Erinnerungspolitik in Hamburg: Wiederherstellung des einen und Vernichtung des anderen?

Kör­ber, Andreas (3.1.2014): “Erin­nerungspoli­tik in Ham­burg: Wieder­her­stel­lung des einen und Ver­nich­tung des anderen?”

Gestern (2.1.2014) bzw. heute (3.1.2014) find­en sich sich in der Ham­burg­er Presse zwei Mel­dun­gen über erin­nerungspoli­tis­che Inti­ta­tiv­en und begin­nende Kon­tro­ver­sen darum:

  1. Die taz nord berichtet gestern unter der Über­schrift “Der Geist der Kaiserzeit” über eine erneute Ini­tia­tive des Leit­ers des Alton­aer Stadt­teilarchivs, ein 1970 zugeschüt­tetes Mosaik mit Korn­blu­men unter dem Kaiser-Wil­helm-Denkmal vor dem Alton­aer Rathaus wieder frei­le­gen und restau­ri­eren zu lassen. In dem Bericht wird her­vorge­hoben, dass diese Blu­men die Lieblings­blu­men des Kaisers gewe­sen seien, und dass diese Blume — aus der Tra­di­tion der “blauen Blume ” der deutschen Roman­tik kom­mend — später gar Kennze­ichen ein­er (allerd­ings nicht mit Ham­burg ver­bun­de­nen) SS-Divi­sion wurde.
  2. Die Berge­dor­fer Zeitung berichtet heute unter der Über­schrift “Sollen umstrit­tene Stat­uen eingeschmolzen wer­den?” über eine Ini­ti­taive, die in der Berge­dor­fer Stern­warte ein­ge­lagerten ehe­ma­li­gen Kolo­nialdenkmäler einzuschmelzen und zitiert den Protest von u.a. HM Joki­nen (u.a. afrika-hamburg.de) und dem Net­zw­erk “Ham­burg Postkolo­nial” dage­gen.

Noch liegen mir zu bei­den Fällen keine konkreten weit­eren Infor­ma­tio­nen vor. Bei­de Fälle sind aber dur­chaus geeignet, im Rah­men ein­er Didak­tik der Erin­nerungskul­tur und ‑poli­tik the­ma­tisiert zu wer­den. In der Dop­pelung von Wieder­her­stel­lung / Ver­nich­tung wer­fen diese Fälle näm­lich ger­ade in ihrer Kom­bi­na­tion inter­es­sante Fra­gen und The­sen auf:

  • Die Wieder­her­stel­lung oder auch nur Pflege eines Denkmals wirft die berechtigte Frage danach auf, ob damit der “Geist” und die Deu­tung der ursprünglichen Denkmalset­zer erneut bekräftigt wer­den soll oder auch nur die Gefahr beste­ht, dass es so ver­standen wird und wirkt.
  • Kann/soll/muss dem­nach in der Demokratie und unter Bedin­gun­gen sich gewan­del­ten und sich weit­er (hof­fentlich in zus­tim­mungs­fähiger Rich­tung) wan­del­nden poli­tis­chen und moralis­chen Werten der Denkmals­be­stand ständig kri­tisch durch­forstet und über­ar­beit­et wer­den?
    • Ist dafür das Ver­steck­en und/oder die Ver­nich­tung solch unlieb­samer, unbe­que­mer Denkmäler geeignet — oder bzw. inwieweit ist sie Aus­druck ein­er Erin­nerungskul­tur und ‑poli­tik, die mehr das Unlieb­same ver­drängt statt dur­char­beit­et?
    • Inwiefern bedeutet dieses Ver­nicht­en und Ver­drän­gen somit auch ein Unter­drück­en unlieb­samer Anfra­gen an die Tra­di­tio­nen des eige­nen Denkens und Han­delns?
    • Welche Alter­na­tive gibt es zu den bei­den Polen “Ren­ovieren” und “Ver­nicht­en”?
  • Wie kann eine Erin­nerungskul­tur ausse­hen, welche wed­er in der ein­fachen Bekräf­ti­gung ver­gan­gener, überk­om­mender oder gar über­holter und eigentlich über­wun­den­er poli­tis­ch­er Aus­sagen noch in ihrer ein­fachen Ver­drän­gung noch zum Mit­tel der damna­tio memo­ri­ae greift?
  • Sind Gegen­denkmale, wie sie zumin­d­est für viele Kriegerdenkmäler ja inzwis­chen dur­chaus nicht sel­ten sind, dafür geeignet?
  • Gibt es weit­ere For­men, welche weniger in der Über­prä­gung eines beste­hen­den Denkmals mit ein­er neuen Aus­sage beste­hen als in der Förderung ein­er reflex­iv­en und kon­tro­ver­sen Diskus­sion?

Bei alle­dem sollte jedoch klar sein, dass die Ver­nich­tung solche reflex­iv­en For­men erin­nerungspoli­tis­ch­er Aktiv­itäten und zuge­höriger Lern­for­men ver­hin­dern würde. Sie schei­den somit aus mein­er Sicht aus. Insofern ist den Protesten gegen etwaige solche Pläne zuzus­tim­men.
Auch die ein­fache Wieder­her­stel­lung des Alton­aer Mosaiks würde aber wohl eben­so mehr Prob­leme aufw­er­fen. Ihre Ver­hin­derung löst das Prob­lems eben­falls nicht. Hier wären also andere Lösun­gen zu suchen.