Rede des Prodekans für Lehre, Studium und Studienreform zur akademischen Abschlussfeier der erziehungswissenschaftlichen Studiengänge am 14. Juli 2011

Liebe Anwe­sende, d.h.

  • liebe Eltern, Part­ner, Kinder und weit­ere Ver­wandte, Fre­unde der­jeni­gen, die heute hier feiern, und die wir heute feiern, …
  • liebe Kol­legin­nen und Kol­le­gen aus dem Hause, aus den anderen am Zus­tandekom­men des hier zu feiern­den Ereigniss­es beteiligten Fakultäten und Insti­tu­tio­nen,
  • liebe Vertreter(innen) des Prä­sid­i­ums,
  • liebe Vertreter des Ham­burg­er Bil­dungswe­sens,
  • vor allem aber: liebe Absol­ventin­nen und Absol­ven­ten. –

es ist eine erfreuliche Verpflich­tung für mich, im Namen des Dekanats die Glück­wün­sche zum Abschluss Ihres Studi­ums zu über­brin­gen und Ihnen für den weit­eren Lebens- und Bil­dungsweg – die wer­den ja ange­blich immer iden­tis­ch­er – alles Gute zu wün­schen, und das heißt nicht nur gute weit­ere Abschlüsse und for­male Erfolge, son­dern vor allem solche Momente, in denen sich eigene Anstren­gun­gen zu Ein­sicht­en und Erken­nt­nis­sen, zu Fähigkeit­en und Fer­tigkeit­en verbinden, die nicht ein­fach angel­ernt und über­nom­men sind, son­dern die Sie in die Lage ver­set­zen, als Sie selb­st in Ihrem Leben und Beruf aktiv und wirk­sam zu sein.

Was Sie jet­zt geschafft haben, ist ja zunächst „nur“ ein weit­er­er Schritt in ein­er ganzen Rei­he for­maler Qual­i­fika­tio­nen, die man heutzu­tage nach- und nebeneinan­der erwirbt. So wichtig diese Form der Man­i­fes­ta­tion und Doku­men­ta­tion von Eig­nun­gen und Befähi­gun­gen für unüber­sichtliche und dif­feren­zierte Gesellschaften ist, so sehr ist es und bleibt es auch hof­fentlich der Anspruch aller an solchen Bil­dung­sprozessen Beteiligten, dass in und mit diesen for­malen Qual­i­fika­tio­nen mehrerwor­ben – oder besser:ausgebildet, aus­geprägt, eigen­ständi­gen­twick­elt – wird als nur mess- und abprüf­bares Wis­sen und Kön­nen.

Dass ich eben bei „erwor­ben“ und „aus­ge­bildet“ sowie „entwick­elt“ gezögert habe, ist dabei symp­to­ma­tisch: Ein­seit­ige The­o­rien oder Überzeu­gun­gen davon, worin Ler­nen beste­ht oder beste­hen kann und soll, helfen in Gesellschaften wie der heuti­gen nicht weit­er – ganz abge­se­hen davon, dass keine von ihnen die ganze Vielfalt der empirischen vorfind­lichen Lern­prozesse beschreiben kann.

Wed­er kön­nen Sie Wis­sen und Kön­nen ein­fach „erwer­ben“ im Sinne ein­er Über­nahme von einem „Geber“ (von einem Erwerb im Sinne eines Kaufs mag ich gar nicht reden) – noch befriedigt es, davon auszuge­hen, dass im Laufe Ihrer Bil­dungs­bi­ogra­phien ein­fach „entwick­elt“ wird, was schon vorher da war (und das, was nicht da war, dann eben auch nicht entwick­elt wer­den kön­nte), oder dass gar andere an Ihnen etwas „aus­bilden“: Ler­nen und sich entwick­eln sind kom­plexe Prozesse die wed­er allein im stillen Käm­mer­lein oder einem Elfen­bein­turm gelin­gen kön­nen – ohne all’ die sys­tem­a­tis­chen und unsys­tem­a­tis­chen, die formellen und informellen, die geplanten und unge­planten „Ein­flüsse“ und Rück­mel­dun­gen aus der Gesellschaft, von rel­e­van­ten Einzel­nen und Grup­pen, aber auch Insti­tu­tio­nen. Noch sind es Prozesse, die nur von diesen an Ihnen (und uns allen) vol­l­zo­gen wer­den kön­nen. Ler­nen ist also immer ein indi­vidu­eller, aber eben­so sozial einge­bun­den­er Prozess. Für gelin­gen­des wie für scheit­ern­des Ler­nen kann man wohl nur in den sel­tensten Fällen nur eine Seite loben, ankla­gen oder ver­ant­wortlich machen. Diese dop­pelte Ver­ankerung soll nun meine weit­eren Aus­führun­gen leit­en:

Zunächst zum indi­vidu­ellen Anteil:

Ger­ade auch in Gesellschaften mit aus­geprägtem for­malen Qual­i­fika­tion­ssys­tem gilt, dass das ler­nende Indi­vidu­um immer auch für sich selb­st ver­ant­wortlich bleibt und bleiben muss, dass sowohl im Prozess wie auch unter den Zie­len der Bil­dung die Kom­pe­tenz des Ler­nen­den zen­tral sein muss. Sie haben offenkundig – son­st wären Sie heute nicht hier – diese indi­vidu­elle Ver­ant­wor­tung wahrgenom­men, diejenige für sich selb­st, wie die darin auch liegende für die Gesellschaft. Dazu kann und will ich Ihnen heute her­zlich grat­ulieren. Aber ich hätte dur­chaus ein Prob­lem damit, sie ein­fach dazu zu beglück­wün­schen, dass Sie getan hät­ten, was man von Ihnen ver­langte.

Der eben schon ver­wen­dete Begriff der „Kom­pe­tenz“, der Ihnen in den let­zten Jahren in Ihrem Studi­um oft begeg­net sein dürfte, ist für mich dabei beson­ders rel­e­vant. Vielle­icht wun­dern Sie sich, dass ich ihn ger­ade dafür in Anspruch nehmen möchte, Sie nicht nur dazu beglück­wün­schen, dass Sie als Studierende in diesem Sys­tem „funk­tion­iert“ hät­ten, dass Sie „die Anforderun­gen“ bewältigt haben, die andere – wir – Ihnen gestellt haben. In mancher­lei Zusam­men­hang ger­ade in der Bil­dungss­teuerung und auch zuweilen in der Bil­dungs­forschung gerät dieser Begriff ja auch dazu (oder wird so wahrgenom­men), dass er die Befähi­gung zur Ausübung stan­dar­d­isiert­er Fähigkeit­en beze­ich­net, Fähigkeit­en und Fer­tigkeit­en, die den Einzel­nen in die Lage ver­set­zen, die ihm gestell­ten Auf­gaben möglichst selb­st­ständig und effizient auszuführen. Vielle­icht sind Sie auf der Basis eines solchen Ver­ständ­niss­es ja auch zu ein­er Kri­tik­erin oder einem Kri­tik­er der Kom­pe­ten­zori­en­tierung gewor­den. Vielle­icht arbeit­en Sie ja auch bere­its daran, diese über­winden zu helfen.

Dem möchte ich aber ent­ge­gen­hal­ten, dass dieses eher instru­mentelle Ver­ständ­nis, so oft man es find­et, eine Verkürzung darstellt. Wenn immer Kom­pe­ten­zen gemessen wer­den sollen, geht es ja darum, von der tat­säch­lichen Lösung stan­dar­d­isiert­er Auf­gaben weit­erzuschließen auf die dahin­ter ste­hen­den Fähigkeit­en, mit immer neuen Her­aus­forderun­gen umzuge­hen. Aber das ist es nicht allein. Wesentlich­er und lei­der oft­mals eben­falls vergessen, ist, dass „Kom­pe­tenz“ eben nicht nur dem Wortsinne, son­dern auch dem Konzept nach das Ele­ment der „Zuständigkeit“ bein­hal­tet.

Wenn Insti­tu­tio­nen und Lehrende es sich angele­gen sein lassen, die die „Kom­pe­ten­zen“ der Ler­nen­den zu fördern, zu entwick­eln, dann muss es ihnen, wollen sie dem Begriff (d.h. dem Gedanken hin­ter dem Wort) gerecht wer­den, auch darum gehen, die Ler­nen­den zu befähi­gen, selb­st­ständig zu wer­den in der Frage, ob und wie sie ihre Fähigkeit­en ein­set­zen.

Nun ste­hen ger­ade die Uni­ver­sitäten in den let­zten Jahren unter dem Schlag­wort der Bologna-Reform nicht ger­ade im Ruf, diese „Eigen­ständigkeit“ eines nicht auf vorgegebene Zwecke fokussierten Ler­nens für die kri­tis­che Reflex­ion der gesellschaftlichen Struk­turen zu fördern. Oft­mals ist davon die Rede, das ganze Studi­um sei mit den neuen Stu­dienord­nun­gen und ‑struk­turen eben den­jeni­gen Prinzip­i­en der „ökonomis­chen Ver­w­ert­barkeit“ unter­wor­fen wor­den, die dem einzel­nen ger­ade nicht den so wesentlichen Aspekt der Zuständigkeit für sein eigenes Han­deln belassen wollen – und unter den gegen­wär­ti­gen Struk­turen sei es auch gar nicht vorge­se­hen, ger­ade diese „Fähigkeit zur Zuständigkeit“ mit zu entwick­eln.

Ich bezwei­fle, dass das der Fall ist. Bach­e­lor und Mas­ter sind als solche wed­er bess­er noch schlechter als andere Sys­teme. Oder ander­sherum: Auch eine Rück­kehr zu den alten Stu­di­en­sys­te­men garantiert keineswegs, dass alles (wieder) bess­er wird. Natür­lich ist eine Reform der Reform ange­bracht (und bere­its unter­wegs) dort, wo inner­halb des neuen Sys­tems Rah­men­vor­gaben zu restrik­tiv oder gar unsin­nig sind, wo es sich zeigt, dass Über­reg­ulierun­gen das eigen­ständi­ge Studi­um erschw­eren, usw. Auch im gegen­wär­ti­gen Stu­di­en­sys­tem gilt jedoch meines Eracht­ens, dass die genan­nte eigene Zuständigkeit den aller­meis­ten Lehren­den sehr wohl am Herzen liegt. Ich wün­sche mir (und hier komme ich zurück zum Glück­wun­sch), dass Sie das auch so erfahren kon­nten – und noch mehr, dass Sie es auch im weit­eren Lebensweg erfahren, und dass Sie, sofern Sie selb­st ein­mal einen lehren­den Beruf ergreifen, es sich bewahren und als eigen­ständig denk­ende und urteilende, hand­lungs­fähige Bürg­erin­nen und Bürg­er sich selb­st die kri­tis­che let­zte Instanz denken (kön­nen), die für das eigene Tun ver­ant­wortlich zeich­net.

Wenn es uns gelun­gen ist, Ihnen im Rah­men Ihrer unter­schiedlichen Stu­di­en diese Per­spek­tive zu eröff­nen, dass Sie Eigen­ver­ant­wortlichkeit ger­ade in erziehungswis­senschaftlichen und päd­a­gogis­chen Hand­lungs­feldern zwar als Her­aus­forderung, aber nicht als Belas­tung, nicht als Bürde, son­dern als Chance begreifen, wenn es uns gelun­gen ist, Ihnen dabei zu helfen, die weit­eren for­malen Schritte und Qual­i­fika­tio­nen, die Sie noch ange­hen wer­den, nicht als unver­bun­dene, abzuhak­ende Ein­heit­en anzuse­hen, son­dern als Bausteine Ihres nur von Ihnen in Gänze zu entwick­el­nden „pro­fes­sionellen“ Selb­st, dann bin ich zufrieden. Dann haben auch wir unsere Prü­fung bestanden.

In diesem Sinne kann und darf Ihr Abschluss mit vollem recht gefeiert wer­den. Und zwar nicht nur von Ihnen selb­st, son­dern – jet­zt komme ich zur anderen Seite des anfänglichen Argu­ments – ger­ade auch von (und mit) den­jeni­gen, die Ihnen beige­s­tanden haben, Sie unter­stützt, gele­gentlich getröstet, ermutigt, gefordert: Auch Sie haben Ihren Teil dazu beige­tra­gen – und zwar nicht nur zur indi­vidu­ellen Entwick­lung eines Men­schen, son­dern auch zur Entwick­lung der Gesellschaft. Ger­ade wenn es gilt, dass solche Bil­dungssys­teme nicht die „her­anwach­sende Gen­er­a­tion“ nach dem Bilde der Vor­ange­gan­genen for­men sollen, son­dern jene befähi­gen und her­aus­fordern, über diese hin­auszuwach­sen, neue Sit­u­a­tio­nen und Prob­leme mit neuem Denken und Han­deln anzuge­hen, dann tut jed­er ein gutes Werk, der einem her­anwach­senden Men­schen hil­ft, sich selb­st in diese Gesellschaft so einzubrin­gen, dass er bei­des ist: eigen­ständi­ges, aber auch für die anderen sicht­bares, erkennbares und anschlussfähiges Indi­vidu­um. Also: Feiern Sie in den Absol­ven­ten auch ein wenig sich selb­st. Darauf darf man stolz sein.

An die Absol­ven­ten geht nun natür­lich der gle­iche Rat: Feiern Sie, seien Sie auch ein wenig stolz, atmen Sie durch. Aber ich möchte auch die Bitte anschließen: Kom­men Sie wieder oder bleiben Sie uns gewogen, nicht nur wenn Sie weit­er studieren wollen, son­dern als eine weit­ere Gen­er­a­tion her­aus­fordern­der, denk­ender Mit­glieder unser­er Gesellschaft.

Ich danke Ihnen