(2009) Zur Erinnerungskultur im Web 2.0

[Vorbemerkung: Nach dem Umzug des Blogs auf den neuen Server wurde ich vom System auf einen seit Jahren unfertigen Entwurf aufmerksam gemacht, der danach meiner Aufmerksamkeit entgangen war. Ich veröffentliche ihn hier unverändert, zum einen, weil ich das damals geschriebene immer noch für nicht ganz unsinnig halte, zum anderen, weil auch das eine Form der Erinnerung ist. AK 3.5.2016]

Lisa Rosa macht(e mich damals) auf ein erinnerungskulturelles Phänomen aufmerksam:

Ein Projekt in Lublin „rekonstruiert“ im Netz Holocaust-Opfer und gibt ihnen eine „virtuelle Identität“, d.h. es entsteht eine Seite, auf welcher nicht nur Lebensdaten und Informationen über die historische Person versammelt werden, sondern diese Person auch eine virtuelle „eigene“ Stimme bekommt.

Ein Bericht darüber findet sich bei der Deutschen Welle.

Dieses Projekt wirft aus der Perspektive der Geschichtsdidaktik wie der Erinnerungskultur, der Gedenkstättenpädagogik mehrere Fragen auf. Ich will hier gar nicht selbst unmittelbar nach der „Angemessenheit“ und/oder Sinnhaftigkeit fragen oder darüber urteilen. Zunächst geht es mir darum zu fragen, welcher Kategorien, Begriffe und Einsichten es bedarf, um darüber zu validen Urteilen zu kommen:

  1. Kann dieses Projekt als neu-mediale, Internet-gerechte Weiterentwicklung biographischen Arbeitens in der Erinnerungskultur angesehen werden?
  2. In dem oben angesprochenen Bericht über dieses Projekt wird der Begriff der „Rekonstruktion“ erwähnt. Was genau wird damit bezeichnet? Was umfasst er — und was kann er sinnvollerweise umfassen?
    1. Ist mit der Rekonstruktion die Erarbeitung von Informationen über die Lebensumstände und das Leben des Jungen „Henio“ gemeint — oder umfasst der Begriff auch die „Wiederherstellung“ seiner Perspektive?
    2. Re-Konstruktion im geschichtswissenschaftlichen Sinne besteht immer in einer retrospektiven Tätigkeit. Dabei gilt inzwischen als gesicherte Erkenntnis, dass zwar versucht wird, „die Vergangenheit“ zu rekonstruieren, dass das Ergebnis aber nie in der Wiederherstellung der Vergangenheit bestehen kann, sondern immer die Form einer „Geschichte“ annimmt, nämlich narrativ strukturiert ist.
    3. Re-Konstruktion verbindet somit immer mindestens zwei Zeitpunkte, von denen einer derjenige der Re-Konstruktion ist. Im Sinne von Transparenz und in Anerkennung der unhintergehbaren Perspektivität (sowie Selektivität, Partialität etc.) aller narrativen Aussagen, ist zu fordern, dass die Tatsache der perspektivischen Re-Konstruktion und die Perspektive, von der sie vorgenommen wird, möglichst offen gelegt wird.
    4. Auch die Anstrengung und Leistung, mögliche Gedanken und Wünsche, Äußerungen und Taten früherer Menschen zu formulieren, ist demnach formal Re-Konstruktion. Die Nutzung wörtlicher Rede und der Ich-Form, d.h. Dramatisierung und Kontextualisierung, Lokalisierung usw. sind Elemente historischer Re-Konstruktion. In diesem Sinne ist auch die Konstruktion des „virtuellen Henio“ eine Rekonstruktion.
    5. Ein solches Projekt kann also nicht einfach mit dem Hinweis abgelehnt werden, dass es illegitim sei, nicht mehr lebende Personen „zum Sprechen zu bringen“ — nichts anderes tun historische Dramen und Epen — aber auch ein Gutteil der erzählenen Geschichtsschreibung.
    6. Nicht die Tatsache fiktionaler Gestaltung von vergangenen Perspektiven und Handlungen in diesen Perspektiven kann also ein Grund sein, ein solches Projekt abzulehnen oder problematisch zu finden, sondern höchstens die Art und Weise, wie Fiktionalität (oder neutraler: Gestaltung) und „Faktizität“ miteinander in Beziehung gesetzt werden. Auch „Fakten“ sind ja nicht einfach gegeben, sondern entstehend durch Interpretation, durch Re-Konstruktion.
  3. Dass mich (und wohl auch Lisa Rosa) bei der Information über diese Form der Erinnerungskultur ein ungutes Gefühl beschleicht, der Verdacht, hier könnte etwas unangemessenes, problematisches statt finden, muss also an anderem liegen. Es braucht wohl auch andere Kriterien zu dessen Beurteilung:
    1. Ist es die Kombination von fiktionaler Gestaltung und der Opferperspektive, welche dem so Gestalteten eine Deutungsmacht verleiht, die uns — bei aller Berechtigung und Notwendigkeit der Repräsentation dieser Perspektive — problematisch erscheint?
    2. Ist der Begriff „virtueller Zeitzeuge“, der bei der Deutschen Welle verwendet wird, angemessen? Er verweist auf die besondere Qualität der Zeitzeugenschaft, die diese in der deutschen Geschichtswissenschaft und Erinnerungskultur besitzt — nämlich eine auf einer Authentizitätsannahme beruhende Autorität.
    3. Hier ist zu fragen, ob unser (bzw. der Autoren des Projekts und/oder der Berichterstatter) Begriff des „Zeitzeugen“ scharf genug ist. Lässt sich „Zeugenschaft“ virtualisieren?
    4. Vielleicht hilft es ja weiter, die Autorität, die dem Konzept des „Zeugen“ und der „Quelle“ im deutschen historischen Denken zukommt, zurückzunehmen, und vielmehr (entsprechend der englischsprachigen Geschichtspädagogik) das Konzept der „Evidenz“ zu nutzen. Nicht die Tatsache von Zeugenschaft iste s dann, die Autorität verbürgt — vielmehr kommt den Berichten von „Zeitzeugen“ Evidenz nicht automatisch zu, sondern muss in ihnen gesicht werden.
    5. Mit Hilfe der Kategorie von „Evidenz“ ließen sich auch Vorstellung sekundärer und eben virtueller Zeugenschaft kritisch analysieren.
  4. Zu reflektieren ist auch die Erinnerungsqualität solcher Projekte
    1. zunächst unterscheidet sich der Vorgang der „Re-Konstruktion“ vergangener Perspektiven („was kann der Junge Henio plausiblerweise zu diesem Zeitpunkt gedacht haben, was können seine Wünsche, Erfahrungen, Erlebnisse etc. gewesen sein?“) und ihre dramatisierende, lokalisierende, kontextualisierende Gestaltung nicht wesentlich von dem, was ernsthaft arbeitende Autoren von Jugendbüchern oft tun.
    2. In den allermeisten Fällen handelt es sich bei den Personen solcher Produkte um explizit fiktionale Gestalten, die an Hand historischer Forschung als möglich und plausibel erkannte Perspektiven etc. zu einer Individualität gestalten, die als möglich, aber eben nicht wirklich dargestellt wird:
      1. Zuweilen werden verbürgte und überlieferte Einzelerfahrungen mehrerer Personen zu einer fiktionalen Figur verdichtet.
      2. zuweilen wird neues (aber eben mögliches) „hinzuerfunden“, so auch „Typisches“ „individualisiert“.
    3. Aber es gibt natürlich auch Beispiele, wo in fiktionalen Gestaltungen „reale“ Personen mit eigenem Denken und Reden, Fühlen und Wollen vorgestellt und gestaltet werden.
      1. Das ist zunächst immer dort der Fall, wo bekannte Einzelpersonen, deren Handeln die Situation geprägt hat, unverzichtbar sind — etwa beim Holocaust Hitler, Höss usw.
      2. es können aber auch verbürgte, dann „fiktional“ überformte Erfahrungen realer Menschen sein — wie etwa die Erinnerungen von Art Spiegelmanns Vater in „Maus“.
    4. In den allermeisten Fällen, die problemlos anerkannt werden, zeichnet jedoch das Setting die Gestaltung als zumindest teil-fiktional bzw. als „literarisch“ gestaltet aus: Der Hitler in „Maus“ ist ebensowenig der reale Hitler wie der Caesar in Asterix — er ist erkennbar eine literarische Gestaltung der realen Person Hitler — ein Verweis auf die Realität, nicht aber die Realität selbst.

Noch einmal zur Perspektivität

Körber, Andreas (1.5.2016): „Noch einmal zur Perspektivität“

In vielen Zusammenhängen des historischen Denkens und Lernens ist von „Perspektivität“ bzw. „Multiperspektivität“ die Rede.

Dem letzteren Prinzip soll dann oft dadurch Rechnung getragen werden, dass Quellen und/oder Darstellungen aus allen (oder wenigstens mehreren) „beteiligten Perspektiven“ genutzt bzw. zur Verfügung gestellt werden.
Dagegen ist zunächst einmal nichts einzuwenden. Man sollte aber auch berücksichtigen, dass „Perspektiven“ nicht einfach in sozialen, kulturellen und anderen (etwa politischen) Positionalitäten oder auch Kombinationen von ihnen aufgehen bzw. von ihnen vollständig determiniert werden. Es ist eben nicht jede „weibliche“ oder jede „sozialdemokratische“ Perspektive gleich -und man wird auch keine zwei völlig identischen Perspektiven finden, wenn man sog. „statistische Zwillinge“ identifizieren könnte, also menschen vergangener Zeit oder auch spätere Historiker, die in einer großen Anzahl sozialer Merkmale übereinstimmen. (Allerdings werden die Perspektiven solcher ähnlich positionierter Akteure ähnlicher sein als diejenigen weit entfernt positionierter).
Perspektiven enthalten individuelle Anteile auf Grund von Erfahrungen und Verarbeitungen derselben. Inwiefern man diese als unaufgeklärte, aber prinzipiell aufklärbare Residuen weiteren sozialer Varianz auffasst oder aber mit „individualität“, „Vorliebe“, „Geschmack“ etc., ist recht egal. Was für den Historiker und für historische Lernende einzusehen und zu berücksichtigen wäre, ist, dass „Perspektiven“ in ihrer Konstitution selbst eben nicht durch die Herausarbeitung der postionsbestimmenden Variablen bestimmen und erklären, sondern müssen aus den Äußerungen (Taten, Handlungen, Reflexionen, Schriften) etc. selbst in historiographischer Form re-konstruiert werden.

Vortrag auf der AERA 2016 in Washington

Körber, Andreas; Meyer-Hamme, Johannes (10.4.2016): „Assessing Historical Thinking with the ‚HiTCH Test‘? Theoretical Approaches, Empirical Findings, and Future Challenges.“ Paper presented to the symposium „International Perspectives on the Assessment of Historical Thinking“ (Chairs: Breakstone, Joel: Meyer-Hamme, Johannes) auf dem Annual Meeting der American Association for Educational Research (AERA2016) in Washington D.C. (USA).

Am 20. April 2016 habe ich zusammen mit Prof. Dr. Johannes Meyer-Hamme einen Vortrag „Assessing Historical Thinking with the ‘HiTCH Test’? Theoretical Approaches, Empirical Findings, and Future Challenges“ im Symposium „International Perspectives on the Assessment of Historical Thinking“ gehalten, das von der Special Interest Group „History Teaching“ veranstaltet wurde.

Körber/Seidl (2016): Interkulturelles Geschichtslernen 2.0

Körber, Andreas; Seidl, Patrizia (2016): Interkulturelles Geschichtslernen 2.0? Aktualisierte und neue Herausforderungen angesichts der Integration Geflüchteter. In Gesa Markmann, Claudia Osburg (Eds.): Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen in der Schule. Impulse für die inklusive Praxis. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, pp. 197–202.

Neuerscheinung:

Im Sammelband der Kolleginnen Claudia Orsburg und Gesa Markmann ist ein Artikel von Patrizia Seidl und Andreas Körber zu möglichen Herauforderungen des Geschichtslernens durch die aktuelle Immigrationen erschienen:

Körber, Andreas; Seidl, Patrizia (2016): Interkulturelles Geschichtslernen 2.0? Aktualisierte und neue Herausforderungen angesichts der Integration Geflüchteter. In Gesa Markmann, Claudia Osburg (Eds.): Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen in der Schule. Impulse für die inklusive Praxis. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, pp. 197–202.

Aufsatz zur Kompetenzmessung

Körber, Andreas (2015): “Messung historischer Kompetenzen – Herausforderungen für die Erstellung eines LSA-geeigneten Kompetenztests.” In: Waldis, Monika; Ziegler, Béatrice (2015: Hgg.): Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 13. Beiträge zur Tagung “Geschichtsdidaktik empirisch 13”. Bern: hep-Verlag; ISBN: 9783035502725, S. 124-138.

Der Beitrag zu den im HiTCH-Projekt wahrgenommenen Herausforderungen bei der Erstellung eines quantitativen Kompetenztests für historisches Denken aud der Tagung „Geschichtsdidaktik empirisch“ in Basel ist erschienen:

Körber, Andreas (2015): “Messung historischer Kompetenzen – Herausforderungen für die Erstellung eines LSA-geeigneten Kompetenztests.” In: Waldis, Monika; Ziegler, Béatrice (2015: Hgg.): Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 13. Beiträge zur Tagung “Geschichtsdidaktik empirisch 13”. Bern: hep-Verlag; ISBN: 9783035502725; S. 124-138.

Aufsatz über Interkulturelles Geschichtslernen am Beispiel der Kreuzzüge

Körber, Andreas (2015): “Die Kreuzzüge – ein ergiebiges Thema für (interkulturelles) Geschichtslernen?” In: Hinz, Felix (2015; Hg.): Kreuzzüge des Mittelalters und der Neuzeit. Realhistorie – Geschichtskultur – Didaktik. Hildesheim: Olms (Historische Europa-Studien, 15); ISBN: 9783487152677 , S. 285-320.

Das Thema der Kreuzzüge ist seit längerem eines der interessanteren für den Geschichtsunterricht, weil es nicht nur dazu einlädt, sondern geradezu erfordert, sowohl über die vergangenen Ge- und Begebenheiten an sich sowie die Alterität der damaligen Handlungsmaximen vieler Akteure gegenüber unseren heutigen nachzudenken sowie die Herkunft und Konstruktion unseres heutigen Wissens darüber zu reflektieren, als auch insbesondere die Varianz der normativen Basis der Rückbezüge auf diese Vergangenheit sowohl in zeitlicher als auch in kultureller Hinsicht  zu berücksichtigen und somit über interkulturelle Fragen des historischen Denkens und Lernens im Besonderen zu lernen und zu kommunizieren.

Felix Hinz hat nun einen Band vorgelegt, der auf einer Tagung in Hildesheim im November 2011 basiert, in welchem das Thema der Kreuzzüge in einer ganzen Palette interessanter Perspektiven (darunter sowohl fachwissenschaftliche, didaktische wie auch solche, die dem Feld der public history zuzurechnen sind) erörtert wird. ich habe dazu folgendes beigetragen:

Körber, Andreas (2015): “Die Kreuzzüge – ein ergiebiges Thema für (interkulturelles) Geschichtslernen?” In: Hinz, Felix (2015; Hg.): Kreuzzüge des Mittelalters und der Neuzeit. Realhistorie – Geschichtskultur – Didaktik. Hildesheim: Olms (Historische Europa-Studien, 15); ISBN: 9783487152677 , S. 285-320.

Neu: Körber/Meyer-Hamme (2015) in Ercikan/Seixas (Eds.): New Directions in Assessing Historical Thinking. New York: Routledge

Körber, Andreas; Meyer-Hamme, Johannes (2015): Historical Thinking, Competencies and their Measurement: Challenges and Approaches. In: Ercikan, Kadriye; Seixas, Peter C. (Hg.) (2015): New Directions in Assessing Historical Thinking. New York: Routledge; p. 89-101.

heute ist erschienen (bzw. hier angekommen):

Ercikan, Kadriye; Seixas, Peter C. (Hg.) (2015): New Directions in Assessing Historical Thinking. New York: Routledge.
Ercikan, Kadriye; Seixas, Peter C. (Hg.) (2015): New Directions in Assessing Historical Thinking. New York: Routledge.

Darin ist auch der Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik der Universität Hamburg vertreten mit folgendem Aufsatz:

Körber, Andreas; Meyer-Hamme, Johannes (2015): Historical Thinking, Competencies and their Measurement: Challenges and Approaches. In: Kadriye Ercikan und Peter C. Seixas (Hg.): New Directions in Assessing Historical Thinking. New York: Routledge, S. 89–101.

Historische Kompetenzniveaudiagnostik als Prüfungsaufgabe — ein Aufgabenbeispiel

Körber, Andreas (25.4.2014): „Historische Kompetenzniveaudiagnostik als Prüfungsaufgabe — ein Aufgabenbeispiel“

Das Konzept der Unterscheidung der Verfügung über historische Kompetenzen in Niveaus („Graduierung“) gemäß dem FUER-Modell ist nicht unmittelbar eingängig.
Allerdings lässt sich immer wieder an verschiedenen Beispielen erläutern, was darunter verstanden werden kann. Zuweilen ist es auch recht augenfällig.

Ein schönes Beispiel ergibt sich aus dem Abdruck zweier Schülerantworten auf eine Klausuraufgabe, die Markus Bernhardt, Ulrich Mayer und Peter Gautschi vor einiger Zeit in ihrem Beitrag zu Christoph Kühbergers Sammelband „Historisches Wissen“ diskutiert haben — wenn auch unter einem anderen Aspekt.(1)

Dieses Material verdeutlicht zum einen zwei unterschiedliche Kompetenzniveaus von Studierenden in einem Teilbereich der historischen Kompetenzen, zum anderen eignet es sich, die Verfügung über dieses Theoriekonzept bei Studierenden selbst zu prüfen.

Im Folgenden dokumentiere ich daher eine Klausuraufgabe aus der Modulabschlussklausur zum Modul „Einführung in die Geschichtsdidaktik“ an der Universität Hamburg aus dem Sommersemester 2012, welche die beiden Texte nutzt(e), sowie die beste dazu vorgelegte Bearbeitung durch eine(n) Studierende(n). Diese Bearbeitung ist keineswegs die umfänglichste gewesen, sondern zeichnet sich dadurch aus, dass sie wesentliches in beinahe schon lakonischer Klarheit benennt und auf den Punkt bringt.

Die Klausuraufgabe (eine unter mehreren) lautete:

  1. In M1 und M2 finden Sie zwei Bearbeitungen Studierender einer geschichtswissenschaftlichen Abschlussklausur. Bearbeiten Sie beide Aufgaben!
    1. Arbeiten Sie heraus, auf welche (gleiche) Aufgabenstellung die beiden Studierenden geantwortet haben!
    2. Vergleichen Sie die Bearbeitungen der beiden Studierenden unter einem selbstgewählten geschichtsdidaktischen Gesichtspunkt!

Das dazugehörige Material lautet:

M1

„Die Antike dauerte von 800 v.Chr. bis 500 n.Chr. In der Antike entwickelten sich viele Ideen und Grundsteine, die für Europa wichtig waren, wie z.B. die Demokratie. Ausschlaggebend in dieser Epoche waren z.B. die Persischen und die Peloponnesischen Kriege. Eine Zäsur ist 475 [476] n. Chr. zu sehen, wo das Weströmische Reich untergeht. Eine neue Epoche – das Mittelalter – beginnt mit einer Reihe von Eroberungskämpfen, die Europa verändern. Das Mittelalter dauerte von 500 c. Chr. bis Ende [des] 15. Jh.[s] an und ist geprägt von Feudalismus, Ständegesellschaft und schlechten Lebensbedingungen und wenig kultureller und gesellschaftlicher Entwicklung. Eine Zäsur ist im Spätmittelalter (14./15. Jh.) zu erkennen: Universitäten, Dynastien entstehen. Es herrscht auch eine radikale Religiosität. Ab dem 16. Jh. herrscht die Neuzeit und diese setzt sich mit der glorreichen Wi[e]dergeburt der Antike – der Renaissance – deutlich vom Mittelalter ab. Das alte, starre Weltbild wird verworfen, Künste und Wissenschaften leben auf und der Humanismus entwickelt sich. Weitere Ereignisse sind der Absolutismus, die Aufklärung und die Französische Revolution sowie die Reformation. Das 19. Jh. beginnt und somit die neu[e]ste Geschichte mit dem 1. Weltkrieg und verändert wieder von Grundauf die Lebensbedingungen und die Karte Europas“

M2

„Das Schema wurde von den Humanisten eingeführt, sie selbst lebten in der ‚Neuzeit‘ (1500 bis heute) und sahen diese als direkte Anknüpfung an die Antike (8. Jh. v. Chr. Bis 5. Jh. n. Chr.). Die Antike wurde mit dem antiken Griechenland und der dort entstandenen ersten Demokratie verbunden. Die Humanisten sahen in der Kultur der Griechen eine Hochkultur, an die sie anknüpfen wollten. Die Antike wird weiterhin mit der Zeit des Hellenismus (Zeit, in der Alexander der Große lebte) und vor allem mit dem römischen Reich verbunden. Mit dem Untergang dieses (5. Jh. nach Chr.) endete nach Vorstellung der Humanisten die Antike. Das Mittelalter (5. Jh. n. Chr. Bis ca. 1500) war nach der humanistischen Ansicht eine trostlose Zeit, in der die Gebäude der Hochkulturen (Griechen, Römer) verfielen, die Pest wütete und religiöse Vereinigungen wie die Scholastiker aktiv waren. Das Mittelalter endete mit der Erfindung des Buchdrucks, der Entdeckung Amerikas (1492) und auch der Reformation (1517). Die Neuzeit, die Zeit der Humanisten, begann mit der Renaissance, in welcher alte Themen aus der Antike wieder aufgegriffen wurden. Man glaubte an den Fortschritt und die Entwicklungsfähigkeit. Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg (bis heute) wird auch als ‚Neu[e]ste Neuzeit‘ bezeichnet.“

Die Bearbeitung lautet wie folgt:

1. „Die Aufgabe, die von den beiden Studenten in M1 und M2 bearbeitet wurde, könnte in etwa lauten: ‚Erläutern Sie die Unterteilung der Geschichte in Epochen‘.“

2. „Eine Definition von historischer Kompetenz ist, dass diese Fähigkeit, Fertigkeit und Bereitschaft meint, Prozesse des historischen Denkens auszuführen und über Prinzipien/Kategorien/Konzepte und Scripts des historischen Denkens zu verfügen. In beiden Bearbeitungen wird die Sachverhaltsanalyse und das Sachurteil ausgeführt. In einer Weiterentwicklung, dem FUER Kompetenzmodell nach Körber/Schreiber u. a., wäre dies die Re-Konstruktion im Fokus Vergangenheit, also die Feststellung der Vergangenheitspartikel und im Fokus Geschichte, also die sinnvolle Verknüpfung dieser Partikel zu einer Zeitverlaufsvorstellung.

Diese Arbeit leisten beide Studenten, da sie aus zuvor festgestellten (hier wohl erlernten) Partikeln der Vergangenheit eine Narration über den Ablauf der Epochen herstellen. In das Werturteil, bzw. den Fokus Gegenwart und Zukunft gehen diese beiden Darstellungen jedoch noch nicht hinein, denn sie erarbeiten weder die Bedeutung für die Gegenwart, noch Handlungsoptionen für die Zukunft (wohl, weil dies auch in der Aufgabenstellung nicht gefordert wurde). Somit zeigen hier beide Studenten die Kompetenz, einzelne Prozesse des historischen Denkens auszuführen.

Der Student im M2 geht aber noch einen Schritt weiter. Er zeigt, dass der Begriff der ‚Epoche‘, bzw. das ‚Schema‘, wie er es nennt, ein Konstrukt ist, welches nachträglich, nämlich in der Neuzeit auf die Geschichte angewandt wurde. Somit wurden die Begriffe ‚Antike‘, ‚Mittelalter‘, ‚ Neuzeit‘ und auch ‚Neu Neuzeit‘ (oder ‚Moderne‘) von Menschen entwickelt. Auch die Bezeichnung ‚Neuzeit‘ wurde von den damaligen Menschen der eigenen Zeit gegeben, da sie an deren Entwicklungsfähigkeit glaubten.

Im Gegensatz dazu wendet der Student in M1 den Begriff „Epoche“ einfach an, ohne ihn zu reflektieren. (So wird er quasi „als gegeben“ und „natürlich“ dargestellt).

Im FUER-Kompetenzmodell gibt es zur ‚Messung‘ der Kompetenzniveaus ein Graduierungsschema. (Im Gegensatz zu einem strikten Stufenmodell oder Standardmodell). Laut diesem Schema läge die Aussage aus M1 auf einen intermediären Niveau (konventionell). Der Student wendet den konventionellen Begriff der ‚Epoche‘ an. (Darunter läge das basale Niveau (a -konventionell)).

Der Student in M2 erkennt hingegen den Konstruktcharakter des Begriffs und erzählt daher auf einem bereits höheren Niveau. Wenn man konventionelle Begriffe nicht nur anwendet, sondern sie reflektiert und sich zu ihnen verhält, handelt es sich um das elaborierte Niveau (transkonventionell). Evtl. erzählt der Student aus M2 eher auf einem elaborierten Niveau (obwohl er sich hier nicht durch eine direkte Bewertung zu dem Begriff verhält).“

Kommentar:

Dem ist wenig hinzuzufügen — außer, dass es keineswegs besonders hochtrabende Theoriebausteine sein müssen, die ein elaboriertes Niveau kennzeichnen, sondern vielmehr der reflektierende Zugriff auf das genutzte Instrumentarium an Konzepten und begriffen, Denkweisen, etc. „Intermediäres“ Denken ist auch insofern keineswegs ein Defizit, sondern es markiert die Anschlussfähigkeit des eigenen Denkens an den jeweiligen Kontext, an die Peer Group. Das reflexive, elaborierte Niveau hingegen markiert die beginnende oder schon gelungene Selbstständigkeit im Denken. Sie zumindest anzustreben, sollte in Universität und Schule selbstverständlich sein.

Das bedeutet aber gleichzeitig, dass die Konventionen durchaus in unterschiedlichen Kontexten verschieden sein können. Von Studierenden ist somit wohl zu erwarten, dass sie andere Konventionen operabel „drauf haben“ als man es von Schülerinnen und Schülern erwarten kann. Entscheidend für die Niveauzuweisung ist somit nicht der konkrete Inhalt der Konvention, sondern der nutzende oder reflexive Zugriff auf sie.

Welches Niveau hat nun die/der Bearbeiter(in) dieser Klausur bewiesen? Indem sie/er das Graduierungskonzept von FUER angewandt hat, beweist sie/er deutlich und in der Ausführung der Antwort auch urteilssicher das intermediäre Niveau hinsichtlich der geschichtsdidaktischen Konzeption der Kompetenzen und ihrer Graduierung, während diese Analyse hinsichtlich des Epochenkonzepts bereits die Reflexion selbst voraussetzt. Für eine Prüfungsleistung am Beginn der Beschäftigung mit der Disziplin Geschichtsdidaktik und einigen wenigen Semestern Erfahrung in der Geschichtswissenschaft ist das sehr beachtlich. Im Vergleich zu den älteren Begriffen Sachverhaltsanalyse und Sachurteil geht die Leistung bereits über dieses intermediäre Niveau hinaus. Eine Reflexion der selbst gewählten und angewandten Konzepts war in der Aufgabe auch nicht ausdrücklich gefordert.

Aber auch das ist natürlich ausbaufähig und es gehört ja auch zum Konzept des Modells, dass es selbst nicht ferngehalten wird von elaborierter Reflexion auf seine Leistungen und Grenzen. Spätestens im Masterstudium auch hierzu argumentationsfähig zu sein, und solche Konzepte und Modelle nicht (nur) für gegebene und anzuwenden zu halten, sondern in und bei ihrer Anwendung auch an ihrer Weiterentwicklung kritisch mitzudenken — das macht in der Tat dann die/den ‚Master‘ aus.

 

Nachweis:

(1) Bernhardt, Markus; Mayer, Ulrich; Gautschi, Peter (2012): Historisches Wissen – was ist das eigentlich? In: Christoph Kühberger (Hg.): Historisches Wissen. Geschichtsdidaktische Erkundung zu Art, Tiefe und Umfang für das historische Lernen. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag (Forum Historisches Lernen), S. 103–118.

Körber, Andreas: "Historical Thinking and Historical Competencies as Didactic Core Concepts"

Körber, Andreas: „Historical Thinking and Historical Competencies as Didactic Core Concepts“. In: Bjerg, Helle; Körber, Andreas; Lenz, Claudia; von Wrochem, Oliver (2014; Eds.): Teaching Historical Memories in an Intercultural Perspective. Concepts and Methods. Experiences and Results from the TeacMem Project. Berlin: Metropol (Neuengammer Kolloquien; 4); ISBN: 9783863311148, S. 69-96.

gerade erschienen:

Körber, Andreas: „Historical Thinking and Historical Competencies as Didactic Core Concepts“. In: Bjerg, Helle; Körber, Andreas; Lenz, Claudia; von Wrochem, Oliver (2014; Eds.): Teaching Historical Memories in an Intercultural Perspective. Concepts and Methods. Experiences and Results from the TeacMem Project. Berlin: Metropol (Neuengammer Kolloquien; 4); ISBN: 9783863311148, S. 69-96.

Neuerscheinung: Bjerg/Körber/Lenz/v. Wrochem (Eds.; 2014): Teaching Historical Memories

Bjerg, Helle; Körber, Andreas; Lenz, Claudia; von Wrochem, Oliver (2014; Eds.): Teaching Historical Memories in an Intercultural Perspective. Concepts and Methods. Experiences and Results from the TeacMem Project. Berlin: Metropol (Neuengammer Kolloquien; 4); ISBN: 9783863311148.

Bjerg, Helle; Körber, Andreas; Lenz, Claudia; von Wrochem, Oliver (2014; Eds.): Teaching Historical Memories in an Intercultural Perspective. Concepts and Methods. Experiences and Results from the TeacMem Project. Berlin: Metropol (Neuengammer Kolloquien; 4); ISBN: 9783863311148. Darin:

  • Körber, Andreas: „Historical Thinking and Historical Competencies as Didactic Core Concepts“; pp. 69-96.
  • Körber, Andreas „De-Constructing Memory Culture.“ pp. 145-150.

 

 

 

In dieser Woche ist eine Publikation erschienen, an welcher Mitglieder des Arbeitsbereichs beteiligt waren:

Bjerg, Helle/Körber, Andreas/Lenz, Claudia et al. (Hg.) (2014): Teaching Historical Memories in an Intercultural Perspective. Concepts and Methods (= Neuengammer Kolloquien, Band 4), Berlin.

Bjerg/Körber/Lenz/von Wrochem (Eds.; 2014)

Vgl. auch: Blog-Eintrag im Blog des Projects TeacMem