“Master Narrative” = “Meistererzählung”?

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Kör­ber, Andreas (23.2.2014): “ ‘Mas­ter Nar­ra­tive’ = ‘Meis­ter­erzäh­lung’?”

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A pro­pos ein­er Anfrage eines Kol­le­gen von heute juckt es mich, doch ein­mal einen Sachver­halt anzus­prechen, den ich unbe­friedi­gend finde –wiewohl ich nicht hoffe, ihn ändern zu kön­nen:

Die Anfrage lautete, ob der englis­che Begriff des “Mas­ter Nar­ra­tive” im Deutschen mit “Meis­ter­erzäh­lung” kor­rekt über­set­zt sei.

Die Antwort lautet: “ja, lei­der” (vgl. etwa den Ein­trag im “Kul­tur­glos­sar”). Es han­delt sich um die einge­führte Über­set­zung, spätestens (ich habe das jet­zt nicht tiefer nachgeprüft) seit dem Sam­mel­band von Jarausch und Sabrow (2002): Auch sie ver­wen­den den Begriff eher, als dass sie ihn in sein­er sprach­lichen Ver­fass­theit reflek­tieren. Jost Dülf­fer hat 2005 in einem Beitrag in “Aus Poli­tik und Zeit­geschichte” diese Über­set­zung aus­drück­lich für gut befun­den: “ ‘Meis­ter­erzäh­lun­gen’ wird das im Anschluss an die englis­chen ‘mas­ter nar­ra­tives’ sin­nvoller­weise genan­nt, denn diese wirken, und sie prä­gen die Sicht.” (ebda, Anm. 6).

Ich kann dieses “sin­nvoller­weise” nicht wirk­lich nachvol­lziehen, weil es Missver­ständ­nisse begün­stigt: Das mas­ter nar­ra­tive ist in meinem Ver­ständ­nis eher dem “Mut­ter­band” im Kopier­w­erk ein­er Audio­pro­duk­tion ver­gle­ich­bar, von dem die Kopi­en gezo­gen wer­den — es prägt die Sicht — und in analoger Tech­nik unter­schei­den sich die Kopi­en immer etwas. Im Englis­chen heißen diese “Mut­ter­bän­der” m.W. auch “mas­ter”.

Der deutsche Begriff der “Meis­ter­erzäh­lung” kon­notiert demge­genüber die bei den mas­ter nar­ra­tives keineswegs nötige Meis­ter­schaft. Ich hat­te als Jugendlich­er in einem Bücher­re­gal ein von meinem Onkel geerbten Band mit Erzäh­lun­gen Anton Tsche­chovs, der mit “Meis­ter­erzäh­lun­gen” betitelt war — und damit eben auf die Meis­ter­haftigkeit der Erzäh­lkun­st abhob. Die mas­ter nar­ra­tives wer­den zwar oft als wirk­sam (s. Dülf­fer) und oft auch als mit Autorität aus­ges­tat­tet ange­se­hen, ihnen “Meis­ter­haftigkeit” zuzuschreiben, hil­ft aber der für ihre Reflex­ion nöti­gen Dis­tanz nicht ger­ade.

Vgl. dazu auch Kri­jn Thi­js (2008), dem zufolge die deutsche Forschung der Begriffsver­wirrung — er sei “zur Zeit des Begriff­s­trans­fers bere­its als indi­vidu­elle Glan­zleis­tung lit­er­arisch­er Vir­tu­osen” beset­zt gewe­sen — “nie ganz entkom­men” sei. Erst deswe­gen haben man die Zusätze “his­torisch”, “nation­al” usw. find­en müssen (S. 20 m. Anm. 31).

Lit­er­atur:

 

2 Gedanken zu „“Master Narrative” = “Meistererzählung”?“

  1. Musternar­ra­tiv, das finde ich eine schöne Über­set­zung mit iro­nis­chem Wink mit dem Zaunpfahl.

    Grund­sät­zlich denke ich kommt es auf die Ver­wen­dung an. mas­ter nar­ra­tive kann mein­er Ein­schätzung nach auch im Englis­chen eben­so als (ästhetis­che) Meis­ter­erzäh­lung, als “rul­ing nar­ra­tive” oder eben als Muster ver­standen wer­den. Im Prinzip erscheint es mir nicht so rel­e­vant was das Wort bedeuten soll, eher mit was wir es in Verbindung brin­gen.

    Meine Assozi­a­tion zu Meis­ter­erzäh­lung ste­ht nicht in Verbindung zu Qual­ität, wohl aber zur Autorität. Ich denke auch, dass das aus prax­e­ol­o­gis­ch­er Sicht gar nicht so falsch ist, denn dom­i­nante Muster wer­den gerne kopiert und sind ger­ade deswe­gen so aus­geleiert 😉

  2. Heute hörte ich im Süd­west­funk, wie Rain­er Volk die Geschichte(n) um Clara Immer­wahr als “Meis­ter­erzäh­lung” beze­ich­nete. Es erin­nerte mich unmit­tel­bar an Han­nah Arendt und ihr weit­ge­hend phan­tasiertes Bild von Rahel Varn­hagen. Ich sage ohne­hin “Nar­ra­tiv” dazu, es ist neu­traler. Wenn es schon polemisch sein soll, ein “Musternar­ra­tiv”, das wäre eine Begrif­flichkeit, mit der ich mich anfre­un­den kön­nte.

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