Marine-Ehrenmal in Kiel-Laboe: Streit um die Neukonzeption

Das im Drit­ten Reich als Ehren­mal für gefal­l­ene “Helden” der Marine errichtete “Ehren­mal” in Laboe ist umgestal­tet wor­den. Dabei sind gemäß dem Urteil einiger His­torik­er und Didak­tik­er (darunter Detlef Garbe, Leit­er der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und Karl Hein­rich Pohl aus Kiel) wesentliche Chan­cen vergeben wor­den, zu einem reflek­tierten Geschichts­be­wusst­sein beizu­tra­gen.

Vgl. hier

Der Fall ist wieder ein­mal eine Bestä­ti­gung, dass ein großer Bedarf dafür beste­ht, im Geschicht­sun­ter­richt nicht (nur/vor allem) über die “wahre” Geschichte und Ver­gan­gen­heit zu unter­richt­en, son­dern min­destens eben so stark über die Konzepte und Kat­e­gorien sowie Meth­o­d­en und Medi­en, mit welch­er unsere Gesellschaft über die Ver­gan­gen­heit stre­it­et oder auch nur debat­tiert, und über die Kri­te­rien, mit denen darüber geurteilt wird.

“Reflek­tiertes Geschichts­be­wusst­sein” und Kom­pe­ten­zen zur De-Kon­struk­tion von der­ar­ti­gen öffentlichen (proto-)Narrativen müssen im Unter­richt gefördert wer­den. Das Ziel ist die Befähi­gung der Ler­nen­den zur Teil­habe an solchen Debat­ten, wie sie u.a. in diesem Artikel sicht­bar wer­den. Dazu gehört u.a. auch die Fähigkeit, unter­schiedliche Erin­nerungs- und Gedenk­for­men zu unter­schei­den und ihre poli­tis­chen Gegen­warts­bezüge zu erken­nen und sich dazu ver­hal­ten zu kön­nen, also etwa ger­ade Ehren­male von Mah­n­malen, Sieger- vom Ver­lier­er-Gedächt­nis und bei­de von ein­er reflex­iv­en Erin­nerung, welche nicht die Erin­nerung an “eigene” Groß­tat­en und/oder Nieder­la­gen formiert und still­stellt, son­dern den Besuch­ern die Chance eröffnet, sich selb­st, von ihrem eige­nen zeitlichen Hor­i­zont aus, reflex­iv zum Dargestell­ten zu ver­hal­ten.

Afrika — (k)ein Thema im hiesigen Geschichtsunterricht?

“Afri­ka — (k)ein The­ma im hiesi­gen Geschicht­sun­ter­richt?” ist eine Ver­anstal­tung über­schrieben, die der AB Geschichts­di­dak­tik in Zusam­me­nar­beit mit der Hein­rich-Boell-Stiftung (“umdenken”) am 25. Juni durch­führt.

Das Podi­um wird sich der Frage wid­men, welchen Stel­len­wert “Afri­ka” im Geschicht­sun­ter­richt hiesiger (Deutsch­er, Ham­burg­er) Schulen zum einen tra­di­tionell ein­nimmt und ein­nehmen kann und sollte. Dabei geht es nicht allein (und nicht ein­mal primär) um quan­ti­ta­tive Aspek­te, nicht um die Reklamierung des dem Kon­ti­nent “gebühren­den” Anteils, son­dern vor allem auch um die Frage, in welch­er Form und mit welchem Ziel “afrikanis­che Geschichte” the­ma­tisiert wer­den kann und soll.

Den Fly­er zur Ver­anstal­tun­gen find­en Sie hier:

Körber, Andreas: Zeitgemäßes schulisches Geschichts-Lernen in Gedenkstätten. In: Das KZ Neuengamme und seine Außenlager. Geschichte, Nachgeschichte, Erinnerung, Bildung. Hrsg. von Oliver von Wrochem. Berlin 2010 (Neuengammer Kolloquien Bd. 1). S. 392–413.

Kör­ber, Andreas: Zeit­gemäßes schulis­ches Geschichts-Ler­nen in Gedenkstät­ten. In: Das KZ Neuengamme und seine Außen­lager. Geschichte, Nachgeschichte, Erin­nerung, Bil­dung. Hrsg. von Oliv­er von Wrochem. Berlin 2010 (Neuengam­mer Kol­lo­qui­en Bd. 1). S. 392–413.

Kör­ber, Andreas: Zeit­gemäßes schulis­ches Geschichts-Ler­nen in Gedenkstät­ten. In: Das KZ Neuengamme und seine Außen­lager. Geschichte, Nachgeschichte, Erin­nerung, Bil­dung. Hrsg. von Oliv­er von Wrochem. Berlin 2010 (Neuengam­mer Kol­lo­qui­en Bd. 1). S. 392–413.

Deutschtürkische Migranten und Holocaust-Erinnerung

Die Frage, ob und wie die Kul­tur (dur­chaus auch im Sinne von Pflege) der Erin­nerung an den Holo­caust, die Teil des (dur­chaus müh­sam und bei weit­em nicht abschließend errun­genen) Selb­stver­ständ­niss­es der Bun­desre­pub­lik ist, für Migranten anders gedacht und ihnen gegenüber anders ver­mit­telt wer­den soll, ist nicht ein­fach zu beant­worten. Ein­er­seits sind “die Migranten” (die es also ein­heitliche Gruppe gar nicht gibt) davon nicht “nicht betrof­fen”, ander­er­seits kön­nen sie aber auch nicht ein­fach als von den “autochtho­nen Deutschen” (die eben­falls alles andere als ein­heitlich sind) unun­ter­schieden gedacht wer­den.

Es bedarf also wohl ein­er erhöht­en Aufmerk­samkeit gegenüber kul­turellen Dif­feren­zen und ihrer Bedeu­tung für his­torisches Ori­en­tieren und Denken, ohne diese Dif­feren­zen in irgen­dein­er Weise vorzugeben und zuzuschreiben.

In diesem Zusam­men­hang ist ein Artikel inter­es­sant, der diese Woche in DIE ZEIT erschienen ist, und der sich mit dem Ver­hält­nis deutschtürkisch­er Jugendlich­er (nicht: “der Deutschtürken”) zum Holo­caust und zur Holo­caust-Erin­nerung beschäftigt:

Topcu, Özlem; Wef­ing, Hein­rich: “Bist Du Jude?” In: DIE ZEIT Nr. 4; 21.1.2010.

Bitte auch die bei­den ver­link­ten weit­eren Artikel beacht­en — und die Kom­mentare der Leser, die zum Teil tiefe Ein­blicke in die (vorhan­de­nen oder fehlen­den) Fähigkeit­en von Lesern geben, mit den Konzepten von his­torisch­er Iden­titäten umzuge­hen.

Geschichtslernen an Stolpersteinen

Im Rah­men eines Sem­i­nars zu “Ler­norten” haben sich Arbeits­grup­pen mit den inzwis­chen in vie­len Städten Deutsch­lands ver­legten “Stolper­steinen” des Köl­ner Kün­stlers Gunter Dem­nig als For­men der Erin­nerung und Orten für bzw. Gegen­stän­den des Ler­nens beschäftigt.

Dabei ist mir aufge­fall­en, dass offenkundig ein Grund­muster der “Didak­tisierung” darin beste­ht, die Stolper­steine zum Anlass zu nehmen, die konkreten Biogra­phien der Opfer von Depor­ta­tion und Ver­nich­tung, an die sie erin­nern, zum eigentlichen Gegen­stand des Ler­nens zu machen. Die Beschäf­ti­gung mit den konkreten Men­schen, so die Argu­men­ta­tion, ermögliche eine ler­nende Reflex­ion auf die Auswirkun­gen der Poli­tik des Nation­al­sozial­is­mus auf konkrete Men­schen, auf die Bedin­gun­gen von Han­deln und Lei­den, und somit auch ein Ler­nen, welch­es die eigene Per­son, die Ori­en­tierung, in den Mit­telpunkt stelle — weniger die trock­e­nen “Fak­ten”.

Ich will diese Form der Didak­tisierung, welche eine Par­al­lele zum “biographis­chen Arbeit­en” in der Gedenkstät­ten­päd­a­gogik darstellt, nicht infrage stellen, möchte aber doch einige skep­tis­che Fra­gen und eine mögliche Alter­na­tive skizzieren:

    • Beste­ht nicht bei solch einem Anlass — ger­ade bei jün­geren Schüler(inne)n — die Gefahr eine Über­wäl­ti­gung durch eine Opfer­geschichte, welche den eige­nen Ver­ar­beitung­shor­i­zont über­steigt?
    • Was wäre das gewün­schte Lernziel? Iden­ti­fika­tion mit den Opfern?
      1. Wohl kaum im Sinne ein­er Pro­jek­tion in die Opfer hinein.
      2. auch wohl kaum im Sinne ein­er Veren­gung des Nach­denkens über das Geschehens aus ein­er (an Hand von Quellen) re-kon­stru­ierten oder nachemp­fun­de­nen Opfer­per­spek­tive.
        1. dass Erin­nern an Ver­gan­ge­nes in dieser Gesellschaft in ganz unter­schiedlichen For­men statt find­et
        2. dass das seinen Grund hat
        3. dass dieses Erin­nern und seine For­men keineswegs immer schon da waren und selb­stver­ständlich sind, son­dern dass um sie gerun­gen wird, darüber disku­tiert,
        4. dass Erin­nern nicht ein­fach “fer­tig” ist, wenn ein Denkmal, ein Gedenkstein, eine Stolper­stein liegt, son­dern dass es um ein immer neues Nach-Denken geht.

      Es ist somit m.E. möglich, ger­ade auch im Geschicht­sun­ter­richt über das Gedenken und Erin­nern, über For­men der Verge­gen­wär­ti­gung von Ver­gan­gen­heit als Teil des gegen­wär­ti­gen Umgangs der Gesellschaft zu ler­nen.

Dies würde kaum den Forderung entsprechen, dass Geschicht­sun­ter­richt zur Ori­en­tierung der eige­nen Iden­tität und des eige­nen Han­delns dienen soll.

Meines Eracht­ens bieten die Stolper­steine ger­ade dann einen guten Ansatzpunkt zu his­torischem Ler­nen, wenn man nicht vorschnell ihrem Ver­weis auf die konkreten Opfer fol­gt, son­dern sie zunächst als das ernst und in den Blick nimmt, was sie sind: For­men der Auseinan­der­set­zung der gegen­wär­ti­gen Gesellschaft mit der Ver­gan­gen­heit, auf die sie ver­weisen — und mit sich selb­st, als umstrit­tene For­men der Erin­nerungskul­tur zu ein­er umstrit­te­nen Ver­gan­gen­heit.
Dieser Logik zufolge müssten zunächst die Stolper­steine selb­st Gegen­stand des Ler­nens wer­den — die Tat­sache, dass sie an bes­timmten Orten liegen, dass dieses keineswegs selb­stver­ständlich ist, dass es Men­schen gibt, die sich dafür ein­set­zen (und ihre Argu­mente) und solche, die dage­gen sein — aus ver­schiede­nen Grün­den, von pro­fa­nen, erin­nerungskul­turell gedanken­losen (etwa Furcht um die Beein­träch­ti­gung des Geschäfts vor dem ein Stein liegt) über emi­nent his­torische (etwa Scham über das eigene Wegse­hen damals, aber auch über die eigene erin­nerungskul­turelle Untätigkeit oder Zöger­lichkeit) bis hin zu poli­tis­chen (Leug­nung des Geschehens, Abwehr dieser Form der ‘Schuld­präsen­ta­tion’) — aber auch zu unter­schiedlichen erin­nerungskul­turellen Sym­bo­l­iken und Wer­tun­gen (s. Zen­tral­rat der Juden, Stadt München, Sin­ti und Roma).
Durch die zunächst auf die Gegen­wart blick­ende Erschließung der Stolper­steine in ihrer Pro­gram­matik und Sym­bo­l­ik, poli­tis­chen Bedeu­tung, den Pros und Con­tras erst wird der Blick auf die konkreten Men­schen gelenkt, der­er gedacht wird. Das ist m.E. nur auf den ersten Blick eine “Instru­men­tal­isierung”, bei genauerem Hin­se­hen vielmehr eine “Aufw­er­tung”. Diese Men­schen wer­den dann näm­lich als Men­schen Gegen­stand his­torisch­er Betra­ch­tung und his­torischen Ler­nens, die dieser Gesellschaft etwas bedeuten (wenn auch unter­schiedlich­es), nicht als von außen (dem Lehrer, der Ini­tia­tive, den Autoren eines Beglei­thefts) vorgegebene Beispiele.
Ein solch­es Vorge­hen, das von der gegen­wär­ti­gen Umstrit­ten­heit aus­ge­ht, von der gegen­wär­ti­gen Erin­nerungskul­tur mit ihren Ver­w­er­fun­gen und Debat­ten, ermöglicht es m.E. auch, das Ler­nen über den Holo­caust und die Depor­ta­tio­nen in eine län­gere Pro­gres­sion zu über­führen. Mit jün­geren Schü­lerin­nen und Schülern kön­nte somit zunächst noch ohne die Gefahr der Über­forderung und Über­wäl­ti­gung die Tat­sache the­ma­tisiert wer­den,

Gefallenenehrung in Wentorf? (2)

Im April dieses Jahres berichtete die Berge­dor­fer Zeitung von Plä­nen der Gemeinde Wen­torf, das dor­tige Kriegerehren­mal aus den 1920er Jahren, das in Bezug auf den Zweit­en Weltkrieg nur die Ergänzung “1939–1945” trägt, um eine neue Bronzetafel mit den Namen Wen­tor­fer Gefal­l­en­er zu ergänzen. In dem Artikel und in den dort zitierten Äußerun­gen der Ini­tia­toren wurde dies aus­drück­lich als beab­sichtigte “Ehrung”  beze­ich­net. Das Denkmal fir­miert bei der Gemeinde aus­drück­lich als “Ehren­denkmal” (etwa hier).

Zu diesen Plä­nen habe ich sein­erzeit einen Brief (Wentorf_BZ_Gedenken_1) an die Gemeinde Wen­torf und auch an die BZ geschrieben (s. Beitrag in diesem Blog), der auf Grund sein­er Länge jedoch nicht als Leser­brief abge­druckt wurde.

Später wurde ‑wiederum in der BZ- berichtet, dass diese Ehrentafel nun am 25.10. eingewei­ht wer­den soll.

Aus dem Kreise der Ini­tia­toren­wird behauptet, Kri­tik an diesem Vorhaben verkenne die Zusam­men­hänge; es han­dle sich nicht um ein “Heldenge­denken”. Dem ist aber dur­chaus einiges ent­ge­gen­zuhal­ten:

Denkmal in Wentorf; Zustand 6/2009; Foto: Körber
Denkmal in Wen­torf von 1925; Entwurf: Friedrich Ter­no; Zus­tand 6/2009; Foto: Kör­ber; Inschrift “Dem leben­den Geist unser­er Toten”
Denkmal in Wentorf; Zustand 6/2009; Detail (Foto: A.Körber): Inschrift auf dem Schwert: "Treue bis zum Tod". Die Inschrift auf der anderen Seite des Schwerts lautet "Vaterland"
Denkmal in Wen­torf von 1925; Entwurf: Friedrich Ter­no; Zus­tand 6/2009; Detail (Foto: A.Körber): Inschrift auf dem Schw­ert: “Treue bis zum Tod”. Die Inschrift auf der anderen Seite des Schw­erts lautet “Vater­land”

Nicht nur angesichts der Tat­sache, dass unter den Namen, die im April als zu “ehrende” veröf­fentlicht wur­den, min­destens ein­er einen SS-Unter­schar­führer beze­ich­net, dessen Tod von seinen Eltern in der SS-Zeitung “Das Schwarze Korps” in ein­deutig pro­pa­gan­dis­tis­ch­er Manier angezeigt wurde, muss sich die Gemeinde Wen­torf die Frage gefall­en lassen, ob “Ehrung” hier die richtige Kat­e­gorie des Gedenkens ist, und ob also das Gedenken in dieser Form und an diesem Ort angemessen sein kann.

Trauernzeige für SS-Unterscharführer Reinhold Grieger. Aus: Das Schwarze Korps, Jg. 10, Nr. 16; 20.4.1944, S. 8.
Trauernzeige für SS-Unter­schar­führer Rein­hold Grieger. Aus: Das Schwarze Korps, Jg. 10, Nr. 16; 20.4.1944, S. 8.

Man gewin­nt den Ein­druck, dass hier doch, nach­dem genug Zeit ins Land gegan­gen ist, dort wieder angeknüpft wer­den soll, wo man in den 1950er jahren nicht ein­fach weit­er zu machen wagte (es aber wohl eigentlich wollte), näm­lich bei der Glo­ri­fizierung der eige­nen Gefal­l­enen ohne hin­re­ichende Berück­sich­ti­gung der Zusam­men­hänge ihres Todes.

Gegen eine Bekun­dung von Trauer als Ver­ar­beitung des men­schlichen Ver­lustes kann man sin­nvoller­weise nichts oder wenig ein­wen­den. Auch ist dur­chaus nachzu­vol­lziehen, dass für die Ange­höri­gen der­jeni­gen, die keine andere Grab­stätte haben, ein konkreter Ort des Erin­nerns wichtig ist.

Eine Würdi­gung dieser Män­ner als Men­schen ist wohl in den aller­meis­ten Fällen auch dur­chaus ange­bracht — aber eine öffentliche sym­bol­is­che “Ehrung” an diesem Gefal­l­enenehren­mal muss zwangsläu­fig auch als pos­i­tive Wer­tung der Tat­sache ihres Ster­bens ver­standen wer­den.

Auch wenn das nicht expliz­it als “Heldenge­denken” gedacht ist — die Gestal­tung des gesamten Denkmals spricht trotz der expres­sion­is­tis­chen Anklänge diese Sprache. Das Schw­ert im Helm als Sinnbild für die Unmen­schlichkeit von Krieg und das Mah­n­mal somit als ein Friedens­mal anzuse­hen,  ist untriftig. Vielmehr deutet es auf die Gefahren hin, die im Krieg lauern und auf die Opfer, die zu brin­gen sind.

Eine Würdi­gung der Gefal­l­enen als “Opfer” des Krieges, die aus dem ganzen Denkmal ein Mah­n­mal machen würde, erscheint somit unglaub­würdig. Wer hier nicht “Heldenge­denken” erken­nen mag oder kann, wird doch min­destens an ihren Tod als ein für das Vater­land “treu” gebracht­es “Opfer” denken. Opfer also im Sinne von “sac­ri­fice”, von Aufopfer­ung denken kön­nen, nicht aber im Sinne von unschuldigen “vic­tims”. Und Opfer in diesem Sinne gel­ten nun ein­mal für eine “gute Sache”. — Der Zweite Weltkrieg auf deutsch­er Seite — eine gute Sache?

Haben wir denn nicht endlich gel­ernt zu dif­feren­zieren?

Ini­tia­toren und Gemeinde müssen sich also fra­gen lassen, wofür dieses “Ehren­mal” ste­hen soll, welche Geschichte es erzählen soll, welchen Bezug zum erin­nerten Geschehen es aus­drück­en soll.

Hier soll doch wohl kein neuer Ort für Gedenk­feiern entste­hen, wie sie ger­ade auch die NPD an solchen Denkmälern immer noch abhält?

Ger­ade weil Erin­nerung und Gedenken immer poli­tisch sind und ihre öffentlichen Sym­bole immer poli­tisch gele­sen wer­den, sollte entwed­er eine ein­deutige und den Werten der Bun­desre­pub­lik entsprechende Sym­bo­l­ik und Ter­mi­nolo­gie gewählt wer­den — oder man sollte das berechtigte Inter­esse der Trauer um die eige­nen Toten doch lieber im pri­vat­en Rah­men belassen.

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Nach­trag:

Gefallenenehrung in Wentorf (1)

Im April dieses Jahres berichtete die Berge­dor­fer Zeitung von dem Plan, am Wen­tor­fer Ehren­mal nun auch die Namen von Gefal­l­enen und Ver­mis­sten des Zweit­en Weltkriegs anzubrin­gen.

Vgl. hierzu — mit Bildern — den Beitrag Gefal­l­enenehrung in Wen­torf (2)

Ich schrieb in diesem Zusam­men­hang den fol­gen­den Brief an die Berge­dor­fer Zeitung und einige für das Pro­jekt Ver­ant­wortliche:

Dr. Andreas Körber⋅Am Golf­platz 6a ⋅ D‑21039 Escheburg
An die Gemeinde Wen­torf
Haupt­straße 16
21465 Wen­torf
nachrichtlich:
• Berge­dor­fer Zeitung
Curslack­er Neuer Deich 50
21029 Ham­burg
• Dr. Bill Boe­hart; Archivge­mein­schaft
Schwarzen­bek; Rit­ter-Wulf-Platz 1
21493 Schwarzen­bek
• Wen­torf im Blick; Bürg­ervere­in Wen­torf
c/o Jan Chris­tiani
Müh­len­straße 62a
21465 Wen­torf
Ihr Zeichen:
Mein Zeichen: Wentorf_BZ_Gedenken_1.odt
D‑21039 Escheburg, den 12. Mai 2009

Ehren­mal für im Zweit­en Weltkrieg gefal­l­ene Wen­tor­fer?
Sehr geehrte Damen und Her­ren,
die Berge­dor­fer Zeitung berichtete in ihrer Aus­gabe vom 22. April 2009 unter dem Titel „Späte namentliche Würdi­gung“ über Pläne, am 1925 errichteten Kriegerdenkmal nun auch eine Bronzeplat­te mit Namen im Zweit­en Weltkrieg gefal­l­en­er Wen­tor­fer anzubrin­gen. In „Wen­torf im Blick“ wird dies als „Ehren­mal“ beze­ich­net, und auch der BZ-Artikel spricht von ein­er Ehrentafel.

Dr. Boe­hart ver­weist im BZ-Artikel auf die unter­schiedlichen Umgangsweisen mit der „Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung“ nach 1919 und 1945. In let­zterem Falle habe man „vielerorts nur die Dat­en ‚1939–1945‘ ergänzt“. Der Tenor des Artikel ist, dass man nun nach­holen könne und solle, was man damals nicht getan habe. Aus Ver­säum­nis ? Aus Scham? Oder aus berechtigten Grün­den?

Und sind die Ini­tia­toren und die Wen­tor­fer der Auf­fas­sung, dass eventuelle Gründe, nicht die Namen zu nen­nen, heute obso­let gewor­den sind? Ist es an der Zeit, nun die eige­nen Gefal­l­enen zu „ehren“? Ist endlich genü­gend Zeit ins Land gegan­gen?

Auf­schlussre­ich ist auch die von der BZ berichtete Antwort Dr. Boe­harts (son­st der erin­nerungspoli­tis­chen Vere­in­nahm­barkeit einiger­maßen unverdächtig) auf die Frage nach dem Gedenken an die Opfer des Nation­al­sozial­is­mus: „Ange­sprochen auf die Opfer der Nation­al­sozial­is­ten herrscht zunächst Schweigen. Boe­hart stellt schließlich fest: ‚Opfer der NS-Gesellschaft hat es auch in Wen­torf gegeben. Doch das Ehren­mal würde für ihr Gedenken nicht passen, das geht in eine andere Rich­tung. Das Anliegen müsste aber eben­so von den Bürg­ern kom­men wie die Ehrentafel.‘“

Offenkundig ist auch den Ini­tia­toren dur­chaus (unter-)bewusst, dass es so ein­fach nicht ist: Das allmäh­liche Ver­schwinden der Erleb­nis­gen­er­a­tion auf Seit­en der Opfer macht keineswegs des Weg frei zu einem befre­it­en Heldenge­denken. Haben Sie, Herr Dr. Boe­hart, die Frage der Repor­terin ern­sthaft so ver­standen, ob man die Namen von NS-Opfern umstand­los auf dem gle­ichen Gedenkstein, in der gle­ichen Sym­bo­l­ik benen­nen kön­nte? Das lehnen Sie zu Recht ab. Aber ist nicht viel eher und völ­lig zu Recht gemeint gewe­sen, ob man denn wieder anfan­gen kön­nte, der eige­nen Gefal­l­enen zu gedenken (zumal sie zu „ehren“) ohne min­destens auch der Opfer zu gedenken – der Opfer der eige­nen Tat­en? Es geht also nicht nur um das Wie und die Frage danach, ob man das am gle­ichen Ort tun kann, son­dern auch um das grund­sät­zliche Ver­hält­nis der bei­den Ehrun­gen.

Hal­ten Sie die Ver­gan­gen­heit für „bewältigt“ im zu Recht seit langem kri­tisierten Sinne des „Mit-ihr-fer­tig-Seins“, so dass man nun wieder anfan­gen kann, ver­meintlich unbe­lastet die eige­nen Gefal­l­enen zu „ehren“? Das wird spätestens dann prob­lema­tisch, wenn bekan­nt ist, dass min­destens ein­er der namentlich zu „ehren­den“ SS-Unter­schar­führer war, Träger des EK 2. Klasse, der Ostmedaille und des gold­e­nen HJ-Abze­ichens, wie seine Fam­i­lie in der Trauer­anzeige im SS-Blatt „Das schwarze Korps“ stolz auf­führt. – Ehren? Ist „ehren“ hier wirk­lich der richtige Modus des Gedenkens?

Gegen Gedenken im All­ge­meinen ist nichts einzuwen­den. Trauern um die Väter und Großväter ist auch dann zuläs­sig und notwendig, wenn diese an einem ver­brecherischen Krieg teilgenom­men haben und/oder Mit­glied ein­er ver­brecherischen Organ­i­sa­tion gewe­sen sind – um so mehr, wenn das nicht der Fall ist. Das braucht auch nicht nur pri­vat zu geschehen – aber „Ehrung“ und „Würdi­gung“?

Denkmalset­zun­gen sind gesellschaftliche Hand­lun­gen. Sie tra­gen Sym­bol­charak­ter. „Autoren“ des Denkmals sind nicht die einzel­nen Hin­terbliebe­nen, son­dern die Gemeinde Wen­torf als Ganze. Daher die Frage an die Gemeinde, d.h. an alle Wen­tor­fer:

Ist es wirk­lich an der Zeit, die Tat­en der Gefal­l­enen zu „würdi­gen“? Ist die Beteili­gung am Ost­feldzug wieder „würdig“ im Modus des Heldenge­denkens verewigt zu wer­den? Ich halte dieses für keineswegs ange­bracht. Ist es das, was die Wen­tor­fer sich und ihren Gästen zeigen wollen? Seht her, welche ruhm­re­ichen Tat­en unsere Söhne voll­bracht haben?

Was unsere Gesellschaft offenkundig braucht, ist deut­lich mehr Kom­pe­tenz im Umgang mit dem Gedenken und der öffentlichen Erin­nerung. Unter­schei­den zu kön­nen zwis­chen dem (auch sym­bol­is­chen) Heldenge­denken und der neg­a­tiv­en Erin­nerung als der Erin­nerung an die Opfer der eige­nen Tat­en; zwis­chen Opfergedächt­nis, Sieger- und Ver­lier­ergedächt­nis, ist drin­gend nötig.

Nötig wäre zudem, die mit solchen Erin­nerungs­for­men ver­bun­de­nen Gefüh­le und Emo­tio­nen ansprechen und aussprechen zu kön­nen. „Stolz“ auf die „tapfer­en eige­nen Sol­dat­en“ in einem (wom­öglich „helden­haften“) Kampf für „Führer“ (wie es in der Trauer­anzeige heißt) „Volk und Vater­land“ – ist das der beab­sichtigte Modus ?

Es gäbe andere und sin­nvollere. Was Erin­nerungskul­tur sein kann, hat ger­ade der Volks­bund Kriegs­gräber­für­sorge in Ham­burg gezeigt, der erst­mals auf ein­er (von Schülern erar­beit­eten) Gedenkplat­te an die Opfer des Luftkrieges auch die Namen der dabei ums Leben gekomme­nen Zwangsar­beit­er verze­ich­net wur­den. Eben­so haben Studierende der Hel­mut-Schmidt-Uni­ver­sität im Novem­ber auf dem Fried­hof Ohls­dorf eine Gedenk­tafel für die in deutsch­er Kriegs­ge­fan­gen­schaft umgekomme­nen sow­jetis­chen Kriegs­ge­fan­genen aufgestellt.

Wozu soll also Erin­nerung und Gedenken dienen? Wem ist damit gedi­ent, nun voller Ken­nt­nis der Ergeb­nisse zei­this­torisch­er Forschung über die Wehrma­cht und die S S, den Charak­ter des Zweit­en Weltkrieges (zumal im Osten), den alten Modus des Heldenge­denken wieder aufzu­greifen? Geht es darum, diesen Krieg und seine Teil­nehmer umzuin­ter­pretieren in einen „nor­malen“ Krieg?

Soll eine Tra­di­tion­slin­ie unverän­dert­er „nor­maler“ deutsch­er Kriegs­führung von Erstem Weltkrieg, Zweit­em Weltkrieg und Aus­land­sein­sätzen der Bun­deswehr hergestellt wer­den (wie die Worte des Bürg­er­meis­ters in der BZ nahele­gen)? Und das noch pos­i­tiv, „ehren­voll“? Dass über mögliche „Ehrun­gen“ oder (bess­er) ein Gedenken an die im Aus­land­sein­satz gestor­be­nen Bun­deswehrsol­dat­en nachgedacht wer­den muss, ist wohl unumgänglich. Dazu aber die Bun­deswehr in eine unver­brüch­liche Tra­di­tion­slin­ie deutschen Sol­da­ten­tums zu stellen und dies zudem unter nor­mal­isieren­der Einord­nung des Zweit­en Weltkrieges, ist unerträglich.

Die Bun­deswehr hat allen Grund, sich nicht als Fort­set­zung dieser Tra­di­tion zu ver­ste­hen, son­dern als Par­la­mentsarmee ein­er Demokratie mit einem ganz anderen Auf­trag: näm­lich der Friedenssicherung und ggf. ‑schaf­fung im Rah­men ein­er Welt­ge­sellschaft, die auf Men­schen­rechte verpflichtet ist. Das ist schwierig und prob­lema­tisch genug (und zu Recht strit­tig). Wer dazu aber die Tra­di­tion deutschen Sol­da­ten­tums bemüht, muss sich entwed­er fra­gen lassen, ob er die alten Tra­di­tio­nen deutschen Mil­i­taris­mus und ein­er Eroberungsarmee der Bun­deswehr wieder anempfehlen will, oder ob er „nur“ in diesem neuen Licht die Geschichte umschreiben will.

Ich hoffe, dass sich Wen­torf und die Wen­tor­fer das noch ein­mal gut über­legen.
Mit fre­undlichen Grüßen

Andreas Kör­ber

—-

hier das Fak­sim­i­le:

Wentorf_BZ_Gedenken_1

Ein Beitrag zum interkulturellem Geschichtslernen zur Erinnerungskultur und Gedenkstätten:

Kör­ber, Andreas; Lenz, Clau­dia, (2006): “Das eigene Gedenken und das der Anderen. Eine Pro­jek­t­skizze zum interkul­turellen Ver­gle­ich von und zum interkul­turellen Ler­nen an Erin­nerungsnar­ra­tiv­en in Gedenkstät­ten.” In: Kör­ber, Andreas; Baeck, Oliv­er (2006; Hgg.): Der Umgang mit Geschichte an Gedenkstät­ten. Anre­gun­gen zur De-Kon­struk­tion. Neuried: ars una (The­men­hefte Geschichte; 6); ISBN: 9783893917822; S. 84–96.

Ein Beitrag zum interkul­turellem Geschicht­sler­nen zur Erin­nerungskul­tur und Gedenkstät­ten:

Kör­ber, Andreas; Lenz, Clau­dia, (2006): “Das eigene Gedenken und das der Anderen. Eine Pro­jek­t­skizze zum interkul­turellen Ver­gle­ich von und zum interkul­turellen Ler­nen an Erin­nerungsnar­ra­tiv­en in Gedenkstät­ten.” In: Kör­ber, Andreas; Baeck, Oliv­er (2006; Hgg.): Der Umgang mit Geschichte an Gedenkstät­ten. Anre­gun­gen zur De-Kon­struk­tion. Neuried: ars una (The­men­hefte Geschichte; 6); ISBN: 9783893917822; S. 84–96.