Neuer Praxisbeitrag von Alexander Buck

Buck, Alexander (2018): „Eine Anleitung zum Regelbruch? Grobianische Tischzuchten – Tischsitten um 1600 und heute.“ In: Praxis Geschichte 5/2018, S. 24-30.

Neuerscheinung: Aufsatz zu interkulturellem Geschichtslernen

Körber, Andreas (2018): „Transcultural history education and competence. Emergence of a concept in German history education.“ In: History Education Research Journal (HERJ) 15 (2), pp. 101-116. DOI https://doi.org/10.18546/HERJ.15.2.09

Gerade erschienen im ersten Heft der unter neuem Namen gelaunchten Zeitschrift „History Education Research Journal“ (früher International Journal of Historical Learning Teaching and Research):

Körber, Andreas (2018): „Transcultural history education and competence. Emergence of a concept in German history education.“ In: History Education Research Journal (HERJ) 15 (2), pp. 101-116. DOI https://doi.org/10.18546/HERJ.15.2.09

Reenactment als Unterrichtsmethode – Bericht des Deutschlandradio und Facebook-Diskussion

Interessanter Bericht im Deutschlandradio über „Reenactment“ als Unterrichtsmethode:

Rollenspiel im Geschichtsunterricht. Auf Klassenfahrt in die DDR. Von Henry Bernhard

Dazu eine Diskussion auf facebook in der Gruppe „kritische Geschichte“.

Hierzu meine Kommentare aus der Diskussion auch einmal hier:

    1. „Reenactment“ ist keine anerkannte Methode des Geschichtsunterrichts. Es ist eine Form des „Doing History“, d.h. eine in außerschulischer Beschäftigung mit Geschichte sowie in (auch durch Schule genutzten, dann aber oft als „living History“ betitelten und eher vorführender, selten die Betrachter immersiv einbeziehender Form) Präsentationen von Geschichte (etwa in Museen) genutzte Form der „Vergegenwärtigung“ von Vergangenem mit enormer Bandbreite zwischen experimenteller Archäologie, Veranschaulichung und ganz unterschiedlichen Formen gewissermaßen nostalgischer Versuche, der Gegenwart zu entfliehen und in eine Vergangenheit einzutauchen.Solche Formen sind legitim, wenn sie freiwillig (also privat oder in selbst gewählten Formen) geschehen. Sie sind aber alle insofern frag-würdig, als dass alle Vorstellungen, dass damit die Vergangenheit selbst („wie sie war“) veranschaulicht, nachgefühlt oder sonst werden könnte. Mit ihnen verbunden sind oft ganz unterschiedliche Vorstellungen von „Authentizität“, die aber alle(!) insofern begrenzt sind, als die Vergangenheit eben gerade nicht vollständig wiederholt werden kann – und auch nicht sollte. Letzteres wäre eben überwältigend. Reenactment, Living History sind dann wertvoll, wenn dieses Verhältnis zwischen _zu_ „vergegenwärtigender“ Vergangenheit und „vergegenwärtigender“ Gegenwart angesprochen und reflektiert wird, wenn also auch die Wünsche und Vorstellungen, „die Vergangenheit“ immersiv zu erleben etc., die Unmöglichkeit, das vollständig zu tun, und somit die Leitungen und Grenzen (aber auch die in der Gesellschaft vorhandenen Wünsche bzw. Kritik) thematisiert werden.Schulische Methoden (mit vergleichbaren Grenzen) sind Rollen- und Planspiele, die zwingend (!) voraussetzen, dass 1.) die Regeln des Überwältigungsverbots (Beutelsbach, oben schon angesprochen) nicht gebrochen werden, und 2.) Phasen der Reflexion (und somit des „aus-der-Rolle-Tretens“ sowie des Nachdenkens über die Bedingungen und Grenzen der Versuche von Veranschaulichung und Einfühlung etc.) eingehalten werden.

      Insofern solche „Methoden“ angewandt werden, um die erkenntnistheoretisch zwingende und unhintergehbare Natur von Geschichte als retrospektiver (also dessen Vergangen-Sein und die Nachgeschichte kennender) Rekonstruktion von Vergangenem und der Auseinandersetzung damit auf der Basis der gegenwärtigen Kenntnisse und Werte aufzuheben, sind sie ungeeignet. Insofern sie aber _Gegenstand_ der Reflexion sind, sind ggf. partielle, kontrollierte und reflektierte_Versuche_ der Einfühlung durchaus sinnvoll — dann sind sie aber anders als hier beschrieben.

      Das gilt nicht nur, aber besonders augenfällig dort zu, wo es um Gewaltgeschichten, Unrecht etc. geht. Wir können nicht wollen, dass unsere Schülerinnen und Schüler auch nur momentan das „echte“ Gefühl haben, etwa Häftlinge eines KZ zu sein. Es würde bedeuten, dass sie alle Hoffnung fahren lassen müssten, dass sie den Zivilisationsbruch, den das KZ-System bedeutete etc., vollständig erfahren müssten. Es ist schlimm genug (und schon das klingt zu harmlos), dass Menschen dies wirklich erfahren mussten. Andere wirklich in solche Situation bringen zu wollen, ist einfach unsäglich. Kein(e) Schüler(in) sollte das Gefühl haben, wirklich im KZ, in der Stasi-Zelle oder sonst zu sein.
      Dazu kommt nämlich ein zweites: Es ist gegenüber dem tatsächlichen Leiden der damaligen Opfer (und den tatsächlichen Taten der Täter, wie auch dem handeln aller anderen) unangemessen, das heutige, notwendigerweise begrenzte Nachspielen für „immersiv“, für eine Vergegenwärtigung des Damaligen auszugeben. Es muss notwendig begrenzt bleiben (die Schülerinnen und Schüler wissen hoffentlich ständig, dass es ein zeitlich begrenztes Experiment ist).

      Die nachgespielte Stasi-Vernehmung ist nicht die Stasi-Vernehmung von damals, die Gedenkstätte ist kein KZ (zum Glück nicht mehr), die nachgespielte Schlacht ist kein Kampf auf Leben und Tod – und das ist gut so.

      Was wir dagegen wollen können und müssen, ist dass die Schülerinnen und Schüler sich aufgrund unterschiedlicher Informationen ÜBER damaliges Leiden und Handeln ALS HEUTIGE mit dem Damaligen UND SEINER BEDEUTUNG für uns heute und in Zukunft auseinandersetzen. Das kann (ggf. muss) Versuche auch der emotionalen Abstraktion von der gegenwärtigen Sicherheit etc. beinhalten — aber es darf die Grenze der Auseinandersetzung von heute aus nicht überschreiten.

      Begrenzte und kognitiv wie emotional reflektierte Methoden, um die heutige und eigene(n) Wissensbestände und Perspektive(n) zu erweitern, sind nötig, nicht aber solche, sie zu verlassen, und sowieso nur begrenzt re-konstruierbares für „wirkliches Vergangenheit“ ausgebendes. Sie werden der Natur von Geschichte ebenso wenig gerecht wie dem Leiden und Handeln der Menschen in der gespielten Zeit.

    2. Kriterium des Gelingens vieler solcher „Methoden“ im Geschichtsunterricht darf nicht sein, „die Vergangenheit“ so gut wie möglich „abzubilden“ oder „nachzustellen“. Das gilt etwa auch für „projektive Schreibaufgaben“, bei welchen Schüler(innen) aus der Perspektive einer (echten oder als typisch angenommenen fiktiven) Person Briefe oder Tagebucheinträge etc. schreiben.Niemand kann tatsächlich beurteilen, wann das „gelungen“ ist. Zumeist werden diejenigen Schüler(innen) gute Rückmeldungen (oder gar Noten) erhalten, die die Vorstellung der Lehrperson am besten treffen, oder die in den vorher gelesenen/gesehenen Materialien gezeichnete Vergangenheit am besten „umsetzen“.Das heißt nicht, dass solche Versuche unnütz sind. Sie müssten aber in eine Diskussion im Plenum darüber führen, welche Aspekte der entstehenden Texte (oder auch Videos) wie belegt sind, wo Entscheidungen getroffen werden mussten, und welche Operationen des historischen Denkens (etwa probeweise Distanzierung von der eigenen Weltsicht) nötig waren und sind. Diese Diskussionen müssten nicht in Richtung „gut gelungen“ oder „schlecht gemacht“ geführt werden, sondern dahingehend, welche Voraussetzungen und Entscheidungen die Ergebnisse so unterschiedlich machen (weshalb die Lehrkraft immer auch eine eigene Lösung dabei haben sollte, die nicht einfach „Standard“ ist, sondern ggf. Kontrastmaterial).

      Übungen in historischem Perspektivenwechsel (denn darum handelt es sich) dürfen nie den Eindruck erwecken, es ginge darum, die eigene Perspektive aufzugeben und möglichst eindeutig „die“ andere einzunehmen. Es geht um die Reflexion von Perspektivität — einschließlich der unhintergehbaren Retro-Perspektivität.

    3. Noch grundsätzlicher (und das Thema partiell verlassend): Zwei Teile des Problems:
      1. eine Aufgaben-Un-Kultur des herkömmlichen Geschichtsunterrichts, die fast nur Formate kennt, die dem Typ der Leistungsaufgabe entsprechen, nicht aber genuin Lern-Aufgaben-Charakter haben. Leistungsaufgaben fordern vom Lernenden ab, etwas richtig, vollständig etc. zu tun. Lernaufgaben hingegen setzen eine Auseinandersetzung mit etwas neuem in Gang, deren Ergebnis nicht gleich einer Beurteilung unterzogen wird, sondern Ausgangspunkt für (möglichst gemeinsame, kollaborative Reflexion) ist. BEIDE Aufgabenarten können so angelegt werden, dass nicht eine, sondern unterschiedliche möglich sind. Bei Leistungsaufgaben steht der Lösungsraum aber weitgehend fest (zumindest hinsichtlich der Beurteilungen), bei Lernaufgaben wird er in der Auseinandersetzung mit mehreren Bearbeitungen erarbeitet.
      2. Die in der Gesellschaft und bei vielen Lernenden verbreitete Grundauffassung, dass es beim Geschichtslernen immer um „richtige Aussagen über Vergangenes“ gehen müsste, nicht aber (oder nur nachlaufend und nachrangig) um Arten und Weisen, Formen und Kriterien valider Bezüge auf Vergangenes, also um (unterschiedliche) Interessen an Geschichte und ihrer „Vergegenwärtigung“, um die Bedeutung der Vergangenheit, um Kriterien, Möglichkeiten und Grenzen. Solange Schülerinnen mit der Vorstellung in den Unterricht kommen _und im Unterricht darin bestärkt werden_, dass am Ende die Lehrkraft sagen könne, „wie es wirklich war“, solange dieser „Default-Modus“ der Teilnahme an GU nicht in diesem Unterricht derart produktiv aufgebrochen wird, dass Schülerinnen und Schüler erkennen, dass sie es selbst sind und sein müssen, die ein verantwortliches Verhältnis zur Vergangenheit und zu ihren Funktionen in der Gegenwart aufbauen müssen und können, so lange ist Geschichtsunterricht der zugleich demokratischen und pluralen (auch heterogenen) Gesellschaft nicht zuträglich.

[auf einen längeren Einwand, in dem Beispiel gehe es ja nicht um Gewalt- sondern Alltagssituationen, und Reflexion sei bei vielen solcher Aktivtitäten (bes. in Schulmuseen) durchaus vorgesehen]

    1. Ja, es ist sicher richtig, dass das „harmloser“ ist, wenn es keine Gewalterfahrungen sind.Gleichwohl muss man auch hier fragen, was denn diesen Alltag gegenüber dem der freiwillig oder unfreiwillig re-enactenden auszeichnet, dass er re-enacted werden soll. Es geht offenkundig um Alltag, dessen Unterschiedlichkeit von dem der Gegenwart erfahren werden soll: „Alteritätserfahrung“. Aber ohne explizite Reflexion bleibt das a-historisch.

      Ich kenne gerade auch in Schulmuseen solches „Nachspielen“ von Unterricht, das nicht nur Schreiben in „Sütterlin“ etc . ist, sondern bei dem bestimmte Autoritätserfahrungen (Disziplin und Strafen etc.) simuliert werden. Da muss man dann doch fragen, was der gewünschte Effekt sein soll, und was wirkliche „Einsichten“ sein können:

      – „Jetzt erlebt Ihr einmal, wie streng Schule damals war“ (seid froh über Eure Freiheiten heute)? — wie historisch ist das? Inwiefern wird gespieltes „in der Ecke stehen“, gespieltes Mokieren der Klasse über falsche Antworten etc. — wenn es denn schon nicht als reale heutige Demütigung erfahren wird — der damaligen Wirklichkeit echter Demütigung gerecht? Inwiefern erzeugt es ggf. eine Abwehr kritischen Denkens über heutige Strukturen, inwiefern erzeugt es „Erleichterung, heute zu leben“, die mit damaligem Denken gar nichts zu tun hat. Damit will ich gar nichts gegen solche Spielszenen sagen. Solange aber nicht reflektiert wird, dass sie uns nicht nur anders, sondern als einer überwundenen Zeit („damals noch – aber heute“) zugehörig erscheinen, weil wir späteres kennen, ist es a-historisch. Dass ggf. die gespielten, von heute aus (im harmlosen Fall) „rückständig“ erscheinenden Strukturen, Methoden etc. in der damaligen Situation durchaus auch als Fortschritt erschienen sein können (Zugang zu Unterricht für viele) — und GLEICHZEITIG aus heutiger Sicht untragbar wären , das wäre etwa auch zu thematisieren.

      – Gleichzeitig besteht natürlich auch die Möglichkeit (hoffentlich seltener), dass bestimmte Strukturen, die als zum „Damals“ gehörig vorgestellt werden, für manche Besucher gar nicht vergangen sind, sondern durchaus zu eigenen Erfahrungen passen. Das wäre ein guter Anlass zum Sprechen, bedarf aber besonderer Thematisierung.

      – Inwiefern alle solchen „Erlebnisse“ eben keine Erlebnisse von etwas Vergangenem sind, sondern Inszenierungen einer bestimmten Auffassung von Vergangenem, das erst in der Retrospektive in dieser Form dargestellt und gespielt werden kann, und das gleichzeitig an zumeist genau denjenigen Stellen „entschärft“ wird, die noch am ehesten der Diskussion bedürften (eben Disziplinierung, Gewalt, Ideologie), müsste ebenso reflektiert werden.

      Temporaler Exotismus reicht eben als Intention, mit Schülerinnen und Schülern ein Schulmuseum zu besuchen, ebenso wenig wie klammheimliche Nostalgie. Das aber bedeutet, dass die Spielphasen und -szenen nicht nur zwingend nachbereitet werden müssen (und zwar vor Ort, im Gespräch mit den Spielenden und mit Thematisierung der gehabten Erfahrungen und Gefühle, der daraus entstehenden Fragen an das Damals UND seine Bedeutung für heute), sondern auch vor-bereitet, indem etwa von den Schülerinnen und Schülern Erwartungen (incl. Ängste, Romantisierungen etc.) gesammelt werden. Man kann das öffentlich im Plenum tun, besser aber ist es, das anonym vorzunehmen (Karten schreiben), vielleicht sollte aber auch zunächst jede(r) für sich die Erwartung aufschreiben, die dann nach gehabter Erfahrung erst jeweils selbst wieder gelesen und reflektiert wird.

und schließlich:

  1. Alle Motive und Zielvorstellungen, Lernenden (oder anderen, Besuchern von Ausstellungen etwa) „die Vergangenheit“ oder wenigstens „Vergangenes“ „näher bringen zu wollen“ — oder umgekehrt, sie „der Vergangenheit“ „näher“ bringen zu wollen, sie „in die Vergangenheit reisen“ lassen zu wollen etc., sind im besten Sinne frag-würdig. Sie müssen befragt und reflektiert werden, sie dürfen allenfalls temporäre Teil-Ziele für einzelne Phasen sein, die keine eigene Legitimität haben, sondern diese erst dadurch gewinnen, dass sie in umfassendere Ziele gegenwärtiger Reflexion über das Verhältnis des jeweiligen „Vergangenen“ zur eigenen Gegenwart und Zukunft eingebettet sind.

Vorankündigung: Literatur zu inklusivem Geschichtslernen

Körber, Andreas; Seidl, Patrizia; Witt, Dirk; Bormuth, Heike (2019; in Vorb.): Inklusives Geschichtslernen via Scaffolding von Aufgaben. In: Bettina Alavi, Sebastian Barsch, Christoph Kühberger und Martin Lücke (Hg.): Handbuch Diversität im Geschichtsunterricht. Zugänge einer inklusiven Geschichtsdidaktik. Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag.

von den Herausgebern angenommen wurden für einen Sammelband über Diversität im Geschichtslernen folgende Beiträge:

  • Körber, Andreas (2019; in Vorb.): Inklusive Geschichtskultur — Bestimmungsfaktoren und Ansprüche. In: Bettina Alavi, Sebastian Barsch, Christoph Kühberger und Martin Lücke (Hg.): Handbuch Diversität im Geschichtsunterricht. Zugänge einer inklusiven Geschichtsdidaktik. Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag.
  • Bormuth, Heike; Körber, Andreas; Seidl, Patrizia; Witt, Dirk (2019; in Vorb.): Inklusive Diagnostik. Ein Werkzeug zur Planung inklusiven (Geschichts-)Unterrichts. In: Bettina Alavi, Sebastian Barsch, Christoph Kühberger und Martin Lücke (Hg.): Handbuch Diversität im Geschichtsunterricht. Zugänge einer inklusiven Geschichtsdidaktik. Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag.
  • Körber, Andreas; Seidl, Patrizia; Witt, Dirk; Bormuth, Heike (2019; in Vorb.): Inklusives Geschichtslernen via Scaffolding von Aufgaben. In: Bettina Alavi, Sebastian Barsch, Christoph Kühberger und Martin Lücke (Hg.): Handbuch Diversität im Geschichtsunterricht. Zugänge einer inklusiven Geschichtsdidaktik. Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag.

Vorankündigung: Literatur zu Inklusivem Geschichtslernen

Körber, Andreas (2019; in Vorb.): Inklusive Geschichtskultur — Bestimmungsfaktoren und Ansprüche. In: Bettina Alavi, Sebastian Barsch, Christoph Kühberger und Martin Lücke (Hg.): Handbuch Diversität im Geschichtsunterricht. Zugänge einer inklusiven Geschichtsdidaktik. Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag.

von den Herausgebern angenommen wurden für einen Sammelband über Diversität im Geschichtslernen folgende Beiträge:

  • Körber, Andreas (2019; in Vorb.): Inklusive Geschichtskultur — Bestimmungsfaktoren und Ansprüche. In: Bettina Alavi, Sebastian Barsch, Christoph Kühberger und Martin Lücke (Hg.): Handbuch Diversität im Geschichtsunterricht. Zugänge einer inklusiven Geschichtsdidaktik. Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag.
  • Bormuth, Heike; Körber, Andreas; Seidl, Patrizia; Witt, Dirk (2019; in Vorb.): Inklusive Diagnostik. Ein Werkzeug zur Planung inklusiven (Geschichts-)Unterrichts. In: Bettina Alavi, Sebastian Barsch, Christoph Kühberger und Martin Lücke (Hg.): Handbuch Diversität im Geschichtsunterricht. Zugänge einer inklusiven Geschichtsdidaktik. Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag.
  • Körber, Andreas; Seidl, Patrizia; Witt, Dirk; Bormuth, Heike (2019; in Vorb.): Inklusives Geschichtslernen via Scaffolding von Aufgaben. In: Bettina Alavi, Sebastian Barsch, Christoph Kühberger und Martin Lücke (Hg.): Handbuch Diversität im Geschichtsunterricht. Zugänge einer inklusiven Geschichtsdidaktik. Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag.

Informationsmaterial für Lehrkräfte

Inklusion ist bereits seit längerem kein alleiniges Thema der Sonderpädagogik mehr. Die Studierenden aller Lehrämter der Universität Hamburg werden nicht nur im Fach Geschichte, sondern im Rahmen verschiedener Seminarkonzepte mit dem Thema Inklusion und deren Bedeutung für den Unterricht vertraut gemacht. Sie werden darauf vorbereitet, in ihrem unterrichtlichen Handeln auf die sich stetig verändernden gesellschaftlichen Bedingungen und die wachsende Diversität kompetent zu reagieren.

Speziell die Geschichtsdidaktik hat es sich darüber hinaus zur Aufgabe gemacht, auch den bestehenden Lehrkörper in diesen Prozess einzubinden. Regelmäßig werden Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer im Rahmen der Begleitveranstaltung zum Kernpraktikum I angeboten und zwischenzeitlich wurde auch ein erstes Informationsmaterial entwickelt, das die Prinzipien des inklusiven Geschichtsunterrichts auch Lehkräften vorstellen soll, die nicht als Mentorinnen und Mentoren am Kernpraktikum beteiligt sind.

Das Informationsmaterial in Form eines Poster kann hier eingesehen werden.

Lehrerposter_Inklusiver_Geschichtsunterricht_HB_01.03.2018

Ein Alternativtext zum Poster kann über den folgenden Link ebenfalls abgerufen werden.

Alternativtext_Lehrerposter_Inklusiver_Geschichtsunterricht_HB_27.02.2018

Weitere Informationen zum Thema Inklusion und Professionalisierung in der Lehrer_innenbildung finden Sie auf der Internetpräsenz der Projekts Profale (https://www.profale.uni-hamburg.de/handlungsfelder/hf3.html). Dort können Sie die neben der Geschichtsdidaktik beteiligten universitären Fächer sowie die Möglichkeiten zur Teilnahme an den Maßnahmen des Handlungsfeldes einsehen. Eine weitere Anlaufstelle für Fragen zur Beteiligung bildet darüber hinaus noch das Hamburger Zentrum für Lehrerbildung.

Präsentation im UDL-Workshop

Bormuth, Heike; Körber, Andreas (20.2.2018): „Scaffolds im Inklusiven Geschichtslernen“. Präsentation im Workshop „Universal Design for Learning ‐ Ausgewählte Beispiele zur Arbeit mit dem UDL-Konzept im Lehramtsstudiengang oder in den Lehrveranstaltungen“ der Tagung „Programmworkshop – CHAncen GEstalten – Inklusionsorientierung in der Lehrerbildung als Impuls für Entwicklungsprozess in Hochschulen“ an der TU Dortmund.

Bormuth, Heike; Körber, Andreas (20.2.2018): „Scaffolds im Inklusiven Geschichtslernen“. Präsentation im Workshop „Universal Design for Learning ‐ Ausgewählte Beispiele zur Arbeit mit dem UDL-Konzept im Lehramtsstudiengang oder in den Lehrveranstaltungen“ der Tagung „Programmworkshop – CHAncen GEstalten – Inklusionsorientierung in der Lehrerbildung als Impuls für Entwicklungsprozess in Hochschulen“ an der TU Dortmund.

Vgl. auch: http://www.doprofil.tu-dortmund.de/cms/de/Projekt/aktuelles/Programmworkshop2/index.html

Eine "(fach-)didaktische Wesensgehaltsgarantie" (nicht nur) für inklusives Geschichtslernen?

Körber, Andreas (2016): Eine „(fach-)didaktische Wesensgehaltsgarantie“ (nicht nur) für inklusives Geschichtslernen?

Im Rahmen der Diskussion um die Inklusion werden derzeit auch für das Fach Geschichte didaktische und methodische Konzepte entwickelt, erprobt und evaluiert – etwa die Verwendung „leichter Sprache“, mit dem Ziel einer Verbesserung der Zugänglichkeit historischer Sachverhalte für Schüler(innen), die der oft abstrakten historischen Bildungssprache nicht in dem als fachlich nötig geltenden Maße folgen und sich darin verständigen können.

Gleichzeitig wird befürchtet, die spezifischen Charakteristika der „Leichten Sprache“, etwa der (weitgehende) Verzicht auf das Präteritum und den Konjunktiv, genügten nicht fachlichen Anforderungen des historischen Denkens als eines auf die (proto-)sprachliche Konstruktion der vergangenen Gegenstände und die sprachliche Kommunikation darüber gerichteten, wesentlich narrativen Vorgangs. Der Vorteil verbesserten „Zugangs“ werde durch Trivialisierung gefährdet – bis hin zum (ungewollten) Rückfall in eine simplifizierte „Kunde“ über Vergangenes.

Die mir bekannten Beispiele zeigen beides – sowohl eine „Eröffnung“ des „historischen Universums“ und der Dimension zeitbezogener Reflexion für Menschen, denen dieses zuvor vielleicht nicht zugetraut, zumindest nicht spezifisch ermöglicht worden war, wie auch eine Gefährdung des sprachlichen Ausdrucks historischer Sachverhalte in ihrer orientierungs- und identitätsrelevanten Dimensionen.

Es ist also die Frage zu stellen, was inklusives Geschichtslernen ausmachen soll: Geht es um die Erweiterung des Kreises derjenigen, die sich an einem als strukturell unverändert gedachten Geschichtsunterricht und der unveränderten Geschichtskultur beteiligen können, also vornehmlich um die Beseitigung der „Barrieren“ zwischen dem etablierten Fach und Gegenstand „Geschichte“ einerseits und einigen bisher exkludierten Gruppen von Lernenden andererseits – oder auch um eine Änderung der Konstitution des Faches in Schule und Wissenschaft?

Ein Ansatz wäre, die Befähigung zum „historischen Denken“, zur eigenständigen zeitlichen Orientierung, Erschließung der (pluralen) Geschichtskultur und zur Partizipation stärker in den Vordergrund des Geschichtsunterrichts zu stellen – inklusive des Aufbaus eines komplexen „historischen Universums“ an ereignis- und zustandsbezogenem Wissen und Einsichten.

Diese Bestimmung historischen Lernens hat den Vorteil, elementarisierbar zu sein. Mir ihr kann gefragt werden, inwiefern neben einer ausgeprägt elaborierten Form historischen Denkens auch solche mit geringerer Orientierungstiefe, Selbstständigkeit, Komplexität geben soll. Sie ermöglicht zudem, nicht nur über Verringerungen (und Erhöhungen) von Komplexität nachzudenken, sondern auch über den Einbezug von weiteren Perspektiven auf die Geschichte – etwa besonderer Orientierungsbedürfnisse, Fragestellungen, Deutungstraditionen einzelner „Minderheiten“, Identitäten (etwa LGBTQ), die ggf. auch bestimmte „Förderbedarfe“ definieren, wie etwa bei Angehörigen der „Gehörlosenkultur“.1

Gerade mit dieser „horizontalen“ Dimension bedeutet inklusives historisches Denken und Lernen nicht nur den Zugang zu einem als gegeben gedachten „historischen Universum“ zu ermöglichen, sondern gemeinsame denkende Auseinandersetzung mit dem „gemeinsamen Gegenstand“.2

Nicht nur beim Ansatz der „Leichten Sprache“ stellt sich aber die Frage, wann die Nutzung konkreter Maßnahmen zur Ermöglichung der Teilhabe „umschlägt“ in eine Verletzung des Kerns fachlichen Lernens als „Beteiligung am Verstehensprozess“.3

Konkret wird die Grenze nicht zu bestimmen sein. Auch sind harte Kriterien schwierig. Vielleicht aber hilft das Vorbild des Art. 19 des deutschen Grundgesetzes. Ihm zufolge dürfen die dort garantierten Grundrechte zwar durch bzw. auf Grund eines Gesetzes eingeschränkt (Art 19 I GG), nicht aber in ihrem „Wesensgehalt angetastet werden“ (Art 19 II GG). Entsprechend könnte etwa formuliert werden, didaktische Maßnahmen zum Abbau von Barrieren und zur Schaffung und Erleichterung von Zugänglichkeit sowie zur Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen dürften die sachlich bzw. fachlich definierten Lern- und/oder Leistungsanforderungen zwar differenzieren sowie dabei be- und einschränken, verändern und fokussieren, niemals aber in ihrem didaktischen Kern antasten.

Das bedeutet konkret, dass durch alle solchen alle didaktischen und methodischen Maßnahmen den Lernenden die denkende, deutende und lernende Auseinandersetzung mit Vergangenem und seiner Bedeutung für die Gegenwart den Schülerinnen und Schülern entweder gänzlich abgenommen (also das Ergebnis vorgegeben) oder gar nicht erst angeboten werden darf.

Einzelnen Schüler(innen) etwa nur noch das Ausmalen von Pyramiden aufzugeben, während die anderen über deren Bedeutung für das damalige Ägypten wie für unser heutiges Bild davon handeln, verstieße gegen diesen Grundsatz. Ein solcher Unterricht wäre vielleicht sozial inklusiv, nicht aber fachlich. Eine Malaufgabe als Komplexitäts- und Abstraktionsreduktion hingegen, die einigen Schüler(innen) überhaupt erst die Beteiligung am Deutungsprozess ermöglicht, diesen dann aber auch vorsieht, ist auch fachlich sinnvoll.

Ein anderer Verstoß wäre dann gegeben, wenn differenzierende Maßnahmen zur Herstellung von Zugänglichkeit ihre Adressaten gänzlich von solcher Unterstützung abhängig machten und somit unmündig hielten.

Die „didaktische Wesensgehaltsgarantie“ erzwingt nicht unbedingt zielgleiches Lernen, sondern ist ein Kriterium, wann zwar von Inklusion, nicht aber von inklusivem Fachlernen gesprochen werden kann.

1vgl. http://www.taubenschlag.de; Flatken, Regina (2013): Historische Identitätsarbeit als Beitrag zur Inklusion. Erarbeitung von Kriterien für Materialien zur Geschichte und Kultur von Menschen mit Hörschädigung zur Nutzung im inklusiven Geschichtsunterricht. BA-Arbeit. Universität Hamburg, Hamburg. Fakultät für Erziehungswissenschaft; AB Geschichtsdidaktik.; dies. (2016): Gehörlose historische Identität? Erkundungen zu historischen Lerninteressen und -erfahrungen gehörloser Schülerinnen und Schüler. M.Ed.-Schrift. Universität Hamburg, Hamburg. Fakultät für Erziehungswissenschaft.

2Feuser, Georg (2007): Lernen am Gemeinsamen Gegenstand. Vortrag im Rahmen der Vortragsreihe „Offener Unterricht – Antwort auf Heterogenität“ der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz. Luzern, 2/11/2007.

3Vgl. Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg (o. J.): Professionsprofil einer inklusive denkenden und handelnden Lehrkraft im Vorbereitungsdienst [Entwurf], S. 1f.

Promotionsprojekt von Annika Stork

Stork, Annika: Perspektivensensibilität innerhalb des Geschichtsunterrichts – Eine explorative Studie mittels funktional-linguistischer und geschichtsdidaktischer Kategorien

Die Untersuchung des Zusammenhangs von Sprache und historischem Lernen ist aktuell zu einem stark beachteten Forschungsfeld avanciert, dem es jedoch insbesondere im deutschsprachigen Raum noch an empirischen Untersuchungen mangelt. Dass insbesondere im Zuge der Debatten rund um Mehrsprachigkeit, Heterogenität und sprachsensiblen Unterricht, die Stimmen nach einer Erforschung des Zusammenhangs von Sprache und historischem Lernen lauter werden, liegt auf der Hand.

Bevor jedoch skizziert werden kann, wie ein sprachsensibler Geschichtsunterricht aussehen könnte, müssten zunächst fachspezifische Aspekte der historischen Kommunikation im Unterricht herausgearbeitet werden. Im Rahmen einer Analyse der sprachlichen Form historischer Urteile im Geschichtsunterricht im SoSe 15, hat Annika Stork mit Hilfe der Theorie Caroline Coffins versucht, dieses Feld näher zu erkunden. Coffin präsentierte bereits 2006 in ihrem Werk Historical Discourse eine Analyse (vorwiegend schriftlicher) Spracherzeugnisse im Geschichtsunterricht unter Anwendung der Systemic Functional Linguistic nach Michael Halliday. Sie vertritt die These, dass eine Progression im historischen Lernen und in den sprachlichen Strukturen sich bedingen und darüber hinaus, dass Schüler_innen sukzessiv bestimmte „Genres“ erlernen, die ihnen den Austausch über und das Erläutern und Bewerten von Geschichte ermöglichen (vgl. Coffin 2006).

Ausgehend von dieser Analyse, schlussfolgerte Stork, dass es bestimmte Kategorien der Theorie Coffins (bzw. der Systemic Functional Linguistic) sein, die sich für die Untersuchung des Umgangs mit Perspektiven im Geschichtsunterricht besonders gut eignen. Auf Basis dieser Hypothese entwickelte sich das aktuelle Dissertationsvorhaben, in dem mit Hilfe funktional-linguistischer und geschichtsdidaktischer Kategorien der Umgang mit Perspektiven in der mündlichen Kommunikation des Geschichtsunterrichts untersucht wird. Ein besonderer Fokus liegt hierbei auf der Interaktion zwischen der Sprache der Lehrkraft und der Schüler_innen. Mit Hilfe des übergeordneten Untersuchungsgegenstandes der Perspektivensensibilität, soll versucht werden, einen fachspezifischen Aspekt der Sprache über Geschichte greifbar zu machen. Perspektivensensibilität bezeichnet hierbei die Form und den Grad, in welchem Personen ihre eigenen und fremden Perspektiven als konstituierende Elemente historischer Aussagen wahrnehmen und sich auf sie beziehen können. Sie wird nicht nur über explizite Bezugnahmen auf Perspektiven identifizierbar, sondern auch in linguistischen und geschichtsdidaktischen Merkmalen historischer Aussagen. Für die Untersuchung werden bereits videografierte und zum Teil transkribierte Unterrichtsstunden verwendet.

Erste Analysen lassen bereits die Hypothese zu, dass ein Zusammenhang zwischen Formen des perspektivensensiblen Sprechens der Lehrkraft und der Schüler_innen nachzuweisen ist, so dass im weiteren Verlauf nach eventuellen Regelhaftigkeiten gesucht werden kann. Am Ende des Projekts steht letztlich die Frage, welche Konsequenzen die Ergebnisse für die geschichtsdidaktische Forschung haben, etwa für die Debatte der Kompetenzorientierung.

Kontakt: annika.stork@studium.uni-hamburg.de

Literatur:

Coffin, C. (2006): Historical Discourse. The Language of Time, Cause and Evaluation. New York: Continuum.

Posterpräsentation von Annika Stork auf der Tagung „Sprachsensibler Geschichtsunterricht“

Stork, Annika (19.9.2016): „Perspektivensensibilität innerhalb des Geschichtsunterrichts. Eine Studie mittels funktional-linguistischer und geschichtsdidaktischer Kategorien.“ Poster, präsentiert auf der Tagung „Sprachsensibler Geschichtsunterricht. Von der geschichtsdidaktischen Theorie über die Empirie zur Unterrichtspraxis“ der Konferenz für Geschichtsdidaktik, an der Universität Hamburg.

Auf der KGD-Tagung „Sprachsensibler Geschichtsunterricht. Von der geschichtsdidaktischen Theorie über die Empirie zur Unterrichtspraxis“ der Konferenz für Geschichtsdidaktik, an der Universität Hamburg hat Annika Stork ein Poster präsentiert mit dem Titel „Perspektivensensibilität innerhalb des Geschichtsunterrichts. Eine Studie mittels funktional-linguistischer und geschichtsdidaktischer Kategorien.“