Neuer Beitrag zu Historischem Denken und Historischen Computerspielen

Körber, Andreas (2018): „Geschichte – Spielen – Denken. Kontingenzverschiebungen und zweiseitige Triftigkeiten“. In: MedienPädagogik. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung. DOI: http://dx.doi.org/10.21240/mpaed/00/2018.04.04.X. Online verfügbar unter http://www.medienpaed.com/article/view/602.

Ein neuer Beitrag zu historischen Denken und Historischen Computerspielen ist nun erschienen:

Körber, Andreas (2018): „Geschichte – Spielen – Denken. Kontingenzverschiebungen und zweiseitige Triftigkeiten“. In: MedienPädagogik. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung. DOI: http://dx.doi.org/10.21240/mpaed/00/2018.04.04.X. Online verfügbar unter http://www.medienpaed.com/article/view/602.

Konzeptfehler, Unkenntnis und unqualifizierte, abwertende Anwürfe

Aus einer Mail, die mich vor einigen Tagen erreichte:

„Sehr geehrter Herr Prof. Körber,

ist Ihnen eigentlich klar, dass der (nicht immer unberechtigte) Zeitvertreib „Nazi-Jagd“ ausfallen muss, wenn – wie Sie irrigerweise vermuten – die „Vergangenheit“ gar nicht mehr rekonstruierbar ist?

Sowohl Ortmeyer als auch de Lorent gehen ja – durchaus zu Recht – davon aus, dass es eine historische Wahrheit gibt, die sich erkennen lässt und aus der dann Konsequenzen zu ziehen sind. Diesen Diskussionen entziehen Sie mit Ihrem naiven Subjektivismus den Boden – so wie Sie Trump und auch Fred Leuchter den Boden bereiten.

Letzten Endes alles eine Frage fehlender Philosophiekenntnisse. Spötter würden jetzt sagen: „Stinkaffe muss sterben, damit Sie denken können.“ Ich aber sage: „Sie müssten weg, damit Ortmeyer und de Lorent streiten können.“

Vielleicht zeigt Ihnen all das, wie irrational und destruktiv dieser naive Dosensubjektivismus nun einmal ist.“

Auf die bekannt-bemüht eigenwillige Bildung unscharfer, beleidigender statt inhaltlich polemischer Begriffe („Stinkaffe“, „Dosensubjektivismus“) will ich gar nicht weiter eingehen. Eine Richtigstellung lohnen jedoch ein paar andere Punkte:

  1. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass so ausgewiesene Kollegen wie Benjamin Ortmeyer und Peter deLorent sich von meiner Existenz, Anwesenheit oder sonst irgendwie am „streiten“ hindern lassen würden. Auch ist mir nicht bekannt, dass sich je einer von ihnen über etwas in dieser Hinsicht beschwert hätte.
  2. Etwas ernsthafter: „Nazi-Jagd“ ist weder allgemein noch für die beiden Kollegen (oder jeweils einen von ihnen) ein „Zeitvertreib“, noch ist das was sie tun, nämlich die kritische Auseinandersetzung mit der historischen Dimension der Disziplin, den bei der „Entnazifizierung“ unabsichtlich oder oft auch absichtlich übersehenen, vertuschten etc. Belastungen von im Bildungswesen (oder sonst in der Öffentlichkeit) agierenden Personen, als „Zeitvertreib“ zu diskreditieren – da hilft auch die halbherzige Klammernotiz („nicht immer unberechtigt“) nicht.
  3. Es ist offenkundig, dass Sie weder Benjamin Ortmeyers noch Peter deLorents Bestrebungen ernst zu nehmen gewillt sind.
  4. Indem Sie aber fordern, dass ich „weg“ müsste, damit sie weiter machen können mit dem von ihnen verächtlich gemachten Tun, schwingen Sie sich selbst zu einem Möchtegern-totalitären Bestimmer darüber auf, was sein darf, und was nicht. Auseinandersetzung in der Sache ist das nicht.
  5. Andererseits ist deutlich, dass beides, die unqualifizierten Schlussfolgerungen ad personam und die saloppen Bezüge auf einen Streit (? – ist es nicht eher eine Kontroverse?), an der ich gar nicht teilgenommen habe, nur Anlass oder gar Vorwand ist, um eine trivialobjektivistische Position zu bekräftigen und von dieser aus jegliche konstruktivistische Erkenntnistheorie des Historischen zu diskreditieren.
    Allein — der implizite Vorwurf beruht auf fundamentalen Missverständnissen der Theorie und falschen (oder nicht-)Lesungen: Dass ich der Auffassung wäre, die Vergangenheit, sei „gar nicht mehr mehr rekonstruierbar“ ist  falsch. Um das hier nicht zu einer neuerlichen Theoriedarlegung ausarten zu lassen, nur in Kürze:

    1. Nirgends in meinen Texten wird das Konzept einer Re-Konstruktion der Vergangenheit abgelehnt — das von mir mit erstellte FUER-Kompetenzmodell Historischen Denkens weist ja als einer der beiden Grundoperationen dieses Denkens die „(Re-)Konstruktion“ aus.
    2. Zunächst: Was Sie oben mit dem landläufigen und auch fachlich genutzten Begriff „die Vergangenheit“ meinen, ist damit eigentlich schlecht bezeichnet: es geht Ihnen um „die vergangene Wirklichkeit“. Der Terminus „Vergangenheit“  bezeichnet ja recht eigentlich nur deren Eigenschaft, gerade nicht mehr existent zu sein und deswegen nicht unabhängig von Re-Konstruktionsprozessen erkennbar.
    3. Was allerdings ein erkenntnistheoretischer Irrtum ist, ist der Glaube, das Ergebnis von Re-Konstruktion wäre „die Vergangenheit“ oder eben besser: die vergangene Wirklichkeit selbst.
    4. Re-Konstruktion ist immer
      • selektiv: Das gesamte Vergangene, — also das, was Sie mit „Vergangenheit“ bezeichnen — nützte uns nichts, selbst wenn es keinen Verlust an Quellen gäbe. Es orientierte uns so schlecht wie eine Landkarte im Maßstab 1:1 – so Danto)
      • partikular: wir interessieren uns für Ausschnitte der Vergangenheiten. Uns für alles mehr als nur nominell zu interessieren, kann nur auf Verwirrung beruhen, die Verfolgung entsprechender Interessen nur zu ihrer Fortsetzung und/oder Steigerung führen.
      • perspektivisch: Wie re-konstruieren unter einer bestimmten Fragestellung, mit einem Interesse an Zusammenhängen, die den Zeitgenossen der betrachteten Zeiten nicht bekannt gewesen sein müssen, oft nicht einmal bekannt gewesen sein konnten, oft auch, weil sie erst mit Späterem einen „Zusammenhang“ ergeben)
      • und somit fundamental von den Interessen, Fragen, Konzepten, Werten usw. des Historisch Denkenden beeinflusst.

      Das Ergebnis der Re-Konstruktion ist Geschichte, nicht Vergangenheit (was auch insofern stimmt, dass die Geschichte eben nicht vergangen ist, ihr also die Qualität der „Vergangenheit“ gar nicht eignet – das geschieht erst später).

    5. Gleichzeitig gilt aber auch, dass solches Re-Konstruieren nicht ohne die Voraussetzung von tatsächlichem Vergangenem funktioniert, d.h. von der Voraussetzung der Tatsächlichkeit von Ge- und Begebenheiten in früheren Zeiten, denen nun die Eigenschaft des Vergangen-Seins eignet. Re-Konstruktion von Geschichte unterscheidet sich somit — ganz ähnlich wie bei Aristoteles die Historie von der Poetik – sie will nämlich etwas aussagen, dessen Geltung und Orientierungsfähigkeit konstitutiv davon abhängen, dass diese Aussagen nicht über etwas fiktives, Beliebiges gemacht werden. Die Tatsächlichkeit des Vergangenes ist nämlich unabdingbarer Bestandteil unserer zeitlichen Orientierungsbedürfnisse, der Interessen und somit der Fragen. Wer historisch fragt, fragt nach Aussagen über ein Vergangenes, das eben nicht einfach ausgedacht ist. Wer auf solche Bedürfnisse und Fragen antwortet (nämlich re-konstruiert historisch narrativ) sagt somit etwas über tatsächliches Vergangenes aus. Hier ist das „über“ von Bedeutung: Die Aussage selbst ist in Form und Sinnbildung gegenwärtig — auch in ihrer Rezeption, aber sie bezieht sich auf etwas, dessen frühere Tatsächlichkeit vorausgesetzt wird. Die historische Aussage, das Ergebnis der Re-Konstruktion, ist somit nicht das Vergangene selbst, sondern — wenn sie belastbar ist — eine gegen Einsprüche und Zweifel methodisch gesicherte Bezugnahme auf das Vergangene, das selbst nicht mehr gegenwärtig sein und nicht mehr „vergegenwärtigt“ werden kann.
      Die Kollegen Ortmeyer und deLorent interessieren sich für die NS-Vergangenheit wirklicher früheren Menschen, nicht ausgedachter Romanfiguren, weil das Wissen über dieses Vergangene und das „Nachwirken“ etwas darüber aussagt, in welchem „Geiste“, mit welchen Konzepten und Werten unsere Gesellschaft entstanden ist und sich heute auseinandersetzen muss.

      Das Re-Konstruieren ist eben etwas anderes als ein einfaches „Wahrnehmen“ des Vergangenen, nämlich im vollen Sinne ein konstruktiver Prozess. Die Vorsilbe „re“ drückt dabei eben nicht das Ziel der (illusorischen) vollständigen Wiederherstellung aus, sondern die Gebundenheit der Konstruktion durch ihren Fokus auf das Vergangene. Das ist auch der Grund, warum ich etwa Jörg van Nordens Plädoyer für die Bezeichnung der Operation als „Konstruktion“ (ohne Vorsilbe) nicht teile. Er interpretiert das „re“ als Hinweis auf Wiederherstellungsabsicht, die er (zu Recht) ablehnt. Ich sehe im Fehlen der Vorsilbe die Gefahr, die Bindung der Konstruktionsleistung an das Ziel der Erkenntnis über etwas Gewesenes, aus dem Blick zu verlieren, und sie mit freier Konstruktion (die nur anderen Zielen dient) zu vermengen.

    6. Die Bindung: Das ist dann auch der Grund, warum das Konzept der Re-Konstruktion keineswegs Beliebigkeit bedeutet, also kriterienlos wäre. Zu widersprechen ist aber die der Vorstellung, das Maß der Qualität einer Re-Konstruktion sei (allein) deren Übereinstimmung mit dem Vergangenen. Re-Konstruktion dient der Orientierung innerhalb eines gegenwärtigen (und erwarteten zukünftigen) gesellschaftlichen Rahmen angesichts der Vergangenheit. Es ist daher an mehrere Kriterien zu binden. Das ist der Ort, wo etwas die „Triftigkeiten“ bzw. „Plausibilitäten“ von Rüsen ins Spiel kommen.
    7. Es geht beim Re-Konstruieren also durchaus um Erkenntnisse über die Vergangenheit, aber eben weder um die Erkenntnis „des Vergangenen“ an sich 1 noch um Erkenntnisse über Vergangenes, die von jeglichem Einfluss späterer Perspektiven, Werte, Konzepte etc. frei wären.

 

  1. „Vergangenheit“ kann man sehr wohl feststellen, nämlich die Eigenschaft von Zuständen, vergangen zu sein und gerade nicht rekonstruktionsunabhängig erkannt werden zu können. []

Neue Veröfffentlichung

Körber, Andreas (2017): „Unbehagliche Übersetzungen? Eine deutsch(sprachig)e Perspektive.“ In: Waldis, Monika; Ziegler, Béatrice (2017, Hrsg.): Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 15, Beiträge zur Tagung „geschichtsdidaktik empirisch 15“. Bern: h.e.p.-Verlag (Reihe Geschichtsdidaktik heute), S. 37-58

gerade erschienen: Körber, Andreas (2017): „Unbehagliche Übersetzungen? Eine deutsch(sprachig)e Perspektive.“ In: Waldis, Monika; Ziegler, Béatrice (2017, Hrsg.): Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 15. Beiträge zur Tagung „geschichtsdidaktik empirisch 15“. Bern: h.e.p.-Verlag (Reihe Geschichtsdidaktik heute), S. 37-58.

dazu gehört:

Seixas, Peter (2017): Translations and its Discontents. Key Concepts in English and German History Education. In Monika Waldis, Béatrice Ziegler (Eds.): Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 15. Beiträge zur Tagung „geschichtsdidaktik empirisch 15. Bern: hep-Verlag (Reihe Geschichtsdidaktik heute), pp. 20–36.

Beitrag zur Sinnbildungslehre Rüsens

Körber, Andreas (2014): “Jörn Rüsens anthropologische Begründung des historischen Denkens und seine Lehre der dabei zur Verfügung stehenden Sinnbildungstypen.” In: PeDocs (http://www.pedocs.de/volltexte/2014/9188/pdf/Koerber_2014_Ruesens_Sinnbildungslehre.pdf)

Meine ursprünglich auf der alten Homepage veröffentlichte Erläuterung der Sinnbildungstypen Rüsens habe ich inzwischen bei pedocs eingestellt.

Körber, Andreas (2014): “Jörn Rüsens anthropologische Begründung des historischen Denkens und seine Lehre der dabei zur Verfügung stehenden Sinnbildungstypen.” In: PeDocs (http://www.pedocs.de/volltexte/2014/9188/pdf/Koerber_2014_Ruesens_Sinnbildungslehre.pdf)

Beitrag zur Weiterentwicklung der Sinnbildungstypologie

Körber, Andreas (2013): “Historische Sinnbildungstypen. Weitere Differenzierung.” In: PeDOCS (http://www.pedocs.de/frontdoor.php?source_opus=7264&la=de) (urn:nbn:de:0111-opus-72646).

Die Sinnbildungstypologie Jörn Rüsens hat inzwischen mehrere Erweiterungen und Verfeinerungen erfahren. Meinen letzten Erfahrungsstand habe ich in folgendem Artikel dargelegt habe, der bei pedocs verfügbar ist:

 

Körber, Andreas (2013): “Historische Sinnbildungstypen. Weitere Differenzierung.” In: PeDOCS (http://www.pedocs.de/frontdoor.php?source_opus=7264&la=de) (urn:nbn:de:0111-opus-72646).

Geschichtlichkeit und Geschichtskultur als Bedrohung — oder als positive Herausforderung? Zur Begründung von Hilfen zum historischen Lernen

Körber, Andreas (5.1.2013): „Geschichtlichkeit und Geschichtskultur als Bedrohung — oder als positive Herausforderung? Zur Begründung von Hilfen zum historischen Lernen“

In einer Hausarbeit zitieren zwei Studierende Klaus Bergmann und Rita Rohrbach mit folgenden Worten:

„Der Beginn historischen Lernens in der Schule ist nicht der Beginn des historischen Lernens schlechthin. Wie in keiner Generation je zuvor sind die Kinder einer ‚veränderten Kindheit‘ immer schon vor ihrer Schulzeit und immer schon außerhalb der Schule einer geradezu wuchernden ‚Geschichtskultur‘ ausgesetzt, in der sie, ob sie wollen oder nicht, eher zufällig und absichtslos als geplant und bewusst, ‚Geschichte‘ lernen.“ (Bergmann/Rohrbach 2001, S.11)

und ziehen daraus den Schluss

„Genau hier muss man ansetzen und die Kinder auffangen, Fragen klären und gemeinsam das historische Denken weiter ausweiten und fördern.“

 

Das Zitat von Bergmann/Rohrbach enthält vieles dem man zustimmen kann, ja muss. Es ist Teil einer Wiederentdeckung frühen Geschichtslernens nach der Diskreditierung der früheren Behandlung des Gegenstandes Geschichte in der alten Heimatkunde und unter den Prämissen der älteren Entwicklungspsychologie — wie übrigens selbst noch gemäß der Theorie von Piaget, derzufolge ein wirkliches historisches Lernen angesichts der Abwesenheit der Vergangenheit und der somit gegebenenen Notwendigkeit formalen Denkens in diesem Alter gar nicht möglich sei. Hintergrund wie Teil dieser Wiederentdeckung des frühen historischen Lernens ist die didaktische Modernisierung, derzufolge es beim vollwertigen historischen Lernen nicht um ein Erfassen „der Vergangenheit“ selbst geht (so dass für die dazu nicht als fähig erachteten Kleinen mehr oder weniger trivialisierte oder gar ideologisierte Schrumpf- oder Vorformen erdacht und legitimiert wurden), sondern um den Erwerb der Fähigkeiten zum Nachdenken über Vergangenes und seine Gegenwart.

Was allerdings durchaus befremdet, ist die in dem Zitat spürbare Bedrohlichkeit, die von zu viel Geschichte und zuviel Geschichtskultur ausgehe (letztere wird gar als „wuchernd“ beschrieben). Als Begründung für dieses wertende Urteil findet sich lediglich der Hinweis auf die ‚veränderte Kindheit‘ — offenkundig eine Variante der Theorie der ‚fragmentierten‘ modernen Kindheit, einer Kindheit, die nicht wirklich kindgerecht sei. Diese Bedrohungsthese ist es offenkundig, die denn die Studierenden auch dazu bringt, davon zu schreiben, dass man die Kinder „auffangen“ müsse — so als befänden sie sich im freien Fall der Verunsicherung.

Ist diese These wirklich plausibel?

Sicher, es mag sein, dass die Lebenswelt für viele Menschen in früheren Jahrhunderten (vor allem der „Vormoderne“) weniger zeitlich verortbaren Veränderungen unterworfen war, dass die Lebensverhältnisse statischer waren. Aber galt das für alle Zeiten und für alle Lebensbereiche? Selbst in jenen Zeiten und Regionen, in denen die sozio-ökonomischen Verhältnisse für viele Menschen deutlich weniger Veränderungspotential boten, wo der Einzelne deutlich stärker eingebunden war in kleinräumige Sozialverhältnisse, aus denen auszutreten schwierig war, gab es immer auch Veränderungen, die sich bis auf den Einzelnen auswirkten. Selbst für das Mittelalter wird ja seit einigen Jahrzehnten die These vertreten, dass der Beginn der eigentlichen gerichteten Veränderungen die Moderne nicht von einem statischen Mittelalter abgrenzt, sondern geradezu im Mittelalter selbst zu suchen ist (vgl. populärwissenschaftlich aufbereitet bei Arens xxxx: „Wege aus der Finsternis“; didaktisch: Hasberg xxxx: „Das Mittelalter als Urgrund der Moderne?“).

Zudem ist es doch seit langer Zeit Charakteristikum einer modernen Geschichtswissenschaft (und zwar sowohl der sozial- wie auch der kulturgeschichtlichen Ausprägungen), ihren jeweiligen Forschungsgegenstand, die jeweils betrachtete Epoche als eine umgreifender Veränderungen zu begreifen und von dorther zu fragen, wie die Menschen in der jeweiligen Zeit damit umgegangen sind.

Waren Kindheiten in früheren Zeiten wirklich „ganzheitlicher“, weniger „fragmentiert“? Steckt darin nicht eine gehörige Portion antimoderner Sozialromantik?

Aber selbst wenn es für die Vormoderne weiterhin als plausibel gilt — die Zeit, für welche der Veränderung der Lebensverhältnisse als konstitutives Charakteristikum gedacht wird, umfasst doch inzwischen selbst mehrere Jahrhunderte. Soll also die ganze Neuzeit über eigentlich menschenfremd gewesen sein?

Ist es also wirklich nur unsere „moderne“ (oder gar erst die „postmoderne“?) Zeit, in welcher Kinder in ihrer Lebenswelt sichtbaren Zeichen für Zeit, Wandel, Vergänglichkeit, Geschichtlichkeit begegnen, in der sie vor der Herausforderung stehen, im Prozess ihrer eigenen Individualentwicklung auch eine länger dauernde historische und gar gattungsgenetische Entwicklung zu denken? Oder ist diese Aufgabe eine anthropologische Konstante, eine für alle Menschen jeweils kulturell anders ausgeprägte, aber in ihren Grundzügen allen gemeinsame „Entwicklungsaufgabe“ (Havighurst; vgl. Körber 2004)?

Abgesehen von der Verstörung über den sozial- und kulturhistorischen Pessimismus, der in solchen Formulierungen mitschwingt, ist es auch eine pädagogische Haltung, die angesichts verbreiteter pädagogischer (Lippen-?)Bekenntnisse, junge Menschen in ihrer Entwicklung zu eigenständigen, selbstständig und verantwortlich urteilenden und handelnden Mitgliedern pluraler, d.h. vielfältiger Gesellschaften zu ermutigen und zu unterstützen, eher kontraproduktiv erscheint. Geht es beim Unterrichten und Erziehen nur oder auch nur vornehmlich um das Behüten, um ein Bewahren vor einer Welt, die als bedrohlich wahrgenommen wird?

So, wie die These von der den Menschen strukturell überfordernden Moderne, die Auffassung, der Mensch sein für eine Welt, in welcher er selbst mit den vielfältigen Uneindeutigkeiten, Ambivalenzen und Ambiguitäten umgehen muss, in der ihm das nicht durch festgefügte Sozialstrukturen abgenommen wird, kaum geeignet ist, Lern- und Bildungsprozesse zu begründen, welche junge Menschen auf Herausforderungen vorbereiten, die wir heute allenfalls in Umrissen erahnen können, vermag eine pädagogische Grundhaltung zu überzeugen, welche nicht die Neugier des jungen Lernenden, sein aktives Entdecken und Konstruieren als Normalfall ansieht, sondern das Scheitern, die Gefahr, und welche ihre Aufgabe nicht in der Unterstützung von eigenem Erkunden sehen, sondern darin, die Kinder behutsam nur dorthin zu führen, wo die eigene Gesellschaft schon ist.

Ohne die Formulierung der Studierenden in dieser Richtung überinterpretieren zu wollen: Lässt sich Geschichtsunterricht wie auch aor- und außerschulische Hilfe beim historischen Lernen nicht auch anders begründen — ohne die Bedrohungs- und Beschützungsmetapher aufzurufen? Denn es wird ja auch nicht angehen, dass man vor lauter Selbstständigkeitsoptimismus die Kinder ganz alleine lässt und sich gar nicht darum kümmert? Wie könnte eine solche Begründung für eine gesellschaftliche wie individuelle pädagogische Aufgabe des Geschichtslehrens aussehen, die weder auf Defizitausgleich noch auf bewahrung rekurriert?

Folgende Überlegung mag als Skizze gelten: Wenn die Vergangenheit als solche gar nicht eindeutig habbar ist, wenn jede Vorstellung und jede Aussage über sie als Konstruktion aus einer bestimmten Perspektive und mit einem bestimmten Interesse erkannt ist (wie es der heutigen Geschichtstheorie entspricht), dann kann es einer Gesellschaft nicht egal sein, wie ihre Mitglieder mit der Aufgabe historischer Orientierung umgehen. Zwar kann es in pluralen Gesellschaften nicht angehen, dass die Gemeinschaft oder auch Teile von ihr den einzelnen Mitgliedern die Ergebnisse ihrer Orientierung, ein bestimmtes Geschichtsbild oder gar die zulässigen Fragen endgültig vorschreiben– wohl aber muss es gerade in pluralen und heterogenen Gesellschaften diesen angelegen sein, dass die Mitglieder gleichzeitig selbstständig denken können und dürfen, UND miteinander über ihr historisches Denken kommunizieren (und das heißt nicht nur über die Ergebnisse, also die Geschichtsbilder und -Darstellungen, sondern gerade auch über die Fragen, Bedeutungen, die Begriffe, Konzepte, Normen und Werte). HIERZU kann und darf historisches Denken in Schule und vorher gesellschaftliche Aufgabe sein.

Von dieser Position her ist es also sehr wohl, die Aufgabe der Gesellschaft, und in ihr der Pädagogen, der Erzieher, der Didaktiker, der Fachlehrer, junge Menschen beim historischen Lernen zu unterstützen, und zwar nicht, um sie zu beschützen vor „zu viel Geschichte“, sondern um ihnen zu helfen, nicht einfach „die Vergangenheit“ zu erschließen, sondern die Arten und Weisen, in denen die Gesellschaft diese bewahrt, über sie diskutiert, mit ihr umgeht usw. Dann dürfte es auch nicht mehr so bedrohlich sein, dass die Geschichtkultur als „wuchernd“ abgetan werden muss — sie ist vielmehr eine der vielen Dimensionen gesellschaftlichen und kulturellen Lebens, in welchen junge Menschen denk- urteils- und handlungsfähig werden sollen (und wohl auch wollen).

 

Literatur:

Arens, Peter (2004): Wege aus der Finsternis. Europa im Mittelalter. München: Ullstein .
Bergmann, Klaus; Rohrbach, Rita (2011): Kinder entdecken Geschichte — Theorie und Praxis historischen Lernens in der Grundschule und im frühen Geschichtsunterricht. Schwalbach: Wochenschau.

Bergmann, Klaus (2001): „„Papa, erklär‘ mir doch mal, wozu dient eigentlich die Geschichte?“ – Frühes Historisches Lernen in Grundschule und Sekundarstufe I.“ In: Bergmann, Klaus (Hg.) 2001: Kinder entdecken Geschichte.: Theorie und Praxis historischen Lernens in der Grundschule und im frühen Geschichtsunterricht: Schwalbach/Ts: Wochenschau-Verl: (Wochenschau Geschichte), S. 8–31.

Hasberg, Wolfgang (1999): „Das Mittelalter – Quellgrund der Moderne für den postmodernen Schüler?“, In: Geschichte, Politik und ihre Didaktik, 27, 3-4, S. 282-296.

Körber, Andreas (2000): „“Hätte ich mitgemacht?“. Nachdenken über historisches Verstehen und (Ver-)Urteilen im Unterricht.“, In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht GWU ; Zeitschrift des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands, 51 (2000), S. 430–448.

“Uses” and “ab-uses” of history. Possible consequences for history teaching at schools

Körber, Andreas (2011): „‚Uses‘ and ‚ab-uses‘ of history. Possible consequences for history teaching at schools“. Talk delivered at the EUSTORY Seminar (Ab-)Use of History, Helsinki, August 7th to 10th, 2011. In: http://www.pedocs.de/volltexte/2012/6626/

Körber, Andreas (2011): „“Uses” and “ab-uses” of history. Possible consequences for history teaching at schools“. Talk delivered at the EUSTORY Seminar (Ab-)Use of History, Helsinki, August 7th to 10th, 2011.

[jupdf-viewer file=“http://www.pedocs.de/volltexte/2012/6626/pdf/Koerber_2011_Uses_Abuses_D_A.pdf“]

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Andreas Körber

Uses” and “ab-uses” of history. Possible consequences for history teaching at schools

Talk delivered at the EUSTORY Seminar (Ab-)Uses of History,: Helsinki; August, 7th – 10th, 2011

1 Introduction

Use and Abuse of History. The terms central in the subject of this conference are both: quite strong and quite unclear – especially when applied to a subject like history. When confronted with the suggestion to contribute to the discussions, here, I immediately had some associations coming to my mind which had nothing to do with history at all, but with a series of “abuse”-subjects in public debate of recent years – mostly abuse of children by adults in educational or religious institutions, by parents, and so on. Surely, this was not was was meant by the colleagues suggesting this venue. So I put these associations at bay – but they will play a role in my talk later on.

Of course, I was also reminded of professional debates not only more close to, but rather directly central in the area I am working on: theory of history, namely the question of the possibility of truth and objectivity in our domain. This is something many colleagues have reflected upon and where some fundamental insights have been gained in the last decades. So the question for me was in this case, whether under the heading of “use and abuse” there was to be another discussion of objectivity. I doubted that this would meet much interest, here. So I tried to put this strand aside, too.

There is, of course another strand of debate, related to the latter, which is much more prone to the subject of this event, and that is the question of responsibility of professional historians and all others presenting accounts of the past – more concrete, the question of what history to tell and what not to tell. It is the question about the correct, not the true, history, even though the two questions are strongly interrelated, at least from some points of view.

When communicating with Andrea Sensenschmidt and Hannah Kokkonen – sparsely, I must admit – the question was presented whether I could not say something about history teaching in the former “German Democratic Republic”, the Soviet-allied Eastern Germany. I declined this, partly because I am by far no expert on that subject. There are others who have done first hand research on it, some of them from a Western perspective (e.g. Hans-Dieter Schmied,1 Heike Mätzing,2 …, already in times of German partition), and others with their own educational and sometimes even professional background as didacticians of history in the East, like Christina Böttcher, Marko Demantowsky,3 Saskia Handro4 etc., but also because I felt that it would be only half inspiring to present a complex where the judgement that it would fall under “abuse” at least mostly, was known from the start. In fact the judgement on a specific way of “using” history on the basis that it is founded on a certain ideology is always problematic, because we must be aware that our own system of values may be (and most often is) seen as “ideological” by the others. After the end of the block-confrontation this argument is not done with. Even though Western political thought and values have proved to be superior to totalitarian ones, we still have to admit and consider that our values also are contingent and may be challenged as “ideologic”, especially from other cultural perspectives.

Much more rewarding, so I thought, would be the subjects covered by others, about how to address controversial and “problematic” issues in research and teaching. From my point of view, I might already state here at the beginning, there is not question on whether to present a specific historical account, it is not about properly selecting, but rather about the attitudes, the function and the methods. In my view, it is not the what but the how and what for of historiography and history teaching, which merited reflection. So “use” and “abuse” are not about whether presenting a specific subject, a specific story, amounts to abuse, but whether there are specific criteria by which to judge about the “how” of this presentation.

Tow more points of start for my reflection need to be mentioned. First of all, the terms “use and abuse” are far from well elaborated. They are used quite differently, especially in our domain. This needs to be reflected, first. And here a reference needs to be made to the recent discussions about child abuse.

Secondly, the question of “uses” of history (in the more proper sense) has already been addressed by colleagues. Margret Macmillan, the renowned Canadian colleague, has published a popular reflection on it quite recently, and one of the colleagues present here, Klas Göran Karlsson, has taken up the question of uses and even of ab-use at a conference in November 2008, the proceedings of which have just been published. It is his very short answer of the question what defines abuse, which I’d like to initially cite, criticising one of his ideas, but to finally come to a conclusion, which can be read as a support of his.

2 The problem of “use and abuse” I: Terminology

Within his considerations, Karlsson, however causally quotes Friedrich Nietzsche’s second “untimely considerations”. This famous text, which starts with an appraisal of the animals‘ ignorance of any history, their living only in a present, thus being free from any obligations of any past, and of a “superhistorical” standpoint (which in my view, informed by Jörn Rüsen, would rather be an exemplaric use of history), and then differentiates between three “uses” of history (monumental, antiquarian, critical), all of which are deeply rooted in present needs, has at least in some English editions (although not the better one used by Karlsson) been titled “Use and Abuse”. This notion is problematic. Nietzsche most profoundly did not want to constitute a specific criterion for proper use of history lying in its own domain, but reflected upon the advantages and disadvantages of history (thus the best translation, similar to that of the edition used by Karlsson: “uses and disadvantages”).5 As for the subject of my talk and of the whole conference, I take it that we don’t talk about “advantages” and “disadvantages”, about the “pros” and “cons” of referring to the past, that its is not a question of whether to “use” history in the first place, but that we do talk about the dimension of proper and improper use.

3 uses and abuses – a question of typology?

In his presentation in 2008, Klas-Göran Karlsson distinguished different “uses” of history, as had Margret Macmillan: In short, their reflections, which are both very interesting and valuable to read, can be summarized as a typology of motivations of presenting accounts of the past for reasons which lie in the present. There are quite a variety of such motivations and of specific structures of presentations following them. The enumeration here can give just an overview.

      1. scientific usage: characterized by internal criteria of quality and validity, by the idea of approximating an ideal knowledge or at least the idea of progressively “better” understanding, by the regulative idea of a dissociation between the authors‘ interests and the subject matter researched, and by the idea that teaching and telling (Karlsson speaks of “mediation”, which is by far a too reflective term for the position sketched here) means “transport” of the proper knowledge into the learners‘ or readers’/listeners‘ minds (which is thought possible because the “true” history – even though “valid” and “relevant” – is conceived as independent from the recipients‘ perspectives and interests as from the researchers‘.

      2. Existential use of history

      3. moral use of history

      4. ideological use of history

      5. “non-use”

      6. “politico-pedagogical use”

      7. MACMILLANS “History for Comfort”

        1. History as the ultimate explanation for life

        2. History as an escape from the present

        3. History as a book of examples for good and evil

        4. History as the judge for current politics

        5. History as a field of current politics (reconciliation, repentance, apologies, history wars)

All of theses uses – as is made explicitly clear by Karlsson, have their merits, their own dignity. They cannot be just divided into supportable and insupportable, in uses and abuses. This in part is due, I’d like to suggest, that Karlsson’s and Macmillan’s typologies are not “pure” typologies, listing mutually exclusives modes or ways of “using” history, but rather relevant and combinable dimensions which need to be discerned within any “use” of history. It may be true that there is no necessity for them all to be present in a randomly selected use, but at least some of them will always be there in combination: politico-pedagogical use can be highly driven by moral considerations, or by ideological ones, and so on.

For us, glad to say, this is no problem, because Karlsson does not single out some as proper and others as improper. The criterion for abuse, according to him, is – in a pictorial metaphor – not a division between some of them and others, but lying across them, dividing feasible and fallible versions in each category: for him, it is the violation of human rights.

But: is this a criterion which is in any way helpful as to the specificities of history? Can it be satisfying to refer to a criterion outside the theory of history, only? Isn’t there something like an inside criterion as to when a presentation of history, a story etc. amounts to abuse?

In general, I’d like to support Karlsson’s liberal view that there is not one “correct” use of history, not one way of “doing it”, which takes all the merits, but that the diversity of “usages” can be feasible and supportable – especially that it is not just the “scientific” use or the history of the historians, which has more dignity. Margret Macmillan also rejects the idea that history belongs to the historians, even though she more strongly keeps up the idea that historians have a stronger capacity to formulate valid histories, mostly because of their possibility to take more time and efforts on the task (because they are trained and paid to do so), but also with a reference to the idea that historians can be more impartial, more distanced than normal people. Throughout her book, the idea is visible that there is one criterion for use and abuse which comes from history itself, namely the appropriateness of the depiction of the past: The past itself is the criterion for use and abuse of history.

To a much lesser degree, this criterion is also discernible in Karlsson’s other differentiation between a genetic and a genealogic mode of history. “Genetic” he calls – not as the first – the “perspective” in which we gain and transmit knowledge about the development up to now, whereas the term “genealogic” refers to the “making” of history “by reflecting ourselves and our present situation in the past” (Karlsson 2011, 133). His (supportable) ideal is the “balance” of these two modes in what he calls a “reflective historical consciousness”,6 which could “join these two fundamental historical perspectives in so far that a genealogical perspective can provide genetic history with agency and criteria of relevance, while a genetic perspective is needed not only to supply us with historical contents, but also to help us understand why history is recalled and represented the way it is.” (Karlsson 2011, 134). He links this to Kierkegaard’s dictum about living life forward, but understanding it backward. Again: Supportable as this view is, it is also problematic, insofar as it sums up to differentiating between a knowledge of the “real history” of the “contents” (what ever that means: what is the container of these contents?) and its uses in the present, between the substratum and the operations. This, to my view, can not hold. I will dwell on this point from another angle in a few minutes, but would like to sketch my solution here in advance, first: I don’t think that there is a possibility of any division between the substratum of historical “contents”, of any “real” history and the operation of historical thinking. In my theoretical framework, they are linked together much more profoundly than suggested by Karlsson. It is not a question of joining these two perspectives or modes, but whether they can be separated from one another in the first place more than analytically. I suggest that what Karlsson calls “genealogic” is a modus, a mode of asking, of the operation which essentially turns our advertence to things past and their interconnections, in the first place, while what he calls “genetic” is a mode of answering to such questions stemming from the genealogical perspective. “Genetic” then can be the type of history told when asked for one’s genealogy. However, it is not the only mode for such narrative answers. Jörn Rüsen already distinguished at least four of them in his well-known typology later on corrected and refined by Bodo von Borries (and me).7 Genelogical questions, questions asked with a view to the past out of a present need for agency and relevance, can not only be answered by telling a genetic story highlighting and stressing a development of fundamental changes, but also by referring to rules and laws covering situations occurring in quite different times (the exemplaric mode) or by referring to well-established traditions (the traditional mode).

Thus – and this is why I refer to this point here – the differentiation between the history and its “use” is erroneous: History, or rather: histories, do only come into existence by “usage”. They are not a substratum already present when the genealogical interest starts acting – at least not in the way suggested by the title of this conference and by Karlsson and more strongly by Macmillan.

4 The problem of “use and abuse” II: Conceptualization

I already hinted that I think that the idea of “using” history is wrong in a certain way. In order to illustrate this, I’d like to refer to the already mentioned debate on child abuse: When the media started to be full of this concept of “child abuse”, some of the brighter commentators immediately asked (without wanting to play down), whether talk of child-abuse was not a problem in itself, because it forces us to think about what a proper “use” of children would be. Can children be “used” so that one can differentiate other uses as improper, which then are called “abuse”?

The idea behind this challenge of the public debate and its terminology is conceptual: Whoever uses the term “child abuse” refers to a concept of “child use” and in it to a concept of children as being “objects”. Human rights, however, demand – at least when based on the ideas of Kant – that no human being be treated only as a means to some outside aim, that no human being be treated as an object only.

Let’s dwell for a moment on the notion of “usage” and on the connotation of the object implied in it.

Clearly, in this understanding of “usage”, of “emploi”, the object is already there before it is used – we have already seen that point. But more – it also is considered of existing as it is independently of the usage. The object to be used is seen to have an existence and a specific constitution independent from the usage and the user. If to people e.g. use a book for gathering information, the book it itself, the material text, is given and the same for both of them. If they use it for e.g. blocking a door against moving in the wind, the book also is taken as an existing object.

“Using” means to employ an “objectively” existing object for some outside purpose.

For this kind of notion, there can be some criteria for feasibility considered:

Criteria for feasible uses of this kind may be manifold:

      1. The first criterion may be whether the object was intended for the purpose. Thus to take a book for reading may be more feasible than for using it for blocking a door against wind etc. But as we can see, this not a necessary criterion: it may be feasible to “ab-use” an object for a new, unintended purpose, if other criteria apply:

        1. First, that the objects really helps to fulfill the function. The object must be useful. In constructivist terms, what us central here, is the viability.

        2. Second, whether the object is damaged in such using. If a book is most likely to be squeezed to unreadable status by the wind-moved door, its deploy for this purpose may be rendered “ab-use” in the normative sense.

        3. Thirdly, another criterion can refer to the symbolic value of the object. Using a book for stopping a door against wind may be feasible for someone, even though he would call the use of a Qu’ran abuse.

All these criteria have two things in common:

  1. They refer to cases in which objects were used for purposes for which they were not intended.

  2. They are applicable – as said before – if history is to be conceived as a pre-existing entity, unchanged for all of its users.

So we should once more think about what history is and what it is made for.

  1. If “history” refers to an entity independent from our usage, to the real past or at least our best knowledge of it, we should, I think, easily confer that it was NOT made for any of our uses. It is one of the thoughts stressed in some early concepts of post-modern theory of history: Our predecessors, the people having lived before our times, did not do so in order to provide us with “content”, with examples. They may not be reduced to being the substratum of our own orientation. The question, then, is not that of what kind of use would amount to ab-use, but whether history should be used at all. If we take this argument seriously (and I think we should), it would forbid any “use” of history for some other purpose that to “live it”. “History” taken as the past entity of reality and the lives in it, clearly have no other purpose that to exist.

  2. If “history” does not refer to this past reality, but to our own concepts of them, to our constructions, then we cannot object to such “usage”, because history is not used as a distinct object were, but is is created in this operation in the first place.

So I clearly tend to the second understanding of history – and I would preserve the term for it. The former, the real lives of the people in the past, for their hopes and values etc., should be called “the past” only.

So again, we arrive at a distinction which is very central: The reality of other times is “the past”. It can be used, and maybe also “abused” in the meaning of the term used in recent discussions: improper, condemnable emploi of an existing object.

But clearly, this does not mean that “anything goes”, that everybody is unconditionally free to create any historical account she or he wishes, that there are no criteria whatsoever.

So let’s try to take the argumentation a bit further:

History in the understanding just outlined is a relational concept. It is not the past in itself, but a certain relation between the past(s) and a specific present – more precisely: a specific social, cultural, normative and temporal position. Therefore, criteria for the feasibility of histories can only be taken from the relation. Jörn Rüsen has suggested three of them:

      1. empirical plausibility

      2. normative plausibility

      3. narrative plausibility.

Since we do not have any other access to the past reality as the substratum of historiography, we cannot compare any given history to this reality, but only either to other histories of the same narrative (and that is: selective, partitional, perspectival, normative etc.) nature. If we want to test the empirical plausibility of a history, then we should test it against the current accessible amount of best first-hand data. As for the normative ingredients, we need to compare it to our own audience and society’s values and as for the narrative plausibility we have to refer to the current ideas of what is acceptable in terms of explaining etc.

But this may not be enough for our purpose. I only referring to Rüsens tripartite concept of plausibilities, we have reduced the question of ab-use of history to the question of “objectivity”. I don’t think this is satisfactory.

So I think we should take into account another characteristic of “history” in the narrativist meaning: “History” – even though an individually created narrative relation to the past – is a communicative concept. History unfolds its full capability of orientation if it does not only link us as individuals, quasi as monads, to a past that is foregone, but if it helps us understand how our present society in its complexity has been come about and how it is perceived by others. If we want to be able to act in our society, we do not only have to clarify our own relation to the past, but we have to do so with that of our co-members of society also. It is not only about who I think I am in my light of the past, and what I make of it, about my intentions and motivations, but also about

  • who the (different!) others think they are, in their view of the past, what their perceptions of themselves are and their possible actions,

  • who I think they are and what they could or should do,

  • who they think I or we are, etc.

For this collective orientation, we need to exchange our narratives, we need to tell them, but we also need to integrate them.

Form this consideration, long ago laid out by Kurt Röttgers, we can abstract some other criteria for use and abuse of history. But before I shortly elaborate on them, I might stress, that from here on, these criteria do not refer to “history” as a synonym of “the past”, but that here I refer to the narrative relations to the past, which I would reserve the term history for.

  1. First of all, if one function of histories is not only to individually, but to collectively orientate, then they need to integrate perspectives. In order to do so, they need to reflect the valid perspectives, i.e. the interests, needs, values etc. of today’s members of society. A history which does not reflect their different perspectives, questions, values, patterns of explanation etc. would not be orientating but dis-orientating. So as a criterion, proper history have to integrate the perspectives of different partitions of their audience, not to impose one perspective on these different fractions.

  2. Secondly, histories have to offer narrative explanations, connections, and attitudes to the past as well as conclusions and motivations. Again it would be improper (and here I would start to use the word ab-use in the full sense) if they imposed such connections and motivations. This criterion needs some more elaboration: How can a history offer but not impose if it is supposed to present such a connection. How can a history fulfil its narrative task but not overdue it in this direction? The answer I suggest here is: By allowing the reader, the listener to take his own position in relation not only to the past but to the narrative structure of the history itself – by laying open the ingredients, the inner structures, so that the reader can relate to them.

If this is what Karlsson meant by not violating human rights, if his criterion was that the audience, the addressees, the public needs to be taken seriously in their capacity to actively relate to story, and that not doing so would be violating human rights – then I fully agree.

5 Using Histories

So slowly taking the curve to the last aspect, I hold that there is a “using” history in the sense of “using narrative structures” in human communication. And in this sense, there can be use and abuse – and they can be seen on at least two sides of the communication:

  1. “Using history” can mean the operations a person carries out with regard to a given, a presented narrative, be it their “(cognitive) particulars” (Karlsson 2011, 135), the connections constructed in it, the conclusions drawn and offered and the appeals made. It can consist in their accepting them and in their doubting, their distancing from them, their critique.

    On the recipient’s side, then, proper use of histories would be to recognize and accepts one’s own capacity and responsibility, one’s entitlement, but also obligation to actively relate to histories. It means to listen and read thinking.

  2. On the author’s side, proper use of history the means a way of addressing the recipient in a way which again recognizes his competence, it means to not trap him into a situation where he cannot actively relate, he may not be overpowered or overwhelmed.8 This requires to

    1. identify rather than hide the constructional status of the present history, the fact that it has been created by a specific, personal authors, with specific questions in mind, a specific background etc.

    2. to make visible his perspectives and values etc.,

    3. to discuss the ingredients of the story, the characteristics of the primary source material used, the concepts applied etc.

    4. to at least acknowledge, better: indicate, best: present and discuss contrasting and contradictory materials, conclusion, judgements,

    5. to at least indicate those parts of the story, which are more inferential than others – in a pictorial metaphor: which might be drawn in black and white or greyscale rather that full colour.

    Misuse, or abuse then clearly would be to hinder the recipient to make up his own mind, to reflect his/her own situation towards the story told, the “contents”, the values and concepts applied etc. Again: to violate the human right to self-determination.

Two small remarks to the side:

  1. Using these criteria, we might easily arrive at condemning much of Eastern German historiography and history teaching – but I am sure that lots of historiography and teaching in the “free west” would look meek, too).

  2. The concept of “mediation” used by Karlsson and criticised by me above, can be regarded from here, too: If “mediation” is considered as “transmission” of a story to an audience, their heads and minds only, in a way where it has to be unchanged, this would be ab-use. The term “Vermittlung” in German clearly has the same problem. In most cases it is taken as “transfer of knowledge” to the students, whereas a proper consideration not only from pedagogical perspective9 but also from terminology would yield that it has to make different perspectives and understandings, different positions towards an object, a “content”, here: a historical account meet and recognize each other.

6 Use and abuse in History Teaching

This leads over to the last aspect: For didactics, use and abuse of history can also be discussed on the basis laid down above.

Any history teaching which only focuses on providing students with (at least parts of) the one story in a fashion where it is best unchanged, any teaching which conceals from learners the nature both of the specific history at hand (including those in the textbooks) and of history as such as a narrative construct, with strengths in orientating offer but also with limits, which conceals that these histories do not just represent the past, but have a function in today’s societies and that they need to be assessed, related to, analysed and scrutinised, amounts to ab-use.

History teaching not abusing history (or better: histories) then has to focus on the learners acquisition of the capacities, the competencies to recognize and accept their own responsibility and entitlement towards presented stories. Learners must not only learn to tell stories (in a proper way) but also to actively act as critical recipients. This is not only valid with a view to the individual’s human right of self-determination, but also with a focus on society and on history as such: Abuse can only work if recipients do not recognize and actively take their critical role.

History teaching which is about hindering ab-use, then, is about

  1. empowerment – about empowerment of the learners to acknowledge and assert their own entitlement

  2. It is about not just teaching “the history”, but also the narrative, constructive logic of history from the start,

  3. It is about actively addressing historical debates and history wars – but not creating the impression that these history debates and wars as such were abuse, but that maybe one side, more often some participants on all sides, have better and worse arguments, which may be abuse,

  4. it is about considering the role of history and of specific argumentations in such debates and history wars,

  5. it is not about avoiding to take sides and stands, but to make clear on what grounds they are taken – and about letting the learners to take their own stands (but of course not without proper argumentation).

It would be abuse to hinder learners to get insight into the function and role of history and histories in societal debates and to take their own reflected position.

Thank you.

1E.G. Schmid, Hans-Dieter (1979): Geschichtsunterricht in der DDR. Eine Einführung. Stuttgart (Anmerkungen und Argumente 25); Schmid, Hans-Dieter (1982): „Die Entwicklung des Geschichtsunterrichts in der SBZ/DDR.“ In: Bergmann, Klaus; Schneider, Gerhard (Hgg.; 1982): Gesellschaft – Staat – Geschichtsunterricht. Beiträge zu einer Geschichte der Geschichtsdidaktik und des Geschichtsunterrichts 1500-1980, Düsseldorf 1982, S. 313-348.

2Mätzing, Heike Christina (1999): Geschichte im Zeichen des historischen Materialismus. Untersuchungen zu Geschichtswissenschaft und Geschichtsunterricht in der DDR. Hannover (Schriftenreihe des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung, Bd. 96). Heike Mätzing is also Co-Editor (to Verena Radkau) of a bibliography on History Teaching in the GDR: Mätzing, heike Christina; Radkau, Verena (Eds.; 2000): Die DDR-Geschichtsdidaktik im Spiegel der Publikationen seit 1990. Eine Bibliographie. In: www.gei.de/docsS96.htm (Stand Dezember 2000).

3Demantowsky, Marko (2000): Das Geschichtsbewußtsein in der SBZ und DDR. Historisch-didaktisches Denken und sein geistiges Bezugsfeld unter besonderer Berücksichtigung der Sowjetpädagogik (1946-1973). Bibliographie und Bestandsverzeichnis. Berlin (Bestandsverzeichnisse zur Bildungsgeschichte, Bd. 9). Demantowsky, Marko (2003): Die Geschichtsmethodik in der SBZ und DDR – ihre konzeptuelle, institutionelle und personelle Konstituierung als akademische Disziplin 1945-1970. Idstein (Schriften zur Geschichtsdidaktik, Bd. 15);

4Handro, Saskia (2002): Geschichtsunterricht und historisch-politische Sozialisation in der SBZ und DDR (1945-1961). Eine Studie zur Region Sachsen-Anhalt. Weinheim/Basel (Schriften zur Geschichtsdidaktik; 13).

5Karlsson (2011), p. 132 citing Nietzsche, Friedrich (1983): „On the Uses and Disadvantages of History for Life.“ In: Nietzsche, Friedrich: Untimely Meditations. Cambridge: Cambridge, UP, pp. 57-124.

6Reference to the FUER project and the discussion about whether historical consciousness were not reflective by default or by definition (Pandel, Schönemann) in Germany? Support for Karlsson’s position.

7On this, see Körber, Andreas (2011): “German History Didactics: From Historical Consciousness to Historical Competencies – and beyond?” In: Historisch denken lernen. http://historischdenkenlernen.userblogs.uni-hamburg.de/2011/12/11/1348/, p. 13f.

8This aspect is of course not only relevant for history. In teaching contexts, it has been formulated with reference to social studies as the first aspect of the „Beutelsbacher Konsens“ – the „Überwältigungsverbot“.

9Oelkers? Girmes.

 

Der Sinnbegriff meiner Geschichtsdidaktik

Wenn in der Geschichtsdidaktik von “Sinn” gesprochen wird, dann zumeist in dem Sinne (!), dass damit das Spezifische einer historischen Orientierung bezeichnet werden soll, gegenüber anderen Orientierungen.

“Historischer Sinn” bezeichnet somit diejenige Kategorie, mit der Informationen über mehrere zeitlich verortete Ereignisse, Handlungen, Strukturen zu einem Zusammenhang verbunden werden können, der sie nicht nur als zufällige Ansammlung unverbundener Informationen, sondern als Teil eines “geordneten” Ganzen erscheinen lässt, mit dessen Hilfe auch die eigene Verortung “in Zeit” als Teil einer solchen Ordnung begriffen werden kann.

Von “Sinnbildung über Zeiterfahrung” bzw. von der “Arbeit des Geschichtsbewusstseins, sich in der Zeit zurechtzufinden” sprechen denn auch zwei populäre Formulierungen dessen, wobei es beim Geschichtsbewusstsein geht.

“Sinn” kann dabei durchaus mehrere Konnotationen entwickeln, wie auch die Vorstellung des Ursprungs solchen Sinns variiert:

  1. Sinn als Absicht und Richtung:
    1. Der Begriff “Sinn” unterstellt einen Zusammenhang zwischen den empirisch aufgefundenen Einzelheiten, der über das Faktische hinausgeht. Er konnotiert “Absicht”, die gewissermaßen “hinter” den Ereignissen, Intentionen, Handlungen, Strukturen steht.1
    2. Der Begriff kann auch (und enthält im Historischen Denken ggf. explizit) die Vorstellung einer Gerichtetheit (vgl. engl. “sense”2), d.h. einer Verlaufsrichtung der Ereignisse bzw. der durch sie markierten Veränderungen, wobei nicht unbedingt an eine lineare Gerichtetheit der Gesamtgeschichte gedacht werden muss, sondern auch Kreislaufmodelle Richtungen kennen können.
  2. Inhärenter vs. zu bildender Sinn: Unterschiedlich ist auch die Vorstellung, ob solcher Sinn
    1. in der Gesamtheit der Ereignisse, Fakten etc. “aufgesucht” werden muss, ob er als (von einer höheren Macht, der Geschichte selbst, der Natur) vorgegeben gedacht wird und der Historiker bzw. der Historisch Denkende diesen Sinn suchen muss, oder
    2. ob er durch den jeweils historisch Denkenden in der Auseinandersetzung mit solchen Informationen über Vergangenes und in Anwendung seiner anderweitig bzw. aus früheren Beschäftigungen mit Geschichte gewonnenen Konzepten “gebildet” wird.

    Beide Positionen sind dabei aufeinander verwiesen:

    1. Die konstruktivistische letztere Vorstellung kommt nicht ohne ein Mindestmaß einer Vorstellung aus, dass solcher zu bildender Sinn nicht beliebig sein darf, sondern zumindest ein Qualitätsmaß in der Empirie selbst findet;
    2. die faktizistische Position muss anerkennen, dass zumindest wegen der Lückenhaftigkeit der Überlieferung (Partialität) und der Unmöglichkeit, alles zu betrachten (Selektivität) sowie in Anerkennung unterschiedlicher Perspektiven, der jeweils “gefundene” Sinn immer auch “gebildet” worden ist.

    Der Unterschied beider Positionen besteht somit vornehmlich in den Vorstellungen von Wahrheit: Während die faktizistische Position letztlich davon ausgeht, dass Sinnbildung (wenn sie denn so bezeichnet wird) ihr ultimatives Maß im Vergleich mit dem tatsächlichen Sinn der Geschichte findet, geht die konstruktivistische Position zumindest davon aus, dass alle Formulierungen von Sinn (also auch die Versuche der Faktizisten, die unabhängige Instanz zu formulieren), gleichermaßen konstruiert sind. Ihr zufolge löst sich die Vorstellung einer Qualität von Sinnbildungen in ein mehrdimensionales Kriterium der “Triftigkeit” auf, bei dem Überlegungen der empirischen Stimmigkeit (“empirische Triftigkeit” nach Rüsen bzw. “Begründungsobjektivität” nach Hermann Lübbe), der normativen Passung (“normative Triftigkeit” bzw. “Konsensobjektivität”)3 und der “narrativen Triftigkeit” bzw. “Konstruktionsobjektivität” zusammengehen müssen.

Gemäß der in der Geschichtsdidaktik (wenn auch nicht in der Praxis) weit verbreiteten (gemäßigt) konstruktivistischen Vorstellung entsteht (in der Version nach RÜSEN) Sinn dadurch, dass zwei differente Zeitvorstellungen miteinander in Beziehung gebracht werden müssen, um leben zu können.

  1. Der Mensch ist als Wesen mit einem “Intentionalitätsüberschuss” ausgestattet, der es ihm ermöglicht, intentional (auch: hoffend, erwartend, befürchtend) die empirisch erfahrene Gegenwart zu übersteigen und sich die Welt anders vorzustellen als sie ist.
  2. In Bezug auf Zeit zeigt sich dieser Überschuss darin, dass die Zukunft als von der Gegenwart different erwartet (erhofft/geplant …) wird.
  3. In Kontrast zu dieser “Humanzeit” des eigenen Planens, Hoffens, Befürchtens und Wollens steht die von Rüsen so genannte “Naturzeit” der vom denkenden Individuum als von ihm selbst als nicht beeinflussbar wahrgenommenen Veränderungen in Zeit. Diese umfasst nicht nur “natürliche” (im Sinne von Nicht-menschliche), sondern auch solche Prozesse, die von anderen Menschen verursacht werden.
  4. Zwischen Human- und Naturzeit besteht ein ständiger Widerspruch, ein Spannungsfeld, weil niemals die eigenen Hoffnungen, Planungen etc. 100% eintreffen und die Zukunft nur der eigenen Humanzeitprojektion entspricht. Die Differenzen sind unterschiedlich stark, aber immer gegeben.
  5. Ohne ein Konzept, mit dem Human- und Naturzeit in einen gemeinsamen Zusammenhang gedacht (nicht: angeglichen werden) können, müsste der Mensch planungsunfähig werden.
  6. Dieses Konzept bedarf muss drei Bedingungen erfüllen:
    1. Es muss die Grundvorstellung enthalten, die Lösung der Differenz zwischen Human- und Naturzeit weder mit dem Modell einer völligen Determination der realen Zukunft durch irgendein Vergangenes oder Gegenwärtiges möglich ist (weil dies bedeuten würde, dass man selbst ebenso determiniert wäre und keinerlei Planungen, Hoffnungen, Handlungen mehr möglich wären);
    2. ebenso muss es die Möglichkeit ausschließen, dass Vergangenheit und Gegenwart völlig unverbunden wären, dass also die jeweils neue gegenwärtige Welt “from scratch” neu erschaffen worden wäre ohne dass auch nur irgendein Teil aus der Vergangenheit übernommen, fortgeschrieben, verändert worden wäre. Eine derart vollständig unbestimmte Zukunft müsste die Aporie unverändert gültig lassen;
    3. es muss also davon ausgehen, dass es einen Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Zukunft gibt, der gegeben ist, der aber Raum für eigene Handlungen belässt. Die Aufgabe des historischen Denkens besteht also in der “Bewältigung” der Kontingenz zwischen den ausgeschlossenen Extremen der völligen Determination und der völligen Unverbundenheit, die beide ein eigenes Handeln unmöglich und eine Orientierungsleistung auch unnötig machen würden.
  7. Das Konzept “historischer Sinnbildung” besagt nun, dass mit Hilfe einer Wendung zur Vergangenheit und der empirischen wie denkenden Verarbeitung vergangener Differenzerfahrungen zwischen Human- und Naturzeit und der (kontrollierten) Extrapolation der Ergebnisse in die Zukunft eine “Bändigung” der Differenzerfahrung möglich wird.
  8. “Historischer Sinn” ist also die empirisch und kategorial denkend hergestellte Vorstellung eines Zusammenhanges zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der in die Zukunft weiter reicht und der deshalb sowohl zur Identifikation des eigenen Standorts im “Strom der Zeit” wie auch zur Orientierung eigenen, in die Zukunft gerichteten Handelns befähigt.

1Hierzu passt, dass der Begriff des “Faktums”, der oftmals für die nackte Tatsächlichkeit eines Geschehens genommen wird, in der Geschichtstheorie des Historismus, etwa bei Leopold von Ranke gedacht ist als das Ergebnis einer “Tat Gottes”.

3Rüsen, Jörn (1997): “Objektivität.” In: Bergmann, Klaus u.a. (1997): Handbuch der Geschichtsdidaktik. Seelze-Velber: Kallmeyer.[custom_field limit=“1″ between=“, “ /]

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Vor Umstellung der Blogfarm lautete die URL dieses Beitrags http://koerber2005.erzwiss.uni-hamburg.de/wordpress-mu/historischdenkenlernen/2011/05/29/der-sinnbegriff-meiner-geschichtsdidaktik/

Neuer Aufsatz zur Theorie Interkulturellen Geschichtslernens

Körber, Andreas (2010): „Theoretische Dimensionen des Interkulturellen Geschichtslernens.“ In: Ventzke, Marcus; Mebus, Sylvia; Schreiber, Waltraud (Hgg.; 2010): Geschichte denken statt pauken in der Sekundarstufe II. 20 Jahre nach der friedlichen Revolution: Deutsche und europäische Perspektiven im gymnasialen Geschichtsunterricht. Radebeul: Sächsisches Bildungsinstitut; S. 25-48. Der Band ist hier über PeDOCS verfügbar: http://www.pedocs.de/frontdoor.php?source_opus=6540&la=de.

Liebe Kommiliton(inn)en,

nach einiger Verzögerung ist der folgende Band nun endlich auch physisch hier eingetroffen.

Ventzke, Marcus; Mebus, Sylvia; Schreiber, Waltraud (Hgg.; 2010): Geschichte denken statt pauken in der Sekundarstufe II. 20 Jahre nach der friedlichen Revolution: Deutsche und europpäische Perspektiven im gymnasialen Geschichtsunterricht. Radebeul: Sächsisches Bildungsinstitut.

Darin befindet sich mein Aufsatz

Körber, Andreas (2010): „Theoretische Dimensionen des Interkulturellen Geschichtslernens.“ S. 25-48,

in welchem ich versuche, das Konzept der historischen Sinnbildung aus der narrativistischen Geschichtsheorie auf das interkulturelle Denken zu übertragen und aus beidem eine neu fundierte Vorstellung interkultureller historischer Kompetenz zu entwickeln.

Rezension zu Kühberger/Sedmak: Ethik der Geschichtswissenschaft

Körber, Andreas (2010): “Rezension zu: Kühberger, Christoph/Sedmak, Clemens (2008): Ethik der Geschichtswissenschaft. Zur Einführung. Wien/Berlin: Turia + Kant.” In: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 9 (2010), S. 273-277.

Körber, Andreas (2010): “Rezension zu: Kühberger, Christoph/Sedmak, Clemens (2008): Ethik der Geschichtswissenschaft. Zur Einführung. Wien/Berlin: Turia + Kant.” In: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 9 (2010), S. 273-277.