Gerade erschienen: Inklusive Diagnostik

Bor­muth, Heike; Kör­ber, Andreas; Sei­dl, Patrizia; Witt, Dirk (2020): Inklu­sive Diag­nos­tik. Ein Werkzeug zur Pla­nung inklu­siv­en (Geschichts-)Unterrichts. In: Sebas­t­ian Barsch, Bet­ti­na Deg­n­er, Christoph Küh­berg­er und Mar­tin Lücke (Hg.): Hand­buch Diver­sität im Geschicht­sun­ter­richt. Inklu­sive Geschichts­di­dak­tik. Frank­furt: Wochen­schau Ver­lag (Wochen­schau Wis­senschaft), S. 338–349.

Bor­muth, Heike; Kör­ber, Andreas; Sei­dl, Patrizia; Witt, Dirk (2020): Inklu­sive Diag­nos­tik. Ein Werkzeug zur Pla­nung inklu­siv­en (Geschichts-)Unterrichts. In: Sebas­t­ian Barsch, Bet­ti­na Deg­n­er, Christoph Küh­berg­er und Mar­tin Lücke (Hg.): Hand­buch Diver­sität im Geschicht­sun­ter­richt. Inklu­sive Geschichts­di­dak­tik. Frank­furt: Wochen­schau Ver­lag (Wochen­schau Wis­senschaft), S. 338–349.

Zur Zusammenarbeit von Fachdidaktik und Sonderpädagogik im inklusiven Unterricht – Potenziale und Problemstellungen

Am ver­gan­genen Mittwoch fand an der Uni­ver­sität Ham­burg der „Strate­gi­etag Inklu­sion“ statt, bei dem Mit­glieder der Fakultät für Erziehungswis­senschaft in kurzen Impulsvorträ­gen ihre unter­schiedlichen Arbeit­en und Ansätze zur Inklu­sion vorstell­ten, die im Anschluss leb­haft in ver­schiede­nen Kle­in­grup­pen disku­tiert wur­den. In vier Blöck­en zur Posi­tion­ierung, Konzep­tion­ierung, Demokratisierung und Didak­tisierung von Inklu­sion wurde zwis­chen den Beiträ­gen nach sich ergeben­den gemein­samen Her­aus­forderun­gen des inklu­siv­en Bil­dungs- beziehungsweise Erziehungsauf­trags in schulis­chen und außer­schulis­chen Prax­is­feldern gesucht, es wur­den die ver­schiede­nen The­o­rien und Meth­o­d­en zur Bear­beitung dieser Her­aus­forderun­gen disku­tiert und nach neuen Per­spek­tiv­en zur inter- und intradiszi­plinären Koop­er­a­tion gesucht.

Einen Beitrag, der einen prag­ma­tis­chen Ansatzes zur Koop­er­a­tions­frage von Fach­di­dak­tik und Son­der­päd­a­gogik in der Inklu­sion vorstellte, liefer­ten Prof. Dr. Ulrich von Knebel, Prof Dr. Andreas Kör­ber und Dr. Heike Bor­muth. Unter dem Titel „Inklu­siv­er Unter­richt als didak­tis­che Her­aus­forderung“ stell­ten sie Über­legun­gen vor, die aus der Spez­i­fik des Zusam­men­spiels von Geschichts­di­dak­tik (Bormuth/Körber) und Beein­träch­ti­gung der Sprache (von Knebel) entsprangen.

1.   Ansatz in ein­er inklu­siv ori­en­tierten Fach­di­dak­tik – Geschichte

Im Arbeits­bere­ich Geschichts­di­dak­tik an der Uni­ver­sität Ham­burg wurde ein Ansatz entwick­elt, der für das Ziel der inklu­siv­en Pro­fil­ierung schulis­chen Geschicht­sler­nens das dif­feren­zierte Arbeit­en an gemein­samen Gegen­stän­den und Fragestel­lun­gen durch eine beson­dere Kon­struk­tion kom­plex­er Ler­nauf­gaben in den Blick nimmt. Die Über­legun­gen, die diesem möglichen Ansatz zugrunde liegen, sollen im Fol­gen­den all­ge­mein vorgestellt wer­den.

Aus­ge­hend von gegen­wär­ti­gen und für die Schü­lerin­nen und Schüler lebensweltlich rel­e­van­ten sowie expliz­it gemacht­en Prob­lem­la­gen (und insofern dem Ansatz von Sebas­t­ian Barsch ver­wandt) wer­den Auf­gaben­stel­lun­gen kon­stru­iert, die hin­re­ichend kom­plex sind, um nach ein­er dif­feren­zierten Bear­beitung gemein­sam besprochen und disku­tiert zu wer­den. Die Bedeu­tung der Auf­gabe für die eigene Lebenswelt und zeitliche Ori­en­tierung wird für die Schü­lerin­nen und Schüler in der Auf­gaben­stel­lung ersichtlich gemacht, wodurch grundle­gend klar wird, weshalb die Auf­gabe – hin­aus­ge­hend über die Verpflich­tung des Unter­richts­geschehens – zu bear­beit­en ist. Der Aus­tausch im Anschluss an die Arbeit­sphase dient schließlich nicht nur ein­er Rück­mel­dung zur erfol­gre­ichen Bewäl­ti­gung durch die Lehrkraft, son­dern eben­so zen­tral auch der anerken­nen­den gegen­seit­i­gen Wahrnehmung der unter­schiedlichen Per­spek­tiv­en, Deu­tun­gen, Bedeu­tungszuschrei­bun­gen und Inter­essen, die in den Bear­beitungsweisen ver­fol­gt wur­den. Durch die gemein­same Diskus­sion wer­den diese sicht- und reflek­tier­bar gemacht.

Für die Kon­struk­tion solch­er Auf­gaben­for­mate kön­nen (beziehungsweise müssen) auch oft mehrere vor­liegende, eher klein­schrit­tig-induk­tive Auf­gaben so zu kom­plex­en Ler­nauf­gaben zusam­menge­führt wer­den, dass ergänzende (somit nicht erset­zende) Dif­feren­zierun­gen von Mate­ri­alien sowie Bear­beitungs- und Darstel­lungs­for­men („Scaf­folds“) entwick­elt wer­den kön­nen. Diese sind dabei keinem einzel­nen Ler­nen­den direkt zugewiesen, son­dern wer­den als Ange­bote entsprechend des Bedarfs zur Unter­stützung oder Her­aus­forderung zur Ver­fü­gung gestellt, dür­fen aber grund­sät­zlich von allen Ler­nen­den gemäß ihrer eige­nen Entschei­dung genutzt wer­den. Daraus ergibt es sich auch, dass ein­deutige, fix­ierte und den Lehrer*Innen vor­ab bekan­nte Lösun­gen beziehungsweise Ergeb­nis­er­wartun­gen durch einen vielfälti­gen und vielgestalti­gen Lösungsraum abgelöst wer­den. In diesem wer­den unter­schiedliche For­mate des Schüler-Out­puts eben­so wie die ver­schiede­nen Blick­winkel und Kom­plex­itäts­grade der dif­feren­zierten Bear­beitung gle­icher­maßen wertschätzend akzep­tiert. Zur Ermit­tlung des in ein­er Lern­gruppe beste­hen­den Bedarfs an Maß­nah­men zur Unter­stützung und Her­aus­forderung dient eine zwei­seit­ige Diag­nos­tik, die zum einen die Anforderun­gen inner­halb der (kom­plex­en) Auf­gabe und zum anderen die kor­re­spondieren­den Fähigkeit­en in der Lern­gruppe als Gesamtein­heit analysiert. Dies geschieht mit­tels gemein­samer Kat­e­gorien sowohl all­ge­mein­er und spez­i­fisch päd­a­gogis­ch­er aber auch fach­spez­i­fis­ch­er Kri­te­rien, denen, eben­so wie der anschließen­den Entwick­lung der Scaf­folds, Prinzip­i­en wie das des uni­ver­sal Design for Learn­ing zugrunde gelegt wer­den.

Mit Hil­fe der ergänzen­den, nicht erset­zen­den Unter­stützung aber auch Her­aus­forderung soll der Zugang aller Ler­nen­den zu ein­er Ler­nauf­gabe verbessert oder gegebe­nen­falls erst ermöglicht wer­den, die im eigentlichen (fach­lichen) Lern- und Auf­gabenkern gemein­sam, in den Anforderun­gen, Bear­beitungs- und Reflex­ion­sweisen jedoch dif­feren­ziert ist.

Insofern die zwei­seit­ige Diag­nos­tik nicht nach den „Träger*innen“ bes­timmter Bedarfe an Unter­stützung und Her­aus­forderung inner­halb der Lern­gruppe fragt, son­dern nur nach den Bedar­fen selb­st, bleiben bei aller geleis­teter Dif­feren­zierung gegebe­nen­falls spez­i­fis­che Bedürfnisse beste­hen, die mit­tels der zwei­seit­i­gen Diag­nos­tik nicht aus­re­ichend erkennbar wer­den und denen mit­tels der all­ge­mein anzu­bi­etenden Scaf­folds nicht hin­re­ichend entsprochen wer­den kann. Sie schafft in solchen Fällen zunächst ein­mal über­haupt Aufmerk­samkeit und konkrete Gespräch­san­lässe mit weit­eren Experten päd­a­gogis­ch­er Pro­fes­sio­nen. Hier gilt es also, in Zusam­me­nar­beit mit spez­i­fis­chen Son­der­päd­a­gogiken die Schnittstellen für die inter­pro­fes­sionelle Zusam­me­nar­beit bei der Unter­richt­s­pla­nung, ‑vor­bere­itung und ‑durch­führung zu erken­nen und gemein­schaftlich aushan­del­nd zu gestal­ten. Auch dies wird nicht nur all­ge­mein, son­dern unter Berück­sich­ti­gung der Spez­i­fi­ka des jew­eili­gen Fach­es erfol­gen müssen.

2.   Ansatz der Son­der­päd­a­gogik – Beein­träch­ti­gung der Sprache

Die beispiel­hafte Diag­nose ein­er Lern­gruppe im Rah­men des geschichts­di­dak­tis­chen Auf­gaben­beispiels zeigte Auss­chläge in den Kri­te­rien „Sprach­liche Kom­pe­ten­zen“ (dies bet­rifft den Um­gang mit Deutsch/Bildungssprache) und „Sprech­fähigkeit“ (Fähigkeit zur Artiku­la­tion), an welchem Punkt die Ver­schnei­dung mit der Son­der­päd­a­gogik anset­zte. Im konkreten Falle fand die Ver­schnei­dung der Exper­tisen mit dem son­der­päd­a­gogis­chen Betä­ti­gungs­feld der „Beein­träch­ti­gung der Sprache“ statt, die sich mit den Fra­gen der fachunter­richtlichen Pro­fil­ierung ihrer Förder­logik auseinan­der­set­zte. Hin­ter den per­so­n­e­nun­ab­hängi­gen Auss­chlä­gen ver­barg sich nun aus der son­der­päd­a­gogis­chen Sicht der konkrete Beispielschüler Fabi­an, mit ein­er indivi­duellen kom­plex­en Diag­nose und einem speziellen Förder­plan. Seine Spez­i­fis­che Sprachentwick­lungsstörung bed­ingte erhe­bliche Entwick­lungsrück­stände vor allem in seman­tisch-lexikali­sch­er Hin­sicht

  • stark eingeschränk­ter Wortschatz
  • Schwierigkeit­en im Umgang mit übertrage­nen Bedeu­tun­gen

und in gram­ma­tis­ch­er Hin­sicht

  • keine Neben­satzkon­struk­tio­nen,
  • Schwie­rigkeiten mit dop­pel­ten Objek­ten, zusam­menge­set­zten Ver­ben und Tem­pus­markierung.

Gemäß Fabi­ans indi­vidu­ellem Förder­plan wären fol­gende Schritte zu unternehmen, um diese Aspek­te zu stärken. Es wären die seman­tis­chen und pho­nol­o­gis­chen Abrufhil­fen, die Fabi­an bere­its zunehmend erfol­gre­ich anwen­det, weit­er zu stärken und ein Lexikon all­t­agsrela­van­ter Worte aufzubauen. Zur Stärkung der Gram­matik wäre die Umstel­lung von Haupt­sätzen in eine Sub­jekt-Prädikat-Objekt-Struk­tur und die Erweiterung zu Mehrfa­chob­jek­tkon­struk­tio­nen einzuüben sowie kon­di­tionale und finale Neben­sätze einzuführen.

All­ge­mein ist die son­der­päd­a­gogis­che Sprach­förderung im Zusam­men­spiel mit dem Geschicht­sler­nen im schulis­chen Kon­text sodann auf zwei ver­schiedene Ziele gerichtet: Erstens gilt es, die sprach­lichen Anforderun­gen des Geschicht­sun­ter­richts so zu mod­i­fizieren, dass Fabi­an mit seinen bere­its entwick­el­ten sprach­lichen Hand­lungsmöglichkeit­en erfol­gre­ich agieren kann (sowohl im Sprachver­ständ­nis als auch in der Sprach­pro­duk­tion). Zweit­ens gilt es, die sprach­liche (hier vor allem die lexikalis­che und gram­ma­tis­che) Kom­pe­ten­zen­twick­lung Fabi­ans ins­ge­samt und gegebe­nen­falls auch außer­halb unter­richtlich­er Ver­wen­dungszwecke zu fördern, um die Ein­schränkun­gen sein­er lebensweltlichen Sprach­hand­lungs­fähigkeit, die ein Wesens­merk­mal des son­der­päd­a­gogis­chen Förderbe­darfs darstellt, zu min­dern.

Für die exem­plar­isch angenommene kom­plexe Ler­nauf­gabe ent­standen hier­durch beson­dere Anforderun­gen an die Scaf­folds, über die grundle­gende Wahrnehmung des Unter­stützungs­be­darfs in den sprach­lichen Kri­te­rien hin­aus, so dass die Mate­ri­alien auch unter Berück­sich­ti­gung von Fabi­ans Schwierigkeit­en bear­beit­bar wür­den und zu sein­er Sprach­weit­er­en­twick­lung beitra­gen kön­nten. Inner­halb der Auf­gaben­stel­lung zeigte sich zudem eine weit­ere zuvor nicht in dieser Deut­lichkeit abse­hbare Prob­lematik durch die vorge­se­hene Zu­sammenarbeit mit einem Part­ner, der über ein anderes Sprach­pro­fil ver­fügt. Spätestens an dieser Stelle müssten die Vertreter*Innen der Fach­di­dak­tik, in Form der Fachlehrer*Innen, und der Son­der­päd­a­gogik in einen konkreten Dia­log treten, um Fabi­ans Förder­plan sin­nvoll in einen weit­er­hin fach­lichen Geschicht­sun­ter­richt und das gemein­same Ler­nen einzu­binden. Im Rah­men des Beitrags wur­den hier­aus ver­schiedene Kon­se­quen­zen, Prob­lem­felder und Arbeit­saufträge abgeleit­et und vorgestellt.

3.   Ein mehrdi­men­sion­ales Span­nungs­feld entste­ht

Hin­ter der Koop­er­a­tion der päd­a­gogis­chen Diszi­plinen – so erstrebenswert sie auch sein mag – ste­ht bish­er ein noch nicht gek­lärtes, kom­plex­es Span­nungs­feld, da mit den indi­vidu­ellen Akteuren noch keine fix­ierten Hal­tun­gen aufeinan­dertr­e­f­fen. Bei­de päd­a­gogisch Han­del­nden müssen für sich genom­men zuerst ein­mal ihre Posi­tion auf einem chang­ieren­den Spek­trum der Extrem­pole – zwis­chen dem absoluten Hochhal­ten oder dem gän­zlichen Zurück­stellen der Eigen­logik ihrer Diszi­plin – bes­tim­men, um anschließend in den Aus­tausch und in Beziehung zueinan­der treten zu kön­nen.

Im konkreten Falle stünde ein Fach­lehrer oder eine Fach­lehrerin vor der gesam­melten Band­bre­ite möglich­er Posi­tion­ierun­gen von dem kom­plet­ten hin­te­nanstellen des Arbeit­sziels des histo­rischen Ler­nens und des Fachunter­richts hin­ter die indi­vidu­ellen Bedürfnisse ein­er­seits – hier würde also jedem Ler­nen­den eine eigene sep­a­rate Auf­gabe zugewiesen –  bis zu  dem Fes­thal­ten am gemein­samen Gegen­stand und der vorgese­henen Arbeitsweise als all­ge­me­ingültig ander­er­seits – hier­durch würde bedin­gungs­los auf das Ziel his­torischen Den­kens hingear­beit­et. Auf Seit­en der Son­der­päd­a­gogik span­nt sich ein ver­gle­ich­bar­er Bogen auf. Er beste­ht zwis­chen dem Auflösen von Förder­plan und Förder­logik unter der unter­richtlich­er Prax­is und dem Blick auf die ganze Klasse seit­ens Fach­lehrkräfte – einzelne Bedarfe von Schü­lerin­nen und Schülern blieben dem­nach unsicht­bar – und dem gegen­teili­gen Behar­ren auf dem Ziel der best­möglich­er Unter­stützung der indi­vidu­ellen Entwick­lung mit­tels des Förder­plans – das Han­deln würde somit in ganzem Umfang auf das Sub­jekt fokussiert.

Obwohl keine der Extrem­po­si­tio­nen funk­tion­al im Sinne der Inklu­sion oder pro­duk­tiv für ein gemein­sames Arbeit­en der päd­a­gogis­chen Diszi­plinen erscheint, kann bish­er eben­so wenig mit irgen­dein­er Bes­timmtheit gesagt wer­den, wie eine solche pos­i­tive Selb­stveror­tung auszuse­hen hat.

4.   Forschungsan­sätze und Arbeit­saufträge

Bevor in der Prax­is die einzelne Sonderpädagog*Innen und Fachlehrer*Innen das kom­plexe Span­nungs­feld in fort­laufend­en Einzelfall­ex­em­peln prag­ma­tisch lösen, erge­ht aus den Über­legun­gen des Zusam­men­spiels ein Arbeit­sauf­trag an die uni­ver­sitäre Forschung und Aus­bil­dung in den ver­schiede­nen Lehrämtern, genau dies bear­beit­bar zu machen. Ins­beson­dere ist ein Ort für die Ver­hand­lung der entste­hen­den Fra­gen zu schaf­fen.

Dieser Auszug stellt keinen umfänglichen und erschöpfend­en Kat­a­log an Fra­gen dar, an dessen Ende eine Lösung für die Grund­satzfrage der Zusam­me­nar­beit zwis­chen Fach­di­dak­tik und Son­der­päd­a­gogik ste­ht. Vielmehr ste­ht er exem­plar­isch für den jew­eili­gen Blick­winkel auf grundle­gende Struk­turfra­gen, ins­beson­dere

  • Wie lässt sich A in B inte­gri­eren, ohne dass B sich hier­durch fach- beziehungsweise diszi­plinen­spez­i­fisch ver­liert?
  • Welche Kon­se­quen­zen ergeben sich hier­aus für B in sich?
  • Wie kann A seine Ange­bote generell für B nutzbar machen?
  • Wie kön­nen die Fach- und Diszi­plinen­struk­turen von A und B zusam­men­genge­führt wer­den?

Da inklu­siv­er Unter­richt let­ztlich in Form inklu­siv­en Fachunter­richts stat­tfind­et, tref­fen im Prax­is­feld Schule die didak­tis­che Eigen­logiken aller Fäch­er auf jene aller son­der­päd­a­gogis­chen Diszi­plinen. Daraus ergibt sich Kom­bi­na­tionsvielfalt und die all­ge­meine Frage, inwieweit lassen sich Fragestel­lun­gen zur grund­sätzlichen und spez­i­fis­chen Koop­er­a­tion über­haupt mit über­greifend­er Gültigkeit diskutie­ren oder mod­el­lieren? Oder ander­sherum gefragt, an welchen Stellen sind Schnitt- und Rei­bungspunk­te nur diszi­plinen­spez­i­fisch aushandel­bar?

 

Vorankündigung: Literatur zu inklusivem Geschichtslernen

Bor­muth, Heike; Kör­ber, Andreas; Sei­dl, Patrizia; Witt, Dirk (2019; in Vorb.): Inklu­sive Diag­nos­tik. Ein Werkzeug zur Pla­nung inklu­siv­en (Geschichts-)Unterrichts. In: Bet­ti­na Alavi, Sebas­t­ian Barsch, Christoph Küh­berg­er und Mar­tin Lücke (Hg.): Hand­buch Diver­sität im Geschicht­sun­ter­richt. Zugänge ein­er inklu­siv­en Geschichts­di­dak­tik. Frank­furt am Main: Wochen­schau Ver­lag.

von den Her­aus­ge­bern angenom­men wur­den für einen Sam­mel­band über Diver­sität im Geschicht­sler­nen fol­gende Beiträge:

  • Kör­ber, Andreas (2019; in Vorb.): Inklu­sive Geschicht­skul­tur — Bes­tim­mungs­fak­toren und Ansprüche. In: Bet­ti­na Alavi, Sebas­t­ian Barsch, Christoph Küh­berg­er und Mar­tin Lücke (Hg.): Hand­buch Diver­sität im Geschicht­sun­ter­richt. Zugänge ein­er inklu­siv­en Geschichts­di­dak­tik. Frank­furt am Main: Wochen­schau Ver­lag.
  • Bor­muth, Heike; Kör­ber, Andreas; Sei­dl, Patrizia; Witt, Dirk (2019; in Vorb.): Inklu­sive Diag­nos­tik. Ein Werkzeug zur Pla­nung inklu­siv­en (Geschichts-)Unterrichts. In: Bet­ti­na Alavi, Sebas­t­ian Barsch, Christoph Küh­berg­er und Mar­tin Lücke (Hg.): Hand­buch Diver­sität im Geschicht­sun­ter­richt. Zugänge ein­er inklu­siv­en Geschichts­di­dak­tik. Frank­furt am Main: Wochen­schau Ver­lag.
  • Kör­ber, Andreas; Sei­dl, Patrizia; Witt, Dirk; Bor­muth, Heike (2019; in Vorb.): Inklu­sives Geschicht­sler­nen via Scaf­fold­ing von Auf­gaben. In: Bet­ti­na Alavi, Sebas­t­ian Barsch, Christoph Küh­berg­er und Mar­tin Lücke (Hg.): Hand­buch Diver­sität im Geschicht­sun­ter­richt. Zugänge ein­er inklu­siv­en Geschichts­di­dak­tik. Frank­furt am Main: Wochen­schau Ver­lag.

Vorankündigung: Literatur zu Inklusivem Geschichtslernen

Kör­ber, Andreas (2019; in Vorb.): Inklu­sive Geschicht­skul­tur — Bes­tim­mungs­fak­toren und Ansprüche. In: Bet­ti­na Alavi, Sebas­t­ian Barsch, Christoph Küh­berg­er und Mar­tin Lücke (Hg.): Hand­buch Diver­sität im Geschicht­sun­ter­richt. Zugänge ein­er inklu­siv­en Geschichts­di­dak­tik. Frank­furt am Main: Wochen­schau Ver­lag.

von den Her­aus­ge­bern angenom­men wur­den für einen Sam­mel­band über Diver­sität im Geschicht­sler­nen fol­gende Beiträge:

  • Kör­ber, Andreas (2019; in Vorb.): Inklu­sive Geschicht­skul­tur — Bes­tim­mungs­fak­toren und Ansprüche. In: Bet­ti­na Alavi, Sebas­t­ian Barsch, Christoph Küh­berg­er und Mar­tin Lücke (Hg.): Hand­buch Diver­sität im Geschicht­sun­ter­richt. Zugänge ein­er inklu­siv­en Geschichts­di­dak­tik. Frank­furt am Main: Wochen­schau Ver­lag.
  • Bor­muth, Heike; Kör­ber, Andreas; Sei­dl, Patrizia; Witt, Dirk (2019; in Vorb.): Inklu­sive Diag­nos­tik. Ein Werkzeug zur Pla­nung inklu­siv­en (Geschichts-)Unterrichts. In: Bet­ti­na Alavi, Sebas­t­ian Barsch, Christoph Küh­berg­er und Mar­tin Lücke (Hg.): Hand­buch Diver­sität im Geschicht­sun­ter­richt. Zugänge ein­er inklu­siv­en Geschichts­di­dak­tik. Frank­furt am Main: Wochen­schau Ver­lag.
  • Kör­ber, Andreas; Sei­dl, Patrizia; Witt, Dirk; Bor­muth, Heike (2019; in Vorb.): Inklu­sives Geschicht­sler­nen via Scaf­fold­ing von Auf­gaben. In: Bet­ti­na Alavi, Sebas­t­ian Barsch, Christoph Küh­berg­er und Mar­tin Lücke (Hg.): Hand­buch Diver­sität im Geschicht­sun­ter­richt. Zugänge ein­er inklu­siv­en Geschichts­di­dak­tik. Frank­furt am Main: Wochen­schau Ver­lag.

Informationsmaterial für Lehrkräfte

Bor­muth, Heike; Kör­ber, Andreas (2018): Lehrerposter_Inklusiver_Geschichtsunterricht_HB_01.03.2018

Inklu­sion ist bere­its seit län­gerem kein alleiniges The­ma der Son­der­päd­a­gogik mehr. Die Studieren­den aller Lehrämter der Uni­ver­sität Ham­burg wer­den nicht nur im Fach Geschichte, son­dern im Rah­men ver­schieden­er Sem­i­narkonzepte mit dem The­ma Inklu­sion und deren Bedeu­tung für den Unter­richt ver­traut gemacht. Sie wer­den darauf vor­bere­it­et, in ihrem unter­richtlichen Han­deln auf die sich stetig verän­dern­den gesellschaftlichen Bedin­gun­gen und die wach­sende Diver­sität kom­pe­tent zu reagieren.

Speziell die Geschichts­di­dak­tik hat es sich darüber hin­aus zur Auf­gabe gemacht, auch den beste­hen­den Lehrkör­p­er in diesen Prozess einzu­binden. Regelmäßig wer­den Fort­bil­dun­gen für Lehrerin­nen und Lehrer im Rah­men der Begleitver­anstal­tung zum Kern­prak­tikum I ange­boten und zwis­chen­zeitlich wurde auch ein erstes Infor­ma­tion­s­ma­te­r­i­al entwick­elt, das die Prinzip­i­en des inklu­siv­en Geschicht­sun­ter­richts auch Lehkräften vorstellen soll, die nicht als Men­torin­nen und Men­toren am Kern­prak­tikum beteiligt sind.

Das Infor­ma­tion­s­ma­te­r­i­al in Form eines Poster kann hier einge­se­hen wer­den.

Lehrerposter_Inklusiver_Geschichtsunterricht_HB_01.03.2018

Ein Alter­na­tiv­text zum Poster kann über den fol­gen­den Link eben­falls abgerufen wer­den.

Alternativtext_Lehrerposter_Inklusiver_Geschichtsunterricht_HB_27.02.2018

Weit­ere Infor­ma­tio­nen zum The­ma Inklu­sion und Pro­fes­sion­al­isierung in der Lehrer_innenbildung find­en Sie auf der Inter­net­präsenz der Pro­jek­ts Pro­fale (https://www.profale.uni-hamburg.de/handlungsfelder/hf3.html). Dort kön­nen Sie die neben der Geschichts­di­dak­tik beteiligten uni­ver­sitären Fäch­er sowie die Möglichkeit­en zur Teil­nahme an den Maß­nah­men des Hand­lungs­feldes ein­se­hen. Eine weit­ere Anlauf­stelle für Fra­gen zur Beteili­gung bildet darüber hin­aus noch das Ham­burg­er Zen­trum für Lehrerbil­dung.

Inklusion: Wahrnehmung von Lernenden und ihren Stärken und Schwächen. Eine graphische Umsetzung (überarbeitet)

Kör­ber, Andreas (1.4.2017): “Inklu­sion: Wahrnehmung von Ler­nen­den und ihren Stärken und Schwächen. Eine graphis­che Umset­zung”: In: His­torisch Denken ler­nen (Blog).

In der aktuellen Debat­te um Inklu­sion sind viele Konzepte keineswegs ein­heitlich gek­lärt. Abge­se­hen davon, dass dies in der Wis­senschaft ein Nor­malzu­s­tand ist, wäre es aber doch wün­schenswert, dass nicht unbe­d­ingt ein ein­heitlich­er Gebrauch, wohl aber Klarheit über das jew­eils gemeinte hergestellt wer­den kön­nte. Das bet­rifft nicht nur die (oft auch nor­ma­tiv oder gar ide­ol­o­gisch aufge­ladene) Frage nach dem “engen” oder “weit­en” Inklu­sions­be­griff, also danach, ob unter Inklu­sion nur Organ­i­sa­tions­for­men und Maß­nah­men ver­standen wer­den sollen, die dem Ein­bezug von Men­schen in die gesellschaftliche Teil­habe und Ler­nen­den in das all­ge­meine Bil­dungswe­sen bedeuten, die auf­grund von (zuvor so beze­ich­neter) “Behin­derung” aus­geschlossen oder beteiligt waren, oder ob es um alle Men­schen ungeachtet des jew­eili­gen Auss­chlussgrun­des geht — oder ob jew­eils für bes­timmte Zwecke eine spez­i­fis­che (und dabei derzeit oft die “son­der­päd­a­gogis­che”) Dimen­sion beson­ders fokussiert oder Berück­sichtigt wird, ohne dass dies eine Ablehnung der anderen bedeutet.

Ähn­lich ver­hält es sich mit den Konzepten von “Behin­derung” und “Beein­träch­ti­gung” und “Förderbe­darf”. Ger­ade im Inter­esse der Nutzung son­der­päd­a­gogis­ch­er Exper­tise in “inklu­siv­en set­tings” wird oft von “I‑Kindern”, “inklu­siv beschul­ten” Kindern und Förder­schw­er­punk­ten gesprochen, obwohl diese Begriffe und die in ihnen zum Aus­druck kom­menden Konzepte der Grun­didee der Inklu­sion ger­adezu zuwider laufen, insofern ger­ade nicht mehr davon aus­ge­gan­gen wer­den soll, dass Kinder als Merk­mal ihrer selb­st bes­timmte Beein­träch­ti­gun­gen besitzen, die sie gegenüber anderen Kindern als “beson­ders” markieren — auch nicht als “beson­ders” förderbedürftig. Das Konzept unter­stellt dabei keineswegs eine Gle­ich­heit, Homogen­ität aller, son­dern geht davon aus, dass Het­ero­gen­ität, Unter­schiedlichkeit nicht die einen von den anderen “son­dert”, son­dern dass Diver­sität in Merk­malen und darunter auch Stärken und Schwächen, etwas nor­males ist.
Dieser Grundgedanke wird oft in ein­er der vie­len Vari­anten der fol­gen­den Grafik visu­al­isiert (Urhe­ber: Robert Aehnelt; CC-BY-SA 3.0):

Was dieses Konzept und diese Grafik noch nicht mit adressiert, ist die Frage, wie konkrete (Leistungs-)Stärken und Schwächen bzw. Beein­träch­ti­gun­gen aufge­fasst wer­den. Sie zu leug­nen und schlicht jegliche Form von Unter­schiedlichkeit als “Ressource” zu feiern, wird wed­er der Wahrnehmung viel­er Lehrkräfte gerecht, dass spez­i­fis­che Förderbe­darfe gegeben sind, noch bietet es Ansatzpunk­te zur In-Wert-Set­zung son­der­päd­a­gogis­ch­er Exper­tise, ins­beson­dere in diag­nos­tis­ch­er Hin­sicht.
Mit Hil­fe ein­er anderen (eben­falls) grafis­chen Darstel­lungsweise möchte ich daher illus­tri­eren, wie spez­i­fis­che Her­aus­forderun­gen unter inklu­siv­er Per­spek­tive gedacht wer­den kön­nen.
Genutzt wird dafür eine Darstel­lung, welche Stärken und Schwächen von Schü­lerin­nen und Schülern jew­eils in ein­er Vielzahl in Form eines polaren Dia­gramms erfasst. Ide­aliter entste­ht somit für jedes Indi­vidu­um ein polaren Pro­fil in Form ein­er “Spin­nen­net­z­grafik”, so dass eine Über­lagerung solch­er Pro­file sowohl die mehrdi­men­sion­ale Diver­sität der Ler­nen­den sicht­bar machen kann.
Diese Darstel­lungsweise ist aber nicht dahinge­hend zu ver­ste­hen, dass alle Ler­nen­den in einem hoch auflösenden Ver­fahren dif­fer­en­tiell zu diag­nos­tizieren wären, bevor Inklu­sion gedacht und gelebt wer­den kann. Im Gegen­teil: Hier soll diese Darstel­lungsweise lediglich die Plu­ral­ität der Dimen­sio­nen von Diver­sität sym­bol­isieren.

Die Grafik rechts visu­al­isiert in dieser Darstel­lungsweise ein Ver­ständ­nis, in dem Schü­lerin­nen und Schüler mit aus­geprägten Beein­träch­ti­gun­gen als “mit beson­derem Förderbe­darf” wahrgenom­men wer­den, die jew­eils einzelne oder mehrere Dimen­sio­nen von Fähigkeit­en etc. betr­e­f­fen. Es sind allerd­ings auch Schü­lerin­nen und Schüler in der Grafik gar nicht sicht­bar (etwa L4), weil ihre Stärken und Schwächen offenkundig als inner­halb des “grü­nen Bere­ich­es” liegend wahrgenom­men wer­den, der als “nor­mal” beze­ich­net wer­den kann. Nur diejeni­gen Schüler, deren Stärken und Schwächen als über den inneren Bere­ich hin­aus­ge­hend wahrgenom­men wer­den, gel­ten also als “beson­ders” förderbedürftig.

Die zweite Grafik hinge­gen zeigt die Stärken und Schwächen auch der bis­lang als “nor­mal” aus dem indi­vid­ual­diag­nos­tis­chen Blick her­aus­fal­l­en­den Schü­lerin­nen und Schüler — und zwar aufge­tra­gen anhand genau der­sel­ben Kat­e­gorien. Allerd­ings ist die Darstel­lung zwar noch deut­lich blass, wom­it her­aus­gestellt wer­den soll, das die spez­i­fis­che Zuständigkeit von Son­der­päd­a­gogen für die nun mehr nur dem Grade, nicht mehr den Kat­e­gorien nach als “beson­ders” förderbedürftig wahrgenomme­nen Schü­lerin­nen und Schüler angedeutet wird, aber auch, dass die Exper­tise auch der Förderung der anderen Schü­lerin­nen und Schüler zu Gute kom­men kann und soll.

Wahrnehmung indi­vidu­eller Beein­träch­ti­gun­gen in einem mod­er­at inklu­siv­en Konzept; Andreas Kör­ber CC-BY-SA 3.0

In einem vol­lends inklu­siv­en Sys­tem schließlich wür­den somit alle Schü­lerin­nen und Schüler nach nicht nur der herkömm­lichen Schw­er­punk­ten, son­dern auch anderen Stärken und Schwächen (angedeutet durch die weit­eren Achsen der Grafik) diag­nos­tiziert, wobei damit ger­ade nicht mehr eine pathol­o­gisierende Ein­stu­fung gemeint sein kann, son­dern die Grund­lage für die Reflex­ion auf die Ansprüche, die die Tat­sache solch­er Stärken und Schwächen — und vor allem der Unter­schiede zwis­chen den Schü­lerin­nen und Schülern — für die Pla­nung von Lern­prozessen und die Gestal­tung von Ler­nauf­gaben haben kann und soll.

Wahrnehmung indi­vidu­eller Beein­träch­ti­gun­gen in einem vol­lends innklu­siv­en Konzept; Andreas Kör­ber CC-BY-SA 3.0

Es wird dann ger­ade nicht mehr darum gehen, einzel­nen Schüler(inne)n jew­eils auf sie zugeschnit­tene Auf­gaben zu geben, wohl aber, sich bei der Gestal­tung von gemein­samen und kom­plex­en Auf­gaben der Diver­sität in ver­schiede­nen Dimen­sio­nen bewusst zu sein. Son­der­päd­a­gogis­che Exper­tise wird zur Diag­nos­tik weit­er­hin eben­so benötigt wie für die Gestal­tung spez­i­fis­ch­er Zugänge und divers­er Unter­stützungs­maß­nah­men. Sie soll­ten dann aber nicht den einzel­nen Kindern spez­i­fisch gegeben, son­dern allen ange­boten wer­den, so dass sie zum einen eine nicht-stig­ma­tisierende Dif­feren­zierung ermöglichen, zum anderen die Arbeit an einem gemein­samen Gegen­stand sich­ern.

Damit nun kön­nte die erste Grafik so verän­dert wer­den:

Während links nur solche Schü­lerin­nen als “innen” ange­se­hen wer­den, die in den Grafiken oben im engen grü­nen Bere­ich verortet wären, alle diejeni­gen dage­gen, die auch nur in einzel­nen Dimen­sio­nen “beson­deren” Förderbe­darf haben, exk­ludiert bleiben, sind sie in der mit­tleren Grafik hinein­genom­men. Allerd­ings sind nur sie hin­sichtlich ihrer spez­i­fis­chen Aus­prä­gun­gen von Stärken, Schwächen, Beein­träch­ti­gun­gen, Per­spek­tiv­en etc. erkennbar gemacht. Das wäre eine inte­gra­tive Logik in dem Sinne, als diese Schüler “dabei” sind, aber als spez­i­fisch förderbedürftig.

Rechts hinge­gen, bei “voller Inklu­sion” gibt es den “grü­nen Bere­ich” let­ztlich nicht mehr. Alle Schü­lerin­nen und Schüler wer­den als mit unter­schiedlichen Stärken, Schwächen, Per­spek­tiv­en, Inter­essen etc. wahrgenom­men, ohne dass einzelne dieser Spez­i­fi­ka als “beson­ders” förderbedürftig normiert wer­den.

Dieses Mod­ell konzip­iert die inklu­sive Lern­gruppe somit als eine Gemein­schaft, in welch­er alle Indi­viduen mit ihren Stärken und Schwächen erkennbar sind, also eine Gesellschaft (an)erkannter Diver­sität. Das ist dann auch Vorbe­din­gung dafür, dass Inklu­sion nicht nur als Her­stel­lung ein­er Bar­ri­ere­frei­heit zu mehr oder weniger unverän­derten Gegen­stän­den und Fragestel­lun­gen und einem nur räum­lichen und zeitlichen “gemein­samen” Ler­nen konzip­iert wird, son­dern auch als ein Ler­nen, in welchem die Teil­haben­den sich auch gegen­seit­ig in ihrer Diver­sität und den damit ver­bun­de­nen jew­eili­gen Per­spek­tiv­en auf den gemein­samen Gegen­stand.
Im Fach Geschichte ist das etwa dann der Fall, wenn nicht nur gemein­sam und hin­sichtlich der unter­schiedlichen Fähigkeit­en und Schwierigkeit­en adap­tiv über die Kolo­nialgeschichte unter­richtet und gel­ernt wird, son­dern wenn dabei auch die Inter­essen der Einzel­nen am Gegen­stand, ihre Vor-Ken­nt­nisse (und auch ihre Phan­tasien), ihre Fra­gen, Konzepte und auch Deu­tun­gen sicht- und disku­tier­bar wer­den. Diese wer­den in einem inklu­siv­en set­ting eben­falls ein größeres Spek­trum aufweisen als in den anderen set­tings. Damit aber hat inklu­sives Ler­nen auch eine verän­derte gesellschaftliche und fach­liche Rel­e­vanz in dem Sinne, dass nicht nur eine eingeschränk­te Per­spek­tive auf den jew­eili­gen Gegen­stand the­ma­tisch wer­den kann, son­dern die Vielfalt der gesellschaftlichen Repräsen­ta­tio­nen und Ver­ständ­nisse selb­st erscheinen.

Über die oben ange­führte lediglich sym­bol­is­che Funk­tion der zirkulären Pro­fil­darstel­lung hin­aus kann dieses Ver­ständ­nis von Diver­sität und diese Darstel­lungsweise in einiger Ver­gröberung auch zu einem didak­tis­chen Instru­ment wer­den, dann näm­lich, wenn nicht nur das Spek­trum der Stärken und Schwächen inner­halb ein­er Lern­gruppe in einem solchen Dia­gramm (über­schlägig) abge­tra­gen wird, son­dern auch mit den gle­ichen Kat­e­gorien Eigen­schaften von Ler­nauf­gaben visu­al­isiert, d.h. die von ihnen an die Ler­nen­den gestell­ten Her­aus­forderun­gen in ver­schiede­nen Dimen­sio­nen — etwa hin­sichtlich der Auf­gabeneigen­schaften nach Maier/Bohl et al. (2013), aber auch fach­spez­i­fis­che Her­aus­forderun­gen.
Eine Über­lagerung der Auf­gaben­analyse und des Stärken-/Schwächen­spek­trums der Lern­gruppe (oder auch einzel­ner Ler­nen­der) kann dann Auf­schluss geben für mögliche Dif­feren­zierungs­be­darfe hin­sichtlich Unter­stützung und Her­aus­forderung (Scaf­fold­ing).

Lit­er­atur
Maier, U., Bohl, T., Kleinknecht, M., and Metz, K. (2013) ‘All­ge­mein­di­dak­tise­he Kri­te­rien für die Analyse von Auf­gaben’, in Kleinknecht, M., Bohl, T., Maier, U., and Metz, K. (eds.). Lern- und Leis­tungsauf­gaben im Unter­richt. Fächerüber­greifende Kri­te­rien zur Auswahl und Analyse. Bad Heil­brunn: Ver­lag Julius Klinkhardt, pp. 9–46.

Kompetenzen historischen und geschichtsdidaktischen Denkens — ein Beispiel aus der Praxis

Die Frage der Kom­pe­ten­z­di­ag­nos­tik ist in der Geschichts­di­dak­tik wei­thin ungelöst. Die Einord­nung der eige­nen (oder entsprechend fremder) Fähigkeit­en mit Hil­fe ein­er Stu­fung von “kann ich gar nicht” bis “ich bin sich­er”, wie sie etwa in den “Kom­pe­ten­z­train­ern” der Neuaus­gabe von “Forum Geschichte” prak­tiziert wird1, ver­mag nicht recht zu überzeu­gen.

Hier ein Beispiel, wie an Hand von konkreten Leis­tun­gen von Studieren­den zumin­d­est für einzelne Aspek­te eine diag­nos­tis­che Argu­men­ta­tion möglich ist:

Ein(e) Studierende® analysiert in ein­er Hausar­beit zwei Schul­büch­er auf die in ihnen gebote­nen Anreize his­torischen Ler­nens im Sinne ein­er Förderung von Kom­pe­ten­zen hin.

Ein­er der Bände ist:

Albrecht, Man­fred; Osburg, Flo­ri­an: (1999): Expe­di­tion Geschichte; Bd. 3: Von der Zeit des Impe­ri­al­is­mus bis zur Gegen­wart. Hg. v. Dag­mar Klose. Frank­furt am Main: Diester­weg.

Unter­sucht wird das Kapi­tel zum Nation­al­sozial­is­mus.

Im Rah­men dieser Analyse beschreibt und analysiert die/der Studierende die Zusam­men­stel­lung der Medi­en und ihre Beziehun­gen zu den Arbeit­sauf­gaben. Dabei stellt sie/er fest, dass die auf S. 100 des Buch­es gegebene und mit Q1 beze­ich­nete Quelle “eigentlich eine Darstel­lung von Ver­gan­gen­heit ist […], da hier eine Re-Kon­struk­tion der Ver­gan­gen­heit aus der Einin­nerung” gegeben ist — es han­delt sich um einen Auszug ein­er Erin­nerung von Jesco von Putkamer aus dem Band “Wir erlebten das Ende der Weimar­er Repub­lik” von Rolf Ital­i­aan­der.

Wie Recht sie/er hat! — und wie sehr doch nicht.

Die Fähigkeit der/des Studieren­den, die Konzepte “Quelle” und “Darstel­lung” in dieser Form für eigene Analy­sen zu ver­wen­den, die kri­tis­che Nutzung der­sel­ben, die die vorge­fun­dene Kennze­ich­nung des Mate­ri­als mit “Q” neg­a­tiv bew­ertet, die darin ersichtliche (und auch expliz­it for­mulierte) Reflex­ion auf den erken­nt­nis­the­o­retis­chen Sta­tus des Mate­ri­als (näm­lich nicht aus zeit­genös­sis­ch­er Sicht, son­dern aus der Ret­ro­spek­tive zu bericht­en;2 ) weist darauf hin, dass die/der Studierende über die Konzepte “Quelle” und “Darstel­lung”, genauer: über die Unter­schei­dung zwis­chen ihnen, in einiger Form ver­fügt, die es ihr/ihm erlaubt, selb­st­ständig zu urteilen.

Ander­er­seits: Die Vorstel­lung, es gebe “Quellen” und “Darstel­lun­gen” und ein konkretes Mate­r­i­al gehöre genau ein­er der bei­den “Gat­tun­gen” an, die sich auch in der Kennze­ich­nung “Q” wider­spiegelt, wird der Sache let­ztlich nicht gerecht.  Die reflex­ion auf die eigen­tüm­liche Zwis­chen­stel­lung von Mem­oiren wie Zeitzeu­gener­in­nerun­gen, die wed­er ein­fach “nur” Quelle sind, noch Darstel­lung, die in sich Aspek­te der nachträglichen For­mung der Ein­nerung aufweisen, der nachträglichen Selek­tion und Rel­e­vanz­zuschrei­bun­gen, die Begriffe und Kat­e­gorien ver­wen­den, die durch zwis­chen­zeitliche Diskus­sio­nen und Debat­ten geprägt sind, die aber gle­ichzeit­ig auch nicht ohne den Anteil indi­vidu­eller Erin­nerung denkbar sind und ohne ihn ihren Sta­tus ver­lieren wür­den, lässt sich  mit den Begrif­f­en “Quelle” und “Darstel­lung” eben nicht greifen.3

In diesem konkreten Fall ist zumin­d­est die Per­for­manz der/des Studieren­den eher dem inter­mediären Niveau his­torischen und geschichts­di­dak­tis­chen denkens zuzuweisen: Die Ver­fü­gung über das aus Lit­er­atur und im Studi­um erwor­bene Konzept von Quelle und Darstel­lung, das auch im konkreten Mate­r­i­al genutzt wird, ist vol­lum­fänglich gegeben, es wird aber nicht in Frage gestellt, zugun­sten ein­er Dif­feren­zierung aufgelöst. Die Nutzung reicht hier nur dazu, die Zuord­nung der Schul­buchau­toren zu kri­tisieren, und die jew­eils andere Kat­e­gorie vorzuschla­gen.  Sofern nicht andere Pas­sagen und Beispiele zeigen, dass unter anderen Bedin­gun­gen ger­ade auch die Dif­feren­zierung, die Infragestel­lung der dichotomen Untr­erschei­dung geleis­tet wird, ist dies ein Indika­tor für “inter­mediäre” Sachkom­pe­tenz in Bezug auf diese Konzepte.

Soweit zur Frage, wie his­torische und geschichts­di­dak­tis­che Sachkompetenz(en) mit Hil­fe von Indika­toren (ansatzweise) diag­nos­tiziert wer­den kön­nen.

Was fol­gt aber weit­ers aus diesem Beispiel? Wahrschein­lich sollte die ein­deutige Zuord­nung von Mate­ri­alien zu solchen Gat­tun­gen in Schul­büch­ern lieber zugun­sten ein­er neu­tralen Kennze­ich­nung (etwa mit “M” für “Mate­r­i­al”) aufgegeben und die Reflex­ion auf den erken­nt­nis­the­o­retis­chen Sta­tus des jew­eili­gen Mate­ri­als zur ständig mit­laufend­en Auf­gabe gemacht wer­den.

Ob das dann immer durchge­führt wird, bleibt ja dem Lehrer über­lassen. Wenn es ein­mal nicht passt, kann man das auch mal vorgeben. Wenn das aber immer vorgegeben ist, ver­baut es eine Lern­chance.

Hin­sichtlich unseres The­mas zeigt der Fall aber, dass Kom­pe­ten­z­di­ag­nos­tik zumin­d­est hin­sichtlich solch­er Ver­fü­gung über Konzepte nicht nur mit Hil­fe stan­dar­d­isiert­er Items möglich ist (Mes­sung), son­dern auch an Hand von Arbeit­en der Ler­nen­den, die an Hand von Indika­toren inter­pretiert wer­den.4

  1. vgl. STUNZ, HOLGER R. (2007): “Trans­parenz und Selb­st­sicher­heit. Selb­st­di­ag­nose­bö­gen im Anfang­sun­ter­richt.” In: Geschichte ler­nen; 116; S. 14–20 sowie BECKER, FRANK G.; KEITZ, CHRISTINE; STUNZ, HOLGER R. (2008): “Diag­nos­tizieren, fördern, testen: Kom­pe­ten­zen für den Geschicht­sun­ter­richt.” In: Hero.dot. Das Mag­a­zin für den Geschicht­sun­ter­richt; 04; S. 6–8. []
  2. Ob es wirk­lich “die Gegen­wart” auch des Schülers ist, lässt sich aus der konkreten Mate­ri­al­präsen­ta­tion nicht erken­nen — der Band ist immer­hin von 1982! []
  3. Vgl. hierzu:  KÖRBER, ANDREAS (2007): “Niveaus der Ver­fü­gung über einen Quel­len­be­griff. Eine Skizze der Graduierung ein­er Einzelkom­pe­tenz im Bere­ich der his­torischen Sachkompetenz(en).” In: KÖRBER, ANDREAS; SCHREIBER, WALTRAUD; SCHÖNER, ALEXANDER (Hrsg.; 2007): Kom­pe­ten­zen His­torischen Denkens. Ein Struk­tur­mod­ell als Beitrag zur Kom­pe­ten­zori­en­tierung in der Geschichts­di­dak­tik. Neuried: ars una (Kom­pe­ten­zen: Grund­la­gen – Entwick­lung – Förderung; 2), S. 546–562. []
  4. KÖRBER, ANDREAS (2008): “Sind Kom­pe­ten­zen his­torischen Denkens mess­bar?” In: FREDERKING, VOLKER (Hrsg.; 2008): Schw­er mess­bare Kom­pe­ten­zen. Her­aus­forderun­gen für die empirische Fach­di­dak­tik. Balt­mannsweil­er: Schnei­der Ver­lag Hohengehren, S. 65–84. []

Kör­ber, Andreas (2006): “Leis­tungsmes­sung.” In: May­er, Ulrich; Pan­del, Hans-Jür­gen; Schnei­der, Ger­hard; Schöne­mann, Bernd (2006; Hgg.): Wörter­buch Geschichts­di­dak­tik. Schwalbach/Ts.: Wochen­schau Ver­lag; ISBN: 9783899742572; S. 117–118.

Ein Beitrag zum The­ma Leis­tungsmes­sung:

Kör­ber, Andreas (2006): “Leis­tungsmes­sung.” In: May­er, Ulrich; Pan­del, Hans-Jür­gen; Schnei­der, Ger­hard; Schöne­mann, Bernd (2006; Hgg.): Wörter­buch Geschichts­di­dak­tik. Schwalbach/Ts.: Wochen­schau Ver­lag; ISBN: 9783899742572; S. 117–118.