Gefallenenehrung in Wentorf (1)

Im April dieses Jahres berichtete die Berge­dor­fer Zeitung von dem Plan, am Wen­tor­fer Ehren­mal nun auch die Namen von Gefal­l­enen und Ver­mis­sten des Zweit­en Weltkriegs anzubrin­gen.

Vgl. hierzu — mit Bildern — den Beitrag Gefal­l­enenehrung in Wen­torf (2)

Ich schrieb in diesem Zusam­men­hang den fol­gen­den Brief an die Berge­dor­fer Zeitung und einige für das Pro­jekt Ver­ant­wortliche:

Dr. Andreas Körber⋅Am Golf­platz 6a ⋅ D‑21039 Escheburg
An die Gemeinde Wen­torf
Haupt­straße 16
21465 Wen­torf
nachrichtlich:
• Berge­dor­fer Zeitung
Curslack­er Neuer Deich 50
21029 Ham­burg
• Dr. Bill Boe­hart; Archivge­mein­schaft
Schwarzen­bek; Rit­ter-Wulf-Platz 1
21493 Schwarzen­bek
• Wen­torf im Blick; Bürg­ervere­in Wen­torf
c/o Jan Chris­tiani
Müh­len­straße 62a
21465 Wen­torf
Ihr Zeichen:
Mein Zeichen: Wentorf_BZ_Gedenken_1.odt
D‑21039 Escheburg, den 12. Mai 2009

Ehren­mal für im Zweit­en Weltkrieg gefal­l­ene Wen­tor­fer?
Sehr geehrte Damen und Her­ren,
die Berge­dor­fer Zeitung berichtete in ihrer Aus­gabe vom 22. April 2009 unter dem Titel „Späte namentliche Würdi­gung“ über Pläne, am 1925 errichteten Kriegerdenkmal nun auch eine Bronzeplat­te mit Namen im Zweit­en Weltkrieg gefal­l­en­er Wen­tor­fer anzubrin­gen. In „Wen­torf im Blick“ wird dies als „Ehren­mal“ beze­ich­net, und auch der BZ-Artikel spricht von ein­er Ehrentafel.

Dr. Boe­hart ver­weist im BZ-Artikel auf die unter­schiedlichen Umgangsweisen mit der „Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung“ nach 1919 und 1945. In let­zterem Falle habe man „vielerorts nur die Dat­en ‚1939–1945‘ ergänzt“. Der Tenor des Artikel ist, dass man nun nach­holen könne und solle, was man damals nicht getan habe. Aus Ver­säum­nis ? Aus Scham? Oder aus berechtigten Grün­den?

Und sind die Ini­tia­toren und die Wen­tor­fer der Auf­fas­sung, dass eventuelle Gründe, nicht die Namen zu nen­nen, heute obso­let gewor­den sind? Ist es an der Zeit, nun die eige­nen Gefal­l­enen zu „ehren“? Ist endlich genü­gend Zeit ins Land gegan­gen?

Auf­schlussre­ich ist auch die von der BZ berichtete Antwort Dr. Boe­harts (son­st der erin­nerungspoli­tis­chen Vere­in­nahm­barkeit einiger­maßen unverdächtig) auf die Frage nach dem Gedenken an die Opfer des Nation­al­sozial­is­mus: „Ange­sprochen auf die Opfer der Nation­al­sozial­is­ten herrscht zunächst Schweigen. Boe­hart stellt schließlich fest: ‚Opfer der NS-Gesellschaft hat es auch in Wen­torf gegeben. Doch das Ehren­mal würde für ihr Gedenken nicht passen, das geht in eine andere Rich­tung. Das Anliegen müsste aber eben­so von den Bürg­ern kom­men wie die Ehrentafel.‘“

Offenkundig ist auch den Ini­tia­toren dur­chaus (unter-)bewusst, dass es so ein­fach nicht ist: Das allmäh­liche Ver­schwinden der Erleb­nis­gen­er­a­tion auf Seit­en der Opfer macht keineswegs des Weg frei zu einem befre­it­en Heldenge­denken. Haben Sie, Herr Dr. Boe­hart, die Frage der Repor­terin ern­sthaft so ver­standen, ob man die Namen von NS-Opfern umstand­los auf dem gle­ichen Gedenkstein, in der gle­ichen Sym­bo­l­ik benen­nen kön­nte? Das lehnen Sie zu Recht ab. Aber ist nicht viel eher und völ­lig zu Recht gemeint gewe­sen, ob man denn wieder anfan­gen kön­nte, der eige­nen Gefal­l­enen zu gedenken (zumal sie zu „ehren“) ohne min­destens auch der Opfer zu gedenken – der Opfer der eige­nen Tat­en? Es geht also nicht nur um das Wie und die Frage danach, ob man das am gle­ichen Ort tun kann, son­dern auch um das grund­sät­zliche Ver­hält­nis der bei­den Ehrun­gen.

Hal­ten Sie die Ver­gan­gen­heit für „bewältigt“ im zu Recht seit langem kri­tisierten Sinne des „Mit-ihr-fer­tig-Seins“, so dass man nun wieder anfan­gen kann, ver­meintlich unbe­lastet die eige­nen Gefal­l­enen zu „ehren“? Das wird spätestens dann prob­lema­tisch, wenn bekan­nt ist, dass min­destens ein­er der namentlich zu „ehren­den“ SS-Unter­schar­führer war, Träger des EK 2. Klasse, der Ostmedaille und des gold­e­nen HJ-Abze­ichens, wie seine Fam­i­lie in der Trauer­anzeige im SS-Blatt „Das schwarze Korps“ stolz auf­führt. – Ehren? Ist „ehren“ hier wirk­lich der richtige Modus des Gedenkens?

Gegen Gedenken im All­ge­meinen ist nichts einzuwen­den. Trauern um die Väter und Großväter ist auch dann zuläs­sig und notwendig, wenn diese an einem ver­brecherischen Krieg teilgenom­men haben und/oder Mit­glied ein­er ver­brecherischen Organ­i­sa­tion gewe­sen sind – um so mehr, wenn das nicht der Fall ist. Das braucht auch nicht nur pri­vat zu geschehen – aber „Ehrung“ und „Würdi­gung“?

Denkmalset­zun­gen sind gesellschaftliche Hand­lun­gen. Sie tra­gen Sym­bol­charak­ter. „Autoren“ des Denkmals sind nicht die einzel­nen Hin­terbliebe­nen, son­dern die Gemeinde Wen­torf als Ganze. Daher die Frage an die Gemeinde, d.h. an alle Wen­tor­fer:

Ist es wirk­lich an der Zeit, die Tat­en der Gefal­l­enen zu „würdi­gen“? Ist die Beteili­gung am Ost­feldzug wieder „würdig“ im Modus des Heldenge­denkens verewigt zu wer­den? Ich halte dieses für keineswegs ange­bracht. Ist es das, was die Wen­tor­fer sich und ihren Gästen zeigen wollen? Seht her, welche ruhm­re­ichen Tat­en unsere Söhne voll­bracht haben?

Was unsere Gesellschaft offenkundig braucht, ist deut­lich mehr Kom­pe­tenz im Umgang mit dem Gedenken und der öffentlichen Erin­nerung. Unter­schei­den zu kön­nen zwis­chen dem (auch sym­bol­is­chen) Heldenge­denken und der neg­a­tiv­en Erin­nerung als der Erin­nerung an die Opfer der eige­nen Tat­en; zwis­chen Opfergedächt­nis, Sieger- und Ver­lier­ergedächt­nis, ist drin­gend nötig.

Nötig wäre zudem, die mit solchen Erin­nerungs­for­men ver­bun­de­nen Gefüh­le und Emo­tio­nen ansprechen und aussprechen zu kön­nen. „Stolz“ auf die „tapfer­en eige­nen Sol­dat­en“ in einem (wom­öglich „helden­haften“) Kampf für „Führer“ (wie es in der Trauer­anzeige heißt) „Volk und Vater­land“ – ist das der beab­sichtigte Modus ?

Es gäbe andere und sin­nvollere. Was Erin­nerungskul­tur sein kann, hat ger­ade der Volks­bund Kriegs­gräber­für­sorge in Ham­burg gezeigt, der erst­mals auf ein­er (von Schülern erar­beit­eten) Gedenkplat­te an die Opfer des Luftkrieges auch die Namen der dabei ums Leben gekomme­nen Zwangsar­beit­er verze­ich­net wur­den. Eben­so haben Studierende der Hel­mut-Schmidt-Uni­ver­sität im Novem­ber auf dem Fried­hof Ohls­dorf eine Gedenk­tafel für die in deutsch­er Kriegs­ge­fan­gen­schaft umgekomme­nen sow­jetis­chen Kriegs­ge­fan­genen aufgestellt.

Wozu soll also Erin­nerung und Gedenken dienen? Wem ist damit gedi­ent, nun voller Ken­nt­nis der Ergeb­nisse zei­this­torisch­er Forschung über die Wehrma­cht und die S S, den Charak­ter des Zweit­en Weltkrieges (zumal im Osten), den alten Modus des Heldenge­denken wieder aufzu­greifen? Geht es darum, diesen Krieg und seine Teil­nehmer umzuin­ter­pretieren in einen „nor­malen“ Krieg?

Soll eine Tra­di­tion­slin­ie unverän­dert­er „nor­maler“ deutsch­er Kriegs­führung von Erstem Weltkrieg, Zweit­em Weltkrieg und Aus­land­sein­sätzen der Bun­deswehr hergestellt wer­den (wie die Worte des Bürg­er­meis­ters in der BZ nahele­gen)? Und das noch pos­i­tiv, „ehren­voll“? Dass über mögliche „Ehrun­gen“ oder (bess­er) ein Gedenken an die im Aus­land­sein­satz gestor­be­nen Bun­deswehrsol­dat­en nachgedacht wer­den muss, ist wohl unumgänglich. Dazu aber die Bun­deswehr in eine unver­brüch­liche Tra­di­tion­slin­ie deutschen Sol­da­ten­tums zu stellen und dies zudem unter nor­mal­isieren­der Einord­nung des Zweit­en Weltkrieges, ist unerträglich.

Die Bun­deswehr hat allen Grund, sich nicht als Fort­set­zung dieser Tra­di­tion zu ver­ste­hen, son­dern als Par­la­mentsarmee ein­er Demokratie mit einem ganz anderen Auf­trag: näm­lich der Friedenssicherung und ggf. ‑schaf­fung im Rah­men ein­er Welt­ge­sellschaft, die auf Men­schen­rechte verpflichtet ist. Das ist schwierig und prob­lema­tisch genug (und zu Recht strit­tig). Wer dazu aber die Tra­di­tion deutschen Sol­da­ten­tums bemüht, muss sich entwed­er fra­gen lassen, ob er die alten Tra­di­tio­nen deutschen Mil­i­taris­mus und ein­er Eroberungsarmee der Bun­deswehr wieder anempfehlen will, oder ob er „nur“ in diesem neuen Licht die Geschichte umschreiben will.

Ich hoffe, dass sich Wen­torf und die Wen­tor­fer das noch ein­mal gut über­legen.
Mit fre­undlichen Grüßen

Andreas Kör­ber

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hier das Fak­sim­i­le:

Wentorf_BZ_Gedenken_1

Ein Beitrag zum interkulturellem Geschichtslernen zur Erinnerungskultur und Gedenkstätten:

Kör­ber, Andreas; Lenz, Clau­dia, (2006): “Das eigene Gedenken und das der Anderen. Eine Pro­jek­t­skizze zum interkul­turellen Ver­gle­ich von und zum interkul­turellen Ler­nen an Erin­nerungsnar­ra­tiv­en in Gedenkstät­ten.” In: Kör­ber, Andreas; Baeck, Oliv­er (2006; Hgg.): Der Umgang mit Geschichte an Gedenkstät­ten. Anre­gun­gen zur De-Kon­struk­tion. Neuried: ars una (The­men­hefte Geschichte; 6); ISBN: 9783893917822; S. 84–96.

Ein Beitrag zum interkul­turellem Geschicht­sler­nen zur Erin­nerungskul­tur und Gedenkstät­ten:

Kör­ber, Andreas; Lenz, Clau­dia, (2006): “Das eigene Gedenken und das der Anderen. Eine Pro­jek­t­skizze zum interkul­turellen Ver­gle­ich von und zum interkul­turellen Ler­nen an Erin­nerungsnar­ra­tiv­en in Gedenkstät­ten.” In: Kör­ber, Andreas; Baeck, Oliv­er (2006; Hgg.): Der Umgang mit Geschichte an Gedenkstät­ten. Anre­gun­gen zur De-Kon­struk­tion. Neuried: ars una (The­men­hefte Geschichte; 6); ISBN: 9783893917822; S. 84–96.