Kompetenzen historischen und geschichtsdidaktischen Denkens — ein Beispiel aus der Praxis

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Die Frage der Kom­pe­ten­z­di­ag­nos­tik ist in der Geschichts­di­dak­tik wei­thin ungelöst. Die Einord­nung der eige­nen (oder entsprechend fremder) Fähigkeit­en mit Hil­fe ein­er Stu­fung von “kann ich gar nicht” bis “ich bin sich­er”, wie sie etwa in den “Kom­pe­ten­z­train­ern” der Neuaus­gabe von “Forum Geschichte” prak­tiziert wird1, ver­mag nicht recht zu überzeu­gen.

Hier ein Beispiel, wie an Hand von konkreten Leis­tun­gen von Studieren­den zumin­d­est für einzelne Aspek­te eine diag­nos­tis­che Argu­men­ta­tion möglich ist:

Ein(e) Studierende® analysiert in ein­er Hausar­beit zwei Schul­büch­er auf die in ihnen gebote­nen Anreize his­torischen Ler­nens im Sinne ein­er Förderung von Kom­pe­ten­zen hin.

Ein­er der Bände ist:

Albrecht, Man­fred; Osburg, Flo­ri­an: (1999): Expe­di­tion Geschichte; Bd. 3: Von der Zeit des Impe­ri­al­is­mus bis zur Gegen­wart. Hg. v. Dag­mar Klose. Frank­furt am Main: Diester­weg.

Unter­sucht wird das Kapi­tel zum Nation­al­sozial­is­mus.

Im Rah­men dieser Analyse beschreibt und analysiert die/der Studierende die Zusam­men­stel­lung der Medi­en und ihre Beziehun­gen zu den Arbeit­sauf­gaben. Dabei stellt sie/er fest, dass die auf S. 100 des Buch­es gegebene und mit Q1 beze­ich­nete Quelle “eigentlich eine Darstel­lung von Ver­gan­gen­heit ist […], da hier eine Re-Kon­struk­tion der Ver­gan­gen­heit aus der Einin­nerung” gegeben ist — es han­delt sich um einen Auszug ein­er Erin­nerung von Jesco von Putkamer aus dem Band “Wir erlebten das Ende der Weimar­er Repub­lik” von Rolf Ital­i­aan­der.

Wie Recht sie/er hat! — und wie sehr doch nicht.

Die Fähigkeit der/des Studieren­den, die Konzepte “Quelle” und “Darstel­lung” in dieser Form für eigene Analy­sen zu ver­wen­den, die kri­tis­che Nutzung der­sel­ben, die die vorge­fun­dene Kennze­ich­nung des Mate­ri­als mit “Q” neg­a­tiv bew­ertet, die darin ersichtliche (und auch expliz­it for­mulierte) Reflex­ion auf den erken­nt­nis­the­o­retis­chen Sta­tus des Mate­ri­als (näm­lich nicht aus zeit­genös­sis­ch­er Sicht, son­dern aus der Ret­ro­spek­tive zu bericht­en;2 ) weist darauf hin, dass die/der Studierende über die Konzepte “Quelle” und “Darstel­lung”, genauer: über die Unter­schei­dung zwis­chen ihnen, in einiger Form ver­fügt, die es ihr/ihm erlaubt, selb­st­ständig zu urteilen.

Ander­er­seits: Die Vorstel­lung, es gebe “Quellen” und “Darstel­lun­gen” und ein konkretes Mate­r­i­al gehöre genau ein­er der bei­den “Gat­tun­gen” an, die sich auch in der Kennze­ich­nung “Q” wider­spiegelt, wird der Sache let­ztlich nicht gerecht.  Die reflex­ion auf die eigen­tüm­liche Zwis­chen­stel­lung von Mem­oiren wie Zeitzeu­gener­in­nerun­gen, die wed­er ein­fach “nur” Quelle sind, noch Darstel­lung, die in sich Aspek­te der nachträglichen For­mung der Ein­nerung aufweisen, der nachträglichen Selek­tion und Rel­e­vanz­zuschrei­bun­gen, die Begriffe und Kat­e­gorien ver­wen­den, die durch zwis­chen­zeitliche Diskus­sio­nen und Debat­ten geprägt sind, die aber gle­ichzeit­ig auch nicht ohne den Anteil indi­vidu­eller Erin­nerung denkbar sind und ohne ihn ihren Sta­tus ver­lieren wür­den, lässt sich  mit den Begrif­f­en “Quelle” und “Darstel­lung” eben nicht greifen.3

In diesem konkreten Fall ist zumin­d­est die Per­for­manz der/des Studieren­den eher dem inter­mediären Niveau his­torischen und geschichts­di­dak­tis­chen denkens zuzuweisen: Die Ver­fü­gung über das aus Lit­er­atur und im Studi­um erwor­bene Konzept von Quelle und Darstel­lung, das auch im konkreten Mate­r­i­al genutzt wird, ist vol­lum­fänglich gegeben, es wird aber nicht in Frage gestellt, zugun­sten ein­er Dif­feren­zierung aufgelöst. Die Nutzung reicht hier nur dazu, die Zuord­nung der Schul­buchau­toren zu kri­tisieren, und die jew­eils andere Kat­e­gorie vorzuschla­gen.  Sofern nicht andere Pas­sagen und Beispiele zeigen, dass unter anderen Bedin­gun­gen ger­ade auch die Dif­feren­zierung, die Infragestel­lung der dichotomen Untr­erschei­dung geleis­tet wird, ist dies ein Indika­tor für “inter­mediäre” Sachkom­pe­tenz in Bezug auf diese Konzepte.

Soweit zur Frage, wie his­torische und geschichts­di­dak­tis­che Sachkompetenz(en) mit Hil­fe von Indika­toren (ansatzweise) diag­nos­tiziert wer­den kön­nen.

Was fol­gt aber weit­ers aus diesem Beispiel? Wahrschein­lich sollte die ein­deutige Zuord­nung von Mate­ri­alien zu solchen Gat­tun­gen in Schul­büch­ern lieber zugun­sten ein­er neu­tralen Kennze­ich­nung (etwa mit “M” für “Mate­r­i­al”) aufgegeben und die Reflex­ion auf den erken­nt­nis­the­o­retis­chen Sta­tus des jew­eili­gen Mate­ri­als zur ständig mit­laufend­en Auf­gabe gemacht wer­den.

Ob das dann immer durchge­führt wird, bleibt ja dem Lehrer über­lassen. Wenn es ein­mal nicht passt, kann man das auch mal vorgeben. Wenn das aber immer vorgegeben ist, ver­baut es eine Lern­chance.

Hin­sichtlich unseres The­mas zeigt der Fall aber, dass Kom­pe­ten­z­di­ag­nos­tik zumin­d­est hin­sichtlich solch­er Ver­fü­gung über Konzepte nicht nur mit Hil­fe stan­dar­d­isiert­er Items möglich ist (Mes­sung), son­dern auch an Hand von Arbeit­en der Ler­nen­den, die an Hand von Indika­toren inter­pretiert wer­den.4

  1. vgl. STUNZ, HOLGER R. (2007): “Trans­parenz und Selb­st­sicher­heit. Selb­st­di­ag­nose­bö­gen im Anfang­sun­ter­richt.” In: Geschichte ler­nen; 116; S. 14–20 sowie BECKER, FRANK G.; KEITZ, CHRISTINE; STUNZ, HOLGER R. (2008): “Diag­nos­tizieren, fördern, testen: Kom­pe­ten­zen für den Geschicht­sun­ter­richt.” In: Hero.dot. Das Mag­a­zin für den Geschicht­sun­ter­richt; 04; S. 6–8. []
  2. Ob es wirk­lich “die Gegen­wart” auch des Schülers ist, lässt sich aus der konkreten Mate­ri­al­präsen­ta­tion nicht erken­nen — der Band ist immer­hin von 1982! []
  3. Vgl. hierzu:  KÖRBER, ANDREAS (2007): “Niveaus der Ver­fü­gung über einen Quel­len­be­griff. Eine Skizze der Graduierung ein­er Einzelkom­pe­tenz im Bere­ich der his­torischen Sachkompetenz(en).” In: KÖRBER, ANDREAS; SCHREIBER, WALTRAUD; SCHÖNER, ALEXANDER (Hrsg.; 2007): Kom­pe­ten­zen His­torischen Denkens. Ein Struk­tur­mod­ell als Beitrag zur Kom­pe­ten­zori­en­tierung in der Geschichts­di­dak­tik. Neuried: ars una (Kom­pe­ten­zen: Grund­la­gen – Entwick­lung – Förderung; 2), S. 546–562. []
  4. KÖRBER, ANDREAS (2008): “Sind Kom­pe­ten­zen his­torischen Denkens mess­bar?” In: FREDERKING, VOLKER (Hrsg.; 2008): Schw­er mess­bare Kom­pe­ten­zen. Her­aus­forderun­gen für die empirische Fach­di­dak­tik. Balt­mannsweil­er: Schnei­der Ver­lag Hohengehren, S. 65–84. []