Gefallenenehrung in Wentorf? (2)

Im April dieses Jahres berichtete die Berge­dor­fer Zeitung von Plä­nen der Gemeinde Wen­torf, das dor­tige Kriegerehren­mal aus den 1920er Jahren, das in Bezug auf den Zweit­en Weltkrieg nur die Ergänzung “1939–1945” trägt, um eine neue Bronzetafel mit den Namen Wen­tor­fer Gefal­l­en­er zu ergänzen. In dem Artikel und in den dort zitierten Äußerun­gen der Ini­tia­toren wurde dies aus­drück­lich als beab­sichtigte “Ehrung”  beze­ich­net. Das Denkmal fir­miert bei der Gemeinde aus­drück­lich als “Ehren­denkmal” (etwa hier).

Zu diesen Plä­nen habe ich sein­erzeit einen Brief (Wentorf_BZ_Gedenken_1) an die Gemeinde Wen­torf und auch an die BZ geschrieben (s. Beitrag in diesem Blog), der auf Grund sein­er Länge jedoch nicht als Leser­brief abge­druckt wurde.

Später wurde ‑wiederum in der BZ- berichtet, dass diese Ehrentafel nun am 25.10. eingewei­ht wer­den soll.

Aus dem Kreise der Ini­tia­toren­wird behauptet, Kri­tik an diesem Vorhaben verkenne die Zusam­men­hänge; es han­dle sich nicht um ein “Heldenge­denken”. Dem ist aber dur­chaus einiges ent­ge­gen­zuhal­ten:

Denkmal in Wentorf; Zustand 6/2009; Foto: Körber
Denkmal in Wen­torf von 1925; Entwurf: Friedrich Ter­no; Zus­tand 6/2009; Foto: Kör­ber; Inschrift “Dem leben­den Geist unser­er Toten”
Denkmal in Wentorf; Zustand 6/2009; Detail (Foto: A.Körber): Inschrift auf dem Schwert: "Treue bis zum Tod". Die Inschrift auf der anderen Seite des Schwerts lautet "Vaterland"
Denkmal in Wen­torf von 1925; Entwurf: Friedrich Ter­no; Zus­tand 6/2009; Detail (Foto: A.Körber): Inschrift auf dem Schw­ert: “Treue bis zum Tod”. Die Inschrift auf der anderen Seite des Schw­erts lautet “Vater­land”

Nicht nur angesichts der Tat­sache, dass unter den Namen, die im April als zu “ehrende” veröf­fentlicht wur­den, min­destens ein­er einen SS-Unter­schar­führer beze­ich­net, dessen Tod von seinen Eltern in der SS-Zeitung “Das Schwarze Korps” in ein­deutig pro­pa­gan­dis­tis­ch­er Manier angezeigt wurde, muss sich die Gemeinde Wen­torf die Frage gefall­en lassen, ob “Ehrung” hier die richtige Kat­e­gorie des Gedenkens ist, und ob also das Gedenken in dieser Form und an diesem Ort angemessen sein kann.

Trauernzeige für SS-Unterscharführer Reinhold Grieger. Aus: Das Schwarze Korps, Jg. 10, Nr. 16; 20.4.1944, S. 8.
Trauernzeige für SS-Unter­schar­führer Rein­hold Grieger. Aus: Das Schwarze Korps, Jg. 10, Nr. 16; 20.4.1944, S. 8.

Man gewin­nt den Ein­druck, dass hier doch, nach­dem genug Zeit ins Land gegan­gen ist, dort wieder angeknüpft wer­den soll, wo man in den 1950er jahren nicht ein­fach weit­er zu machen wagte (es aber wohl eigentlich wollte), näm­lich bei der Glo­ri­fizierung der eige­nen Gefal­l­enen ohne hin­re­ichende Berück­sich­ti­gung der Zusam­men­hänge ihres Todes.

Gegen eine Bekun­dung von Trauer als Ver­ar­beitung des men­schlichen Ver­lustes kann man sin­nvoller­weise nichts oder wenig ein­wen­den. Auch ist dur­chaus nachzu­vol­lziehen, dass für die Ange­höri­gen der­jeni­gen, die keine andere Grab­stätte haben, ein konkreter Ort des Erin­nerns wichtig ist.

Eine Würdi­gung dieser Män­ner als Men­schen ist wohl in den aller­meis­ten Fällen auch dur­chaus ange­bracht — aber eine öffentliche sym­bol­is­che “Ehrung” an diesem Gefal­l­enenehren­mal muss zwangsläu­fig auch als pos­i­tive Wer­tung der Tat­sache ihres Ster­bens ver­standen wer­den.

Auch wenn das nicht expliz­it als “Heldenge­denken” gedacht ist — die Gestal­tung des gesamten Denkmals spricht trotz der expres­sion­is­tis­chen Anklänge diese Sprache. Das Schw­ert im Helm als Sinnbild für die Unmen­schlichkeit von Krieg und das Mah­n­mal somit als ein Friedens­mal anzuse­hen,  ist untriftig. Vielmehr deutet es auf die Gefahren hin, die im Krieg lauern und auf die Opfer, die zu brin­gen sind.

Eine Würdi­gung der Gefal­l­enen als “Opfer” des Krieges, die aus dem ganzen Denkmal ein Mah­n­mal machen würde, erscheint somit unglaub­würdig. Wer hier nicht “Heldenge­denken” erken­nen mag oder kann, wird doch min­destens an ihren Tod als ein für das Vater­land “treu” gebracht­es “Opfer” denken. Opfer also im Sinne von “sac­ri­fice”, von Aufopfer­ung denken kön­nen, nicht aber im Sinne von unschuldigen “vic­tims”. Und Opfer in diesem Sinne gel­ten nun ein­mal für eine “gute Sache”. — Der Zweite Weltkrieg auf deutsch­er Seite — eine gute Sache?

Haben wir denn nicht endlich gel­ernt zu dif­feren­zieren?

Ini­tia­toren und Gemeinde müssen sich also fra­gen lassen, wofür dieses “Ehren­mal” ste­hen soll, welche Geschichte es erzählen soll, welchen Bezug zum erin­nerten Geschehen es aus­drück­en soll.

Hier soll doch wohl kein neuer Ort für Gedenk­feiern entste­hen, wie sie ger­ade auch die NPD an solchen Denkmälern immer noch abhält?

Ger­ade weil Erin­nerung und Gedenken immer poli­tisch sind und ihre öffentlichen Sym­bole immer poli­tisch gele­sen wer­den, sollte entwed­er eine ein­deutige und den Werten der Bun­desre­pub­lik entsprechende Sym­bo­l­ik und Ter­mi­nolo­gie gewählt wer­den — oder man sollte das berechtigte Inter­esse der Trauer um die eige­nen Toten doch lieber im pri­vat­en Rah­men belassen.

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Nach­trag:

Gastvortrag: Learning Each Other’s Historical Narrative

Learning Each Other‘s Historical Narrative — Gastvortrag

Vor­trag am 16. Juli 2009 16:15

Ein­ladung zu einem

Gastvor­trag
in englis­ch­er Sprache

Prof. Dr. Shifra Sagy
(Ben-Guri­on-Uni­ver­si­ty of the Negev;
Beer-She­va, Israel)

Prof. Dr. Sami Adwan
(Beth­le­hem Uni­ver­si­ty,
Pales­tin­ian Author­i­ty)

Learn­ing Each Other‘s His­tor­i­cal Nar­ra­tive
An inno­v­a­tive form of peace-pro­mot­ing his­to­ry teach­ing and its back­ground con­di­tions in con­flict­ing soci­eties

Sami Adwan, Prof. of Edu­ca­tion in Beth­le­hem, is co-ini­tia­tor (togeth­er with the late with Dan Bar-On) and co-direc­tor of PRIME, the Peace-Research Insti­tute for the Mid­dle East in Tal­itha Kumi. In this func­tion, he ini­ti­at­ed a project for pro­mot­ing a cul­ture of mutu­al under­stand­ing among Jew­ish Israeli and Pales­tin­ian Stu­dents using a his­to­ry text­book pre­sent­ing the his­to­ry of their soci­eties‘ con­flict in two con­trast­ing nar­ra­tives (Learn­ing each other‘s his­tor­i­cal nar­ra­tive; 3 vol­umes). This project makes use of prin­ci­ples which cor­re­late with stan­dard prin­ci­ples of his­to­ry teach­ing, the­o­ret­i­cal­ly cher­ished in Ger­man his­to­ry didac­tics, how­ev­er not ful­ly imple­ment­ed in teach­ing mate­ri­als so far (mul­ti­per­spec­tiv­i­ty, con­tro­ver­sial­ty, ori­en­ta­tion on nar­ra­tives rather than only on pri­ma­ry sources). Prof. Adwan will give a pre­sen­ta­tion about the idea of, the con­cept for and the expe­ri­ences with this project.

Shifra Sagy, Prof. of Psy­chol­o­gy, has under­tak­en empir­i­cal research about the per­cep­tion of the mutu­al con­flict among Jew­ish and Arab Israeli stu­dents in a lon­gi­tu­di­nal study. She will present her results and dis­cuss them with spe­cial regard to effects of the the chang­ing polit­i­cal sit­u­a­tion onto both the per­cep­tion and inter­pre­ta­tion both of the past and on the atti­tudes towards the oth­er.

Fakultät für Erziehungswis­senschaft, Psy­cholo­gie und Bewe­gungswis­senschaft

Pro­fes­sur für Erziehungswis­senschaft

unter bes. Berück­sich­ti­gung der Didak­tik der Geschichte und der Poli­tik

Prof. Dr. Andreas Kör­ber

Kompetenzen zeitgeschichtlichen Denkens

Kör­ber, Andreas (2008): “Kompetenz(en) zeit­geschichtlichen Denkens. Eine Skizze.” In: Bar­ri­cel­li, Michele; Hornig, Julia (2008; Hgg.): Aufk­lärung, Bil­dung, ‘His­to­tain­ment’? Zeit­geschichte in Unter­richt und Gesellschaft heute. Frank­furt am Main u.a.: Peter Lang; ISBN: 9783631565353; S. 43–66.

Der fol­gende Beitrag greift die Diskus­sion darum auf, ob bzw. inwieweit “Zeit­geschichte” eine Teild­iszi­plin der Geschichtswis­sennschaft ist, welche eine gegenüber den anderen beson­dere Method­olo­gie benötigt, und inwieweit somit auch zeit­geschichtlich­es Ler­nen eine gewisse Son­der­stel­lung im his­torischen Ler­nen einnimmt.Er ver­sucht, mit Hil­fe des Kom­pe­tenz­mod­ells “His­torisches Denken” der FUER-Gruppe eine verbindende Antwort.

Kör­ber, Andreas (2008): “Kompetenz(en) zeit­geschichtlichen Denkens. Eine Skizze.” In: Bar­ri­cel­li, Michele; Hornig, Julia (2008; Hgg.): Aufk­lärung, Bil­dung, ‘His­to­tain­ment’? Zeit­geschichte in Unter­richt und Gesellschaft heute. Frank­furt am Main u.a.: Peter Lang; ISBN: 9783631565353; S. 43–66.

Vortrag zu zeitgeschichtlichen Kompetenzen

Kör­ber, Andreas (2. 3. 2007): “Kom­pe­tenz­mod­elle der poli­tis­chen Bil­dung. Anmerkun­gen zu Dimen­sion­al­ität und Graduierung sowie Über­legun­gen zu „zeit­geschichtlichen Kom­pe­ten­zen.” Vor­trag auf der Tagung “Aufk­lärung, Bil­dung, „His­to­tain­ment“? – Zeit­geschichte in Unter­richt und Gesellschaft heute.” Berlin, FU, 2. – 3. 3. 2007.

Kör­ber, Andreas (2. 3. 2007): “Kom­pe­tenz­mod­elle der poli­tis­chen Bil­dung. Anmerkun­gen zu Dimen­sion­al­ität und Graduierung sowie Über­legun­gen zu „zeit­geschichtlichen Kom­pe­ten­zen.” Vor­trag auf der Tagung “Aufk­lärung, Bil­dung, „His­to­tain­ment“? – Zeit­geschichte in Unter­richt und Gesellschaft heute.” Berlin, FU, 2. – 3. 3. 2007.

Vortrag zum Stresemann-Film von 1955/57

Kör­ber, Andreas (23.3.2001): „”Der Stre­se­mann-Film in der öffentlichen Erin­nerung an Gus­tav Stre­se­mann.” Vor­trag auf der Tagung „Gus­tav Stre­se­mann (1878 – 1929) – Ein deutsch­er Poli­tik­er“. Gemein­sames inter­na­tionales Kol­lo­qui­um der Uni­ver­sität Kiel und der Friedrich-Nau­mann-Stiftung mit Unter­stützung der Fritz-Thyssen-Stiftung aus Anlass des 75. Jahrestages der Ver­lei­hung des Frieden­sno­bel­preis­es an Gus­tav Stre­se­mann und Aris­tide Briand. Gum­mers­bach: Theodor-Heuss-Akademie der Friedrich-Nau­mann-Stiftung, 23. – 25. März 2001.

Kör­ber, Andreas (23.3.2001): „”Der Stre­se­mann-Film in der öffentlichen Erin­nerung an Gus­tav Stre­se­mann.” Vor­trag auf der Tagung „Gus­tav Stre­se­mann (1878 – 1929) – Ein deutsch­er Poli­tik­er“. Gemein­sames inter­na­tionales Kol­lo­qui­um der Uni­ver­sität Kiel und der Friedrich-Nau­mann-Stiftung mit Unter­stützung der Fritz-Thyssen-Stiftung aus Anlass des 75. Jahrestages der Ver­lei­hung des Frieden­sno­bel­preis­es an Gus­tav Stre­se­mann und Aris­tide Briand. Gum­mers­bach: Theodor-Heuss-Akademie der Friedrich-Nau­mann-Stiftung, 23. – 25. März 2001.

Artikel über die öffentliche Erinnerung an Gustav Stresemann

Kör­ber, Andreas (2000): “Die öffentliche Erin­nerung an Gus­tav Stre­se­mann. Eine Geschichte his­to­ri­ographis­chen Fortschritts?” In: Bernd Schöne­mann; Bernd Müt­ter; Uwe Uffel­mann (Hgg.; 2000): Geschicht­skul­tur. The­o­rie — Empirie — Prag­matik. Wein­heim: Deutsch­er Stu­di­en Ver­lag (Schriften zur Geschichts­di­dak­tik; 11), ISBN: 9783892719182; S. 349–358.

Kör­ber, Andreas (2000): “Die öffentliche Erin­nerung an Gus­tav Stre­se­mann. Eine Geschichte his­to­ri­ographis­chen Fortschritts?” In: Bernd Schöne­mann; Bernd Müt­ter; Uwe Uffel­mann (Hgg.; 2000): Geschicht­skul­tur. The­o­rie — Empirie — Prag­matik. Wein­heim: Deutsch­er Stu­di­en Ver­lag (Schriften zur Geschichts­di­dak­tik; 11), ISBN: 9783892719182; S. 349–358.

Vortrag zur öffentlichen Erinnerung an Gustav Stresemann

Kör­ber, Andreas (5.10.1999): “Die öffentliche Erin­nerung an Gus­tav Stre­se­mann. Eine Geschichte his­to­ri­ographis­chen Fortschritts?” Vor­trag auf der XIII. Zwei-Jahresta­gung der Kon­ferenz für Geschichts­di­dak­tik (KGD) 1999 in Seeon; 4.–5.10. 1999

Kör­ber, Andreas (5.10.1999): “Die öffentliche Erin­nerung an Gus­tav Stre­se­mann. Eine Geschichte his­to­ri­ographis­chen Fortschritts?” Vor­trag auf der XIII. Zwei-Jahresta­gung der Kon­ferenz für Geschichts­di­dak­tik (KGD) 1999 in Seeon; 4.–5.10. 1999

Dissertation über die öffentliche Erinnerung an Gustav Stresemann

Kör­ber, Andreas (1999): ‘Europäer’, ‘Patri­ot’, ‘Weg­bere­it­er’ und ‘poten­tieller Ver­hin­der­er’ Hitlers. His­torisch-poli­tis­che Sinnbil­dun­gen in der öffentlichen Erin­nerung an Gus­tav Stre­se­mann. Dis­ser­ta­tion; Ham­burg. Uni­ver­sität; Fach­bere­ich Geschichtswis­senschaft, Jan­u­ar 1999.

Kör­ber, Andreas (1999): ‘Europäer’, ‘Patri­ot’, ‘Weg­bere­it­er’ und ‘poten­tieller Ver­hin­der­er’ Hitlers. His­torisch-poli­tis­che Sinnbil­dun­gen in der öffentlichen Erin­nerung an Gus­tav Stre­se­mann. Dis­ser­ta­tion; Ham­burg. Uni­ver­sität; Fach­bere­ich Geschichtswis­senschaft, Jan­u­ar 1999.