(2009) Zur Erinnerungskultur im Web 2.0

[Vorbe­merkung: Nach dem Umzug des Blogs auf den neuen Serv­er wurde ich vom Sys­tem auf einen seit Jahren unfer­ti­gen Entwurf aufmerk­sam gemacht, der danach mein­er Aufmerk­samkeit ent­gan­gen war. Ich veröf­fentliche ihn hier unverän­dert, zum einen, weil ich das damals geschriebene immer noch für nicht ganz unsin­nig halte, zum anderen, weil auch das eine Form der Erin­nerung ist. AK 3.5.2016]

Lisa Rosa macht(e mich damals) auf ein erin­nerungskul­turelles Phänomen aufmerk­sam:

Ein Pro­jekt in Lublin “rekon­stru­iert” im Netz Holo­caust-Opfer und gibt ihnen eine “virtuelle Iden­tität”, d.h. es entste­ht eine Seite, auf welch­er nicht nur Lebens­dat­en und Infor­ma­tio­nen über die his­torische Per­son ver­sam­melt wer­den, son­dern diese Per­son auch eine virtuelle “eigene” Stimme bekommt.

Ein Bericht darüber find­et sich bei der Deutschen Welle.

Dieses Pro­jekt wirft aus der Per­spek­tive der Geschichts­di­dak­tik wie der Erin­nerungskul­tur, der Gedenkstät­ten­päd­a­gogik mehrere Fra­gen auf. Ich will hier gar nicht selb­st unmit­tel­bar nach der “Angemessen­heit” und/oder Sinnhaftigkeit fra­gen oder darüber urteilen. Zunächst geht es mir darum zu fra­gen, welch­er Kat­e­gorien, Begriffe und Ein­sicht­en es bedarf, um darüber zu vali­den Urteilen zu kom­men:

  1. Kann dieses Pro­jekt als neu-medi­ale, Inter­net-gerechte Weit­er­en­twick­lung biographis­chen Arbeit­ens in der Erin­nerungskul­tur ange­se­hen wer­den?
  2. In dem oben ange­sproch­enen Bericht über dieses Pro­jekt wird der Begriff der “Rekon­struk­tion” erwäh­nt. Was genau wird damit beze­ich­net? Was umfasst er — und was kann er sin­nvoller­weise umfassen?
    1. Ist mit der Rekon­struk­tion die Erar­beitung von Infor­ma­tio­nen über die Leben­sum­stände und das Leben des Jun­gen “Henio” gemeint — oder umfasst der Begriff auch die “Wieder­her­stel­lung” sein­er Per­spek­tive?
    2. Re-Kon­struk­tion im geschichtswis­senschaftlichen Sinne beste­ht immer in ein­er ret­ro­spek­tiv­en Tätigkeit. Dabei gilt inzwis­chen als gesicherte Erken­nt­nis, dass zwar ver­sucht wird, “die Ver­gan­gen­heit” zu rekon­stru­ieren, dass das Ergeb­nis aber nie in der Wieder­her­stel­lung der Ver­gan­gen­heit beste­hen kann, son­dern immer die Form ein­er “Geschichte” annimmt, näm­lich nar­ra­tiv struk­turi­ert ist.
    3. Re-Kon­struk­tion verbindet somit immer min­destens zwei Zeit­punk­te, von denen ein­er der­jenige der Re-Kon­struk­tion ist. Im Sinne von Trans­parenz und in Anerken­nung der unhin­terge­hbaren Per­spek­tiv­ität (sowie Selek­tiv­ität, Par­tial­ität etc.) aller nar­ra­tiv­en Aus­sagen, ist zu fordern, dass die Tat­sache der per­spek­tivis­chen Re-Kon­struk­tion und die Per­spek­tive, von der sie vorgenom­men wird, möglichst offen gelegt wird.
    4. Auch die Anstren­gung und Leis­tung, mögliche Gedanken und Wün­sche, Äußerun­gen und Tat­en früher­er Men­schen zu for­mulieren, ist dem­nach for­mal Re-Kon­struk­tion. Die Nutzung wörtlich­er Rede und der Ich-Form, d.h. Drama­tisierung und Kon­tex­tu­al­isierung, Lokalisierung usw. sind Ele­mente his­torisch­er Re-Kon­struk­tion. In diesem Sinne ist auch die Kon­struk­tion des “virtuellen Henio” eine Rekon­struk­tion.
    5. Ein solch­es Pro­jekt kann also nicht ein­fach mit dem Hin­weis abgelehnt wer­den, dass es ille­git­im sei, nicht mehr lebende Per­so­n­en “zum Sprechen zu brin­gen” — nichts anderes tun his­torische Dra­men und Epen — aber auch ein Gut­teil der erzäh­le­nen Geschichtss­chrei­bung.
    6. Nicht die Tat­sache fik­tionaler Gestal­tung von ver­gan­genen Per­spek­tiv­en und Hand­lun­gen in diesen Per­spek­tiv­en kann also ein Grund sein, ein solch­es Pro­jekt abzulehnen oder prob­lema­tisch zu find­en, son­dern höch­stens die Art und Weise, wie Fik­tion­al­ität (oder neu­traler: Gestal­tung) und “Fak­tiz­ität” miteinan­der in Beziehung geset­zt wer­den. Auch “Fak­ten” sind ja nicht ein­fach gegeben, son­dern entste­hend durch Inter­pre­ta­tion, durch Re-Kon­struk­tion.
  3. Dass mich (und wohl auch Lisa Rosa) bei der Infor­ma­tion über diese Form der Erin­nerungskul­tur ein ungutes Gefühl beschle­icht, der Ver­dacht, hier kön­nte etwas unangemessenes, prob­lema­tis­ches statt find­en, muss also an anderem liegen. Es braucht wohl auch andere Kri­te­rien zu dessen Beurteilung:
    1. Ist es die Kom­bi­na­tion von fik­tionaler Gestal­tung und der Opfer­per­spek­tive, welche dem so Gestal­teten eine Deu­tungs­macht ver­lei­ht, die uns — bei aller Berech­ti­gung und Notwendigkeit der Repräsen­ta­tion dieser Per­spek­tive — prob­lema­tisch erscheint?
    2. Ist der Begriff “virtueller Zeitzeuge”, der bei der Deutschen Welle ver­wen­det wird, angemessen? Er ver­weist auf die beson­dere Qual­ität der Zeitzeu­gen­schaft, die diese in der deutschen Geschichtswis­senschaft und Erin­nerungskul­tur besitzt — näm­lich eine auf ein­er Authen­tiz­ität­san­nahme beruhende Autorität.
    3. Hier ist zu fra­gen, ob unser (bzw. der Autoren des Pro­jek­ts und/oder der Berichter­stat­ter) Begriff des “Zeitzeu­gen” scharf genug ist. Lässt sich “Zeu­gen­schaft” vir­tu­al­isieren?
    4. Vielle­icht hil­ft es ja weit­er, die Autorität, die dem Konzept des “Zeu­gen” und der “Quelle” im deutschen his­torischen Denken zukommt, zurück­zunehmen, und vielmehr (entsprechend der englis­chsprachi­gen Geschicht­späd­a­gogik) das Konzept der “Evi­denz” zu nutzen. Nicht die Tat­sache von Zeu­gen­schaft iste s dann, die Autorität ver­bürgt — vielmehr kommt den Bericht­en von “Zeitzeu­gen” Evi­denz nicht automa­tisch zu, son­dern muss in ihnen gesicht wer­den.
    5. Mit Hil­fe der Kat­e­gorie von “Evi­denz” ließen sich auch Vorstel­lung sekundär­er und eben virtueller Zeu­gen­schaft kri­tisch analysieren.
  4. Zu reflek­tieren ist auch die Erin­nerungsqual­ität solch­er Pro­jek­te
    1. zunächst unter­schei­det sich der Vor­gang der “Re-Kon­struk­tion” ver­gan­gener Per­spek­tiv­en (“was kann der Junge Henio plau­si­bler­weise zu diesem Zeit­punkt gedacht haben, was kön­nen seine Wün­sche, Erfahrun­gen, Erleb­nisse etc. gewe­sen sein?”) und ihre drama­tisierende, lokalisierende, kon­tex­tu­al­isierende Gestal­tung nicht wesentlich von dem, was ern­sthaft arbei­t­ende Autoren von Jugend­büch­ern oft tun.
    2. In den aller­meis­ten Fällen han­delt es sich bei den Per­so­n­en solch­er Pro­duk­te um expliz­it fik­tionale Gestal­ten, die an Hand his­torisch­er Forschung als möglich und plau­si­bel erkan­nte Per­spek­tiv­en etc. zu ein­er Indi­vid­u­al­ität gestal­ten, die als möglich, aber eben nicht wirk­lich dargestellt wird:
      1. Zuweilen wer­den ver­bürgte und über­lieferte Einzel­er­fahrun­gen mehrerer Per­so­n­en zu ein­er fik­tionalen Fig­ur verdichtet.
      2. zuweilen wird neues (aber eben möglich­es) “hinzuer­fun­den”, so auch “Typ­is­ches” “indi­vid­u­al­isiert”.
    3. Aber es gibt natür­lich auch Beispiele, wo in fik­tionalen Gestal­tun­gen “reale” Per­so­n­en mit eigen­em Denken und Reden, Fühlen und Wollen vorgestellt und gestal­tet wer­den.
      1. Das ist zunächst immer dort der Fall, wo bekan­nte Einzelper­so­n­en, deren Han­deln die Sit­u­a­tion geprägt hat, unverzicht­bar sind — etwa beim Holo­caust Hitler, Höss usw.
      2. es kön­nen aber auch ver­bürgte, dann “fik­tion­al” über­formte Erfahrun­gen real­er Men­schen sein — wie etwa die Erin­nerun­gen von Art Spiegel­manns Vater in “Maus”.
    4. In den aller­meis­ten Fällen, die prob­lem­los anerkan­nt wer­den, zeich­net jedoch das Set­ting die Gestal­tung als zumin­d­est teil-fik­tion­al bzw. als “lit­er­arisch” gestal­tet aus: Der Hitler in “Maus” ist eben­sowenig der reale Hitler wie der Cae­sar in Aster­ix — er ist erkennbar eine lit­er­arische Gestal­tung der realen Per­son Hitler — ein Ver­weis auf die Real­ität, nicht aber die Real­ität selb­st.