechen, dass Geschicht­sun­ter­richt zur Ori­en­tierung der eige­nen Iden­tität und des eige­nen Han­delns dienen soll.

Meines Eracht­ens bieten die Stolper­steine ger­ade dann einen guten Ansatzpunkt zu his­torischem Ler­nen, wenn man nicht vorschnell ihrem Ver­weis auf die konkreten Opfer fol­gt, son­dern sie zunächst als das ernst und in den Blick nimmt, was sie sind: For­men der Auseinan­der­set­zung der gegen­wär­ti­gen Gesellschaft mit der Ver­gan­gen­heit, auf die sie ver­weisen — und mit sich selb­st, als umstrit­tene For­men der Erin­nerungskul­tur zu ein­er umstrit­te­nen Ver­gan­gen­heit.
Dieser Logik zufolge müssten zunächst die Stolper­steine selb­st Gegen­stand des Ler­nens wer­den — die Tat­sache, dass sie an bes­timmten Orten liegen, dass dieses keineswegs selb­stver­ständlich ist, dass es Men­schen gibt, die sich dafür ein­set­zen (und ihre Argu­mente) und solche, die dage­gen sein — aus ver­schiede­nen Grün­den, von pro­fa­nen, erin­nerungskul­turell gedanken­losen (etwa Furcht um die Beein­träch­ti­gung des Geschäfts vor dem ein Stein liegt) über emi­nent his­torische (etwa Scham über das eigene Wegse­hen damals, aber auch über die eigene erin­nerungskul­turelle Untätigkeit oder Zöger­lichkeit) bis hin zu poli­tis­chen (Leug­nung des Geschehens, Abwehr dieser Form der ‘Schuld­präsen­ta­tion’) — aber auch zu unter­schiedlichen erin­nerungskul­turellen Sym­bo­l­iken und Wer­tun­gen (s. Zen­tral­rat der Juden, Stadt München, Sin­ti und Roma).
Durch die zunächst auf die Gegen­wart blick­ende Erschließung der Stolper­steine in ihrer Pro­gram­matik und Sym­bo­l­ik, poli­tis­chen Bedeu­tung, den Pros und Con­tras erst wird der Blick auf die konkreten Men­schen gelenkt, der­er gedacht wird. Das ist m.E. nur auf den ersten Blick eine “Instru­men­tal­isierung”, bei genauerem Hin­se­hen vielmehr eine “Aufw­er­tung”. Diese Men­schen wer­den dann näm­lich als Men­schen Gegen­stand his­torisch­er Betra­ch­tung und his­torischen Ler­nens, die dieser Gesellschaft etwas bedeuten (wenn auch unter­schiedlich­es), nicht als von außen (dem Lehrer, der Ini­tia­tive, den Autoren eines Beglei­thefts) vorgegebene Beispiele.
Ein solch­es Vorge­hen, das von der gegen­wär­ti­gen Umstrit­ten­heit aus­ge­ht, von der gegen­wär­ti­gen Erin­nerungskul­tur mit ihren Ver­w­er­fun­gen und Debat­ten, ermöglicht es m.E. auch, das Ler­nen über den Holo­caust und die Depor­ta­tio­nen in eine län­gere Pro­gres­sion zu über­führen. Mit jün­geren Schü­lerin­nen und Schülern kön­nte somit zunächst noch ohne die Gefahr der Über­forderung und Über­wäl­ti­gung die Tat­sache the­ma­tisiert wer­den,

Gefallenenehrung in Wentorf (1)

Im April dieses Jahres berichtete die Berge­dor­fer Zeitung von dem Plan, am Wen­tor­fer Ehren­mal nun auch die Namen von Gefal­l­enen und Ver­mis­sten des Zweit­en Weltkriegs anzubrin­gen.

Vgl. hierzu — mit Bildern — den Beitrag Gefal­l­enenehrung in Wen­torf (2)

Ich schrieb in diesem Zusam­men­hang den fol­gen­den Brief an die Berge­dor­fer Zeitung und einige für das Pro­jekt Ver­ant­wortliche:

Dr. Andreas Körber⋅Am Golf­platz 6a ⋅ D‑21039 Escheburg
An die Gemeinde Wen­torf
Haupt­straße 16
21465 Wen­torf
nachrichtlich:
• Berge­dor­fer Zeitung
Curslack­er Neuer Deich 50
21029 Ham­burg
• Dr. Bill Boe­hart; Archivge­mein­schaft
Schwarzen­bek; Rit­ter-Wulf-Platz 1
21493 Schwarzen­bek
• Wen­torf im Blick; Bürg­ervere­in Wen­torf
c/o Jan Chris­tiani
Müh­len­straße 62a
21465 Wen­torf
Ihr Zeichen:
Mein Zeichen: Wentorf_BZ_Gedenken_1.odt
D‑21039 Escheburg, den 12. Mai 2009

Ehren­mal für im Zweit­en Weltkrieg gefal­l­ene Wen­tor­fer?
Sehr geehrte Damen und Her­ren,
die Berge­dor­fer Zeitung berichtete in ihrer Aus­gabe vom 22. April 2009 unter dem Titel „Späte namentliche Würdi­gung“ über Pläne, am 1925 errichteten Kriegerdenkmal nun auch eine Bronzeplat­te mit Namen im Zweit­en Weltkrieg gefal­l­en­er Wen­tor­fer anzubrin­gen. In „Wen­torf im Blick“ wird dies als „Ehren­mal“ beze­ich­net, und auch der BZ-Artikel spricht von ein­er Ehrentafel.

Dr. Boe­hart ver­weist im BZ-Artikel auf die unter­schiedlichen Umgangsweisen mit der „Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung“ nach 1919 und 1945. In let­zterem Falle habe man „vielerorts nur die Dat­en ‚1939–1945‘ ergänzt“. Der Tenor des Artikel ist, dass man nun nach­holen könne und solle, was man damals nicht getan habe. Aus Ver­säum­nis ? Aus Scham? Oder aus berechtigten Grün­den?

Und sind die Ini­tia­toren und die Wen­tor­fer der Auf­fas­sung, dass eventuelle Gründe, nicht die Namen zu nen­nen, heute obso­let gewor­den sind? Ist es an der Zeit, nun die eige­nen Gefal­l­enen zu „ehren“? Ist endlich genü­gend Zeit ins Land gegan­gen?

Auf­schlussre­ich ist auch die von der BZ berichtete Antwort Dr. Boe­harts (son­st der erin­nerungspoli­tis­chen Vere­in­nahm­barkeit einiger­maßen unverdächtig) auf die Frage nach dem Gedenken an die Opfer des Nation­al­sozial­is­mus: „Ange­sprochen auf die Opfer der Nation­al­sozial­is­ten herrscht zunächst Schweigen. Boe­hart stellt schließlich fest: ‚Opfer der NS-Gesellschaft hat es auch in Wen­torf gegeben. Doch das Ehren­mal würde für ihr Gedenken nicht passen, das geht in eine andere Rich­tung. Das Anliegen müsste aber eben­so von den Bürg­ern kom­men wie die Ehrentafel.‘“

Offenkundig ist auch den Ini­tia­toren dur­chaus (unter-)bewusst, dass es so ein­fach nicht ist: Das allmäh­liche Ver­schwinden der Erleb­nis­gen­er­a­tion auf Seit­en der Opfer macht keineswegs des Weg frei zu einem befre­it­en Heldenge­denken. Haben Sie, Herr Dr. Boe­hart, die Frage der Repor­terin ern­sthaft so ver­standen, ob man die Namen von NS-Opfern umstand­los auf dem gle­ichen Gedenkstein, in der gle­ichen Sym­bo­l­ik benen­nen kön­nte? Das lehnen Sie zu Recht ab. Aber ist nicht viel eher und völ­lig zu Recht gemeint gewe­sen, ob man denn wieder anfan­gen kön­nte, der eige­nen Gefal­l­enen zu gedenken (zumal sie zu „ehren“) ohne min­destens auch der Opfer zu gedenken – der Opfer der eige­nen Tat­en? Es geht also nicht nur um das Wie und die Frage danach, ob man das am gle­ichen Ort tun kann, son­dern auch um das grund­sät­zliche Ver­hält­nis der bei­den Ehrun­gen.

Hal­ten Sie die Ver­gan­gen­heit für „bewältigt“ im zu Recht seit langem kri­tisierten Sinne des „Mit-ihr-fer­tig-Seins“, so dass man nun wieder anfan­gen kann, ver­meintlich unbe­lastet die eige­nen Gefal­l­enen zu „ehren“? Das wird spätestens dann prob­lema­tisch, wenn bekan­nt ist, dass min­destens ein­er der namentlich zu „ehren­den“ SS-Unter­schar­führer war, Träger des EK 2. Klasse, der Ostmedaille und des gold­e­nen HJ-Abze­ichens, wie seine Fam­i­lie in der Trauer­anzeige im SS-Blatt „Das schwarze Korps“ stolz auf­führt. – Ehren? Ist „ehren“ hier wirk­lich der richtige Modus des Gedenkens?

Gegen Gedenken im All­ge­meinen ist nichts einzuwen­den. Trauern um die Väter und Großväter ist auch dann zuläs­sig und notwendig, wenn diese an einem ver­brecherischen Krieg teilgenom­men haben und/oder Mit­glied ein­er ver­brecherischen Organ­i­sa­tion gewe­sen sind – um so mehr, wenn das nicht der Fall ist. Das braucht auch nicht nur pri­vat zu geschehen – aber „Ehrung“ und „Würdi­gung“?

Denkmalset­zun­gen sind gesellschaftliche Hand­lun­gen. Sie tra­gen Sym­bol­charak­ter. „Autoren“ des Denkmals sind nicht die einzel­nen Hin­terbliebe­nen, son­dern die Gemeinde Wen­torf als Ganze. Daher die Frage an die Gemeinde, d.h. an alle Wen­tor­fer:

Ist es wirk­lich an der Zeit, die Tat­en der Gefal­l­enen zu „würdi­gen“? Ist die Beteili­gung am Ost­feldzug wieder „würdig“ im Modus des Heldenge­denkens verewigt zu wer­den? Ich halte dieses für keineswegs ange­bracht. Ist es das, was die Wen­tor­fer sich und ihren Gästen zeigen wollen? Seht her, welche ruhm­re­ichen Tat­en unsere Söhne voll­bracht haben?

Was unsere Gesellschaft offenkundig braucht, ist deut­lich mehr Kom­pe­tenz im Umgang mit dem Gedenken und der öffentlichen Erin­nerung. Unter­schei­den zu kön­nen zwis­chen dem (auch sym­bol­is­chen) Heldenge­denken und der neg­a­tiv­en Erin­nerung als der Erin­nerung an die Opfer der eige­nen Tat­en; zwis­chen Opfergedächt­nis, Sieger- und Ver­lier­ergedächt­nis, ist drin­gend nötig.

Nötig wäre zudem, die mit solchen Erin­nerungs­for­men ver­bun­de­nen Gefüh­le und Emo­tio­nen ansprechen und aussprechen zu kön­nen. „Stolz“ auf die „tapfer­en eige­nen Sol­dat­en“ in einem (wom­öglich „helden­haften“) Kampf für „Führer“ (wie es in der Trauer­anzeige heißt) „Volk und Vater­land“ – ist das der beab­sichtigte Modus ?

Es gäbe andere und sin­nvollere. Was Erin­nerungskul­tur sein kann, hat ger­ade der Volks­bund Kriegs­gräber­für­sorge in Ham­burg gezeigt, der erst­mals auf ein­er (von Schülern erar­beit­eten) Gedenkplat­te an die Opfer des Luftkrieges auch die Namen der dabei ums Leben gekomme­nen Zwangsar­beit­er verze­ich­net wur­den. Eben­so haben Studierende der Hel­mut-Schmidt-Uni­ver­sität im Novem­ber auf dem Fried­hof Ohls­dorf eine Gedenk­tafel für die in deutsch­er Kriegs­ge­fan­gen­schaft umgekomme­nen sow­jetis­chen Kriegs­ge­fan­genen aufgestellt.

Wozu soll also Erin­nerung und Gedenken dienen? Wem ist damit gedi­ent, nun voller Ken­nt­nis der Ergeb­nisse zei­this­torisch­er Forschung über die Wehrma­cht und die S S, den Charak­ter des Zweit­en Weltkrieges (zumal im Osten), den alten Modus des Heldenge­denken wieder aufzu­greifen? Geht es darum, diesen Krieg und seine Teil­nehmer umzuin­ter­pretieren in einen „nor­malen“ Krieg?

Soll eine Tra­di­tion­slin­ie unverän­dert­er „nor­maler“ deutsch­er Kriegs­führung von Erstem Weltkrieg, Zweit­em Weltkrieg und Aus­land­sein­sätzen der Bun­deswehr hergestellt wer­den (wie die Worte des Bürg­er­meis­ters in der BZ nahele­gen)? Und das noch pos­i­tiv, „ehren­voll“? Dass über mögliche „Ehrun­gen“ oder (bess­er) ein Gedenken an die im Aus­land­sein­satz gestor­be­nen Bun­deswehrsol­dat­en nachgedacht wer­den muss, ist wohl unumgänglich. Dazu aber die Bun­deswehr in eine unver­brüch­liche Tra­di­tion­slin­ie deutschen Sol­da­ten­tums zu stellen und dies zudem unter nor­mal­isieren­der Einord­nung des Zweit­en Weltkrieges, ist unerträglich.

Die Bun­deswehr hat allen Grund, sich nicht als Fort­set­zung dieser Tra­di­tion zu ver­ste­hen, son­dern als Par­la­mentsarmee ein­er Demokratie mit einem ganz anderen Auf­trag: näm­lich der Friedenssicherung und ggf. ‑schaf­fung im Rah­men ein­er Welt­ge­sellschaft, die auf Men­schen­rechte verpflichtet ist. Das ist schwierig und prob­lema­tisch genug (und zu Recht strit­tig). Wer dazu aber die Tra­di­tion deutschen Sol­da­ten­tums bemüht, muss sich entwed­er fra­gen lassen, ob er die alten Tra­di­tio­nen deutschen Mil­i­taris­mus und ein­er Eroberungsarmee der Bun­deswehr wieder anempfehlen will, oder ob er „nur“ in diesem neuen Licht die Geschichte umschreiben will.

Ich hoffe, dass sich Wen­torf und die Wen­tor­fer das noch ein­mal gut über­legen.
Mit fre­undlichen Grüßen

Andreas Kör­ber

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hier das Fak­sim­i­le:

Wentorf_BZ_Gedenken_1