Neue Publikation

ger­ade erschienen:
Kör­ber, Andreas (2019): Pre­sen­tism, alter­i­ty and his­tor­i­cal think­ing. In: His­tor­i­cal Encoun­ters. A Jour­nal of His­tor­i­cal Con­scious­ness, His­tor­i­cal Cul­tures, and His­to­ry Edu­ca­tion 6 (1), S. 110–116 http://hej.hermes-history.net/index.php/HEJ/article/download/113/104.

ger­ade erschienen:
Kör­ber, Andreas (2019): Pre­sen­tism, alter­i­ty and his­tor­i­cal think­ing. In: His­tor­i­cal Encoun­ters. A Jour­nal of His­tor­i­cal Con­scious­ness, His­tor­i­cal Cul­tures, and His­to­ry Edu­ca­tion 6 (1), S. 110–116. http://hej.hermes-history.net/index.php/HEJ/article/download/113/104.

Neues zum Mittelalterbegriff

In der let­zten Woche erschien in der FAZ (Online) ein Artikel des Mün­ster­an­er Islamwis­senschaftlers und Ara­bis­ten Thomas Bauer, in welchem er den Begriff des Mit­te­lal­ters kri­tisierte und zur Dis­po­si­tion stellte: Bauer, Thomas (23.8.2018): “Was den Blick ver­stellt. Der Ori­ent und das Mit­te­lal­ter.” In: Frank­furt All­ge­meine Zeitung (Online); 23.8.2018.

Bauer wen­det sich darin nicht allein gegen eine Anwen­dung des Begriffs “Mit­te­lal­ter” auf die islamis­che Welt, son­dern erk­lärt ihn auch für Europa für nicht nur unbrauch­bar, weil die mit ihm geset­zten “Epochen”-Grenzen1 schlecht begrün­det seien, insofern wesentliche für diese Abgren­zung herange­zo­gene Änderun­gen (1) deut­lich früher begonnen hät­ten, (2) zeitlich über die Ein­gren­zung hin­aus­re­icht­en, oder (3) die Lebenswirk­lichkeit nur weniger Men­schen betrafen. Die heute als “Mit­te­lal­ter” zusam­menge­fassten Jahrhun­derte seien vielmehr als eine “for­ma­tive Peri­ode”, als ein Über­gang zwis­chen der Antike und der Neuzeit zu ver­ste­hen — nicht ein­heitlich und abgeschlossen genug, um als eigen­er Abschnitt zu gel­ten.

Bauer geht damit über eine ältere Lin­ie der Kri­tik am Mit­te­lal­ter-Begriff deut­lich hin­aus, die u.a. die Kontin­genz der Abgren­zungskri­te­rien und die regionale Vari­abil­ität der zeitlichen Abgren­zun­gen umfasste, wie etwa — neben vie­len anderen Aspek­ten — bei Peter von Moos in seinem Beitrag von 1999 über die “Gefahren des Mit­te­lal­ter­be­griffs“2.
Anders als von Moos aber spricht sich Bauer nicht für eine fort­ge­set­zte Nutzung unter deut­lich­er Kennze­ich­nung des Kon­textes und der eige­nen Ver­wen­dung3, son­dern eigentlich für eine Über­win­dung und Auf­gabe des Mit­te­lal­ter­be­griffs aus. Der bei Öff­nung des o.a. Textes in einem Brows­er sicht­bare Fen­ster­ti­tel lautet denn auch: “Warum man sich vom Begriff ‘Mit­te­lal­ter’ ver­ab­schieden sollte.”
Damit greift er eine radikale Lin­ie auf, die auch schon Berhard Jussen 2016 in Geschichte in Wis­senschaft und Unter­richt4, und zuvor Hart­mut Boock­mann und Karl-Fer­di­nand Wern­er vor­ge­tra­gen hat­ten5.

Wie Jussen6 argu­men­tiert nun auch Bauer, dass der Begriff des Mit­te­lal­ters nicht nur sub­op­ti­mal und unein­deutig sei, son­dern “es ger­adezu ver­bi­ete[.], die Region in der Zeit zwis­chen dem Ende des Weströmis­chen Reichs 476 und dem Ersten Kreuz­zug 1096 noch als Ganzes in den Blick zu nehmen” (Bauer 2018). Und während Jussen abstrakt meint, es wäre am besten, “Forschung und Lehre” hörten “fürs erste schon mal damit auf, mit Makrokonzepten zu arbeit­en, deren Dekon­struk­tion ihnen längst selb­stver­ständlich ist.” Es sei “sehr ein­fach, die Worte “Mit­te­lal­ter” und “Neuzeit” durch besseres zu erset­zen“7, legt Bauer einen konkreten Vorschlag vor: “Damit ergäbe sich fol­gende Epochengliederung: Die romano-grae­co-iranis­che Antike geht um 250 nach Chris­tus in eine Spä­tan­tike über, die um 1050 großräu­mig in eine neue Epoche ein­tritt, welche wiederum bis etwa 1750 andauert“8.

Ein gewiss­er Wider­spruch oder zumin­d­est ein Span­nungsver­hält­nis ist in Bauers Konzept­ge­brauch erkennbar, insofern er ein­er­seits danach fragt, “wie sich die Geschichte […] sin­nvoll [!] in Peri­o­den ein­teilen” lässt, dass sie für die ganze Region Gel­tung haben”, Epochen also Konzepte anspricht, die ret­ro­spek­tiv von die Zeit­en und Wand­lun­gen betra­ch­t­en­den His­torik­ern unter Nutzung von Sinnkri­te­rien gebildet und ange­wandt wer­den, gle­ichzeit­ig aber aber dur­chaus von “ein­er tat­säch­lichen Epochen­gren­ze” spricht, die “in [!] vie­len Regio­nen wiederum um das elfte Jahrhun­dert herum zu suchen [!]” sei.

Nach eini­gen Über­legun­gen zu viablen Kri­te­rien und Begrün­dun­gen zur Abgren­zung des Mit­te­lal­ters an seinem Anfang und Ende ver­weist Bauer auf Jacques LeGoffs Kri­tik ins­beson­dere an dessen Abgren­zung zur “Neuzeit” und wird dann wieder grund­sät­zlich­er. Erst die Franzö­sis­che Rev­o­lu­tion (mit der Napoleonis­chen Zeit) sei von (zumin­d­est vie­len) Zeitgenossen selb­st als “epochaler Über­gang” wahrgenom­men wor­den: “Alle früheren Epochen­gren­zen sind nur Kon­struk­te von His­torik­ern.”

Damit kommt ein weit­eres Motiv ins Spiel, demzu­folge Epochen­gren­zen nicht ret­ro­spek­tiv (wed­er nach erst im Rück­blick erkennbaren “objek­tiv­en” Kri­te­rien noch nach sich aus der gegen­wär­ti­gen Fragestel­lung abgeleit­eten), son­dern aus der Wahrnehmung der Zeitgenossen her­aus definiert wer­den.

Epochen­gren­zen wer­den somit zwar nicht als in der Ver­gan­gen­heit selb­st, gewis­ser­maßen vom Gegen­stand vorgegeben, definiert, wohl aber wird gefordert, dass aus der Per­spek­tive der jew­eili­gen Zeit wahrgenom­men bzw. gedacht wer­den müssen. Das ist eine Vari­ante der his­toris­tis­chen Vorstel­lung, jede Zeit nur aus sich her­aus ver­ste­hen zu kön­nen bzw. zu sollen, und ste­ht somit neueren Konzepten his­torischen Denkens und his­torisch­er Forschung, spez­i­fisch ret­ro­spek­tiv zu sein, ent­ge­gen.

Die Kri­tik am Mit­te­lal­ter­be­griff muss aber wohl in min­destens zwei in kom­plex­er Weise aufeinan­der ver­wiesene Lin­ien unter­gliedert wer­den: 1) in eine eher “inhaltliche” Kri­tik, welche die Imp­lika­tio­nen der Rede von (bess­er: des Denkens in) solchem Begriff in den Mit­telpunkt stellt und alter­na­tive Epochengliederun­gen erar­beit­et und vorschlägt, die diese ablösen (oder vielle­icht auch ergänzen) sollen – wie hier.
Daneben bedarf es aber drin­gend auch ein­er all­ge­meineren Reflex­ion­sebene 2), für die die Kri­tik am Mit­te­lal­ter­be­griff oft schon als triv­ial ange­se­hen wird: An ihm (ger­ade auch stel­lvertre­tend für andere Epochen- und Struk­turbe­griffe) aufzuzeigen, dass solche Begriffe „kon­stru­iert“ sind, nur im Rück­blick über­haupt denkbar, insofern sie ret­ro­spek­tives Wis­sen benöti­gen („kein Men­sch des Mit­te­lal­ters wusste, dass er in einem ‚Mit­te­lal­ter‘ lebte“ etc.), ist mein­er Erfahrung nach nicht nur für schulis­chen Geschicht­sun­ter­richt, son­dern auch in der Uni­ver­sität immer wieder nötig, wer­den diese Konzepte doch nicht nur von Studieren­den, son­dern auch von amtlichen Vor­gaben als qua­si gegebene, unfragliche Gliederun­gen benutzt – so auch in den „Län­derge­mein­samen Anforderun­gen für die Lehrerbil­dung“ der KMK im Fach­pro­fil Geschichte (2008 bis 2017). Diese ver­lan­gen von den Lehramtsstudieren­den nicht nur ein­fach die Ver­fü­gung über „struk­turi­ertes his­torisches Grund­wis­sen aus allen his­torischen Epochen“ KMK 2017, S. 32; vgl. S. 33), son­dern lassen zudem jegliche Anforderung auf die Reflex­ion von Epochen­be­grif­f­en als diszi­plinäre Instru­men­tarien ver­mis­sen. Wed­er sollen Lehramtsstudierende also über die Kon­struk­tion solch­er Begriffe aus der Ret­ro­spek­tive, noch über ihre Deu­tungswirkung, Uni­for­mität nach Innen und Abgren­zung zu voraus­laufend­en und nach­fol­gen­den „Epochen“ zu erzeu­gen, nach­denken – aber offenkundig auch nicht über ihre „inhaltlichen“ Kon­se­quen­zen, wie sie hier (und bei Jussen) pos­tuliert wer­den.
Es wäre ger­ade keine Lösung, den Begriff des Mit­te­lal­ters abzuschaf­fen, ihn zu ver­mei­den, ihn aus den Lehrplä­nen gän­zlich zu stre­ichen, oder auch nur, seine Nutzung auf diejeni­gen Räume zu begren­zen, für die solche neg­a­tiv­en Wirkun­gen noch nicht vorge­bracht wären, und ihn durch bessere Begriffe und Peri­o­disierun­gen zu erset­zen.
Ger­ade weil uns und den Schü­lerin­nen und Schülern das Konzept in der Geschicht­skul­tur (und der Forschung) ständig begeg­net, darf es nicht aus dem Geschicht­sun­ter­richt ver­schwinden. ABER es muss seinen STATUS ändern. Es muss – ganz ähn­lich wie die Chronolo­gie selb­st – vom unfraglichen, weit­ge­hend unthe­ma­tisierten, impliziten Ord­nungsin­stru­men­tar­i­um zum expliziten Gegen­stand von Ler­nen und Reflex­ion wer­den. Nicht (nur) „Ken­nt­nisse in Mit­te­lal­ter­lich­er Geschichte“ gilt es zu ver­mit­teln, son­dern eine Ver­fü­gung über den Begriff, die Leis­tun­gen und Gren­zen (bzw. „Gefahren“; von Moos 1999) des Begriffs, seine Herkun­ft, und seine Pas­sung reflek­tiert.

  1. Der Begriff der epoché beze­ich­net eigentlich ja nicht den einge­hegten Zeitab­schnitt, son­dern den unterteilen­den Ein­schnitt []
  2. Moos, Peter von (1999): Gefahren des Mit­te­lal­ter­be­griffs. Diag­nos­tis­che und präven­tive Aspek­te. In: Joachim Hein­zle (Hg.): Mod­ernes Mit­te­lal­ter. Neue Bilder ein­er pop­ulären Epoche. 1. Aufl. Frank­furt am Main, Leipzig: Insel-Ver­lag (Insel-Taschen­buch, 2513 : Geschichte), S. 31–63. []
  3. von Moos, S. 58 []
  4. Jussen, Bern­hard (2016): Richtig denken im falschen Rah­men? Warum das ‘Mit­te­lal­ter’ nicht in den Lehrplan gehört. In: GWU 67 (9/10), S. 558–576. — man beachte den Unter­ti­tel! []
  5. Auch referiert bei Jussen 2016, 560 []
  6. Mit Rudolf Leon­hard: “Wer falsch spricht, denkt falsch.”; Jussen 2016, S. 576. []
  7. Jussen 2016, S. 576 []
  8. Bauer 2018 []

Geschützt: Geschichte spielen: Kontingenzverschiebungen

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On Historical Comparison

Andreas Kör­ber: On His­tor­i­cal Com­par­i­son — à pro­pos a dis­cus­sion on whether Trump equals Hitler.1

Com­par­ing is almost nev­er about “equalling”, but about dis­cern­ing sim­i­lar­i­ties and dif­fer­ences — and the end of com­par­ing is not whether the sim­i­lar­i­ties or the dif­fer­ences are stronger, result­ing in either/or — in this case: if the the dif­fer­ences out­num­ber the sim­i­lar­i­ties: be relieved, or in the oth­er case: pre­pare for what Hitler did. No, com­par­ing is not about whether two his­tor­i­cal inci­dents, com­plex­es etc. are “sim­i­lar” or “dif­fer­ent”, but about in what way they have sim­i­lar­i­ties, and in how far these can play out in the cir­cum­stances which is most cas­es changed con­sid­er­ably.

There is a lot of virtue in com­par­ing, but in his­to­ry the result nat­u­ral­ly is a nar­ra­tive con­struct, a sto­ry stat­ing “just like in those times … and again today”, “where­as back then … but now”, or “even though … is just like, … under these cir­cum­stances …” — or diffrent con­clu­sions of the kind.

Yes, I do see a lot of valid and dis­turb­ing sim­i­lar­i­ties here point­ed out by Evans and it real­ly helps — as do a lot of those com­par­isons apply­ing Han­nah Arendt’s con­cepts and cri­te­ria. Where I see a big dif­fer­ence at the moment is that Trump does not have a big, organ­ised, mass-organ­i­sa­tion at his hands. On the oth­er hand, Arendt’s char­ac­ter­i­za­tion of the mass­es might be out­dat­ed in times of inter­net etc.

In fact, if com­par­ing was about find­ing out whether his­tor­i­cal events and devel­op­ments are of the same kind, result­ing in either/or, that it would exclude al present agency. If any his­to­ri­an high­light­ed that there are a lot of sim­i­lar­i­ties between 1933 and 2017 and they out­num­bered the dif­fer­ences — would that mean that every­thing has to go as it went in 1933?

So let’s not get blind­ed by com­par­ing Hitler to Trump only. As Umber­to Eco wrote, “Ur-fas­cism” can “come back under the most inno­cent of dis­guis­es” — and in fact even if a com­par­i­son results in stat­ing that what emerges here was not “fas­cism”, it would not mean “all-clear” at all.

No, the pur­pose of his­to­ri­og­ra­phy and with­in it of com­par­a­tive approach­es is to find out about both the struc­tures and the options. One of the cen­tral cond­tions of his­tor­i­cal com­par­a­tive approach­es is that the com­par­ing mind has the “ben­e­fit” (as well as the bur­den) of hind­sight. In not being in 1933 again, in being able to con­struct some (more or less) plau­si­ble nar­ra­tives about how things devel­oped back then, in being able to apply log­ics not of deter­min­ist “cause and (nec­es­sary) effect”, but rather of log­ics of devel­op­ment, it not only keeps up the frame­work of agency, of pos­si­bil­i­ties of act­ing sim­i­lar­ly and/or dif­fer­ent­ly in sim­i­lar cir­cum­stances, but it sheds a light on the pos­si­ble out­comes of actions which were not yet dis­cernible in the pri­or case in the com­par­i­son.

So what is more valu­able in a com­par­i­son of this kind is not the sum­ming up, the final con­clu­sion of “iden­ti­cal”, “pret­ty close” (“alarm”) or “not so close” (relief!), but rather the dif­fer­ent aspects being com­pared, their indi­vid­ual rel­e­vance, their inter­act­ing — and the nar­ra­tive con­struc­tion which is applied. It is these aspects which we can (and must!) use for our ori­en­ta­tion, as to who are we in this sit­u­a­tion, what are the val­ues we are uphold­ing, what are the posi­tions, iden­ti­ties etc of the oth­er “agents”, and what can we learn about log­ics.

There are some very strik­ing struc­tur­al sim­i­lar­i­ties which should make every­body alert: The con­tempt for the courts, of the con­sti­tu­tion. Even if this was the only dif­fer­ence, it needs to be high­light­ed.

Under this per­spec­tive, I think that maybe it’s not so much about com­par­ing Hitler to Trump and whether either of them was or is crazy, but rather about learn­ing what it would mean to inter­pret them as crazy — would it help? In the case of Ger­many, it would deflect the focus from the respon­si­bil­i­ty of all the oth­ers, of those in the inner cir­cle and those going along (“bystanders” is a very prob­lem­at­ic con­cept). From this reflec­tion we can learn a lot more. — the ide­ol­o­gy of the inner cir­cle, etc. .…

  1. This text was ini­tial­ly a com­ment in a face­book dis­cus­sion ref­er­enc­ing Isaac Chotin­er: “Too Close for Com­fort” about Richard Evans com­par­ing Trump and Hitler. []

Konzeptfehler, Unkenntnis und unqualifizierte, abwertende Anwürfe

Aus ein­er Mail, die mich vor eini­gen Tagen erre­ichte:

“Sehr geehrter Herr Prof. Kör­ber,

ist Ihnen eigentlich klar, dass der (nicht immer unberechtigte) Zeitvertreib “Nazi-Jagd” aus­fall­en muss, wenn — wie Sie irriger­weise ver­muten — die “Ver­gan­gen­heit” gar nicht mehr rekon­stru­ier­bar ist?

Sowohl Ort­mey­er als auch de Lorent gehen ja — dur­chaus zu Recht — davon aus, dass es eine his­torische Wahrheit gibt, die sich erken­nen lässt und aus der dann Kon­se­quen­zen zu ziehen sind. Diesen Diskus­sio­nen entziehen Sie mit Ihrem naiv­en Sub­jek­tivis­mus den Boden — so wie Sie Trump und auch Fred Leuchter den Boden bere­it­en.

Let­zten Endes alles eine Frage fehlen­der Philoso­phieken­nt­nisse. Spöt­ter wür­den jet­zt sagen: “Stinkaffe muss ster­ben, damit Sie denken kön­nen.” Ich aber sage: “Sie müssten weg, damit Ort­mey­er und de Lorent stre­it­en kön­nen.”

Vielle­icht zeigt Ihnen all das, wie irra­tional und destruk­tiv dieser naive Dosen­sub­jek­tivis­mus nun ein­mal ist.”

Auf die bekan­nt-bemüht eigen­willige Bil­dung unschar­fer, belei­di­gen­der statt inhaltlich polemis­ch­er Begriffe (“Stinkaffe”, “Dosen­sub­jek­tivis­mus”) will ich gar nicht weit­er einge­hen. Eine Richtig­stel­lung lohnen jedoch ein paar andere Punk­te:

  1. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass so aus­gewiesene Kol­le­gen wie Ben­jamin Ort­mey­er und Peter deLorent sich von mein­er Exis­tenz, Anwe­sen­heit oder son­st irgend­wie am “stre­it­en” hin­dern lassen wür­den. Auch ist mir nicht bekan­nt, dass sich je ein­er von ihnen über etwas in dieser Hin­sicht beschw­ert hätte.
  2. Etwas ern­sthafter: “Nazi-Jagd” ist wed­er all­ge­mein noch für die bei­den Kol­le­gen (oder jew­eils einen von ihnen) ein “Zeitvertreib”, noch ist das was sie tun, näm­lich die kri­tis­che Auseinan­der­set­zung mit der his­torischen Dimen­sion der Diszi­plin, den bei der “Ent­naz­i­fizierung” unab­sichtlich oder oft auch absichtlich überse­henen, ver­tuscht­en etc. Belas­tun­gen von im Bil­dungswe­sen (oder son­st in der Öffentlichkeit) agieren­den Per­so­n­en, als “Zeitvertreib” zu diskred­i­tieren — da hil­ft auch die halb­herzige Klam­mer­notiz (“nicht immer unberechtigt”) nicht.
  3. Es ist offenkundig, dass Sie wed­er Ben­jamin Ort­mey­ers noch Peter deLorents Bestre­bun­gen ernst zu nehmen gewil­lt sind.
  4. Indem Sie aber fordern, dass ich “weg” müsste, damit sie weit­er machen kön­nen mit dem von ihnen verächtlich gemacht­en Tun, schwin­gen Sie sich selb­st zu einem Möchte­gern-total­itären Bes­tim­mer darüber auf, was sein darf, und was nicht. Auseinan­der­set­zung in der Sache ist das nicht.
  5. Ander­er­seits ist deut­lich, dass bei­des, die unqual­i­fizierten Schlussfol­gerun­gen ad per­son­am und die salop­pen Bezüge auf einen Stre­it (? — ist es nicht eher eine Kon­tro­verse?), an der ich gar nicht teilgenom­men habe, nur Anlass oder gar Vor­wand ist, um eine triv­ialob­jek­tivis­tis­che Posi­tion zu bekräfti­gen und von dieser aus jegliche kon­struk­tivis­tis­che Erken­nt­nis­the­o­rie des His­torischen zu diskred­i­tieren.
    Allein — der implizite Vor­wurf beruht auf fun­da­men­tal­en Missver­ständ­nis­sen der The­o­rie und falschen (oder nicht-)Lesungen: Dass ich der Auf­fas­sung wäre, die Ver­gan­gen­heit, sei “gar nicht mehr mehr rekon­stru­ier­bar” ist  falsch. Um das hier nicht zu ein­er neuer­lichen The­o­riedar­legung ausarten zu lassen, nur in Kürze:
    1. Nir­gends in meinen Tex­ten wird das Konzept ein­er Re-Kon­struk­tion der Ver­gan­gen­heit abgelehnt — das von mir mit erstellte FUER-Kom­pe­tenz­mod­ell His­torischen Denkens weist ja als ein­er der bei­den Grun­d­op­er­a­tio­nen dieses Denkens die “(Re-)Konstruktion” aus.
    2. Zunächst: Was Sie oben mit dem landläu­fi­gen und auch fach­lich genutzten Begriff “die Ver­gan­gen­heit” meinen, ist damit eigentlich schlecht beze­ich­net: es geht Ihnen um “die ver­gan­gene Wirk­lichkeit”. Der Ter­mi­nus “Ver­gan­gen­heit”  beze­ich­net ja recht eigentlich nur deren Eigen­schaft, ger­ade nicht mehr exis­tent zu sein und deswe­gen nicht unab­hängig von Re-Kon­struk­tion­sprozessen erkennbar.
    3. Was allerd­ings ein erken­nt­nis­the­o­retis­ch­er Irrtum ist, ist der Glaube, das Ergeb­nis von Re-Kon­struk­tion wäre “die Ver­gan­gen­heit” oder eben bess­er: die ver­gan­gene Wirk­lichkeit selb­st.
    4. Re-Kon­struk­tion ist immer
      • selek­tiv: Das gesamte Ver­gan­gene, — also das, was Sie mit “Ver­gan­gen­heit” beze­ich­nen — nützte uns nichts, selb­st wenn es keinen Ver­lust an Quellen gäbe. Es ori­en­tierte uns so schlecht wie eine Land­karte im Maßstab 1:1 — so Dan­to)
      • par­tiku­lar: wir inter­essieren uns für Auss­chnitte der Ver­gan­gen­heit­en. Uns für alles mehr als nur nominell zu inter­essieren, kann nur auf Ver­wirrung beruhen, die Ver­fol­gung entsprechen­der Inter­essen nur zu ihrer Fort­set­zung und/oder Steigerung führen.
      • per­spek­tivisch: Wie re-kon­stru­ieren unter ein­er bes­timmten Fragestel­lung, mit einem Inter­esse an Zusam­men­hän­gen, die den Zeitgenossen der betra­chteten Zeit­en nicht bekan­nt gewe­sen sein müssen, oft nicht ein­mal bekan­nt gewe­sen sein kon­nten, oft auch, weil sie erst mit Späterem einen “Zusam­men­hang” ergeben)
      • und somit fun­da­men­tal von den Inter­essen, Fra­gen, Konzepten, Werten usw. des His­torisch Denk­enden bee­in­flusst.

      Das Ergeb­nis der Re-Kon­struk­tion ist Geschichte, nicht Ver­gan­gen­heit (was auch insofern stimmt, dass die Geschichte eben nicht ver­gan­gen ist, ihr also die Qual­ität der “Ver­gan­gen­heit” gar nicht eignet — das geschieht erst später).

    5. Gle­ichzeit­ig gilt aber auch, dass solch­es Re-Kon­stru­ieren nicht ohne die Voraus­set­zung von tat­säch­lichem Ver­gan­genem funk­tion­iert, d.h. von der Voraus­set­zung der Tat­säch­lichkeit von Ge- und Begeben­heit­en in früheren Zeit­en, denen nun die Eigen­schaft des Ver­gan­gen-Seins eignet. Re-Kon­struk­tion von Geschichte unter­schei­det sich somit — ganz ähn­lich wie bei Aris­tote­les die His­to­rie von der Poet­ik — sie will näm­lich etwas aus­sagen, dessen Gel­tung und Ori­en­tierungs­fähigkeit kon­sti­tu­tiv davon abhän­gen, dass diese Aus­sagen nicht über etwas fik­tives, Beliebiges gemacht wer­den. Die Tat­säch­lichkeit des Ver­gan­ge­nes ist näm­lich unab­d­ing­bar­er Bestandteil unser­er zeitlichen Ori­en­tierungs­bedürfnisse, der Inter­essen und somit der Fra­gen. Wer his­torisch fragt, fragt nach Aus­sagen über ein Ver­gan­ge­nes, das eben nicht ein­fach aus­gedacht ist. Wer auf solche Bedürfnisse und Fra­gen antwortet (näm­lich re-kon­stru­iert his­torisch nar­ra­tiv) sagt somit etwas über tat­säch­lich­es Ver­gan­ge­nes aus. Hier ist das “über” von Bedeu­tung: Die Aus­sage selb­st ist in Form und Sinnbil­dung gegen­wär­tig — auch in ihrer Rezep­tion, aber sie bezieht sich auf etwas, dessen frühere Tat­säch­lichkeit voraus­ge­set­zt wird. Die his­torische Aus­sage, das Ergeb­nis der Re-Kon­struk­tion, ist somit nicht das Ver­gan­gene selb­st, son­dern — wenn sie belast­bar ist — eine gegen Ein­sprüche und Zweifel method­isch gesicherte Bezug­nahme auf das Ver­gan­gene, das selb­st nicht mehr gegen­wär­tig sein und nicht mehr “verge­gen­wär­tigt” wer­den kann.
      Die Kol­le­gen Ort­mey­er und deLorent inter­essieren sich für die NS-Ver­gan­gen­heit wirk­lich­er früheren Men­schen, nicht aus­gedachter Roman­fig­uren, weil das Wis­sen über dieses Ver­gan­gene und das “Nach­wirken” etwas darüber aus­sagt, in welchem “Geiste”, mit welchen Konzepten und Werten unsere Gesellschaft ent­standen ist und sich heute auseinan­der­set­zen muss.

      Das Re-Kon­stru­ieren ist eben etwas anderes als ein ein­fach­es “Wahrnehmen” des Ver­gan­genen, näm­lich im vollen Sinne ein kon­struk­tiv­er Prozess. Die Vor­silbe “re” drückt dabei eben nicht das Ziel der (illu­sorischen) voll­ständi­gen Wieder­her­stel­lung aus, son­dern die Gebun­den­heit der Kon­struk­tion durch ihren Fokus auf das Ver­gan­gene. Das ist auch der Grund, warum ich etwa Jörg van Nor­dens Plä­doy­er für die Beze­ich­nung der Oper­a­tion als “Kon­struk­tion” (ohne Vor­silbe) nicht teile. Er inter­pretiert das “re” als Hin­weis auf Wieder­her­stel­lungsab­sicht, die er (zu Recht) ablehnt. Ich sehe im Fehlen der Vor­silbe die Gefahr, die Bindung der Kon­struk­tion­sleis­tung an das Ziel der Erken­nt­nis über etwas Gewe­senes, aus dem Blick zu ver­lieren, und sie mit freier Kon­struk­tion (die nur anderen Zie­len dient) zu ver­men­gen.

    6. Die Bindung: Das ist dann auch der Grund, warum das Konzept der Re-Kon­struk­tion keineswegs Beliebigkeit bedeutet, also kri­te­rien­los wäre. Zu wider­sprechen ist aber die der Vorstel­lung, das Maß der Qual­ität ein­er Re-Kon­struk­tion sei (allein) deren Übere­in­stim­mung mit dem Ver­gan­genen. Re-Kon­struk­tion dient der Ori­en­tierung inner­halb eines gegen­wär­ti­gen (und erwarteten zukün­fti­gen) gesellschaftlichen Rah­men angesichts der Ver­gan­gen­heit. Es ist daher an mehrere Kri­te­rien zu binden. Das ist der Ort, wo etwas die “Triftigkeit­en” bzw. “Plau­si­bil­itäten” von Rüsen ins Spiel kom­men.
    7. Es geht beim Re-Kon­stru­ieren also dur­chaus um Erken­nt­nisse über die Ver­gan­gen­heit, aber eben wed­er um die Erken­nt­nis “des Ver­gan­genen” an sich 1 noch um Erken­nt­nisse über Ver­gan­ge­nes, die von jeglichem Ein­fluss später­er Per­spek­tiv­en, Werte, Konzepte etc. frei wären.

 

  1. “Ver­gan­gen­heit” kann man sehr wohl fest­stellen, näm­lich die Eigen­schaft von Zustän­den, ver­gan­gen zu sein und ger­ade nicht rekon­struk­tion­sun­ab­hängig erkan­nt wer­den zu kön­nen. []

Historische Sinnbildungsmuster: Ergänzende Dimensionierung

… und noch ein [noch unfer­tiger] Ver­such, die Sinnbil­dungsmuster bzw. ‑typen nach Rüsen und in der Weit­er­en­twick­lung von Bodo von Bor­ries (1988) und mir (Kör­ber 2013) weit­er zu dif­feren­zieren und zu nutzen. … auch dies­mal unfer­tig und unvoll­ständig — als Anstoß.

 

all­ge­mein kon­sta­tiv nor­ma­tiv appella­tiv
pos­i­tiv neg­a­tiv pos­i­tiv pos­i­tiv pos­i­tiv-neg­a­tiv neg­a­tiv pos­i­tiv neg­a­tiv
affir­ma­tives Kon­stanz-Erzählen1 ver­weist auf etwas als zeit­los gültig Behaup­tung ein­er fort­gel­tenden Gegeben­heit durch Ver­weis auf ihren zeit­losen Charak­ter. Etwas ist ein­fach gültig, weil auch keine Zeit denkbar ist, zu der es nicht gegolten hat. Es liegt gewis­ser­maßen “vor jedem Anfang”. Pro­fane Ewigkeits-Vorstel­lung
kri­tis­ches Kon­stanz-Erzählen Kri­tik an ein­er bes­timmten behaupteten Kon­stante, ohne Infragestel­lung solch­er Kon­stanz an sich. Behaup­tung ein­er fort­gel­tenden Gegeben­heit durch Ver­weis auf ihren zeit­losen Charak­ter. Etwas ist ein­fach gültig, weil auch keine Zeit denkbar ist, zu der es nicht gegolten hat. Es liegt gewis­ser­maßen “vor jedem Anfang”.
Kon­stanz-kri­tis­ches Erzählen Kri­tik an Sinnbil­dun­gen, die von zeit­losen Kon­stanzen aus­ge­hen. Kri­tik an Sinnbil­dun­gen mit dem Ver­weis darauf, dass Kon­stanzen über alle Zeit­en und ohne Anfang und Ende unplau­si­bel sind.
tra­di­tion­al ver­weist auf den Ursprung von etwas weit­er Gel­ten­dem Behaup­tung ein­er fort­gel­tenden Gegeben­heit durch Ver­weis auf ihren Ursprung (kon­sti­tu­ierende Begeben­heit) Behaup­tung eines fortbeste­hen­den Man­gels durch Ver­weis auf den Ver­lust (kon­sti­tu­ierende Begeben­heit) Beschwörung ein­er fort­ge­set­zen Gel­tung ein­er Gegeben­heit durch Ver­weis auf eine kon­sti­tu­ierende Begeben­heit Beschwörung der Über­wun­den­heit eines neg­a­tiv­en Zus­tandes durch Ver­weis auf dessen Über­win­dung Beschwörung eines fortbeste­hen­den Man­gels durch Ver­weis auf die Ver­lust-Gegeben­heit (Nos­taglie) Auf­forderung zur Wieder­hol­ung ein­er Hand­lung durch Ver­weis auf eine verpflich­t­ende Begeben­heit Auf­forderung zum Unter­lassen ein­er Hand­lung durch Ver­weis auf ein verpflich­t­en­des Beispiel eines solchen Verzichts
tra­di­tions-kri­tisch kri­tisiert einen spez­i­fis­chen Ursprung (nicht aber das Denken in weit­er gel­tenden Ursprün­gen) Dele­git­i­ma­tion des kon­sti­tu­ieren­den Charak­ters ein­er Begeben­heit für eine behauptete fort­ge­set­zte Gel­tung ein­er Gegeben­heit Dele­git­i­ma­tion des kon­sti­tu­ieren­den Charak­ters ein­er Begeben­heit für einen behaupteten fort­ge­set­zten Man­gel
tra­di­tion­al­itäts-kri­tisch kri­tisiert das Denken mit Bezug auf gel­tende Ursprünge
exem­plar­isch ver­weist auf eine überzeitlich gel­tende Regel­haftigkeit Behaup­tung ein­er zeitüber­greifend gülti­gen Regel­haftigkeit durch Ver­weis auf ein/mehre illustrierende(s) Beispiel(e)
exem­pel-kri­tisch kri­tisiert eine spez­i­fis­che behauptete überzeitliche Regel, nicht aber das Denken in überzeitlichen Regeln
exem­plari-zitäts-kri­tisch kri­tisiert das Denken in überzeitlichen Regeln
genetisch ver­weist auf eine (säku­lare) gerichtete Entwick­lung
genese-kri­tisch kri­tisiert eine bes­timmte behauptete säku­lare Entwick­lung, nicht abder das Denken in säk­lu­laren, gerichteten Entwick­lun­gen
genetik-kri­tisch kri­tisiert das Danken in säku­laren, gerichteten Entwick­lun­gen
  1. Bodo von Bor­ries’ (1988) Beze­ich­nung dieser Vor­for­men als “anthro­pol­o­gis­che” Kon­stante ist nicht zwin­gend. Es kann sich auch um Kon­stan­ten han­deln, die über das Men­schliche hin­aus­ge­hen — etwa die ‘ganze Natur’ betr­e­f­fen. Es han­delt sich gewis­ser­maßen um pro­fane Vorstel­lun­gen von “ewig”. Religiöse Ewigkeits-Vorstel­lun­gen kön­nten hier nur insofern sub­sum­iert wer­den, als sie nicht einen Schöp­fungsakt voraus­set­zen. Dieser wäre als tra­di­tion­al zu denken. []

Vortrag zu “Living History” und Historischem Lernen in Warschau

Kör­ber, Andreas: “Liv­ing His­to­ry – Place, Pur­pose or Top­ic of His­tor­i­cal Learn­ing?”. Talk at the Con­fer­ence “Step­ping Back in Time Liv­ing His­to­ry and Oth­er Per­for­ma­tive Approach­es to His­to­ry in Cen­tral and South-East­ern Europe.” Feb­ru­aary 23–24, 2017, Ger­man His­tor­i­cal Insti­tute War­saw .

Am 23. und 24.2. 2017 fand im Deutschen His­torischen  Insti­tut in Warschau eine inter­na­tionale Tagung statt zum The­ma  “Step­ping Back in Time Liv­ing His­to­ry and Oth­er Per­for­ma­tive Approach­es to His­to­ry in Cen­tral and South-East­ern Europe.” Ich habe dort einen Vor­trag zu Fra­gen des His­torischen Ler­nens in diesem Zusam­men­hang gehal­ten. Nach­trag 23.5.2017: Ein Tagungs­bericht find­et hier sich auf H‑SOZ-KULT.

Geschichte — Kompetenzen und/oder Fakten? Zu einigen aktuellen Zeitungsartikeln und zur Frage der Chronologie

Kör­ber, Andreas (2016): Geschichte – Kom­pe­ten­zen und/oder Fak­ten? Zu eini­gen aktuellen Zeitungsar­tikeln und zur Frage der Chronolo­gie. In: His­torisch denken ler­nen [Blog des AB Geschichts­di­dak­tik; Uni­ver­sität Ham­burg], 06.09.2016. Online ver­füg­bar unter https://historischdenkenlernen.userblogs.uni-hamburg.de/geschichte-kompetenzen-undoder-fakten-zu-einigen-aktuellen-zeitungsartikeln/.

In den let­zten Wochen und Monat­en the­ma­tisierten – wie zuvor auch schon – anlässlich von Nov­el­lierun­gen der Lehrpläne für das Fach Geschichte in eini­gen deutschen Bun­deslän­dern, Artikel in ver­schiede­nen über­re­gionalen Tages- und Wochen­zeitun­gen einen fach­di­dak­tis­chen wie poli­tis­chen Stre­it über Funk­tion, Ziel und Prag­matik dieses Fach­es. Ein wesentlich­er Stre­it­punkt in dieser Debat­te ist der Stel­len­wert von „Fak­ten“ im Geschicht­sun­ter­richt. Damit erweist sie sich als die Fort­set­zung eines Dauer­bren­ners, der in vielfach­er Form geführt wird, wobei sich als Grundlin­ie her­ausar­beit­en lässt, dass die Ver­fechter eines „fak­tenori­en­tierten“ Unter­richts jew­eils gegen unter­schiedliche mod­erne Konzep­tio­nen und Inno­va­tio­nen des Geschicht­sun­ter­richts ste­hen. Ihre Argu­mente bleiben dabei weit­ge­hend kon­stant (und unplau­si­bel).

Die gegen­wär­tige Runde der Debat­te wie sie hier aufge­grif­f­en wird, soll auf Seit­en der „Fakten“-Verfechter anhand von drei Pro­tag­o­nis­ten dargestellt wer­den, näm­lich einem Jour­nal­is­ten (Thomas Vitzthum, Poli­tikredak­teur bei DIE WELT), einem Lehrerver­bands­funk­tionär (Hans-Peter Mei­dinger, Bun­desvor­sitzen­der des Philolo­gen­ver­ban­des) und einem His­torik­er und Geschichts­di­dak­tik­er (Thomas Sand­küh­ler von der Hum­boldt-Uni­ver­sität Berlin). Der Zusam­men­hang stellt sich zum einen dadurch her, dass Vitzthum in zwei Artikeln des let­zten Jahres1 (neben anderen wie etwa Klaus Schroed­er) sowohl Sand­küh­ler als auch Mei­dinger als Gewährsleute sein­er Kri­tik an ver­meintlich neg­a­tiv­en Entwick­lun­gen in Bezug auf den Geschicht­sun­ter­richt zitiert, zum anderen dadurch, dass Sand­küh­ler selb­st in einem „Gast­beitrag“ in DIE ZEIT kri­tisch auf einen Artikel repliziert hat, welch­er in Ablehnung der „Fakten“-Orientierung die im neuen Lehrplan von Sach­sen-Anhalt geplanten Änderun­gen des Geschicht­sun­ter­richts vorstellt und dabei sowohl einen der Mitau­toren (Dirck Hei­necke) wie auch Sand­küh­lers Berlin­er Kol­le­gen (von der Freien Uni­ver­sität) Mar­tin Lücke zu Wort kom­men lässt.2

Was ist dran an diesen Kri­tiken – und was ist von ihnen zu hal­ten?

Sandkühlers Kritik an Louisa Reichstetters Artikel

Begin­nen wir mit Sand­küh­lers Kri­tik am ZEIT-Artikel von Louisa Reich­stet­ter: Louisa Reich­stet­ter berichtet in ihrem streck­en­weise iro­nisch-salopp geschriebe­nen Artikel über die Reformbe­stre­bun­gen in Sach­sen-Anhalt zunächst über eine Unter­richtsstunde. Da ver­set­zen sich Schü­lerin­nen und Schüler in die Rolle his­torisch­er Akteure (Rosa Lux­em­burg und Philipp Schei­de­mann) in einem allerd­ings fik­tion­al aktu­al­isierten Set­ting, näm­lich ein­er Talk­show mit Pub­likums­be­fra­gung. Wer sich Geschicht­sun­ter­richt nur als Aktu­al­isierung (auch im Detail) ver­bürgter Ereignisse vorstellen kann, dem dürfte dieses Insze­nierung in der Tat wie eine Bedro­hung vorkom­men. Ver­ste­ht man Unter­richt aber (auch) als Raum, in welchem Her­aus­forderun­gen eige­nen Denkens insze­niert wer­den, in welchem Schü­lerin­nen und Schüler nicht nur wiedergeben oder (ggf. per­spek­tivisch) vari­ieren, was sie aus Quellen und möglichst „neu­tralen“ Darstel­lun­gen (dazu s.u.) über­nom­men haben, son­dern in welchen sie selb­st denken, inter­pretieren und urteilen müssen, der wird solchen Arrange­ments deut­lich pos­i­tiv­er gegenüber ste­hen.

Allerd­ings beruht Sand­küh­lers Kri­tik am Artikel Reich­stet­ters auf dur­chaus frag­würdi­ger Lek­türe und Zitier­weise. Er schreibt etwa gle­ich im drit­ten Absatz:

„‘Ein­füh­lung‘ in Epochen, lesen wir, sei solchem ‚Fak­ten­wis­sen‘ vorzuziehen. ‚Ein­füh­lung‘ ist jedoch eine Kun­st aus der Mot­tenkiste des 19. Jahrhun­derts, als die Vertreter des His­toris­mus mein­ten, die Dif­ferenz zwis­chen Gestern und Heute durch ebendiese Eigen­schaft über­winden zu kön­nen.“3

Bei let­zterem ist Sand­küh­ler dur­chaus und unumwun­den zuzus­tim­men. „Ein­füh­lung“ in Epochen ist Unsinn. Nicht nur, dass erstens die his­toris­tis­che Meth­ode der Ein­füh­lung aus heutiger erken­nt­nis­the­o­retis­ch­er Sicht nicht halt­bar ist, zweit­ens selb­st Leopold von Ranke als der wohl bekan­nteste Advokat des Ideals, sich selb­st gle­ich­sam auszulöschen, die Unmöglichkeit dieses Unter­fan­gens (das gle­ich­wohl sein Ide­al blieb) ein­sah, bezog sie immer auf Per­so­n­en, nicht aber auf Abstrak­ta wie Insti­tu­tio­nen und Epochen, denn die zugrun­deliegende Ver­ste­henslehre pos­tuliert die Gle­ich­heit men­schlichen Füh­lens und Wol­lens über die Zeit­en hin­weg : Jeglich­er Ver­such der „Ein­füh­lung“ set­zte die inten­sive Auseinan­der­set­zung mit den Lebens- und Lei­dens­be­din­gun­gen sowie mehr noch den ihnen zuge­höri­gen Äußerun­gen in Form von Doku­menten voraus (was Droy­sen später als „forschend zu ver­ste­hen“ umschrieb). Die aber ist ger­ade in einem Geschicht­sun­ter­richt auf der Basis möglichst objek­tiv­er, gek­lärter Infor­ma­tio­nen nicht möglich. Ein­füh­lung (in wen oder was auch immer) auf der Basis von 1 ½ Seit­en Darstel­lung­s­text und drei bis vier Quel­lenauszü­gen in gegen­wär­tiger Sprache wäre auch bei Gel­tung der his­toris­tis­chen The­o­rie Unsinn. Das aber ist gar nicht das Prob­lem. Es beste­ht vielmehr darin, dass eine Ein­füh­lung in Epochen im Text von Reich­stet­ter gar nicht gefordert oder über eine entsprechende Forderung berichtet wird. Eine For­mulierung dieser Art find­et sich lediglich (in der gedruck­ten Fas­sung) links neben der beglei­t­en­den Illus­tra­tion in Form der Frage „Muss man in Geschichte Fak­ten wis­sen? Oder geht es darum, sich in Epochen einzufühlen?“4 und wird im Text wed­er zus­tim­mend noch ablehnend, ja nicht ein­mal erwä­gend aufge­grif­f­en. Es scheint sich um eine eher pro­voka­tiv gemeinte redak­tionelle Auflockerung zu han­deln.

Im Text wer­den als inno­v­a­tive Ansätze vielmehr dur­chaus anspruchsvolle Vorstel­lun­gen von Zie­len his­torischen Ler­nens zitiert und (über­wiegend) mit dem Konzept der „Kom­pe­ten­zen“ ver­bun­den. Das umfasst in der gegen­wär­ti­gen plu­ralen Mei­n­ungs- und Aushand­lungs­ge­sellschaft drin­gend Benötigtes. Geschicht­sun­ter­richt soll dem­nach

„in Jugendlichen vor allem ein kri­tis­ches Geschichts­be­wusst­sein weck­en, ihnen einen Sinn ver­mit­teln für die Inter­pre­ta­tion von Zeit­en und Fak­ten, für das Poli­tis­che, für Iden­titäten und Gerechtigkeit. Im besten Falle entwick­eln Schüler dann die Fähigkeit, nicht nur selb­st zu for­mulieren und zusam­men­z­u­fassen, son­dern beste­hende Nar­ra­tive und ver­meintliche Fak­ten zu hin­ter­fra­gen. Im allerbesten Falle wer­den aus ihnen auf diese Weise kri­tis­che Köpfe, die die Ursachen der kom­plex­en poli­tis­chen Sachver­halte ihrer Gegen­wart disku­tieren und sich nicht von bil­li­gen Parolen begeis­tern lassen. So gese­hen ist Geschichte eines der wichtig­sten Fäch­er im Kanon über­haupt. “

Soweit Sand­küh­lers Kri­tik sich also nicht auf die dur­chaus prob­lema­tis­chen Ten­den­zen der Verkürzung des zu the­ma­tisieren­den Zei­tho­r­i­zontes bezieht, die im Artikel auch als Mei­dingers Kri­tikpunk­te zitiert wer­den (wenn auch keineswegs zus­tim­mend), fehlt ihr die Grund­lage. Bleibt allerd­ings der zweite Punkt, der Stel­len­wert von „Fak­ten­wis­sen“.

So kri­tisiert Sand­küh­ler an der von Reich­stet­ter geschilderten Szene, die Schü­lerin­nen und Schüler bräucht­en zuvor erwor­benes Wis­sen, um Lux­em­burg und Schei­de­mann darstellen zu kön­nen. Woher er allerd­ings die Infor­ma­tion nimmt, dass die Schü­lerin­nen und Schüler in der geschilderten Szene dies nicht zuvor getan haben, bleibt sein Geheim­nis. Immer­hin ist von „Papieren“ die Rede, von denen die Darstel­len­den ihren „Text“ able­sen. Die Darstel­lung ist ja offenkundig (soweit aus der äußerst kurzen Schilderung abzule­sen) auch gar nicht das Zen­trum der Stunde. Ob Lux­em­burg und Schei­de­mann über­haupt in ein­er solchen Kon­stel­la­tion hät­ten disku­tieren kön­nen, wo doch der eine „am 9. Novem­ber 1918 die Repub­lik aus­rief“ die andere „am 15. Jan­u­ar 1919 ermordet wurde“, wie ihm wichtig erscheint; ist für die Stunde wohl eher zweitrangig. Es geht dem Lehrer um die Erar­beitung der unter­schiedlichen zeit­genös­sis­chen Vorstel­lun­gen von Repub­lik, welche ins­beson­dere die anderen Mit­glieder der Klassen aus den gespiel­ten Argu­men­ta­tio­nen her­ausar­beit­en sollen. Inwiefern dies den „his­torischen Per­so­n­en“ weniger „gerecht“ wer­den kann als etwa eine qua­si objek­tive Darstel­lung dieser poli­tis­chen Vorstel­lun­gen in einem trock­e­nen Autorentext in einem Schul­buch, ist doch dur­chaus fraglich.

Es geht aber wohl weniger um aktive, tätige und ein­fach rezip­ierende Schü­lerin­nen und Schüler als um die Ziele und Gelin­gens­be­din­gun­gen his­torisch­er Bil­dung und his­torischen Ler­nens. Was also ist der Kern von Geschicht­sun­ter­richt? Die Ver- oder bess­er Über­mit­tlung eines fest­ste­hen­den, als „gek­lärt“ gel­tenden Kanons an Wis­sen und Deu­tun­gen – oder die Befähi­gung zu eigen­em kri­tis­chen Denken?5

Vitzthum, Meidinger, Sandkühler und die „Fakten“

Grundlin­ie der Argu­men­ta­tio­nen Vitzthums, Mei­dingers und Sand­küh­lers in allen hier betra­chteten Artikeln ist die Beto­nung der Bedeu­tung im Geschicht­sun­ter­richt zu ver­mit­tel­nder „Fak­ten“ und des chro­nol­o­gis­chen Auf­baus des Geschicht­sun­ter­richts ander­er­seits.

Begonnen sei mit dem jüng­sten der vier aus­gewählten Artikel, in welchem Vitzthum gegen den neuen Geschicht­slehrplan von Sach­sen-Anhalt und das dort fokussierte Konzept „nar­ra­tiv­er Kom­pe­tenz“ polemisiert. Kern der Polemik ist die von Vitzthum zitierte Kom­pe­ten­zde­f­i­n­i­tion, die Schü­lerin­nen und Schüler sollen „auf der Grund­lage der Aus­sagen von Zeitzeu­gen eine biographis­che oder the­ma­tis­che Darstel­lung ver­fassen“ sowie „auf der Grund­lage der Aus­sagen von Zeitzeu­gen die Per­spek­tiv­ität auf den Prozess der Vere­ini­gung bei­der deutsch­er Staat­en her­ausar­beit­en“ kön­nen.6

Bevor seine Diag­nose, darin komme ein „Mis­strauen gegenüber ein­er all­ge­me­ingülti­gen his­torischen Erzäh­lung“ zum Aus­druck analysiert wer­den soll und die fol­gende Ent­ge­genset­zung von Kom­pe­ten­zen und Wis­sen und der Kri­tik, let­ztere seien wichtiger als Wis­sen, sei die konkrete Kom­men­tierung der bei­den Zitate genauer betra­chtet. Vitzthum schreibt:

„Klingt nach Kul­tus­bürokra­ten­deutsch, ist aber gle­ich­wohl auf­schlussre­ich. Offen­sichtlich hat man sich in Sach­sen-Anhalt entsch­ieden, das für die Lebenswelt der Jugendlichen noch immer zen­trale Ereig­nis der Wiedervere­ini­gung vornehm­lich durch die Erzäh­lun­gen jen­er zu beleucht­en, die es erlebt haben.

Klar, eine solche Herange­hensweise hat etwas für sich. Sie wirkt authen­tisch, lebendig, unmit­tel­bar. Aber sie ist auch in höch­stem Maße sub­jek­tiv, gefärbt durch rein per­sön­liche Erfahrun­gen. Zudem sind Zeitzeu­gen oft nicht diejeni­gen, die Geschichte gemacht, son­dern jene, die sie erlebt haben oder gar erleben mussten.“

Hier­an ist (min­destens) zweier­lei zu bemerken. Da ist zunächst der let­zte Satz, der die Valid­ität der Zeitzeu­gen­erzäh­lun­gen als Infor­ma­tion­squelle für die Schü­lerin­nen und Schüler in Zweifel zieht, weil diese „in höch­stem Maße sub­jek­tiv“ seien, „gefärbt durch rein per­sön­liche Erfahrun­gen“. Dass diese Eigen­schaften keineswegs nur Zeitzeu­gen­erzäh­lun­gen zuerkan­nt wer­den müssen, son­dern einem Großteil auch von tra­di­tionellen schriftlichen Quellen, etwa Briefen, Tage­buchaufze­ich­nun­gen usw., ist nur das eine. Offenkundig will Vitzthum diese aber auch gar nicht den Quellen gegenüber stellen, son­dern den Darstel­lun­gen, die somit im Umkehrschluss als „objek­tiv“ und nicht gefärbt aus­gegeben wer­den. Dass auch dies nur in begren­ztem Maße zutrifft, dass vielmehr Per­spek­tiv­ität und Deu­tungscharak­ter auch diesen zukommt, ist eine Ein­sicht, die Schü­lerin­nen und Schüler gar nicht früh genug gewin­nen kön­nen. Die Geschichts­di­dak­tik hat daraus auch schon vor langer Zeit die Forderung abgeleit­et, nicht nur mit Blick auf die Quellen, son­dern auch die Darstel­lun­gen habe das Prinzip der Mul­ti­per­spek­tiv­ität zu gel­ten, das in Bezug auf let­ztere als „Kon­tro­ver­sität“ beze­ich­net wird. Bei­de, die Forderung nach der Nutzung von Quellen aus mehreren rel­e­vant am jew­eils dama­li­gen Geschehen beteiligten oder sich auf es beziehen­den, wie auch nach ihrer Beleuch­tung nicht nur aus ein­er, son­dern mehreren zurück­blick­enden Per­spek­tiv­en, ist dabei die Kon­se­quenz aus der Ein­sicht, dass eine „objek­tive“, nicht in irgen­dein­er Weise gefärbte „pure“ Präsen­ta­tion gar nicht denkbar ist, sowie (und das ist fast noch wichtiger), dass Schü­lerin­nen und Schüler ler­nen müssen, die Unter­schiedlichkeit von Sichtweisen auf Ver­gan­gen­heit und Geschichte, die ihnen zugrun­deliegen­den Per­spek­tiv­en, die Bedeu­tung der­sel­ben für Inter­pre­ta­tio­nen und Wer­tun­gen zu erken­nen und damit umzuge­hen. Ein Unter­richt, der Per­spek­tiv­ität leugnet, sie hin­ter „objek­tiv­er“ Darstel­lung zu ver­steck­en sucht, ver­hin­dert ger­adezu die Entwick­lung der Befähi­gung zu ver­ant­wortlichem und (quellen- wie darstellungs-)kritischem his­torischem Denken.

Es kommt aber noch mehr dazu. Vitzthums Wieder­gabe der Ziele ist nicht wirk­lich redlich und erweist sich selb­st als eben­so per­spek­tivisch, inter­es­sen­geleit­et. Im Lehrplan wird näm­lich keineswegs gefordert, dass die Schü­lerin­nen und Schüler allein „auf der Grund­lage der Aus­sagen von Zeitzeu­gen eine biographis­che oder the­ma­tis­che Darstel­lung ver­fassen“. Diese Kom­pe­ten­z­for­mulierung ste­ht vielmehr im engen Zusam­men­hang mit der­jeni­gen, „auf der Grund­lage der Aus­sagen von Zeitzeu­gen die sub­jek­tive Sicht auf den Prozess der Vere­ini­gung bei­der deutsch­er Staat­en her­ausar­beit­en“ und auch (über die Zeitzeu­gen­the­ma­tisierung hin­aus­führend) „die aktuelle öffentliche Wider­spiegelung der deutsch-deutschen Geschichte unter­suchen und prob­lema­tisieren (z. B. öffentliche Debat­te, Muse­um)“ zu kön­nen.7

Hier wird deut­lich, dass der Lehrplan die Zeitzeu­gen­erzäh­lun­gen ger­ade nicht als die alleinige und zen­trale Infor­ma­tions- und Deu­tungsquelle vorse­hen, der die Schü­lerin­nen und Schüler qua­si aus­geliefert wären, son­dern sie eben­so als Gegen­stand der Analyse und Reflex­ion vorschreiben. Ob diese schiefe Darstel­lung daran liegt, dass Vitzthum sich (aus eigen­er Erfahrung?) einen Geschicht­sun­ter­richt nicht vorstellen kann oder will, in welchem die Schü­lerin­nen und Schüler den ihnen präsen­tierten Mate­ri­alien gegenüber nicht nur eine rezip­ierende Hal­tung ein­nehmen, son­dern ler­nen (und sich trauen), diese auch auf ihre jew­eili­gen Perspektive(n) und die darin zum Aus­druck kom­menden Inter­essen, Deu­tun­gen und Wer­tun­gen her­auszuar­beit­en (ohne sie damit notwendi­ger­weise zu dele­git­imieren), wird nicht deut­lich – wohl aber, dass der Lehrplan deut­lich stärk­er zur Befähi­gung der Schü­lerin­nen und Schüler zum eigen­ständi­gen Denken anleit­et – Kom­pe­ten­zori­en­tierung eben. Dieser gegenüber aber kommt in Vitzthums Text ein „all­ge­meines Mis­strauen“ zum Aus­druck, vor allem darin, dass er sich his­torisches Denken und Geschichts­be­wusst­sein nicht als gle­ich­w­er­tige Dimen­sion his­torischen Ler­nens begreifen kann oder will, son­dern als ver­meintlich fest­ste­hen­dem Wis­sen unterzuord­nen.

Damit ste­ht er nicht allein, wie in seinem abschließen­den Zitat aus der Rep­lik Thomas Sand­küh­lers auf Reich­stet­ter deut­lich wird:

„Der Berlin­er Geschichts­di­dak­tik­er Thomas Sand­küh­ler vertei­digt in der ‚Zeit‘ das Fak­ten­wis­sen. ‚Ohne Inhalte kann man aber keine Kom­pe­ten­zen erwer­ben‘, schreibt er. Er sieht die Gefahr, dass die Refor­men genau das nicht bewirken, was sie ver­sprechen: Mehr Men­schen mit Geschichts­be­wusst­sein her­vorzubrin­gen. ‚His­torische Bil­dung wird immer mehr zum Priv­i­leg gebilde­ter Schicht­en, die ihren eige­nen Werte­him­mel repro­duzieren.‘“

Über den let­zteren Gedanken, dass die Ori­en­tierung von Geschicht­sun­ter­richt bes­timmte „Schicht­en“ der Bevölkerung priv­i­legiert, lässt sich tat­säch­lich pro­duk­tiv nach­denken. Ob allerd­ings die Vor­gabe eines Kanons von „Wis­sen“, der aus ein­er bürg­er­lichen Per­spek­tive tra­di­tion­al fort­geschrieben wurde und als „objek­tiv“ gilt, nicht eben diesen Effekt haben muss, näm­lich die Per­spek­tiv­en, die Inter­essen, die Fra­gen und Deu­tun­gen viel­er Schü­lerin­nen und Schüler, die nicht bere­its einen solchen Hin­ter­grund haben (und vielle­icht auch ihre) sowie die von ihnen aus ihren sozialen und kul­turellen (und weit­eren) Bezugsrah­men mit­ge­bracht­en und auch in ihnen wichti­gen Per­spek­tiv­en auszublenden, ger­ingzuacht­en und sie auf andere Weise zu benachteili­gen, muss eben­so gefragt wer­den. Das Fol­gende kann und soll diese Frage nicht klären, wohl aber dazu beitra­gen:

Fakten, Wissen und Kompetenzen: Eine Frage der Hierarchie?

Zur Frage der „Fak­ten“. Mei­dinger und Sand­küh­ler beto­nen, dass Schü­lerin­nen und Schüler solche „ver­mit­telt“ bekom­men müssten, weil ihnen son­st eine Grun­dori­en­tierung eben­so fehlte wie die Grund­lage für eigene his­torische Den­kleis­tun­gen. Hierzu ist zu bemerken, dass die über­wiegende Zahl der His­torik­er wie auch ins­beson­dere die Geschicht­s­the­o­rie inzwis­chen sehr deut­lich her­aus­gear­beit­et hat und akzep­tiert, dass es „Fak­ten“ im Sinne unab­hängiger Aus­sagen in der Diszi­plin Geschichte nicht geben kann. Dies basiert auf der grundle­gen­den Ein­sicht, dass zwis­chen der „Ver­gan­gen­heit“ als der grundle­gen­den Ein­gen­schaft aller gewe­se­nen Ge- und Begeben­heit­en und im Über­tra­ge­nen Sinne auch ihrer Gesamtheit ein­er­seits und „Geschichte“ ander­seits als der­jeni­gen Form zu unter­schei­den ist, in welch­er in jed­er Gegen­wart auf Ver­gan­ge­nes und Ver­gan­gen­heit Bezug genom­men wer­den kann, wobei let­ztere immer (unter anderem) selek­tiv, par­tiku­lar und vor allem sprach­lich kon­stru­iert ist. Was immer über Ver­gan­ge­nes aus­ge­sagt wer­den kann, ist zutief­st geprägt von heuti­gen Denkweisen und Begrif­f­en sowie vom Wis­sen um die späteren Entwick­lun­gen. Selb­st dort, wo His­torik­er im Sinne der Ethik des deutschen His­toris­mus (der geschichtswis­senschaftlichen Erken­nt­nis­the­o­rie und Schule des späten 19. und frühen 20. Jahrhun­derts) ver­suchen, diese ihre eige­nen Prä­gun­gen abzule­gen und das Ver­gan­gene „aus sich her­aus“ zu ver­ste­hen, kön­nen sie diese Per­spek­tive nicht able­gen, die im Übri­gen nicht nur eine zeitlich-ret­ro­spek­tive ist, son­dern auch soziale, kul­turelle, poli­tis­che und andere Ele­mente enthält. Die Vorstel­lung unab­hängiger, gesichert­er „Fak­ten“ als Gegen­stand des Geschicht­sun­ter­richts verken­nt somit, dass alle For­mulierun­gen solch­er Fak­ten jew­eils bes­timmten Per­spek­tiv­en, Erken­nt­nis­in­ter­essen und Wertesys­te­men und aus ihnen her­aus for­mulierten Erken­nt­nis­in­ter­essen sind.8

Diese Ein­sicht erfordert als Kon­se­quenz keineswegs – wie zuweilen anderen didak­tis­chen Konzepten vorge­wor­fen – eine Ver­nach­läs­si­gung von Wis­sen und Ken­nt­nis­sen, wohl aber das Prinzip, Wis­sen und Erken­nt­nisse nur so zu ver­mit­teln, dass ihre Per­spek­tiv­ität, ihre Zeit­ge­bun­den­heit und damit auch ihr erken­nt­nis­the­o­retis­ch­er Sta­tus nicht verdeckt wer­den. Das aber geschieht, wenn die Ver­mit­tlung und Ken­nt­nis von „Fak­ten“ als Voraus­set­zung und Grund­lage gefordert wird und diejenige der fach­spez­i­fis­chen Meth­o­d­en sowie Oper­a­tio­nen des gegen­warts­be­zo­ge­nen Ori­en­tierens ihn unter- oder nach­ge­ord­net wer­den. Alle Pos­tu­late „erst die Fak­ten – dann das Denken“ verdeck­en die grundle­gende Eigen­schaft allen Wis­sens, per­spek­tiv­en- und erken­nt­nis­ab­hängig zu sein. Sie „Inhalte“ (bess­er: Gegen­stände) des Geschicht­sun­ter­richts sind nicht, son­dern so zu ver­meintlich „objek­tiv­en Fak­ten“, die Schü­lerin­nen und Schüler aber wer­den der­art nur als Rezip­i­en­ten ver­meintlich fest­ste­hen­den Wis­sens ange­sprochen, nicht als denk­ende Sub­jek­te, welche in die Lage ver­set­zt wür­den, dieses Wis­sen sowie ihre eigene Per­spek­tive darauf und auf die Ver­gan­gen­heit zu erken­nen, zu reflek­tieren ihre Fähigkeit­en darin zu verbessern. Das ist ins­beson­dere deswe­gen prob­lema­tisch, weil die Ein­sicht in die Per­spek­tiv­ität his­torischen Wis­sens und his­torisch­er Ein­sicht­en in Verbindung mit der Erken­nt­nis der Vielfalt der Per­spek­tiv­en es eigentlich ver­bi­eten sollte, einen vor alle verbindlichen „Fakten“-Wissens vorzugeben und damit die Schü­lerin­nen und Schüler nicht ernst zu nehmen. Daran ändern auch etwaige Zielset­zun­gen nichts, durch eine solche verbindliche, gemein­same Fak­ten­grund­lage und Geschichte den sozialen Zusam­men­halt zu fördern oder über­haupt erst herzustellen, oder auch den Schü­lerin­nen und Schülern wenig­stens die „beste“ jew­eils „ver­füg­bare“ Geschichte (Seixas) zu präsen­tieren.

Gle­ich­es gilt im Übri­gen für die Meth­o­de­nori­en­tierung, sofern sie Arbeitsweisen wie etwa die Quel­lenori­en­tierung und die Inter­pre­ta­tion als Gegen­stände von Geschicht­sun­ter­richt nur mit ihrer Herkun­ft aus der akademis­chen Geschichtswis­senschaft begrün­det. Auch dies tren­nt die Ein­sicht­en in die Kon­struk­tions­be­din­gun­gen his­torischen Wis­sens von den Pro­duk­ten. Das wird ins­beson­dere dort augen­fäl­lig, wenn – wie etwa im Entwurf des Geschicht­slehrerver­ban­des für „Bil­dungs­stan­dards“ von 2006 und 2010/11 vorgeschla­gen wird, die zu ver­mit­tel­nden „Medi­en- und Meth­o­d­enkom­pe­tenz“ an anderen Inhal­ten und Wis­sens­bestän­den zu the­ma­tisieren als die „inhaltliche Ori­en­tierungskom­pe­tenz“. Let­ztere soll offenkundig als nicht zu hin­ter­fra­gen­des Grundgerüst beste­hen bleiben.

In Vitzthums älterem Artikel – in welchem ein­er­seits dur­chaus einige sehr bedenkenswerte Fehlen­twick­lun­gen benan­nt wer­den, wie etwa die weit­ere Reduk­tion des Fach­es Geschichte im Umfang, ander­er­seits aber auch völ­lig kri­tik­los auf method­isch äußerst frag­würdi­ger Basis for­mulierte und Ken­ntisse mit Deu­tun­gen unzuläs­sig ver­men­gende Kri­tik von Klaus Schroed­er am Ergeb­nis von Schu­lun­ter­richt nachge­betet wird – wird entsprechend Hans-Peter Mei­dinger mit der For­mulierung zitiert, „Inhalte“ wür­den „ver­han­del­bar“, weil sie „nur einem Zweck“ dien­ten, näm­lich der „Kom­pe­ten­zver­mit­tlung“.9 Das eine böse Karikatur der Kom­pe­ten­zori­en­tierung. Sie überträgt offenkundig ahnungs­los an der all­ge­meinen Kom­pe­ten­zori­en­tierung des Bil­dungswe­sens nach PISA geäußerte Kri­tik ein­er Reduk­tion der Bil­dung auf „Mess­bares“ auf das Fach Geschichte. Es ist hier nicht der Ort, darüber zu befind­en, ob solche Kri­tik mit Bezug auf andere Schulfäch­er berechtigt ist oder nicht. Im Bere­ich der Geschichts­di­dak­tik gibt es kein mir bekan­ntes Kom­pe­tenz­mod­ell, welch­es eine ein­fache „Output“-Orientierung im Sinne eines Train­ings inhalt­sun­ab­hängiger Fer­tigkeit­en fordern oder befördern würde.10 Die aller­meis­ten von ihnen mod­el­lieren anspruchsvolle For­men der Auseinan­der­set­zung mit his­torischen Inhal­ten, keines ver­langt eine Zurück­stel­lung von Inhal­ten zugun­sten von Kom­pe­ten­zen – auch nicht das von mir mit ver­ant­wortete Kom­pe­tenz­mod­ell „his­torisches Denken“, welch­es wohl am deut­lich­sten die Beson­der­heit der Kompetenz(en) als auf unter­schiedliche Gegen­stände zum Zwecke der Ori­en­tierung anzuwen­dende Kom­plexe aus Fähigkeit­en, Fer­tigkeit­en und Wis­sen her­ausstellt.11

Fach­lich wie geschichts­di­dak­tisch valid­er wie auch päd­a­gogisch ehrlich­er als die von Vitzthum im Anschluss an Mei­dinger präsen­tierte Ent­ge­genset­zung von „Wis­sen“ und „Kom­pe­ten­zen“ sind solche Konzep­tio­nen, in denen Wis­sen in Form von Ken­nt­nis­sen von Einzel­heit­en und Zusam­men­hän­gen keineswegs aus­ges­part und ver­nach­läs­sigt wer­den, aber wed­er pri­or­itär gegenüber noch separi­ert von Fähigkeit­en his­torischen Denkens gefördert wer­den, und zwar solchen, welche den Schü­lerin­nen nicht nur den Nachvol­lzug der Erken­nt­nisse von His­torik­ern ermöglichen, son­dern eben­so und beson­ders, ihre eige­nen Per­spek­tiv­en auf die Ver­gan­gen­heit und die Bedeu­tung der­sel­ben für sie und ihre Lebenswelt zu reflek­tieren. Das wäre im wahrsten Sinne des Wortes Kom­pe­ten­zori­en­tierung, näm­lich die Beförderung der Fähigkeit­en, Fer­tigkeit­en und auch der Bere­itschaft der Schü­lerin­nen und Schüler, selb­st­ständig his­torisch zu denken, und dabei Wis­sen und Ein­sicht­en zu erwer­ben sowie weit­er auf- und umzubauen nicht als ver­meintlich fest­ste­hende „Fak­ten“, son­dern als immer wieder zu bedenk­ende Inter­pre­ta­tio­nen. Kom­pe­ten­zori­en­tiert­er Unter­richt ist dann alles andere als „Strick­en ohne Wolle“, aber eben auch (um im Bild zu bleiben) keine reine Pulloverkunde, son­dern Befähi­gung.

Die Illusion des chronologisch zu erwerbenden Chronologiegerüsts

Als let­zter Aspekt der genan­nten Zeitungs­beiträge und der Diskus­sion über den Geschicht­sun­ter­richt ist die in den let­zten Jahren mehrfach in der Berichter­stat­tung vorge­brachte Argu­men­ta­tion zu prüfen, Schü­lerin­nen und Schüler benötigten als Grundgerüst des his­torischen Denkens die Chronolo­gie. Sie schient nicht nur in Mei­dingers und Vitzthums Argu­men­ta­tion sowie in Sand­küh­lers Frage an Reich­stet­ter durch, ob mit dem von ihr abgelehn­ten „alten chro­nol­o­gis­chen Durch­gang“ „etwa“ das Fak­ten­wis­sen gemeint sei, war aber auch im Umfeld der öffentlichen und poli­tis­chen Diskus­sion um die neuen Fachan­forderun­gen für den Geschicht­sun­ter­richt in Schleswig-Hol­stein wie um die neuen Bil­dungspläne in Berlin und Bran­den­burg deut­lich zu hören.12 Der dor­tige Lan­de­vor­sitzende des Philolo­gen­ver­ban­des, Hel­mut Sieg­mon, wird – neben dem Fachvor­sitzen­den eines Kiel­er Gym­na­si­ums – dazu von Franz Jung in einem Bericht über die Anhörun­gen mit den Worten zitiert, wolle man „his­torische Entwick­lun­gen begreifen, brauche man die Kausalkette der zeitlichen Abläufe.“13

An der Fest­stel­lung, die Chronolo­gie sei nun ein­mal die Kerndi­men­sion des Fach­es Geschichte, sein­er Bezugs­diszi­plin, der Geschichtswis­senschaft, oder bess­er: der Domäne des his­torischen Denkens, ist über­haupt nichts auszuset­zen – im Gegen­teil. Die denk­ende, inter­pretierende und ori­en­tierende Ver­ar­beitung zeit­be­zo­gen­er Infor­ma­tio­nen über Zeit­en, die nicht nur im Rah­men der eige­nen Biogra­phie zu verorten sind, son­dern weit darüber hin­aus in der Ver­gan­gen­heit weisen, ist in der Tat das Pro­pri­um des Fach­es und die von keinem anderen Fach, kein­er anderen Diszi­plin und Domäne als Kern­bere­ich the­ma­tisierte Fähigkeit. Daraus aber zu fol­gern, dass es sin­nvoll ist, diese zeit­be­zo­ge­nen Infor­ma­tio­nen den Ler­nen­den auch in chro­nol­o­gis­ch­er Rei­hen­folge zu präsen­tieren, ist dur­chaus grotesk. Das „chro­nol­o­gis­che Prinzip“ ist daher in den let­zten Jahrzehn­ten auch zunehmend in die Kri­tik ger­at­en.14

Dafür ist zum Teil ver­ant­wortlich, dass es (nicht zu Unrecht) mit dem oben kri­tisierten Konzept von Geschicht­sun­ter­richt ver­bun­den wird,15 den Schü­lerin­nen und Schülern eine fest­ste­hende Nar­ra­tion, einen Bestand an Wis­sen und Deu­tun­gen zur Über­nahme vorzugeben. Derzeit ist diese Struk­tur in den Schul­büch­ern nur noch in durch meth­o­d­en- und kom­pe­ten­zori­en­tierte Ein­schübe unter­broch­en­er Form präsent, was wohl auf seine let­ztlich unge­broch­ene Präsenz in den Bil­dungs- und Lehrplä­nen zurück­zuführen ist. Ger­ade diese Dop­pel­struk­tur, wie auch die Tat­sache, dass die verbleiben­den chro­nol­o­gis­chen Kapi­tel keineswegs (mehr?) eine (gar lück­en­los) zusam­men­hän­gende Geschichte präsen­tieren, son­dern jew­eils in sich zusam­men­hän­gen­den The­menkom­plex­en gle­ichen mit mehr oder weniger großen Lück­en dazwis­chen, die zudem in zeitlich­er, räum­lich­er Hin­sicht sowie zwis­chen Sek­toren der Geschichte (Poli­tik, Kul­tur, Wirtschaft, Ideengeschichte, All­t­ags­geschichte usw.) einiger­maßen großzügig sprin­gen und wech­seln, zeigt die Absur­dität beson­ders deut­lich.

Gat­tungs­geschichtlich scheint die chro­nol­o­gis­che Konzep­tion des Geschicht­sun­ter­richts auf die Fig­ur der Erzäh­lung der „eige­nen“ Geschichte eines Volkes, ein­er sozialen Gruppe zurück­zuge­hen, mit denen die alten den jun­gen Mit­gliedern eine zeitlich ori­en­tierte und ori­en­tierende Vorstel­lung gemein­samer Herkun­ft und der Entste­hung und Entwick­lung der Gemein­schaft gaben. In famil­iären Zusam­men­hän­gen gibt es solch­es als Erzäh­lung durch die Großel­tern gegenüber den Enkeln wohl auch heute noch. Aber abge­se­hen davon, dass es sich dabei um jew­eils kleine Grup­pen han­delt, haben diese Erzäh­lun­gen zwar zumeist chro­nol­o­gis­che Struk­tur, wer­den aber kaum über mehrere Jahre hin­weg verteilt erzählt, son­dern vielmehr in vie­len kürz­eren „Por­tio­nen“, die jew­eils the­ma­tisch angelegt sind sowie sich in ihrer Form und den Anforderun­gen, die sie an die Zuhör­er stellen, an jene anpassen. Kaum ein Opa wird seinem Enkel zuerst von den ältesten Zeit­en erzählen und alle Fra­gen zum Heute auf einen Jahre später stat­tfind­en­den Ter­min vertrösten, oder bei Fra­gen nach einem Vorher darauf ver­weisen, dass das schon früher „dran“ gewe­sen wäre.

Beste­hen schon hin­sichtlich der Funk­tion von Geschichte als Erzäh­lver­anstal­tung in kleinen, über­schaubaren Ein­heit­en schwere Bedenken an der Sinnhaftigkeit ein­er Par­al­lelisierung von Lern- und Erzäh­lzeit in Form des chro­nol­o­gis­chen Prinzips, so ist die Über­tra­gung dieses Ver­fahrens auf große Ziel­grup­pen (die junge Gen­er­a­tion), große soziale For­men (Klassen­ver­bände) und vor allem auch große zu the­ma­tisierende Zeiträume erst recht prob­lema­tisch. Das Erzählen der Geschichte ein­er (mod­er­nen) Nation oder ein­er post-tra­di­tionalen,16 plu­ralen Gesellschaft erfordert grund­sät­zlich den Gebrauch von abstrak­ten Begrif­f­en nicht nur für Akteure (Staat, Volk, Nation) und Konzepte (Herrschaft, Krieg, Demokratie), son­dern auch für die Beze­ich­nung von Zeit. Solche Begriffe aber und beson­ders auch das Konzept eines durch sie erschlosse­nen lin­earen Zusam­men­hangs (der mod­er­nen Nation­algeschicht­en zu Grunde liegt) kön­nen nicht voraus­ge­set­zt, son­dern müssen selb­st nach und nach, schrit­tweise, erwor­ben wer­den – und das nicht als ver­meintlich gegebene Größen, son­dern als zwar nicht unsin­nige, aber doch kontin­gente, kon­ven­tionelle Konzepte und Begriffe.

Wenn man nun mod­erne und/oder post-tra­di­tionale Geschichte(n) in diesem Sinne über mehrere Jahre hin­weg chro­nol­o­gisch erzählt (was in dieser ein­fachen Form wohl nie­mand mehr tut) oder „erar­beit­en lässt“ mit Hil­fe von Quellen und anderen Mate­ri­alien, dann verdeckt man vielmehr durch das Voraus­set­zen der Chronolo­gie und durch ihre Verteilung über den gesamten Erzähl- oder Lernzeitraum ihre eigene Qual­ität und ihre Stel­lung das das zen­trale Organ­i­sa­tion­sprinzip. Es ist gar nicht so sehr die Unfair­nis, von Schü­lerin­nen und Schülern zu erwarten, dass sie eine Zeitvorstel­lung rein addi­tiv mit „Inhalt“ füllen und dabei „schon gehabtes“ über Jahre hin­weg behal­ten und präsent haben („das hat­tet ihr schon“) sowie Gegen­warts­bezüge und Vor­griffe abzu­tun („das kommt später“) als vielmehr die Nicht-Explizierung der die Chronolo­gie kon­sti­tu­ieren­den und struk­turi­eren­den Prinzip­i­en.

Chronolo­gie ist also zu wichtig, als dass man sie als implizites Prinzip nutzen dürfte. Das gilt ins­beson­dere deshalb, weil unser heutiges Chronolo­giekonzept ja keineswegs ein­fach ist. Die Unterteilung der Zeit nicht nur mit­tels numerisch­er Skalen (Jahre), die auf­grund der Unterteilung in „v.Chr.“ und „n. Chr.“ (bzw. „u.Z.“) und der damit ver­bun­de­nen neg­a­tiv­en Zahlen schon keineswegs ein­fach ist (von unter­schiedlichen Nullpunk­ten in Herkun­fts- und Reli­gion­skul­turen manch­er Schü­lerin­nen und Schüler sowie abwe­ichen­den Beze­ich­nun­gen der Jahrhun­derte ganz abge­se­hen), reicht ja für ein chro­nol­o­gis­ches „Grundgerüst“ keineswegs aus. Hinzu kom­men eine Rei­he dur­chaus unter­schiedlich­er (und keineswegs ein­deutiger) Peri­o­disierun­gen wis­senschaftlich­er („Vorgeschichte“, „Frühgeschichte“, „Antike“/“Altertum“, „Mit­te­lal­ter“, „Frühe Neuzeit“, „Vor­mod­erne“, „Neuzeit“, „Mod­erne“, , „Zeit­geschichte“, „Gegen­wart“,) mit ihren keineswegs ein­deuti­gen Abgren­zun­gen und kul­turellen Kon­no­ta­tio­nen (man denke an Peter von Moos‘ „Gefahren des Mit­te­lal­ter­be­griffs“, aber auch die unter­schiedlichen Bes­tim­mungen der „Zeit­geschichte“), sowie nicht-sys­tem­a­tis­ch­er Beze­ich­nun­gen („Römerzeit“, „Zwis­chenkriegszeit“, „Nachkriegszeit“). Dass uns wie diese zu nicht „wis­senschaftlichen“, kul­turell aber bedeut­samen Zeit­beze­ich­nun­gen ste­hen („vor dem Krieg“, „1968“, „zur Zeit des Propheten“, „als Uro­ma geflo­hen ist“) , welchen Logiken sie jew­eils fol­gen, usw., ist nicht wirk­lich en pas­sant zu erwer­ben, wenn sie jew­eils „chro­nol­o­gisch dran“ sind. Das Argu­ment, dass fast alle diese Beze­ich­nun­gen den Schü­lerin­nen und Schülern im All­t­ag wie in den Medi­en immer schon begeg­net sind, bevor let­zteres der Fall ist, braucht wohl gar nicht mehr erwäh­nt zu wer­den.

Chronolo­gie als Konzept und als sta­biles Gerüst erwirbt man wohl am besten nicht dadurch, dass im Zuge ein­er anson­sten (weit­ge­hend) unverän­derten der Präsen­ta­tion von kon­ven­tioneller nar­ra­tiv­er Deu­tung (im Autorentext), der Einübung in zen­trale Begriffe und der exem­plar­ischen Inter­pre­ta­tion von Quellen sowie der immer wieder ein­mal stat­tfind­en­den Diskus­sion offen­er Fra­gen inner­halb dieser Kom­plexe die „Dat­en“ und „Fak­ten“ nacheinan­der aufgenom­men und aneinan­der gehängt wer­den.

Hinzu kommt, dass das implizite Voraus­set­zen der chro­nol­o­gis­chen Abfolge nicht nur ger­ade nicht in der Sache selb­st gegebe­nen und daher selb­stver­ständlichen, son­dern fach­lich wie kul­turell in dur­chaus unter­schiedlichen For­men und unter­schiedlich­er Qual­ität entwick­el­ten Konzepte zeitlich­er Ord­nung ger­adezu aus der Aufmerk­samkeit der Schü­lerin­nen und Schüler her­aus­nimmt – es sug­geriert auch, dass in der chro­nol­o­gis­chen Abfolge eine Notwendigkeit liege. Wenn schon der Vor­sitzende des schleswig-hol­steinis­chen Philolo­gen­ver­ban­des die chro­nol­o­gis­che Anord­nung der Ereignis­sen umstand­s­los und einzig als „Kausalkette“ anspricht und somit entwed­er (wohl mehr nolens als volens) ein „post hoc ergo propter hoc“ unter­stellt, wenn nicht gar eine mate­ri­ale Geschicht­sphiloso­phie, dann wird dieser Ein­druck bei Schü­lerin­nen und Schülern wohl noch deut­lich­er entste­hen. Als gäbe es nicht auch eine ganze Rei­he ander­er For­men zeitlich­er Zusam­men­hänge, die es zu bedenken und zu prüfen gäbe als nur kausale.17

Viel plau­si­bler ist dage­gen, dass sowohl der Erwerb eines Grundbe­standes an „Fak­ten“ (hier: von Ken­nt­nis­sen über Ver­gan­ge­nes) als auch ein­er vali­den, nicht-triv­ialen und vor allem belast­baren Vorstel­lung eines zeitlichen Grundgerüsts so funk­tion­ieren kann, dass im Rah­men mehrfach­er, jew­eils den „ganzen“ (bzw. größere) chro­nol­o­gis­che Zeit­en betr­e­f­fend­er the­ma­tis­ch­er Ein­heit­en sowohl Bestände an Einzel­heit­en als auch das chro­nol­o­gis­che Gerüst zunehmend aus­d­if­feren­ziert wer­den. Es müsste also so vor sich gehend, dass bei Anfängern (wohl den jün­geren Schülern) eher grobe, dafür aber keineswegs eingeschränk­te Dif­feren­zierun­gen von Zeit einge­führt und diese zunehmend dif­feren­ziert wer­den. Im Schu­lal­ter dürfte das wohl nicht erst bei ein­er dichotomen Unter­schei­dung von „heute“ und „früher“ anfan­gen, wohl aber muss auch diese möglich sein. Ver­schiedene zeitliche Unter­schei­dun­gen, zunehmende Aus­d­if­feren­zierung des tem­po­ralen Gerüsts, immer wieder stat­tfind­ende Ver­gle­iche der chro­nol­o­gis­chen Konzepte und Ter­mi­nolo­gie untere­inan­der, ermöglichen so den Auf­bau eines flex­i­blen, oper­a­blen Konzepts von Zeit. Das ist möglich, indem Geschicht­sun­ter­richt nicht mehr chro­nol­o­gisch vorge­ht, son­dern in Form ein­er Aneinan­der­rei­hung von soge­nan­nten „Längss­chnit­ten“, die sich jew­eils the­ma­tisch unter­schei­den, aber auch darin, dass quer zu ihnen (über sie hin­weg) der Grad der Dif­feren­zierung von chro­nol­o­gis­ch­er und „sach­be­zo­gen­er“ Ter­mi­nolo­gie, der Anspruch an die Ver­fü­gung über Konzepte, Fähigkeit­en und Meth­o­d­en­be­herrschung sowie schließlich an Reflex­iv­ität schrit­tweise erhöht wird. Chro­nol­o­gis­che Rück- und Vorauf­bezüge erfordern dann keineswegs Erin­nerungs- und Warteleis­tun­gen über mehrere Jahre, vielmehr kön­nen (und müssen) die Schü­lerin­nen und Schüler jew­eils Bezug auf die vorheri­gen, die „ganze“ Zeit­skala umfassenden Ken­nt­nisse zurück­greifen. Die Lern­pro­gres­sion des Geschicht­sun­ter­richts liegt dann nicht mehr ent­lang, son­dern quer zur Chronolo­gie. Auch das wird einem Geschicht­sler­nen gerecht, das sich als Befähi­gung zum Denken, nicht als Vor­gabe und Rezep­tion ein­er kon­ven­tionellen Deu­tung ver­ste­ht.

Ger­ade wer der Mei­n­ung ist, dass die Chronolo­gie das unverzicht­bare Grundgerüst ist, müsste sich im Inter­esse eines sys­tem­a­tis­chen Auf­baus belast­bar­er Chronolo­giekonzepte vom herkömm­lichen chro­nol­o­gis­chen Unter­richt ver­ab­schieden.

Zitierte Lit­er­atur

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Pan­del, Hans-Jür­gen (2006): Didak­tis­che Darstel­lung­sprinzip­i­en. Ein alter Sachver­halt in neuem Licht. In: Markus Bern­hardt, Ger­hard Henke-Bockschatz und Michael Sauer (Hg.): Bilder — Wahrnehmungen — Kon­struk­tio­nen. Reflex­io­nen über Geschichte und his­torisches Ler­nen. Festschrift für Ulrich May­er zum 65. Geburt­stag. Unter Mitar­beit von Ulrich May­er. Schwalbach/Ts: Wochen­schau-Ver­lag (Wochen­schau Geschichte), S. 152–168.

Pohl, Karl Hein­rich (2016): ‘Denk­fach Geschichte’. Über­legun­gen zu den Anforderun­gen an das Fach Geschichte in der Ober­stufe. Die neuen Fachan­forderun­gen Geschichte in der Diskus­sion „Lehrpläne” für einen zeit­gemäßen, kom­pe­ten­zori­en­tierten Geschicht­sun­ter­richt in Schleswig-Hol­stein? In: Demokratis­che Geschichte 26, S. 287–300. Online ver­füg­bar unter http://www.izrg.de/fileadmin/downloads/Didaktisches_Forum_Fachanforderungen.pdf.

Reich­stet­ter, Louisa (2016): Was geschah vor 1789? Nicht so wichtig! Was Schüler im Geschicht­sun­ter­richt ler­nen sollen, ist umstrit­ten wie nie. In: DIE ZEIT, 04.08.2016 (33), S. 61. Online ver­füg­bar unter http://www.zeit.de/2016/33/geschichtsunterricht-schule-geschichte-lehrer-schueler.

Sand­küh­ler, Thomas (2016): Schüler müssen Fak­ten ler­nen. In: DIE ZEIT Online, 01.09.2016 (35). Online ver­füg­bar unter http://www.zeit.de/2016/35/geschichtsunterricht-fakten-auswendig-lernen-verstaendnis.

Schwabe, Astrid (2016): Eine Ein­führung. Die neuen Fachan­forderun­gen Geschichte in der Diskus­sion „Lehrpläne” für einen zeit­gemäßen, kom­pe­ten­zori­en­tierten Geschicht­sun­ter­richt in Schleswig-Hol­stein? In: Demokratis­che Geschichte 26, S. 271–273.

Seixas, Peter; Mor­ton, Tom (2013): The Big Six. His­tor­i­cal Think­ing Con­cepts. Toron­to: Nel­son Edu­ca­tion.

Stel­lo, Ben­jamin (2016): Didak­tis­che Grund­prinzip­i­en der neuen Fachan­forderun­gen Geschichte für Schleswig-Hol­stein. (Die neuen Fachan­forderun­gen Geschichte in der Diskus­sion „Lehrpläne” für einen zeit­gemäßen, kom­pe­ten­zori­en­tierten Geschicht­sun­ter­richt in Schleswig-Hol­stein?). In: Demokratis­che Geschichte 26, S. 275–285. Online ver­füg­bar unter http://www.izrg.de/fileadmin/downloads/Didaktisches_Forum_Fachanforderungen.pdf.

Süss­mann, Johannes (2000): Geschichtss­chrei­bung oder Roman? Zur Kon­sti­tu­tion­slogik von Geschicht­serzäh­lun­gen zwis­chen Schiller und Ranke ; (1780 — 1824). Techn. Univ., Diss.–Berlin, 1998. Stuttgart: Stein­er (Frank­furter his­torische Abhand­lun­gen, 41).

Vitzthum, Thomas (2015): Der fatale Nieder­gang des Schul­fach­es Geschichte. Franzö­sis­che Rev­o­lu­tion, Weimar­er Repub­lik, DDR: Immer mehr deutsche Schüler wis­sen darüber – nichts. Geschichte kommt an vie­len Schulen mit Sys­tem zu kurz. Es dro­ht ver­bre­it­ete his­torische Amne­sie. In: Die Welt, 14.12.2015. Online ver­füg­bar unter http://www.welt.de/politik/deutschland/article149909227/Der-fatale-Niedergang-des-Schulfachs-Geschichte.html.

Vitzthum, Thomas (2016): Wenn im Geschicht­sun­ter­richt Jahreszahlen egal sind. In: DIE WELT [online], 22.08.2016. Online ver­füg­bar unter http://www.welt.de/politik/deutschland/article157807774/Wenn-im-Geschichtsunterricht-Jahreszahlen-egal-sind.html.

Völkel, Bär­bel (2011): Immer mehr des­sel­ben? Ein­ladung zu ein­er kri­tis­chen Auseinan­der­set­zung mit dem chro­nol­o­gis­chen Geschicht­sun­ter­richt. In: GWU 62 (2011), S. 353–362.

Anmerkun­gen

1Vitzthum 2015; Vitzthum 2016.

2Sand­küh­ler 2016 als Rep­lik auf Reich­stet­ter 2016.

3Sand­küh­ler 2016.

4Reich­stet­ter 2016.

5Es han­delt sich natür­lich nicht um ein­fache Alter­na­tiv­en. Man kann sie auch als Kom­po­nen­ten begreifen, aus denen in unter­schiedlichen Zusam­menset­zun­gen jed­er (?) Geschicht­sun­ter­richt zusam­menge­set­zt ist. Allerd­ings ist dann fraglich, ob es nicht noch andere solche Kom­pe­ten­zen gibt, und ob solche Zusam­menset­zun­gen nicht innere Wider­sprüche aufweisen (kön­nen). Die Frage reicht etwa bis hinein in die Ter­mi­nolo­gie, ob man von „Struk­turierungskonzepten“ oder „Darstel­lungskonzepten“ sprechen soll (vgl. den m.E. falschen Ter­mi­nolo­giewech­sel von Bar­ri­cel­li 2007; zu Bar­ri­cel­li 2012; sowie Pan­del 2006).

6Vitzthum 2016. Zitate aus: Both et al. 2016, S. 13.

7Both et al. 2016, S. 13.

8Vgl. „Ger­ade […] Ranke war bewußt, daß es sich bei den soge­nan­nten Fak­ten um Kon­struk­te han­delte“. Süss­mann 2000, 30, FN 28.

9Vitzthum 2015.

10Bar­ri­cel­li et al. 2012.

11Kör­ber et al. 2007; darin Bor­ries 2007 zum Ver­hält­nis von (nicht so beze­ich­netem) „Fakten“-Wissen und Kom­pe­ten­zen; vgl. auch Düv­el und Kör­ber 2012.

12Jung 2015. Vgl. die Beiträge in Demokratis­che Geschichte 26 (2016): Schwabe 2016, Stel­lo 2016, Pohl 2016, Danker 2016.

13Jung 2015.

14Kör­ber 2004, Völkel 2011, Danker 2016,

15Vgl. kri­tisch: „chro­nol­o­gis­ch­er Durch­gang und Kanon liegen dicht beieinan­der.“ Danker 2016, S. 306.

16Girmes 1997.

17Dem wider­spricht nicht, dass „Cause and Con­se­quence“ eines der sechs zen­tralen Konzepte his­torischen Denkens bei Peter Seixas beze­ich­net (Seixas und Mor­ton 2013, S. 102) – im Gegen­teil! Auch Kausal­ität darf nicht unter­stellt, son­dern muss als Denk­form expliziert, reflek­tiert und auch geübt wer­den.

Eine weitere Randbemerkung — Danke, Ranke!

Aus ein­er aktuellen Klausur zum Bach­e­lor-Mod­ul Geschichts­di­dak­tik:

Im Rah­men ein­er geforderten Erläuterung des Begriffs der “Triftigkeit” for­muliert ein(e) Student(in):

“Der Anspruch an Geschichte ist, dass sie objek­tiv und ganzheitlich ist.”

Dass man statt “Objek­tiv­itäts-” bess­er “Gel­tungsanspruch” sagen müsste, sei nur nachrangig moniert. Dass Geschichte aber einen “Ganzheitlichkeits”-Anspruch hat, ist wohl ein­er pop­ulären, in der außer­wis­senschaftlichen (lei­der wohl nicht wirk­lich außer­schulis­chen) Geschicht­skul­tur ver­bre­it­eten naiv­en Vorstel­lung zu ver­danken, derzu­folge Geschichte noch immer mit “Ver­gan­gen­heit” gle­ichge­set­zt wird. Dass Geschichte ger­ade nicht “ganzheitlich” ist, son­dern selek­tiv, par­tiku­lar und per­spek­tivisch, gehört ger­ade zu den Vorbe­din­gun­gen der Prü­fung ihres Gel­tungsanspruchs (ihrer jew­eili­gen Plau­si­bil­ität) mit Hil­fe der Triftigkeit­skri­te­rien nach Rüsen.

Zur irri­gen Auf­fas­sung der “Ganzheitlichkeit” von Geschichte, die offenkundig in schulis­chem Unter­richt (und in diesem Falle lei­der auch im BA-Studi­um) nicht wirk­sam her­aus­ge­fordert wurde, hat wohl auch die — wie Lutz Raphael1 gezeigt hat, irrige — Wirkung von Rankes For­mulierung “zu zeigen, wie es eigentlich gewe­sen”, beige­tra­gen. So dass man hier etwas gen­ervt antworten kön­nte (das habe ich auf dem Blog “his­to­ry accord­ing to toby” von Tobias Jacob gefun­den2): “Danke, Ranke!”

  1.  Raphael, Lutz (2003): Geschichtswis­senschaft im Zeital­ter der Extreme. The­o­rien, Meth­o­d­en, Ten­den­zen von 1900 bis zur Gegen­wart. München, S. 67f, spricht von einem “triv­ial­pos­i­tivis­tis­chen Objek­tiv­ität­side­al”, das der “für Ranke und seine Schüler so prä­gen­den ide­al­is­tisch-his­toris­tis­chen Geschicht­sphiloso­phie” nicht gerecht werde. []
  2. Im Beitrag “Nar­ra­tiv­ität — knapp vor­bei” vom 27.9.2014 []

“Historytelling” — eine Fortsetzung der Diskussion mit Thomas Hellmuth

Kör­ber, Andreas (9.7.2016): “ ‘His­to­ry­telling’ — eine Fort­set­zung der Diskus­sion mit Thomas Hell­muth.”

Vor eini­gen Tagen hat Thomas Hell­muth auf Pub­lic His­to­ry Week­ly einen Beitrag geschrieben (“Ein Plä­doy­er für ‘His­to­ry­telling’ im Unter­richt”), auf den sowohl Lind­say Gib­son als auch ich geant­wortet haben. Eine erneute Rep­lik des Autors war offenkundig als Schluss der Debat­te gedacht, denn es gibt kein weit­eres Kom­men­tar­feld mehr.

Dieser Schluss der Debat­te ist misslich, denn die Rep­lik Hell­muths fordert dur­chaus zu weit­er­er Auseinan­der­set­zung auf. Ohne diese Debat­te hier nun in eine unnötige Länge ziehen zu wollen, möchte ich doch auf einige wenige Punk­te erneut einge­hen:

  • Gegen den Ein­bezug vielfältiger Meth­o­d­en der Pro­duk­tion und Analyse von Nar­ra­tio­nen in den Geschicht­sun­ter­richt ist nichts zu sagen. In der Tat hat Hell­muth Recht, wenn er hier noch Poten­tial sieht. Allerd­ings wirft seine Rep­lik wie der ursprüngliche Beitrag dur­chaus prob­lema­tis­che Fra­gen auf.
  • Zunächst: Zur von Hell­muth beklagten strik­ten “Tren­nung” von Re-Kon­struk­tion und De-Kon­struk­tion im FUER-Mod­ell ist zu sagen, dass das FUER-Mod­ell ger­ade keine strik­te unter­richtliche Tren­nung in Phasen fordert, in denen entwed­er nur das eine oder das andere the­ma­tisiert, geübt etc. wer­den dürfte. Dieser Aus­sage liegt offenkundig ein Missver­ständ­nis des Kom­pe­tenz­mod­ells als auch seines Mod­ellcharak­ters zugrunde: Das Mod­ell unter­schei­det “Kom­pe­ten­zen” (Fähigkeit­en, Fer­tigkeit­en und Bere­itschaften), nicht sauber voneinan­der zu tren­nende Phasen oder Schritte. Die tat­säch­liche Auseinan­der­set­zung, der konkrete Lern­prozess ver­läuft oft wenig sys­tem­a­tisch, wie ja auch der Forschung­sprozess der His­torik­er in der Real­ität nicht dem Kreis­lauf­mod­ell Rüsens fol­gt — etwa in der Form eines ein­ma­li­gen nacheinan­der­fol­gen­den Durch­laufens der einzel­nen Schritte vom Ori­en­tierungs­bedürfnis­sen über die Aktivierung lei­t­en­der Hin­sicht­en zur metho­d­isierten Zuwen­dung zur Ver­gan­gen­heit und danach zur Darstel­lung. Nein, das Leben ist unsys­tem­a­tisch. Ger­ade deshalb ist aber die ana­lytis­che Unter­schei­dung der Oper­a­tio­nen so wichtig, dass man (im besten Falle) immer weiß, was man ger­ade tut; ob man also ger­ade selb­st syn­thetisch-kon­struk­tiv neuen Sinn bildet oder den in ein­er Nar­ra­tion enthal­te­nen Sinn her­ausar­beit­et; in weniger sys­tem­a­tis­chen Sit­u­a­tio­nen (wo man eine Geschichte liest, neue Fra­gen entwick­elt, nieder­schreibt, mit neuen, eige­nen Ideen weit­er­li­est etc.) sollte man sich mit Hil­fe dieser Unter­schei­dun­gen klar machen kön­nen, welchen Sta­tus das eigene Tun ger­ade hat, usw. Auch bei “Sto­ry­telling” in Form ein­er kreativ­en wie ana­lytis­chen Beschäf­ti­gung mit frem­den und neuen eige­nen Geschicht­en hat diese Unter­schei­dung also dur­chaus ihren Sinn.
  • Wichtiger aber ist, dass Hell­muth in sein­er Rep­lik meine Skep­sis gegenüber sein­er Auf­fas­sung, es sei nicht prob­lema­tisch, wenn erfun­dene Geschicht­en als “wahrer” emp­fun­den wür­den, nicht argu­men­ta­tiv auf­greift, son­dern lediglich mit Hil­fe einiger Zitate bekräftigt und in leicht iro­nis­chem Ton meine Skep­sis gegenüber ein­er Über­schre­itung ein­er roten Lin­ie kom­men­tiert.
    Dazu sei klargestellt, dass ich die “rote Lin­ie” nicht dort über­schrit­ten sehe, wo mit fik­tionalen Tex­ten gear­beit­et wird und Schüler auch solche erfind­en sollen, wohl aber, wenn die “Wahrheit” solch erfun­den­er Texte nicht unter­sucht, analysiert und reflek­tiert wird — und zwar mit Bezug auf die erken­nt­nis­the­o­retis­chen Stan­dards der Geschichtswis­senschaft -, son­dern wo sie eher affir­miert werden.Die von Hell­muth ange­führten Autoritäten Jorge Sem­prun, Ruth Klüger und José Sara­m­a­go helfen in dieser Frage ger­ade nicht weit­er. Nicht, dass die von ihnen ange­führte “Wahrheit” der erfun­de­nen Geschicht­en keine wäre — aber sie hat doch einen anderen Sta­tus. Eine eindi­men­sion­ale Unter­schei­dung zwis­chen “unwahr” — “wahr” — “wahrer” greift hier nicht, vielmehr ist das Konzept der Wahrheit dif­feren­ziert­er zu analysieren und anzuwen­den — ger­ade auch, wenn es um Lern­si­t­u­a­tio­nen geht.
    Wenn die Forderung Hell­muths nun darauf gin­ge Wharheit­sansprüche, mit Hil­fe von Objektivitäts‑, oder bess­er Plau­si­bil­itäts-Kri­te­rien (Rüsen 2013) zu analysieren (um nicht den älteren Begriff der Triftigkeit zu benutzen), so dass Schü­lerin­nen ler­nen zu dif­feren­zieren, dass Geschicht­en dur­chaus in unter­schiedlichem Maße empirisch, nor­ma­tiv und nar­ra­tiv triftig sein kön­nen, und wie dann auch empirisch weniger trifti­gen Geschicht­en nar­ra­tive Plau­si­bil­ität eignen kann — dann wäre alles in Ord­nung. Die Asser­tion, dass solche Geschicht­en ein­fach “wahrer” sein kön­nen, hil­ft allerd­ings nicht.
    Die von Hell­muth ange­führten Autoritäten sind aber auch noch in ander­er Hin­sicht prob­lema­tisch in diesem Zusam­men­hang. Zumin­d­est bei Sem­prún und Klüger, aber auch bei Sára­m­a­go (zumin­d­est in seinen Sol­da­dos de Salam­i­na) bezieht sich die beson­dere, erhöhte Wahrheit zumin­d­est par­tiell auch darauf, dass diese fik­tionalen Geschicht­en eine “Wahrheit” auszu­drück­en ver­mö­gen, die “trock­ene”, kog­ni­tivis­tis­che Geschichtswis­senschaft nicht leis­ten kann, weil sie mit der biographis­chen und gen­er­a­tionellen Erfahrung dieser Autoren in beson­der­er Weise aufge­laden sind. Es geht hier ganz offenkundig um die Wahrheit der total­itären Erfahrung von Leid und Unmen­schlichkeit, die eben nicht ein­fach wis­senschaftlich erfasst und inter­sub­jek­tiv ver­mit­telt wer­den kann.
    Ist nun aber dieser Modus der “Wahrheit” eben­so ein­fach auch Geschicht­en zuzugeste­hen, die Schü­lerin­nen und Schüler (gle­ich welchen fam­i­lien­bi­ographis­chen und/oder kul­turellen bezuges) zu Gegen­stän­den des Geschicht­sun­ter­richts “erfind­en” — wie es bei Hell­muth offenkundig gemeint ist? Kön­nen sie auch diese Form der Wahrheit beanspruchen? Wenn in solche Geschichte exis­ten­tielle Bedürfnisse, Per­spek­tiv­en etc. ein­fließen, dann sich­er. Aber gilt es auch für Geschicht­en, die sich Schü­lerin­nen und Schüler zu his­torischen The­men im Unter­richt aus­denken? Kann solche Art Wahrheit durch didak­tis­che Pla­nung gesichert, hergestellt wer­den? Ist ein unter­richtlich­es “His­to­ry­telling” zu dis­tan­ten Gegen­stän­den ein­fach so dieser lit­er­arisch-exis­ten­tiellen Form der nar­ra­tiv­en Wahrheit zu ver­gle­ichen?
  • Das nun ist eine der wesentlichen Her­aus­forderun­gen der Beschäf­ti­gung mit Nar­ra­tiv­ität: Schüler kön­nen, nein: müssen ler­nen, dass und wie lit­er­arische und his­torische “Wahrheit” sich aufeinan­der beziehen kön­nen, auch auch, dass sie sich unter­schei­den. Unter­richtlich ist also nicht die Frage zen­tral, ob von Schülern erfun­dene Geschicht­en “wahr” sein kön­nen, son­dern die The­ma­tisierung der Art und Weise und des (per­spek­tivisch dur­chaus unter­schiedlichen) Grades, wie sie “wahr” oder bess­er: plau­si­bel sind — und wem gegenüber diese Plau­si­bil­itäten einen Anspruch auf Gel­tung beanspruchen kön­nen.

Ins­ge­samt also: Nichts gegen “His­to­ry­telling” — aber doch als Mit­tel zur Reflex­ion über die Gemein­samkeit­en udn Unter­schiede, über die Prinzip­i­en und Kri­te­rien von “Wahrheit” im his­torischen und im lit­er­arischen Bere­ich.