Vortrag zur Geschichte der Lehrerbildung in Hamburg

Kör­ber, Andreas (2019). Lehrerbil­dung an der Uni­ver­sität Ham­burg: Ein Rück­blick im Lichte der anste­hen­den Reform (=(Fast) 100 Jahre Uni­ver­sität Ham­burg). Ham­burg.

Kör­ber, Andreas (2019). Lehrerbil­dung an der Uni­ver­sität Ham­burg: Ein Rück­blick im Lichte der anste­hen­den Reform (=(Fast) 100 Jahre Uni­ver­sität Ham­burg). Ham­burg. https://lecture2go.uni-hamburg.de/l2go/-/get/v/24299

Opfer-Identifikation in der Erinnerungspädagogik — ein paar unsystematische Gedanken [2014]

1. Einleitung

Gedenkstät­ten­päd­a­gogik ist eine Form his­torischen Ler­nens. Dementsprechend find­et an Gedenkstät­ten sowohl in informellen und ’spon­ta­nen’ als auch in inten­tionalen, organ­isierten Lern­prozessen his­torisches Ler­nen statt. Dabei spielt das Konzept der Iden­ti­fika­tion mit den Opfern, resp. zumin­d­est mit deren Per­spek­tive, eine bedeu­tende Rolle — wenn auch eine keineswegs ein­deutige. Einige Beispiele mögen aus­re­ichen.

  • So wird etwa auf der Web­seite der Ausstel­lungs-Ini­tia­tive “Mit der Reichs­bahn in den Tod” in eher bedauern­dem Ton fest­gestellt:

    “Im ’nor­malen’ Geschicht­sun­ter­richt gelingt es kaum emo­tionale Iden­ti­fika­tion mit den Opfern herzustellen, weil die Ver­brechen der Nation­al­sozial­is­ten sel­ten durch Biogra­phien der Opfer per­son­al­isiert wer­den.“1

  • Chris­t­ian Schnei­der betont, dass die Iden­ti­fika­tion mit den Opfern die Grund­lage der engagierten Auseinan­der­set­zung mit dem Nation­al­sozial­is­mus und Holo­caust durch die poli­tisierte akademis­che Nachkriegs­gen­er­a­tion gewe­sen ist — anknüpfend an die Posi­tion Max Horkheimers, der den Ermorde­ten seine Stimme geliehen habe.2
  • Nor­bert Frei betonte in gle­ich­er Rich­tung, dass die Iden­ti­fika­tion mit den Opfern “Aus­druck ein­er bewußten Dis­tanzierung gegenüber der Eltern­gener­a­tion bedeutete” und bei aller Kri­tik (etwa durch Diederich Diederich­sen) als “unangemessene Wärme, als Ein­füh­lungs- und Angemessen­heits­begehren” den Vorteil gehabt habe, den “Antag­o­nis­mus zwis­chen Opfern und Tätern aufrechtzuer­hal­ten”.3
  • Demge­genüber wird mehrfach betont,
    • dass für junge Men­schen heute diese Iden­ti­fika­tion “nicht unbe­d­ingt das Nahe­liegende sei“4
    • dass eine solche Iden­ti­fika­tion für Jugendliche — zumal mit Migra­tionsh­in­ter­grund — wenig attrak­tiv sei.5

Von recht­sex­tremer (“revi­sion­is­tis­ch­er”) Seite wird das (in den jew­eils besproch­enen Mate­ri­alien, Tex­ten o.ä. tat­säch­liche oder ver­meintliche) Ziel ein­er Iden­ti­fika­tion heutiger Jugendlich­er mit den Opfern empört abgelehnt, was als ein Indiz dafür gew­ertet wer­den kann, dass sie als dur­chaus wirk­sam eingeschätzt wird im Sinne ein­er men­schen­rechtlich fundierten, nicht-aggres­siv­en und nicht auf Ressen­ti­ments beruhen­den huma­nen Per­spek­tive auf die eigene Ver­gan­gen­heit.6

Es mag hil­fre­ich sein, die Zielvorstel­lung der Iden­ti­fika­tion mit der Opfer­per­spek­tive unter zwei Gesicht­spunk­ten nicht primär gedenkstätten‑, son­dern geschichts­di­dak­tis­ch­er Prove­nienz zu analysieren. Der fol­gende Ver­such stellt dabei lediglich einen Diskus­sions­beitrag dar, kein abschließen­des Ergeb­nis ein­er Analyse. Rück­mel­dun­gen sind daher mehr als willkom­men.

2. Zum Begriff des historischen Lernens

Prozesse der Geschichtsver­mit­tlung (nicht nur) in Gedenkstät­ten sind Sinnbil­dung­sprozesse. Insofern bei solchen Ver­anstal­tun­gen his­torische Nar­ra­tio­nen von Mitar­beit­ern, Besuch­ern, Zeitzeu­gen etc. aktu­al­isiert, erzählt und miteinan­der in Bezug geset­zt wer­den, so dass neue entste­hen (kön­nen), beste­ht dieses his­torisches Ler­nen in his­torischem Denken. Das bedeutet, dass in Anwen­dung his­torisch­er Kom­pe­ten­zen Ori­en­tierun­gen und Iden­titäten bestätigt oder verän­dert wer­den. Dies entspricht dem Konzept des his­torischen Ler­nens, das auch klas­sis­chem Geschicht­sun­ter­richt zu Grunde liegt, in dem näm­lich den Ler­nen­den (trotz und bei aller Meth­o­de­nori­en­tierung) bes­timmte his­torische Deu­tun­gen, Sach- und Wer­turteile wenn nicht angeson­nen, so doch zur Reflex­ion vorgestellt wer­den. Es ist im Übri­gen auch in der Grund­fig­ur des Konzepts his­torischen Ler­nens bei Jörn Rüsen, für den his­torisches Ler­nen und his­torisches Denken grund­sät­zlich struk­tur­gle­ich sind: His­torisches Ler­nen beste­ht in Prozessen der Sinnbil­dung über Zeit­er­fahrung.
Diesem Konzept gegenüber existiert aber auch ein weit­eres Ver­ständ­nis his­torischen Ler­nens, das sich mit dem ersten nicht gegen­seit­ig auss­chließt, wohl aber zu diesem “quer” liegt. His­torisches Ler­nen in diesem Sinne ist die Befähi­gung zu eigen­ständi­ger his­torisch­er Ori­en­tierung durch Sinnbil­dung, nicht diese Sinnbil­dung selb­st. His­torisch gel­ernt hat dem­nach nicht nur und vor allem der­jenige, der mit einem neuen Ver­ständ­nis ein­er his­torischen Zeit, eines Ereigniss­es, eines Zeital­ters oder Zusam­men­hangs aus­ges­tat­tet wird oder sich ein solch neues Ver­ständ­nis selb­st erar­beit­et, son­dern vornehm­lich der­jenige, der seine kog­ni­tive und emo­tionale bzw. moti­va­tionale Befähi­gung dazu ela­bori­ert hat. Natür­lich geht dieses nicht ohne die Arbeit an konkreten Gegen­stän­den, The­men, Prob­le­men und somit wird das erst­ge­nan­nte Ver­ständ­nis his­torischen Ler­nens beim zweit­en immer mit aufzufind­en sein. Wichtig ist hinge­gen im Sinne ein­er kom­pe­ten­zori­en­tierten Didak­tik, dass ersteres Ver­ständ­nis nicht allein bleibt und so dom­i­nant wird, dass alle Befähi­gung zur Eigen­ständigkeit nur Gar­nierung wird.
Dies aber hat Kon­se­quen­zen für his­torisches Ler­nen auch an Gedenkstät­ten. Wenn es nicht nur Iden­ti­fika­tio­nen über­mit­teln soll, son­dern die Rezip­i­en­ten auch dazu befähi­gen, mit neuen Her­aus­forderun­gen dieser Iden­titäten in der nach- und außer­schulis­chen Zukun­ft selb­st­ständig und ver­ständig umzuge­hen, dann muss auch der Reflex­ion und Elab­o­ra­tion der “Denkzeuge”, der Kat­e­gorien und Begriffe sowie der Ver­fahren Aufmerk­samkeit gewid­met wer­den. Dies hat Kon­se­quen­zen auch für den Umgang mit den Kat­e­gorien “Täter” und “Opfer”.

3. Täter und Opfer als Thema und Identifikationsgegenstand in der heterogenen Gesellschaft

3.1 Zu den Begriffen “Täter” und “Opfer”

Die in der Gedenkstät­ten­päd­a­gogik wie in der Erin­nerungskul­tur und ‑poli­tik ver­bre­it­et ver­wen­de­ten Begriffe des “Täters” und des “Opfers” wie auch die weit­eren Begriffe der “Mitläufer” und des “Helden” sind keineswegs “objek­tive” Beze­ich­nun­gen für Rollen, welche Men­schen in ver­gan­genen Sit­u­a­tio­nen und Hand­lungszusam­men­hän­gen ein­genom­men bzw. aus­ge­füllt haben. An sich sind diese Begriffe selb­st nicht his­torisch; vielmehr han­delt es sich um soziale Begriffe, die für ver­gan­gene wie gegen­wär­tige und gar zukün­ftige Zeit­en gle­icher­maßen ver­wen­det wer­den kön­nen. Men­schen kön­nen sowohl in der Zeit ihres Erlei­dens eines Unrechts als “Opfer” (er/sie wird Opfer ein­er tat eines anderen) bzw. während der Zufü­gung eines Unrechts als “Täter” beze­ich­net wer­den (es/sie bege­ht eine Tat), wie die Erwartung diese Beze­ich­nun­gen für zukün­ftige Sit­u­a­tio­nen und soziale Rollen möglich macht (wenn wir so weit­er machen, wer­den wir … zum Opfer fall­en — oder uns ein­er Tat schuldig machen).
In der Geschichts- und Erin­nerungskul­tur wie in der Gedenkstät­ten­päd­a­gogik und ver­wandten Diszi­plinen haben wir es aber mit ein­er Ver­wen­dung dieser Begriffe zu tun, bei denen die Zeitin­dizes des Benan­nten und des Benen­nen­den in ander­er Form auseinan­dertreten: Wenn wir hier jeman­den als “Opfer” bzw. als “Täter” beze­ich­nen, ist es (eben­so wie bei den ver­wandten Beze­ich­nun­gen “Held”, “Mitläufer” etc.) muss wed­er er selb­st noch seine Mitwelt seine Rolle in der Zeit des Geschehens notwendig mit diesem Begriff beze­ich­net haben. In den aller­meis­ten Fällen wird das der Fall gewe­sen sein, aber es ist nicht notwendig. “Opfer” des Holo­caust sind ger­ade auch diejeni­gen, die sich keineswegs “wie die Schafe zur Schlacht­bank” haben treiben lassen, son­dern die aktiv Wider­stand geleis­tet haben, aber auch “Täter” sind keineswegs nur diejeni­gen, die in vollem Bewusst­sein und mit Absicht eine “Tat” began­gen haben. Es ist eine Eigen­schaft his­torisch­er Begriffe, dass sie Ereignisse, Tat­en, Inten­tio­nen und Zustände ein­er Zeit mit dem Denk- und Wer­tungsin­stru­men­tar­i­um ein­er anderen Zeit beze­ich­nen. Die Nutzung der genan­nten Begriffe in der Zeit des Geschehens selb­st lässt bei­de Zei­tho­r­i­zonte nut zusam­men­fall­en, schon bei der Vor-Aus­sicht in die Zukun­ft treten sie auseinan­der. Rel­e­vant wird das Phänomen aber dann, wenn es um die Ver­gan­gen­heit geht.
Diese mit Blick auf Begriffe for­mulierte Ein­sicht ist dabei nur eine Vari­ante ein­er grund­sät­zlichen Erken­nt­nis über die Natur von Geschichte und Erin­nerung: Sie lassen sich nicht anders fassen als in Form von je gegen­wär­ti­gen Aus­sagen über Ver­gan­ge­nes.7 Sie zeigt, dass Begriffe im His­torischen (wie in allen anderen Bere­ichen) nicht nur Ter­mi­ni sind, mit denen ‘objek­tiv’ gegebenes beze­ich­net wird, son­dern dass sie Konzepte sind, mit denen die Welt organ­isiert wird.8
Die skizzierte Ein­sicht ist ins­beson­dere im Blick auf die Täter rel­e­vant: Nicht jed­er, der heute, in Ken­nt­nis sowohl des Gesamtzusam­men­hangs der Ereignisse als auch ihrer Ergeb­nisse und Fol­gen, nicht zu let­zt aber auch im Besitz von Infor­ma­tio­nen über Inten­tio­nen etc. (zu Recht) mit dem Begriff des “Täters” beze­ich­net wird, muss sich selb­st als solch­er gese­hen haben. Selb­st gut gemeinte Hand­lun­gen kön­nen für den Sta­tus des “Täters” qual­i­fizieren, ohne dass dies ein valides Argu­ment gegen diese Beze­ich­nung liefern würde. Das gilt selb­st für viele Täter im Holo­caust, denen (wie Har­ald Welz­er plau­si­bel argu­men­tiert) oft nicht vorge­wor­fen wer­den kann, dass sie “unethisch” gehan­delt hät­ten, wohl aber, dass das Uni­ver­sum, dem gegenüber sie moralisch han­deln zu müssen glaubten, eingeschränkt war und andere Men­schen (ihre “Opfer”) der­art sys­tem­a­tisch auss­chloss, dass Hand­lun­gen, die wir aus ander­er (uni­ver­sal­is­tis­ch­er) Per­spek­tive als “Tat­en” (=Ver­brechen) qual­i­fizieren müssen, ihnen als “Helden­tat­en” vorgekom­men sein mögen. Nicht alles was nach “bestem Wis­sen und Gewis­sen” getan wird, muss also pos­i­tiv beurteilt wer­den. Allerd­ings bedarf es auch hier ein­er Dif­feren­zierung: es beste­ht dur­chaus ein Unter­schied zwis­chen der his­torischen Beurteilung der “Tat­en” eines Hex­en­richters des 16. Jahrhun­derts, dessen Todesurteil wir heute eben­falls miss­bil­li­gen müssen, und der­jeni­gen der Tat­en der Ver­brech­er des Holo­caust: Let­zteren war es denkmöglich, ihren exk­lu­sives “moralis­ches” Uni­ver­sum als solch­es zu erken­nen, die Mon­strosität eines Denkens zu erfassen, welch­es Men­schen aus der Teil­habe an der Qual­ität des Men­sch­seins auss­chloss. Diese kon­junk­tivis­che Möglichkeit, auch anders (bess­er) gekon­nt zu haben, qual­i­fiziert die Hand­lun­gen zu “Tat­en”.
Ein zweit­er Aspekt kommt hinzu: Alle diese Begriffe haben als his­torische Beze­ich­nun­gen für Men­schen die Eigen­schaft, sie schein­bar auf die durch sie benan­nte Eigen­schaft zu reduzieren. Das ist vor allem mit Blick auf die Opfer, aber auch für die Täter von Belang — wenn auch in etwas ander­er Art und Weise: Auch wenn kein Täter nur Täter war, wenn selb­st der kom­men­dant von Auschwitz ein lieben­der Fam­i­lien­vater war, so bleibt er doch Täter. Es gibt kein Aufwiegen des Schlecht­en durch das Gute. Ander­er­seits ist es dur­chaus ein Prob­lem, die Opfer nur als Opfer zu denken. Sie waren mehr als das. Sie waren Men­schen mit einem voll­ständi­gen Leben, mit Hoff­nun­gen, Plä­nen (und wohl nicht immer nur ehren­werten), mit Schwierigkeit­en — und mit der Fähigkeit zum Han­deln. Vol­lens prob­lema­tisch wird es bei den­jeni­gen, die Täter und Opfer in ein­er Per­son vere­inen, bei Kapos, Funk­tion­shäftlin­gen, bei lei­den­den, die ihr eigenes Leid ver­ringert haben mögen, indem sie absichtlich oder auch nur unab­sichtlich anderen weit­eres Leid zuge­fügt haben — und natür­lich bei den Tätern, die auch “gute” Momente hat­ten.
Es muss also fest­ge­hal­ten wer­den, dass “Opfer” und Täter” wie all die anderen Beze­ich­nun­gen mit Vor­sicht zu genießen sind, weil sie Essen­tial­isieren und weil sie den Zeitin­dex der in ihren konzen­tri­erten Nar­ra­tive (früheres Geschehen und Han­deln von später beurteilt) nicht offen zur Schau stellen.
Als let­zter Aspekt sei erwäh­nt, dass ins­beson­dere der Opfer-Begriff eine zweite Dop­peldeutigkeit aufweist, die zumin­d­est in der deutschen Sprache gegeben ist: “Opfer von” (engl. “vic­tim”) und “Opfer für” (engl. “sac­ri­fice”) fall­en in einem Wort zusam­men. Das bed­ingt Unein­deutigkeit­en nar­ra­tiv­er Ver­wen­dun­gen, die beson­ders aus­sagekräftig, aber auch prob­lema­tisch sein kön­nen. Es ermöglicht etwa, eine spez­i­fis­che nar­ra­tive Abbre­viatur in unter­schiedliche Nar­ra­tive aufzulösen ohne sie ändern zu müssen.9 Im Fol­gen­den ist zumeist “Opfer von” gemeint, d.h. die pas­sive Form der Vik­timisierung ste­ht im Vorder­grund.

3.2 Deutungsangebote von Täter- und Opfer-Orientierung an unterschiedliche Rezipientengruppen

Im Fol­gen­den wird der Ver­such gemacht, mit Hil­fe ein­er erweit­erten Typolo­gie von Sinnbil­dungsmustern nach Rüsen die Deu­tungsange­bote trans­par­ent und disku­tier­bar zu machen, die For­men der Opfer- und Täter-The­ma­tisierung Ler­nen­den anbi­eten. Dabei ist zu beacht­en, dass die Deu­tun­gen nur skizziert wer­den kön­nen, und auch lediglich Ange­bote darstellen.

3.3 Affirmative Opfer-Identifikation — ein Problem

Wen wir uns zunächst ein­er Form der Opfer-Iden­ti­fika­tion zu, die in Lern­prozessen und ‑konzepten vorherrschend zu sein scheint, der affir­ma­tiv­en Iden­ti­fika­tion. Es geht dabei darum, dass sich die Ler­nen­den im Zuge des Lern­prozess­es mit den Gegen­stän­den ihres Ler­nens, näm­lich den Opfern des Holo­caust, iden­ti­fizieren. Gemeint ist, dass sie durch eine Kom­bi­na­tion kog­ni­tiv­er wie emo­tionaler Leis­tun­gen eine Nähe zu den Opfern auf­bauen. Kog­ni­tiv geht es darum, dass die Ler­nen­den Infor­ma­tio­nen über die Opfer erwer­ben, vor allem über ihr Leben und Schick­sal. Diese Infor­ma­tio­nen betr­e­f­fen dabei ger­ade nicht nur die Opfer als Opfer, son­dern sollen diese aus der Anonymität und Schema­tisierung, welche die Klas­si­fika­tion als Opfer mit sich bringt, her­aus­holen und die Opfer als Men­schen sicht- und erkennbar machen. Der Eigen­schaft “Opfer” zu sein, ist dem­nach für diese Tätigkeit und das damit angestrebte Ler­nen notwendi­ge, nicht aber hin­re­ichende Bedin­gung. His­torisch gese­hen, geht es zum einen darum, in tra­di­tionaler Sinnbil­dung an die Lebenswelt und das Leben der Men­schen, der Indi­viduen, die zu Opfern wur­den, anzuschließen, und die Vernei­n­ung, die Nega­tion, die ihnen durch die Täter wider­fahren sind, rück­wirk­end aufzuheben. Es geht also in dop­pel­tem Sinne um tra­di­tionales his­torisches Denken:

  • in pos­i­tiv-tra­di­tionalem Sinne soll die Iden­tität und die Indi­vid­u­al­ität der Men­schen, ihre nicht nur ange­tastete, son­dern negierte Würde nor­ma­tiv aufge­grif­f­en wer­den, soll die Zeit insofern “stillgestellt” wer­den, dass die Vernei­n­ung dieser Würde kein Ende bedeutet. Dies ist gemeint, wenn gesagt wird, es gehe darum, den Opfern ihre Iden­tität und ihre Würde wiederzugeben.
  • in neg­a­tiv-tra­di­tionaler Sinnbil­dung soll der durch die Tat der Täter beab­sichtigte und hergestellte Zus­tand ein­er Welt ohne diese Men­schen und ihre Würde, ein­er Welt, die diese Men­schen nicht anerken­nt und wertschätzt, de-legit­imiert wer­den. Diese Zeit wird ger­ade nicht stillgestellt, son­dern aufge­hoben. Tra­di­tion­al ist dieses his­torische Denken in dem Sinne, dass diese Zeit ger­ade nicht ein­er Dynamik unter­wor­fen wird oder Regeln aus ihr abgeleit­et wer­den, son­dern dass die Ablehnung dieses Zus­tandes nor­ma­tiv auf Dauer gestellt wird: “nie wieder”.

Kom­biniert ergibt sich somit eine his­torische Sinnbil­dungslogik, die ger­adezu in kon­trafak­tis­ch­er Nor­ma­tiv­ität den his­torisch gewor­de­nen Zus­tand aufzuheben und sein Gegen­teil zeitlich still zu stellen tra­chtet. Es geht um die pos­i­tiv-tra­di­tionale Anknüp­fung an eine Men­schlichkeit, die ger­ade nicht ein­fach tradiert wer­den kann, weil sie gebrochen war — gle­ichzeit­ig aber um den Appell, diese ver­lorene und im eige­nen Denken wiederge­wonnene Ori­en­tierung an einem Konzept von Men­schen­würde und Men­schlichkeit ohne Exk­lu­sio­nen, tra­di­tion­al weit­erzugeben an die jun­gen Gen­er­a­tio­nen.

Diese spez­i­fis­che Form tra­di­tionalen Denkens, welche nicht “wieder-gut-machen” will, wohl aber “wieder gut sein” und dieses unge­brochen weit­ergibt, muss jedoch weit­er dif­feren­ziert wer­den. Es ist näm­lich dur­chaus fraglich, ob (und wenn ja, wie) die in ihr beschlossene Inten­tion his­torisch­er Ori­en­tierung addres­saten­neu­tral ist und ob und wie sie “ver­mit­telt” wer­den kann.

Zunächst ist nach dem Sub­jekt der­ar­tiger Ori­en­tierung zu fra­gen. Wenn Men­schen für sich eine solche Ori­en­tierung gewon­nen haben, ist das in aller Regel nicht ohne spez­i­fis­che (wiederum kog­ni­tive und emo­tionale) Den­kleis­tun­gen möglich gewor­den.

Wer als Ange­höriger der Täter-Gesellschaft eine solche Ori­en­tierung gewon­nen hat, hat dazu andere Den­kleis­tun­gen erbrin­gen müssen als jemand, die/der famil­iär, sozial und/oder kul­turell ein­er Opfer­gruppe zuzurech­nen ist — und schon gar als jemand, die/der bei­de oder ganz andere Verbindun­gen “mit­bringt”. Die Aus­gangsla­gen des his­torischen Denkens prä­gen die Per­spek­tiv­en:

Für Ange­hörige ein­er Opfer­gruppe (seien es Juden, Sin­ti und Roma, Homo­sex­uelle, Kom­mu­nis­ten uder andere) sich biographisch mit Opfern des Holo­caust iden­ti­fiziert, hat in aller Regel eine andere Sinnbil­dung zu voll­brin­gen als die/derjenige, die/der selb­st kein­er solchen Gruppe ange­hört — zumin­d­est wenn das Objekt der Iden­ti­fika­tion der eige­nen Gruppe ange­hört. Wer sich etwa als heutiger Kom­mu­nist mit der Ver­fol­gung und Ermor­dung von Kom­mu­nis­ten im Drit­ten Reich auseinan­der­set­zt, kann viel eher im Sinne ein­er tra­di­tionalen Sinnbil­dung  von einem his­torischen “Wir” aus­ge­hen und das betra­chtete Opfer zu den “eige­nen” rech­nen. Die zu bear­bei­t­en­den Fra­gen his­torischen Denkens laut­en dann ganz anders als etwa dann, wenn ein Ange­höriger ein­er (damals) nationalen oder zumin­d­est staat­streuen Grup­pierung sich mit der gle­ichen Per­son auseinan­der­set­zt.

Affir­ma­tive Iden­ti­fika­tion mit dem Opfer erfordert im ersteren Falle wenig mehr als die Gle­ich­set­zung — bis hin zur Frage, inwiefern auch die jew­eili­gen Kon­texte gle­ichge­set­zt wer­den kön­nen oder gar müssen. Es ist denkbar (und oft vorgekom­men) , die Ver­fol­gung von Kom­mu­nis­ten im Drit­ten Reich in affir­ma­tiv-tra­di­tionalem Sinne zu nutzen zur Stiftung ein­er gegen­wär­ti­gen Iden­tität der (ver­meintlich oder real) weit­er­hin Ver­fol­gten.  Affir­ma­tive Iden­ti­fika­tion mit den Opfern wäre dann — ganz im Sinne des landläu­fi­gen Iden­ti­fika­tions­be­griffs — Gle­ich­set­zung. Sie kann Iden­tität sta­bil­isieren, dabei aber auch Unter­schiede aus­blenden. Diese Form der affir­ma­tiv tra­di­tionalen Iden­ti­fika­tion ist möglich, indem das Opfer ger­ade in sein­er Eigen­schaft als poli­tis­ches Opfer ange­sprochen und gedacht wird.

Im anderen Fall eines ANge­höri­gen ein­er Nicht-Opfer-Gruppe, der sich affir­ma­tiv-iden­ti­fizierend mit einem Opfer auseinan­der set­zen soll, das ger­ade nicht sein­er Gruppe ange­hört, sind ganz andere men­tale Oper­a­tio­nen erforder­lich. Wenn eine solche Iden­ti­fika­tion gelin­gen soll, muss auf eine Art und Weise auch die poli­tis­che Dif­ferenz (Geg­n­er­schaft) mit reflek­tiert und his­torisiert wer­den. Dies kann dahinge­hend gedacht wer­den (und “gelin­gen”), dass (a) die eigene poli­tis­che Ori­en­tierung in Frage gestellt wird, also gewis­ser­maßen poli­tisch umgel­ernt wird, was wiederum ein anders gelagertes his­torisches Denken in Gang set­zen muss, oder/und dass (b) zumin­d­est dif­feren­ziert wird zwis­chen der poli­tis­chen Ori­en­tierung und der men­schlichen Würde des dama­li­gen Opfers, und so die sich in der Tat man­i­festierende Gle­ich­set­zung und die damit ein­herge­hende Legit­i­ma­tion der Entrech­tung rück­wirk­end aufge­hoben wird. Salopp aus­ge­drückt: Wer sich als kon­ser­v­a­tiv denk­ende® Bürger(in) mit sozial­is­tis­chen oder kom­mu­nis­tis­chen Opfern affir­ma­tiv auseinan­der­set­zt, muss nicht auch gle­ich Kommunist(in) oder Sozialist(in) wer­den. Die Anerken­nung des in der poli­tis­chen Ver­fol­gung liegen­den Unrechts kann zumin­d­est zur Zivil­isierung der poli­tis­chen Dif­feren­zen führen.

Dazu gehört somit auch, die/den anderen (die/das Opfer) ger­ade nicht als  als Vertreter der poli­tisch “anderen” wahrzunehmen, son­dern auch (und vor allem) als Men­schen. Erforder­lich ist eine Dif­feren­zierungsleis­tung.

4. Schluss

Es ergibt sich somit eine Dif­feren­zierung von Deu­tungsange­boten in Iden­ti­fika­tion­sori­en­tiertem his­torischem Ler­nen, die in Lehr- und Lern­prozessen berück­sichtigt wer­den muss. Es kann und muss näm­lich nicht nur darum gehen, jew­eils einein­deutige, für alle gle­icher­maßen for­mulier­bare Schlussfol­gerun­gen über das Damals und für das Heute und Mor­gen zu ziehen. Das würde der legit­i­men Plu­ral­ität wed­er des dama­li­gen noch des heuti­gen Lebens gerecht. Vielmehr muss immer auch berück­sichtigt wer­den, dass und wie dieselbe Ver­gan­gen­heit für Men­schen unter­schiedlich­er Posi­tio­nen und Per­spek­tiv­en ver­schiedenes bedeuten kann und wie zugle­ich nicht iden­tis­che, son­dern kom­pat­i­ble gemein­same Schlussfol­gerun­gen nötig sind.

Iden­ti­fika­tions-Gegen­stand Lern­er
(Kom­bi­na­tio­nen möglich und wahrschein­lich­er als einein­deutige Zuord­nun­gen)
Täter bzw. ‑nach­fahren Opfer bzw. ‑nach­fahren Zuschauer bzw. ‑nach­fahren
ohne spez­i­fizierten Bezug (evtl.: einige Migranten)
Täter affir­ma­tiv Ein­nahme der tra­di­tion­al ver­längerten Per­spek­tive der Täter(-nachfahren) in nor­ma­tiv­er Hin­sicht: Beschrei­bung, Erk­lärung und Bew­er­tung der Vorgänge, Hand­lun­gen, Tat­en im Denk- und Wertho­r­i­zont der Täter (apolo­getisch, affir­ma­tiv). nicht denkbar (?)
reflex­iv Reflex­ion auf die eige­nen per­sön­lichen, famil­iären und kul­turellen Beziehun­gen zu Tätern und der Gesellschaft der Täter, auf fortwirk­ende Ele­mente dieser Kul­tur, und auf die Fol­gen dieser Beziehun­gen für das eigene Denken und Han­deln (etwa: Ent­las­tungswün­sche) Ein­ladung
  • zur Reflex­ion auf die Verbindun­gen auch der eige­nen sozialen, kul­turellen, religiösen Wir-Gruppe zu den Tätern und zur Täter-Kul­tur (tra­di­tionale Sinnbil­dung:
    • Inwiefern sind Vorstel­lun­gen und Werte, die in der Täter-Gesellschaft gal­ten, auch in meiner/unserer heuti­gen Kul­tur wirk­sam und gültig?
    • Welche von ihnen kön­nen oder müssen inwiefern sie als mit-ursäch­lich ange­se­hen wer­den?
    • Inwiefern sind einige von ihnen weit­er­hin vertret­bar?)
  • zur Reflex­ion auf die Loy­al­itäten und Iden­ti­fika­tio­nen mit Ange­höri­gen der Täter-Gesellschaft, die das eigene heutige Selb­stver­ständ­nis und das eigene Denken über den Holo­caust prä­gen;
  • zur Reflex­ion auf Erken­nt­niss, die aus der Geschichte des Holo­caust und der Täter für andere, aber ver­gle­ich­bare Sit­u­a­tio­nen abzuleit­en sind:
    • auf Möglichkeit­en eige­nen ver­gle­ich­baren Han­delns in anderen Zusam­men­hän­gen
Ein­ladung zur Reflex­ion auf die Struk­turen, Werte, Hand­lungsweisen in der dama­li­gen Täter-Gesellschaft, die die Hand­lun­gen ermöglicht haben, wie auch die Hand­lungsweisen, die zum Wegschauen bewogen haben.

Reflex­ion auf die Bedeu­tung der eige­nen Zuge­hörigkeit zu Men­schen, die ein­fach “mit­gemacht” haben für deren und die eigene Deu­tung und Bew­er­tung der Ereignisse, Struk­turen und Hand­lun­gen.

Opfer affir­ma­tiv Ein­ladung
  • zur kon­trafak­tis­chen Iden­ti­fika­tion mit den Opfern, zur Beurteilung der Hand­lungsweisen, Struk­turen und Ereignisse aus ihrer Sicht, zur Über­nahme ihrer Per­spek­tive;
  • zur Aus­blendung der eige­nen Prä­gung durch per­sön­liche, soziale, kul­turelle Verbindun­gen zu Tätern aus der Reflex­ion über eigene Denk- und Hand­lungsweisen
Ein­ladung zur
  • Iden­ti­fika­tion in der Logik tra­di­tionaler Sinnbil­dung: Selb­st­po­si­tion­ierung in ein­er als fortwährend denkbaren Opfer­rolle.
Ein­ladung zur Iden­ti­fika­tion in der Logik exem­plar­isch­er Sinnbil­dung, zum Ver­gle­ich (bzw. zur Gle­ich­set­zung) der eige­nen Posi­tion in der heuti­gen Gesellschaft mit der­jeni­gen der Opfer in der dama­li­gen Gesellschaft.
reflex­iv Ein­ladung
  • zur Reflex­ion auf die Bedeu­tung der  famil­iären, sozialen, kul­turellen Zuge­hörigkeit zu Men­schen, die Opfer wur­den, für die eigene Sichtweise der Ereignisse, Struk­turen und Hand­lun­gen;
  • Reflex­ion auf die Prä­gung der Werte und Hand­lungsweisen sowie der Sichtweisen der eige­nen Gruppe durch die Opfer­erfahrung
Mitläufer affir­ma­tiv Ein­nahme ein­er Per­spek­tive, die das “Nicht-Mit­ge­tan” haben als hin­re­ichend affir­miert; (ver­meintliche oder wirk­liche) Ein­flus­slosigkeit ‘klein­er Leute’ damals wird als Entschuldigung affir­miert und mit Ein­flus­slosigkeit auch in der heuti­gen Gesellschaft tra­di­tion­al ver­bun­den — ger­ade auch hin­sichtlich der Anforderun­gen des Erin­nerns
reflex­iv Ein­ladung zur Reflex­ion über die Rolle der “Zuschauer” und “Mitläufer”
ohne spez­i­fizierten Bezug affir­ma­tiv
reflex­iv

 

  1. Kinder und Jugendliche — Mit der Reichs­bahn in den Tod []
  2. Der Tagungs­bericht unter der alten URL der Pro­jek­t­gruppe “NS-Doku­men­ta­tion­szen­trum München” (Zeu­gen­schaft und Erin­nerungskul­tur. Der kün­ftige Umgang mit dem Ver­mächt­nis der Zeitzeu­gen­gener­a­tion in der Bil­dungsar­beit zum Nation­al­sozial­is­mus; 11.5.2009)ist nicht mehr ver­füg­bar. Ein ander­er Tagungs­bericht von Kathrin Kollmeier und Thomas Rink find­et sich bei H‑SOZ-KULT: Tagungs­bericht: Zeu­gen­schaft und Erin­nerungskul­tur. Der kün­ftige Umgang mit dem Ver­mächt­nis der Zeitzeu­gen­gener­a­tion in der Bil­dungsar­beit zum Nation­al­sozial­is­mus, 05.12.2008 München, in: H‑Soz-Kult, 08.05.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2598>. []
  3. So berichtet in Charim Isol­de: Wahrer als wahr. Zur Pri­vatisierung des Gedenkens. http://kulturpolitik.t0.or.at/txt?tid=32fd150a8a3ac4546aaf6c38498895ed []
  4. FAS: “Arbeit mit Fotos”. http://www.fasena.de/archiv/fotos.htm mit Bezug auf Abram/Heyl []
  5. Astrid Messer­schmidt: “Reflex­ion von Täter­schaft – his­torisch-poli­tis­che Bil­dung in der Ein­wan­derungs­ge­sellschaft“. https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/EGFTN1%5B1%5D_messerschmidt_de.pdf []
  6. Vgl. etwa Albert von Königsloew: “Was Kinder über den Holo­caust erfahren sollen” In: Die blaue Narzisse. 11.2.2008 [Derzeit nicht mehr online erre­ich­bar. Er ist noch auffind­bar in archive.org. []
  7. “… there is no know­able past in terms of what “it’ means. There is only what we may call the-past-as-his­to­ry. […] We can only rep­re­sent the past through the form we give to its real­i­ty.” Alan Mun­slow (2002): “Pref­ace”. In: Jenk­ins, Kei­th (2002): Re-Think­ing His­to­ry. Lon­don, New York: Rout­ledge, S. XIV. []
  8. Es ist daher auch ein Kat­e­gorien­fehler, wenn Zeitzeu­gen und in ein­er fraglichen Ver­gan­gen­heit aktiv gehan­delt Habende später Gebore­nen oder Hinzugekomme­nen ver­bi­eten wollen, über diese Zeit zu urteilen. Die oft gehörte Aus­sage “Das kön­nt Ihr nicht beurteilen, weil Ihr nicht dabei gewe­sen seid” verken­nt (oder unter­schlägt), dass wir gar nicht anders kön­nen, als uns aus später­er Zeitlich­er Per­spek­tive ein urteil über die frühere zu machen. Das geht uns allen mit der ganzen Geschichte so: Wäre diese Posi­tion valide, dürfte nie­mand heutzu­tage noch ein Urteil über Napoleon fällen oder über Karl den Großen etc. Selb­st die Zeitzeu­gen erzählen und urteilen nicht aus ihrem dama­li­gen Wis­sen und vor dama­li­gen Hin­ter­grund. Auch sie ken­nen die zwis­chen­zeitlichen Ereignisse und sehen die Ereignisse inzwis­chen aus ander­er Per­spek­tive. Die zitierte Forderung negiert dies lediglich. Sie kommt einem Ver­bot his­torischen Denkens gle­ich, das nicht nur unzuläs­sig ist, son­dern über­haupt der Tod der his­torischen Ori­en­tierung wäre. []
  9. “40.000 Söhne der Stadt ließen ihr Leben für Euch” stand und ste­ht auf der Stele am Ham­burg­er Rathaus­markt, die 1929/1932 enthüllt wurde. Mit dem orig­i­nalen, an eine Pietà angelehn­ten, Relief ein­er trauern­den Frau und Tochter von Ernst Bar­lach löst sich dieses möglicher­weise auf in ein “wur­den geopfert”; mit dem auf­fliegen­den Adler (bzw. Phoenix) von Hans Mar­tin Ruwoldt, den die Nation­al­sozial­is­ten dort anbrin­gen ließen, wer­den aus den 40.000 Helden; heute ist dort wieder die “Pietà” zu sehen. []

Neuerscheinung: Bjerg/Körber/Lenz/v. Wrochem (Eds.; 2014): Teaching Historical Memories

Bjerg, Helle; Kör­ber, Andreas; Lenz, Clau­dia; von Wrochem, Oliv­er (2014; Eds.): Teach­ing His­tor­i­cal Mem­o­ries in an Inter­cul­tur­al Per­spec­tive. Con­cepts and Meth­ods. Expe­ri­ences and Results from the TeacMem Project. Berlin: Metropol (Neuengam­mer Kol­lo­qui­en; 4); ISBN: 9783863311148.

Bjerg, Helle; Kör­ber, Andreas; Lenz, Clau­dia; von Wrochem, Oliv­er (2014; Eds.): Teach­ing His­tor­i­cal Mem­o­ries in an Inter­cul­tur­al Per­spec­tive. Con­cepts and Meth­ods. Expe­ri­ences and Results from the TeacMem Project. Berlin: Metropol (Neuengam­mer Kol­lo­qui­en; 4); ISBN: 9783863311148. Darin:

  • Kör­ber, Andreas: “His­tor­i­cal Think­ing and His­tor­i­cal Com­pe­ten­cies as Didac­tic Core Con­cepts”; pp. 69–96.
  • Kör­ber, Andreas “De-Con­struct­ing Mem­o­ry Cul­ture.” pp. 145–150.

 

 

 

In dieser Woche ist eine Pub­lika­tion erschienen, an welch­er Mit­glieder des Arbeits­bere­ichs beteiligt waren:

Bjerg, Helle/Körber, Andreas/Lenz, Clau­dia et al. (Hg.) (2014): Teach­ing His­tor­i­cal Mem­o­ries in an Inter­cul­tur­al Per­spec­tive. Con­cepts and Meth­ods (= Neuengam­mer Kol­lo­qui­en, Band 4), Berlin.

Bjerg/Körber/Lenz/von Wrochem (Eds.; 2014)

Vgl. auch: Blog-Ein­trag im Blog des Projects TeacMem

Der Erste Weltkrieg im Geschichtsunterricht — aber wie?

Kör­ber, Andreas (2.2.2014): “Der Erste Weltkrieg im Geschicht­sun­ter­richt — aber wie?”

“Der Erste Weltkrieg ist fes­ter Bestandteil des Geschicht­sun­ter­richts. Die dabei ver­fol­gten Lernziele haben sich im Laufe der Zeit immer mehr von konkreten ereig­nis- und ver­laufs- ori­en­tierten Inhal­ten hin zu dem Anliegen entwick­elt, das Lei­den der Men­schen und den men­schen­ver­ach­t­en­den Charak­ter des neuar­ti­gen Krieges in den Mit­telpunkt zu stellen. Eine solche Per­spek­tive lässt vielfältige kul­turgeschichtliche Fragestel­lun­gen zu, die neue Herange­hensweisen bei der Auseinan­der­set­zung mit der Ver­gan­gen­heit und ihren his­torischen Akteuren erfordern.”

Mit diesen Worten eröffnet das LVR-Indus­triemu­se­um Ober­hausen die Ankündi­gung ein­er Fort­bil­dung, die sich an “Unter­rich­t­ende[.] des Fach­es Geschichte aller Aus­bil­dungsphasen und Qual­i­fika­tion­sstufen” richtet, mit dem Ziel, ihnen “aktuelle Forschung und die Arbeit mit neuen Quellen zu aus­gewählten The­men zunächst in Fachvorträ­gen vorzustellen” und in “anschließen­den Work­shops” gemein­sam mit ihnen “Umset­zungsmöglichkeit­en im Unter­richt” zu reflek­tieren, wobei “Fragestel­lun­gen, Zugänge und Meth­o­d­en disku­tiert und Mate­ri­alien präsen­tiert” wer­den, “die geeignet sind, den Schü­lerin­nen und Schülern neue und span­nende Facetten his­torisch­er Lebenswel­ten zu erschließen.”

Die For­mulierung weist — insofern sie nicht die didak­tis­che Diskus­sion, son­dern die Real­ität des Geschicht­sun­ter­richts und sein­er Entwick­lung zutr­e­f­fend beschreibt — auf einen nicht ger­ing zu schätzen­den, son­dern zu unter­stützen­den Fortschritt im Geschicht­sler­nen hin und ist gar noch zurück­hal­tend for­muliert. Die “konkreten ereig­nis- und ver­laufs-ori­en­tierten Inhalte” waren ja oft­mals nicht Aus­druck ein­er Ori­en­tierung an wis­senschaftlich­er Neu­tral­ität und Objek­tiv­ität, son­dern — neben eben­so zu find­en­den man­i­fest feind­seli­gen Instru­men­tal­isierun­gen — vielmehr Instru­ment ein­er Nationalerziehung mit­tels “Ver­mit­tlung” der in nationalen Kat­e­gorien als die “eigene” gese­hen Auf­fas­sung im Gewande ein­er betont sach­lichen Darstel­lung.

Nicht zulet­zt durch die schon in der Zwis­chenkriegszeit ein­set­zen­den (damals noch zeitlich wie sozial nur begren­zt wirk­samen) Bemühun­gen um eine “Ent­gif­tung” der Schul­buch­darstel­lun­gen (damals von Siegfried Kaw­er­au, nach dem Zweit­en Weltkrieg von Georg-Eck­ert in dem von ihm aufge­baut­en und im später nach ihm benan­nten Schul­buchin­sti­tut vor­angetrieben), aber auch durch die sozial­his­torische Kri­tik am his­torischen Denken des deutschen Ide­al­is­mus (Georg Iggers) und schließlich durch Bemühun­gen viel­er sozial- wie all­t­agshis­torisch ori­en­tiert­er Didak­tik­er und Lehrer.

Gle­ich­wohl — mit den dabei zu Recht abgelehn­ten und hof­fentlich in der Tat weitest­ge­hend über­wun­de­nen nation­al- eth­nozen­trischen Konzepten haben auch die in der Fort­bil­dungsankündi­gung erwäh­n­ten und in der Ver­anstal­tung in kul­tur­wis­senschaftlich­er Rich­tung fortzuschreiben­den didak­tis­chen Konzepte gemein­sam, dass in ihnen eine bes­timmte Deu­tung und Wer­tung den Ler­nen­den präsen­tiert, mit Mate­ri­alien plau­si­bel, method­isch aufgeschlossen, in den besten Fällen auch zur Reflex­ion eröffnet wird. Dieser let­ztlich — in der Ter­mi­nolo­gie des FUER-Kom­pe­tenz­mod­ells — “re-kon­struk­tive” Zugriff ist — das sei noch ein­mal betont — richtig und wichtig. Er wird zudem ger­ade auch angesichts der erweit­erten Möglichkeit­en durch die neuen Medi­en nicht nur inhaltlich, son­dern auch method­isch vor­angetrieben wer­den (müssen), wie derzeit etwa unter anderem (mit Bezug auf die Euro­peana 1914–1928-Sammlung) Daniel Bernsen in seinem Blog argu­men­tiert: (“Work­ing with the Euro­peana 1914–18 col­lec­tions in the his­to­ry class­room – Part 1/3: Scarci­ty vs. abun­dance.” In: Medi­en im Geschicht­sun­ter­richt 1.2.2014)

Aber es reicht meines Eracht­ens nicht aus. Ger­ade die derzeit wieder leb­hafte Debat­te (nicht nur) in Eng­land und Deutsch­land um Ursache und Schuld am Ersten Weltkrieg, die ja ger­ade nicht mehr allein eine Auseinan­der­set­zung zwis­chen ein­er “deutschen” und ein­er “englis­chen” Posi­tion ist und auch nicht mit den Kat­e­gorien ein­er “linken” vs. ein­er kon­ser­v­a­tiv­en Geschichtss­chrei­bung und ‑inter­pre­ta­tion erschlossen wer­den kann, die die “nationalen” Per­spek­tiv­en und Posi­tio­nen über­lagern wür­den, son­dern bei welch­er höchst aktuelle Vorstel­lun­gen über die Europäis­che Union, die Rolle Deutsch­lands in Europa eine Rolle spie­len, verdeut­licht, dass es bei Geschichte (zumal “in der Gesellschaft”) nie allein um Aspek­te der “ver­gan­genen Lebenswel­ten” geht, auch wenn es inno­v­a­tive und solche sind, welche human­is­tis­che Kri­te­rien anwen­den.

Nötig ist vielmehr (nicht als Ersatz, aber als Ergänzung) der genan­nten inno­v­a­tiv­en Ansätze die (de-kon­struk­tive) The­ma­tisierung der öffentlichen Diskus­sio­nen um die Ver­gan­gen­heit, die ihr zugewiesene Bedeu­tung und die Deu­tun­gen, die ihr zuteil wer­den. Dabei muss mehr und anderes in den Blick kom­men und als Mate­r­i­al zur deu­ten­den und urteilen­den Erschließung bere­it­gestellt wer­den als möglichst ein­deutige und gut erschließbare Quellen und Darstel­lun­gen. Mul­ti­per­spek­tiv­ität ist dann — wie es die didak­tis­che The­o­rie seit langem fordert — mehr als ein Mit­tel zur best­möglichen Annäherung an die ver­gan­gene Wirk­lichkeit und ihre Kom­plex­ität, son­dern wird als Merk­mal das gesellschaftlichen Geschichts­de­bat­te selb­st unhin­terge­hbar.

Da gle­iche gilt aber wiederum für die zeitliche, die his­torische Dimen­sion: Eine gewis­ser­maßen nur zwei Zeit­ebe­nen in den Blick (“damals” und “heute”) nehmende Auf­bere­itung reicht nicht aus, vielmehr müssen die heuti­gen Posi­tio­nen und Per­spek­tiv­en in Rela­tion geset­zt wer­den zu solchen mehrerer Zeit­ebe­nen seit dem the­ma­tisierten Ereig­nis. Die Artikel der gegen­wär­ti­gen Debat­te (also etwa der Beitrag von Geppert/Neitzel/Stephan/Weber mit den Antworten von Ull­rich und/oder Herzinger, aber auch die von bzw. über Michael Gove, Tris­tram Hunt, Boris John­son, Richard Evans) — samt ihren Bezü­gen aufeinan­der — bilde­ten somit nur eine “Schicht” des rel­e­van­ten Mate­ri­als. Dazu gehören dann — als eine weit­ere Schicht — auch rel­e­vante Auszüge der “Fis­ch­er-Kon­tro­verse”, und — nicht zulet­zt — explizite Reflex­io­nen der ver­wen­de­ten Konzepte und Begriffe.

Neuerscheinung

Mey­er-Hamme, Johannes; Thomas, Rüdi­ger (2012): Sub­jek­to­ri­en­tierte his­torische Bil­dung. Geschicht­sler­nen in der Auseinan­der­set­zung mit wider­sprüch­lichen Deu­tungsange­boten zur DDR-Geschichte. In: Deutsch­land Archiv Online (6). Online ver­füg­bar unter http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/139259/subjektorientierte-historische-bildung?p=all, zulet­zt geprüft am 03.07.2012.

Geschichts- und Erinnerungspolitik im Bundestag in der Kritik (zu Recht)

Geschichts- und Erin­nerungspoli­tik sind nichts Anrüchiges — zumin­d­est nicht, wenn die Begriffe die Tat­sache beze­ich­nen, dass in Gesellschaften immer und notwendig um his­torische Deu­tun­gen und ihre Rel­e­vanz im öffentlichen Gedenken gerun­gen wird, um ihre Ein­heitlichkeit und Verbindlichkeit bzw. ihre Offen­heit und Plu­ral­ität (Mul­ti­per­spek­tiv­ität, Kon­tro­ver­sität) wie die diesen Ori­en­tierungs- und Ver­ständi­gung­sprozessen zu Grunde liegen­den Struk­turen, die dabei genutzten Ver­fahren, Instru­mente usw.

Diese Ein­sicht in die Legit­im­ität und Notwendigkeit ein­er gesellschaftlichen Auseinan­der­set­zung um Ver­gan­gen­heit und ihre (Be-)Deutung(en) ist das eine. Sie darf aber nicht dazu ver­führen, das, was auf diesem Poli­tik­feld (Geschicht­spoli­tik als poli­ty) geschieht, immer nur dis­tanziert zu betra­cht­en — im Gegen­teil: ger­ade die Ein­sicht in diese Notwendigkeit und Legit­im­ität ruft dazu auf, sich aktiv an dieser Auseinan­der­set­zung zu beteili­gen mit eige­nen Geschicht­spoli­tiken (poli­cies), und andere zu kri­tisieren und (natür­lich im Rah­men der plu­ralen Ori­en­tierung) zu bekämpfen.

Dass um Geschichte gerun­gen und gestrit­ten wird, ist also ein gutes Zeichen. Einzelne (oder auch viele) dabei vertrete­nen Deu­tun­gen und Inter­pre­ta­tio­nen sind oft­mals hoch prob­lema­tisch — und zwar nicht nur in dem Sinne, dass sie “falsche” Darstel­lun­gen der eigentlich richtig erkennbaren Ver­gan­gen­heit wären, son­dern ger­ade weil ihnen poli­tis­che Inter­essen eben­so zu Grunde liegen wie Erken­nt­nis­möglichkeit­en und per­spek­tiv­en. Geschicht­spoli­tik ist so das­jenige Feld, in dem his­torische Denu­tun­gen sowohl in ihrer Bindung an die Möglichkeit­en der Erken­nt­nis, an die nor­ma­tiv­en Qual­ität­skri­te­rien his­torisch­er Re-Kon­struk­tion und Inter­pre­ta­tion und an die het­ero­ge­nen sozialen, kul­turellen, poli­tis­chen und weit­ere Per­spek­tiv­en und Inter­essen­la­gen the­ma­tisch wer­den. Sie kön­nen und müssen selb­st zum Gegen­stand von Unter­suchung und Analyse (“De-Kon­struk­tion”) wer­den — wie zum gegen­stand poli­tis­ch­er Auseinan­der­set­zung. Dass die Geschicht­spoli­tik wie die Diszi­plin der Zeit­geschichte  geprägt wird von der unau­flös­baren Verbindung von gefordert­er wis­senschaftlich­er Dis­tanz der Analyse ein­er- und der je eige­nen poli­tis­chen Per­spek­tive ander­er­seits, muss immer mit bedacht wer­den, sollte aber kein Grund sein, dieses Feld nur Experten zu über­lassen. — im Gegen­teil: Geschicht­sun­ter­richt muss diese Kom­plexe expliz­it ein­beziehen, will er Ler­nende dazu befähi­gen, an der heit­i­gen Gesellschaft aktiv und pas­siv teilzuhaben.

In diesem Sinne ist die aktuelle Kon­tro­verse um “Flucht und Vertrei­bung”, um das geplante Denkmal und Zen­trum für/gegen Vertrei­bun­gen und ganz aktuell um den aktuellen Beschluss des Deutschen Bun­destages, den 5. August als “Ver­triebe­nen-Gedenk­tag” einzuricht­en, zu begrüßen — macht sie doch die ver­schiede­nen Sichtweisen und Inter­essen an der Geschichte in unser­er Gesellschaft erst sicht­bar (wie übri­gens all die gle­ichzeit­ig und ver­set­zt ablaufend­en Debat­ten und Kon­tro­ver­sen um die Erin­nerung an die Bombe­nan­griffe auf Dres­den, usw.).

Aus didak­tis­ch­er Per­spek­tive ist diese Debat­te also zu begrüßen und zu the­ma­tisieren. Unbeschadet davon ist es natür­lich notwendig, in dieser Frage selb­st Stel­lung zu beziehen. In diesem Sinne haben gemäß heuti­gen Presse­bericht­en eine Rei­he namhafter deutsch­er His­torik­er zusam­men mit eini­gen Kol­legin­nen und Kol­le­gen aus anderen Län­dern den Bun­destags­beschluss kri­tisiert. Dieser Kri­tik ist m.E. in vollem Umfange zuzus­tim­men. Dem anzuerken­nen­den Bedürf­nis von Ver­triebe­nen und Ange­höri­gen nach Gedenken und Erin­nerun­gen kann und muss auf andere Art und Weise Rech­nung  getra­gen wer­den als mit ein­er Sym­bo­l­ik, die ein­er Gle­ich­set­zung von “Flucht und Vertrei­bung” mit dem Holo­caust gle­ichkommt.

Neuer Artikel zu interkulturellem Geschichtslernen

Kör­ber, Andreas (2010): “Zeit­gemäßes schulis­ches Geschichts-Ler­nen in Gedenkstät­ten.” In: Wrochem, Oliv­er v. u.a. (Hgg: 2010): Das KZ Neuengamme und seine Außen­lager. Geschichte, Nachgeschichte, Erin­nerung, Bil­dung. Berlin: Metropol (Neuengam­mer Kol­lo­qui­en; 1); ISBN: 9783940938879; S. 392–413.

Auf dem ersten “Neuengam­mer Kol­lo­qui­um” habe ich einen Vor­trag zum his­torischen Ler­nen an Gedenkstät­ten gehal­ten. Er ist in der Doku­men­ta­tion der Tagung erschienen:

 

Kör­ber, Andreas (2010): “Zeit­gemäßes schulis­ches Geschichts-Ler­nen in Gedenkstät­ten.” In: Wrochem, Oliv­er v. u.a. (Hgg: 2010): Das KZ Neuengamme und seine Außen­lager. Geschichte, Nachgeschichte, Erin­nerung, Bil­dung. Berlin: Metropol (Neuengam­mer Kol­lo­qui­en; 1); <a href=“https://portal.dnb.de/opac.htm?query=9783940938879&method=simpleSearch”>ISBN: 9783940938879</a>; S. 392–413.

Vorgestellt: Konzeptionelle Überlegungen für die geplante Ausstellung über Flucht und Vertreibungen

Gestern wurde in Berlin offiziell das Konzept­pa­pi­er “Konzep­tionelle Über­legun­gen für die Ausstel­lun­gen der »Stiftung Flucht, Vertrei­bung, Ver­söh­nung«” vorgestellt. Damit geht gewis­ser­maßen — gle­ichzeit­ig “über­schat­tet” bzw. “beleuchtet” von der erneuerten Debat­te um Revan­chis­mus und Rel­a­tivis­mus um Frau Stein­bach — die Auseinan­der­set­zung um die geplante Ausstel­lung und das “Zen­trum für Vertrei­bun­gen” in eine neue Runde, den nun liegt ein erstes “offizielles” Papi­er vor, das sich als Anstoß zu ein­er Debat­te ver­ste­ht.

Begleit­et wird diese neue Phase von ein­er auch organ­isierten Debat­te in einem Forum von H‑SOZ-U-KULT, die hier zu find­en ist: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/type=diskussionen&id=1351.

Das erwäh­nte Konzept­pa­pi­er enthält auch (als 6.) ein Kapi­tel über Ziel­grup­pen und “geschichts­di­dak­tis­che Zielset­zun­gen” der zu konzip­ieren­den und in ihm selb­st zunächst grob konzip­ierten Ausstel­lung. An der Erar­beitung hat jedoch wieder kein Geschichts­di­dak­tik­er beteiligt gewe­sen — wohl auch gar nicht erst gefragt wor­den: Die Autoren sind mit Prof. Dr. Mar­tin Schulze Wes­sel ein Osteu­ropahis­torik­er an der LMU, Dr. K. Erik Franzen (Wiss. Mitar­beit­er am Col­legium Car­olinum) ein Experte für Böh­mis­che Geschichte, Prof. Dr. Clau­dia Kraft (Erfurt) eine Exper­tin für pol­nis­che Geschichte und deutsch-pol­nis­che Beziehun­gen, Prof. Dr. Ste­fanie Schüler-Springo­rum (Ham­burg) eine Exper­tin für jüdis­che Geschichte, PD Dr. Volk­er Zim­mer­mann (Prag) ein Experte für die Geschichte der Suden­ten­deutschen, sowie Dr. Mar­tin Zück­ert (Col­legium Car­olinum, München) ein weit­er­er Experte für tschechis­che Geschichte. Aus dem Bere­ich der Geschichts­di­dak­tik ist mit Tim Völk­er­ing lediglich der Autor ein­er – wenn auch sehr pos­i­tiv aufgenomme­nen – Staat­sex­a­m­en­sar­beit über zwei Ausstel­lun­gen zum gegebe­nen The­men­bere­ich vertreten, der offenkundig zur Zeit an ein­er Dis­ser­ta­tion zum The­ma arbeit­et.

Damit bestätigt sich der damals auf die Erstel­lung der neuen Dauer­ausstel­lung des DHM in Berlin bezo­gene Befund Mar­tin Sabrows von 2005 über die Mar­gin­al­isierung der Geschichts­di­dak­tik 1.

Damals haben die geschichts­di­dak­tis­chen Reak­tio­nen auf die real­isierte Ausstel­lung dann jedoch dur­chaus gezeigt, dass geschichts­di­dak­tis­che Gesicht­spunk­te sehr wertvoll gewe­sen wären. 2.

Mit diesen Hin­weisen soll nicht gesagt sein, dass die im erwäh­n­ten Kapi­tel 6 niedergelegten didak­tis­chen Über­legun­gen (u.a. ein Hin­weis auf Mul­ti­per­spek­tiv­ität, Über­legun­gen zur Frrage, wie dieser Gegen­stand gegenüber Immi­granten ‘ver­mit­telt’ wer­den kann usw.) zu kri­tisieren seien.

Den­noch sei aber angeregt, in ein­er Hausar­beit das Konzept­pa­pi­er und die fol­gende Diskus­sion (ggf. im Ver­gle­ich mit solchen ander­er Ausstel­lun­gen zum gle­ichen oder anderen The­men) ein­mal ein­er geschichts­di­dak­tis­chen Analyse zu unterziehen und didak­tisch zu kom­men­tieren:

Gefragt wer­den kön­nte etwa (u.a.)

  • danach, welch­er Geschichts­be­griff sich im Ausstel­lungskonzept nieder­schlägt:
    • Wird ver­sucht, mit Hil­fe der Ausstel­lung ein (wie auch immer lück­en­haftes) Bild der his­torischen Wirk­lichkeit zu präsen­tieren — qua­si los­gelöst von der gegen­wär­ti­gen Per­spek­tive?
    • Oder erscheint die Geschichte von Flucht und Vertrei­bung hier als Ergeb­nis eines spez­i­fis­che gegen­wär­ti­gen, von den Debat­ten der sei­ther ver­gan­genen Zeit geprägten und geschäften (aber auch fokussierten) Blick­es in die Ver­gan­gen­heit?
    • Ist Geschichte im Konzept eher die iden­titätsab­strak­te, deu­tungs- und wer­tungsneu­trale Re-Kon­struk­tion eines gegebe­nen his­torischen Zusam­men­hangs, auf dem kon­tro­verse Deu­tun­gen, Wer­tun­gen und Zuschrei­bun­gen, iden­tität­skonkrete und heiße Erin­nerun­gen erst auf­bauen müssen, bzw. an dem sie sich zu messen haben?
    • Oder erscheint Geschichte als ein Kom­plex aus sowohl fachwissenschaftlich-“objektiv” rekon­stru­ier­baren und rekon­stru­ierten “Fak­ten” und Zusam­men­hän­gen und diese eben­so durch­set­zen­den Erin­nerun­gen, bedeu­tungs­ge­lade­nen Geschicht­en (im Plur­al)
  • Gefragt wer­den kann also danach, welche Qual­ität “Geschichte” hat und welche Funktion(en) wer­den ihr hier zugewiesen wer­den. Geht es
    • vornehm­lich um Infor­ma­tion, um Präsen­ta­tion gesicherten Wis­sens, etwa als Beitrag zur Ver­sach­lichung ein­er als davon deut­lich geschiede­nen ver­stande­nen gesellschaftlichen Debat­te?
    • vornehm­lich um die Präsen­ta­tion von Iden­ti­fika­tion­sange­boten, also um die Präsen­ta­tion ein­er oder mehrerer an spez­i­fis­che Deu­tun­gen ange­lagerte Deu­tun­gen, wie die Geschichte von Flucht und Vertrei­bung in der heit­i­gen Gesellschaft gese­hen wer­den kann?
    • um die Präsen­ta­tion der gesellschaftlichen Deu­tun­gen zum The­ma Flucht und Vertrei­bung in ihrer Vielfalt und Kon­tro­ver­sität — gewis­ser­maßen als Beitrag zur Ori­en­tierung in der Debat­te?
  • gefragt wer­den kann nach dem Ver­hält­nis von Ausstel­lung und Didak­tik:
    • Inwieweit wird der Didak­tik im Ausstel­lungskonzept eine “nachge­lagerte” Auf­gabe der Ver­mit­tlung des in der Ausstel­lung präsen­tierten Wis­sens (bzw. der Deu­tun­gen) zugewiesen? Inwieweit geht es bei den didak­tis­chen Über­legun­gen um die Didak­tisierung der gegebe­nen Ausstel­lung duch Führun­gen, Arbeits­ma­te­ri­alien etc.
    • inwieweit beziehen sich die didak­tis­chen Über­legun­gen auf die medi­ale und method­is­che Gestal­tung der ausstel­lung, also etwa auf die Anor­dung der The­men und Aus­sagen, die medi­ale Präsen­ta­tion (etwa die Entschei­dung für schriftliche, bildliche Quellen, Zeitzeu­gen­präsen­ta­tio­nen, für Inter­ak­tiv­ität und Mul­ti­me­di­al­ität?
    • inwieweit sind Präsen­ta­tion­s­grund­sätze didak­tisch legit­imiert — etwa hin­sichtlich nicht nur mul­ti­per­spek­tivis­ch­er Auswahl son­dern auch kon­tro­vers­er Präsen­ta­tion, hin­sichtlich des angenomme­nen Besuch­ers etc.
    • inwieweit wird die Ausstel­lung selb­st als didak­tis­che Ver­anstal­tung ver­standen — inwieweit fließen also didak­tis­che Über­legun­gen nicht nur in die Präsen­ta­tion, son­dern in die Auswahl der zu präsen­tieren­den The­men und Per­spek­tiv­en ein etc.
    • welche Ziele der Ver­anstal­tung “Ausstel­lungs­be­such” für unter­schiedliche Ziel­grup­pen wer­den antizip­iert und bedi­ent, zurück­gewiesen, oder dial­o­gisch bear­beit­et?
  • Gefragt wer­den kann danach, wie die Ausstel­lungs­mach­er sich die Besuch­er vorstellen, und zwar sowohl hin­sichtlich der Ziel­grup­pen (dazu gibt Kap. 6 einiges her) als auch nach den antizip­ierten oder aber gar geplanten Aktiv­itäten beim Ausstel­lungs­be­such:
    • Wird der Besuch­er eher als pas­siv­er Kon­sument gedacht, der in der Ausstel­lung eine eher rezep­tive Rolle gegenüber präsen­tiertem his­torischen Sinn ein­nimmt?
    • Wird er als ein eher aktiv nach eige­nen Kri­te­rien und Fra­gen die präsen­tierten Infor­ma­tio­nen auf- und zusam­men­su­chend sowie aus ihnen und seinem Vor­wis­sen neue Fra­gen und Vorstel­lun­gen gener­ierend vorgestellt?
    • Gibt es Über­legun­gen dazu, ob Erwartun­gen und Ansprüche der Besuch­er (welch­er Art auch immer) eher bedi­ent oder eher aufge­brochen wer­den sollen: Will die Ausstel­lung etwa einen als pas­siv-rezip­ierend gedacht­en Besuch­er eher mit ein­er kor­rek­ten, aber in sich geschlosse­nen Geschichte “ver­sor­gen” — oder soll ihm eher zuge­mutet wer­den, mit zueinan­der in Span­nung ste­hen­den Exponat­en selb­st­ständig umzuge­hen?
  • Gefragt wer­den kann nach der “Umset­zung” von didak­tis­chen Prinzip­i­en:
    • Wie wird im Ausstel­lungskonzept etwa das Prinzip der “Mul­ti­per­spek­tiv­ität” ver­standen und umge­set­zt?
      • Wird darunter auss­chließlich oder vornehm­lich die Präsen­ta­tion von Doku­menten ver­standen, welche unter­schiedliche Hand­lungs- und Lei­dens (all­ge­mein­er: Beteiligungs-)positionen im dama­li­gen Geschehen und unter­schiedliche Wahrnehmungen, Deu­tun­gen und Bew­er­tun­gen des­sel­ben durch damals Beteiligte (sei es in Form zeit­genös­sis­ch­er Quellen, sei es in Form später­er Zeitzeu­gen­doku­mente) ver­standen?
      • bet­rifft das Konzept der Mul­ti­per­spek­tiv­ität auch die explizite Gegenüber­stel­lung von unter­schiedlichen Deu­tun­gen und Wer­tun­gen aus später­er Zeit — etwa durch His­torik­er, unter­schiedliche poli­tis­che und gesellschaftliche Grup­pen oder gar “Lager”, durch His­torik­er und Betrof­fene der unter­schiedlichen beteiligten “Natio­nen”, “Völk­er”, “Volks­grup­pen” usw. (“Kon­tro­ver­sität”)
      • Eröffnet die Ausstel­lung gemäß dem Konzept die Möglichkeit (fordert sie ihm vielle­icht gar ab), zu bes­timmten Fra­gen ein eigenes, die eigene Per­spek­tive betone­nen­des Urteil zu bilden. Schafft sie somit Platz und Raum für Plu­ral­ität — und fängt sie diese Plu­ral­ität insofern ein, als dass sie dem Besuch­er, der so zu eigen­em Urteilen ermuntert würde, die ehrliche, ver­ste­hende, anerken­nende Auseinan­der­set­zung mit anderen Sichtweisen nicht nur ermöglicht, son­dern eben­so abver­langt. Schafft die Ausstel­lung eine “Per­spek­tiven­er­weiterung”?
      • Erscheint diese Kon­tro­ver­sität (wenn sie denn berück­sichtigt ist) als Anhängsel, welch­es (vielle­icht gegen Ende der Ausstel­lung, wie bei der Berlin­er Ausstel­lung zum Heili­gen Römis­chen Reich Deutsch­er Nation) erst am Aus­gang, qua­si als Kom­men­tar zur “Ver­ar­beitung” präsen­tiert wird — oder wer­den unter­schiedliche Sichtweisen und Urteile so sicht­bar gemacht, dass sie dem Besuch­er neue Fra­gen öff­nen, mit denen er die Ausstel­lung dann (neu) betra­cht­en kann?
  1. Mar­tin Sabrow, Nach dem Pyrrhussieg. Bemerkun­gen zur Zeit­geschichte der Geschichts­di­dak­tik, in: Zei­this­torische Forschungen/Studies in Con­tem­po­rary His­to­ry, Online-Aus­gabe, 2 (2005), H. 2, URL:, Abschnitt 2 []
  2. vgl. etwa die Beiträge von Uwe Danker/Astrid Schwabe und Karl-Hein­rich Pohl/Katja Köhr in GWU 58 (2007) sowie SCHNEIDER, GERHARD (2007): “Kon­ven­tionell und kor­rekt – Zur Eröff­nung der Dauer­ausstel­lung des Deutschen His­torischen Muse­ums Berlin (DHM).” In: Zeitschrift für Geschichts­di­dak­tik 6; S. 232–242. []

Sinnbildungsmuster und Triftigkeiten — eine Fingerübung aus einer Klausur

Auf­gabe 1. Unter­suchen Sie (mit kurz­er Begrün­dung) den fol­gen­den Text auf den­­/die in ihm erkennbare(n) Sinnbildungstyp(en)!

M1 1

“1954 wird in den USA das Unternehmen McDon­alds gegrün­det. Kurz darauf wird Deutsch­land – Welt­meis­ter.
1974 – der Bic­Mac feiert seinen ersten Geburt­stag in Deutsch­land. Kurz darauf wird Deutsch­land – Welt­meis­ter.
1990 baut McDon­alds das erste Restau­rant in Ost­deutsch­land. Kurz darauf wird Deutsch­land – Welt­meis­ter.
2010 führt McDon­alds den McWrap ein. Den Rest kön­nen Sie sich ja vorstellen.”
McDon­alds Wer­bung 2010. Zitiert nach http://www.youtube.com/watch?v=jb9VxmUdNKw&feature=player_embedded (gele­sen 31.5.2010).

Muster­lö­sung
In dem Text ist min­destens eine exem­plar­ische Sinnbil­dung erkennbar, insofern aus mehreren Beispie­len des Zusam­men­tr­e­f­fens zweier Ereignisse zu unter­schiedlichen Zeit­punk­ten eine Regel abgeleit­et wird, die auf die Gegen­wart über­tra­gen wird: Immer wenn die Fir­ma McDon­alds eine Inno­va­tion ein­führt, wird Deutsch­land Welt­meis­ter. Ansatzweise lässt sich auch eine tra­di­tionale Sinnbil­dung erken­nen bzw. kon­stru­ieren, insofern die Exis­tenz der Fir­ma McDon­alds als Bedin­gung für das Welt­meis­ter-Wer­den der Deutschen National­mannschaft ange­führt wer­den kön­nte und somit ein Fortbe­stand der Fir­ma und gar ihr Pros­perieren gewün­scht wer­den kön­nte. Eine genetis­che Sinnbil­dung kann ich nicht erken­nen, da etwa eine Qual­itätssteigerung nicht behauptet wird. Das wäre anders, wenn irgend­wie dargelegt würde, dass Deutsch­land immer öfter, immer sicher­er, immer leichter Welt­meis­ter würde, oder wenn eine Rei­he von a) erster Qual­i­fika­tion über b) Teil­nahme an der Endrunde, c) Viertel‑, d) Halb- und e) Final­teil­nahme bis zum f) Welt­meis­ter­ti­tel kon­stru­iert wor­den und diese an die Bedin­gung ein­er Tätigkeit von McDon­alds geknüpft wor­den wäre.

Auf­gabe 2. Skizzieren Sie Möglichkeit­en, den Gel­tungsanspruch der der Aus­sage in M1  zu prüfen und ihn ggf. zu erhöhen!

Muster­lö­sung

Gel­tungsansprüche von his­torischen Aus­sagen wer­den geprüft, indem ihre Triftigkeit­en geprüft wer­den. Sie wer­den erhöht, indem die Triftigkeit­en gesteigert wer­den. Jede Geschichte kann/muss in jed­er der drei Dimen­sio­nen “triftig” sein. Nach RÜSEN gibt es drei Triftigkeits­di­men­sio­nen: empirische, nor­ma­tive und nar­ra­tive.

  1. Empirische Triftigkeit: Die empirische Triftigkeit bet­rifft den Erfahrungs­ge­halt der Geschichte. Es müsste zunächst geprüft wer­den, ob Deutsch­land tat­säch­lich 1954, 1974, 1990 Welt­meis­ter gewor­den ist. Das ist angesichts der ver­bre­it­eten Euphorie wohl nicht sys­tem­a­tisch nötig, wäre aber möglich (die Bilder im Video haben die wenn auch nicht hin­re­ichende Funk­tion solch­er Belege). Dazu müsste aber geprüft wer­den, ob die Fa. McDon­alds tat­säch­lich 1954 gegrün­det wurde (Ein­trag in ein Han­del­sreg­is­ter, Fir­mengeschichte), ob der “Big­Mac” tat­säch­lich 1973 in Deutsch­land einge­führt wurde (so dass er 1974 seinen “ersten Geburt­stag feiern” kon­nte), ob tat­säch­lich 1990 das erste Restau­rant in Ost­deutsch­land gebaut wurde (Bau­genehmi­gung prüfen, zunächst reich vielle­icht auch eine entsprechende Wer­bung in ein­er Zeitschrift wie der “Super­Il­lu”). Dazu muss geprüft wer­den, ob tat­säch­lich der McWrap 2010 neu einge­führt wurde.
  2. Nor­ma­tive Triftigkeit: Eine Geschichte ist nor­ma­tiv triftig, wenn sie den Nor­men des Pub­likums entspricht, ihnen wichtig und zus­tim­mungs­fähig erscheint. Es wäre zu über­legen, ob “Welt­meis­ter” wer­den in der Tat etwas ist, was der Wer­beziel­gruppe bedeu­tend und (in diesem Falle pos­i­tiv) erscheint. Das ist basal ohne Weit­eres Ein­sichtig. Die Wer­bung basiert auf der all­ge­meinen Fußball-WM-Euphorie in Deutsch­land. Sie macht sich diesen zu nutze. Eine wert­be­zo­gene Hal­tung des Pub­likums zur Fa. McDon­alds kann hinge­gen weniger stark voraus­ge­set­zt, d.h. als Bedin­gung für die Triftigkeit ange­se­hen wer­den, soll sie doch mit dem Werbespot über­haupt erst hergestellt wer­den. Gesteigert triftig wäre die Nar­ra­tion, wenn argu­men­tiert wer­den kön­nte, dass der Zusam­men­hang auch anderen Men­schen eben­so bedeut­sam erscheint. Das wird ein­er­seits schwieriger, weil diese Wer­bung gegenüber, sagen wir, Aus­län­dern in Deutsch­land nicht eben­so ein­fach funk­tion­iert und in dieser emphatis­chen Form in anderen Län­dern, etwa den USA gar nicht funk­tion­ieren würde. Insofern die Geschichte aber ein­er Per­spek­tiven­er­weiterung dur­chaus zugänglich ist, etwa durch Her­aus­nahme der pathetis­chen, nor­ma­tives Ein­vernehmen heis­chen­den Ansprache des Zuschauers, und all­ge­mein­er dargelegt würde, dass die Aktiv­itäten von McDon­alds in Deutsch­land zu dessen Erfolg beige­tra­gen hät­ten, wäre die nor­ma­tive Triftigkeit dur­chaus steiger­bar. Die gle­iche Geschichte kann dann auch in anderen Län­dern erzählt wer­den, ohne auf Wider­spruch zu stoßen — allerd­ings wäre die Emphase wohl dahin.
  3. Nar­ra­tive Triftigkeit. Der in der Geschichte behauptete Zusam­men­hang zwis­chen Aktiv­itäten der Fa. McDon­alds und den Erfol­gen Deutsch­lands bei Fußball-Welt­meis­ter­schaften müsste plau­si­bel gemacht wer­den: Warum soll Deutsch­land immer dann Welt­meis­ter wer­den, wenn McDon­alds inno­v­a­tiv wird? Dazu müsste zum Einen geprüft wer­den, ob denn McDon­alds nicht auch in anderen Welt­meis­ter­schaft­s­jahren etwas Neues einge­führt hat, ohne dass Deutsch­land Welt­meis­ter gewor­den wäre. Dann näm­lich bräche die behauptete die Regel in sich zusam­men. Zudem müsste eine Logik ange­führt wer­den, warum Inno­va­tio­nen bei McDon­alds Ein­fluss haben soll­ten auf die Welt­meis­ter­schaft – und nicht nur Zufall sind. Das wird schw­er­lich gelin­gen. Zur Steigerung der Triftigkeit müsste McDon­alds also entwed­er anführen, dass es NUR in diesen Jahren Inno­va­tio­nen gegeben habe (was nicht stim­men wird), und WARUM ihre Inno­va­tio­nen zur Welt­meis­ter­schaft Deutsch­lands beitra­gen (etwa weil sie die Stim­mung im Lande heben, oder weil die Mannschaft immer als erste davon prof­i­tiert).
  1. Die Wer­bung besitzt ganz offenkundig einen deut­lichen Grad an Ironie (erkennbar u.a. an der pathetis­chen Sprache und der Hin­ter­grund­musik). McDon­alds erwartet von keinem Zuschauer, tat­säch­lich den Zusam­men­hang zu glauben. Ger­ade deshalb eignet sich diese Wer­bung aber für eine Fin­gerübung. []

Körber, Andreas: Zeitgemäßes schulisches Geschichts-Lernen in Gedenkstätten. In: Das KZ Neuengamme und seine Außenlager. Geschichte, Nachgeschichte, Erinnerung, Bildung. Hrsg. von Oliver von Wrochem. Berlin 2010 (Neuengammer Kolloquien Bd. 1). S. 392–413.

Kör­ber, Andreas: Zeit­gemäßes schulis­ches Geschichts-Ler­nen in Gedenkstät­ten. In: Das KZ Neuengamme und seine Außen­lager. Geschichte, Nachgeschichte, Erin­nerung, Bil­dung. Hrsg. von Oliv­er von Wrochem. Berlin 2010 (Neuengam­mer Kol­lo­qui­en Bd. 1). S. 392–413.

Kör­ber, Andreas: Zeit­gemäßes schulis­ches Geschichts-Ler­nen in Gedenkstät­ten. In: Das KZ Neuengamme und seine Außen­lager. Geschichte, Nachgeschichte, Erin­nerung, Bil­dung. Hrsg. von Oliv­er von Wrochem. Berlin 2010 (Neuengam­mer Kol­lo­qui­en Bd. 1). S. 392–413.