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Inklusion: Wahrnehmung von Lernenden und ihren Stärken und Schwächen. Eine graphische Umsetzung

In der aktuellen Debatte um Inklusion sind viele Konzepte keineswegs einheitlich geklärt. Abgesehen davon, dass dies in der Wissenschaft ein Normalzustand ist, wäre es aber doch wünschenswert, dass nicht unbedingt ein einheitlicher Gebrauch, wohl aber Klarheit über das jeweils gemeine hergestellt werden könnte. Das betrifft nicht nur die (oft auch aufgeladene) Frage nach dem “engen” oder “weiten” Inklusionsbegriff, also danach, ob unter Inklusion nur Organisationsformen und Maßnahmen verstanden werden sollen, die dem Einbezug von Menschen in die gesellschaftliche Teilhabe und Lernenden in das allgemeine Bildungswesen bedeuten, die aufgrund von (zuvor so bezeichneter) “Behinderung” ausgeschlossen oder beteiligt waren, oder ob es um alle Menschen ungeachtet des jeweiligen Ausschlussgrundes geht — oder ob jeweils für bestimmte Zwecke eine spezifische (und dabei derzeit oft die “sonderpädagogische”) Dimension besonders fokussiert oder Berücksichtigt wird, ohne dass dies eine Ablehnung der anderen bedeutet.

Ähnlich verhält es sich mit den Konzepten von “Behinderung” und “Beeinträchtigung” und “Förderbedarf”. Gerade im Interesse der Nutzung sonderpädagogischer Expertise in “inklusiven settings” wird oft von “I-Kindern”, “inklusiv beschulten” Kindern und Förderschwerpunkten gsprochen, obwohl diese Begriffe und die in ihnen zum Ausdruck kommenden Konzepte der Grundidee der Inklusion geradezu zuwider laufen, insofern gerade nicht mehr davioon ausgegangen werden soll, dass Kinder als Merkmal ihrer selbst bestimmte Beeinträchtigungen besitzen, die sie gegenüber anderen Kindern als “besonders” markieren — auch nicht als “besonders” förderbedürftig. Das Konzept unterstellt dabei keineswegs eine Gleichheit, Homogenität aller, sondern geht davon aus, dass Heterogenität, Unterschiedlichkeit nicht die einen von den anderen “sondert”, sondern dass Diversität in Merkmalen und darunter auch Stärken und Schwächen, etwas normales ist.
Dieser Grundgedanke wird oft in einer der vielen Varianten der folgenden Grafik visualisiert (Urheber: Robert Aehnelt; CC-BY-SA 3.0):

Grafik von Robert Aehnelt, CC-BY-SA-3.0 via Wikimedia Commons in der Variante vom Deutschen Bildungsserver (Grafik quer gestellt)

Was dieses Konzept und diese Grafik noch nicht mit adressiert, ist die Frage, wie konkrete (Leistungs-)Stärken und Schwächen bzw. Beeinträchtigungen aufgefasst werden. Sie zu leugnen und schlicht jegliche Form von Unterschiedlichkeit als “Ressource” zu feiern, wird weder der Wahrnehmung vieler Lehrkräfte gerecht, dass spezifische Förderbedarfe gegeben sind, noch bietet es Ansatzpunkte zur Inwert-Setzung sonderpädagogischer Expertise, insbesondere in diagnostischer Hinsicht.
Mit Hilfe einer anderen (ebenfalls) grafischen Darstellung möchte ich daher illustrieren, wie spezifische Herausforderungen unter inklusiver Perspektive gedacht werden können.

Wahrnehmung individueller Beeinträchtigungen in einem integrativen Konzept; Andreas Körber CC-BY-SA 3.0

Stellte man individuelle Stärken und Schwächen oder Beeinträchtigungen Lernenden (in der folgenden Grafik L1 …L7) mit Hilfe einer Netzgrafik dar, so dass Stärken als niedrige Werte zur Netzmitte und Schwächen/Beeinträchtigungen mit hohen Werten außen abgetragen würden, dann visualisierte die rechts stehende Grafik das oft vorherrschende Verständnis: Schülerinnen und Schüler mit ausgeprägten Beeinträchtigungen werden als “mit besonderem Förderbedarf” wahrgenommen, die jeweils einzelne oder mehrere Dimensionen von Fähigkeiten etc. betreffen. Es sind allerdings auch Schülerinnen und Schüler in der Grafik gar nicht sichtbar (etwa L4), weil ihre Stärken und Schwächen offenkundig als innerhalb des bereiches liegend wahrgenommen werden, der als “normal” bezeichnet werden kann. Nur diejenigen Schüler, deren Stärken und Schwächen als über den inneren Bereich hinausgehend wahrgenommen werden, gelten also als “besonders” förderbedürftig.

Wahrnehmung individueller Beeinträchtigungen in einem moderat inklusiven Konzept; Andreas Körber CC-BY-SA 3.0

Die zweite Grafik hingegen zeigt die Stärken und Schwächen auch der bislang als “normal” aus dem individualdiagnostischen Blick herausfallenden Schülerinnen und Schüler — und zwar aufgetragen anhand genau derselben Kategorien. Allerdings ist die Darstellung zwar noch deutlich blass, womit herausgestellt werden soll, das die spezifische Zuständigkeit von Sonderpädagogen für die nun mehr nur dem Grade, nicht mehr den Kategorien nach als “besonders” förderbedürftig wahrgenommenen Schülerinnen und Schüler angedeutet wird, aber auch, dass die Expertise auch der Förderung der anderen Schülerinnen und Schüler zu Gute kommen kann und soll.

Wahrnehmung individueller Beeinträchtigungen in einem vollends inklusiven Konzept; Andreas Körber CC-BY-SA 3.0

In einem vollendends inklusiven System schließlich würden somit alle Schülerinnen und Schüler nach nicht nur der herkömmlichen Schwerpunkten, sondern auch anderen Stärken und Schwächen (angedeutet durch die weiteren Achsen der Grafik) diagnostiziert, wobei damit gerade nicht mehr eine pathologisierende Einstufung gemaint sein kann, sondern die Grundlage für die Reflexion auf die Ansprüche, die die Tatsache solcher Stärken und Schwächen — und vor allem der Unterschiede zwischen den Schülerinnen und Schülern — für die Planung von Lernprozessen und die gestaltung von Lernaufgaben haben kann und soll.
Es wird dann gerade nicht mehr darum gehen, einzelnen Schüler(inne)n jeweils auf sie zugeschnittene Aufgaben zu geben, wohl aber, sich bei der Gestaltung von gemeinsamen und komplexen Aufgaben der Diversität in verschiedenen Dimensionen bewusst zu sein. Sonderpädagogische Expertise wird zur Diagnostik weiterhin ebenso benötigt wie für die Gestaltung spezifischer Zugänge und diverser Unterstützungsmaßnahmen. Sie sollten dann aber nicht den einzelnen Kindern spezifisch gegeben, sondern allen angeboten werden, so dass sie zum einen nicht-stigmatisierende Differenzierung ermöglichen, zum anderen die Arbeit an einem gemeinsamen Gegenstand sichern.

jetzt auf Englisch: Körber (2001): Intercultural Learning in History Education (2001)

Körber, Andreas (2017): Intercultural Learning in History Education (2001). An abridged translation of the introductory article to Körber, Andreas (Ed.) (2001): Interkulturelles Geschichtslernen.: Geschichtsunterricht unter den Bedingungen von Einwanderung und Globalisierung; konzeptionelle Überlegungen und praktische Ansätze Münster: Waxmann: (Novemberakademie, 2), pp. 5–26 (urn:nbn:de:0111-pedocs-129052). Available online at http://www.pedocs.de/volltexte/2017/12905/pdf/Koerber_2017_Intercultural_Learning_in_History_Education.pdf. […]

Neuerscheinung: Ergebnisse der Konstruktion des HiTCH-Tests zur Erfassung historischer Kompetenzen im Large-Scale-Format

Trautwein, Ulrich; Bertram, Christiane; Borries, Bodo von; Brauch, Nicola; Hirsch, Matthias; Klausmeier, Kathrin et al. (2017): Kompetenzen historischen Denkens erfassen. Konzeption, Operationalisierung und Befunde des Projekts „Historical Thinking – Competencies in History“ (HiTCH). 1. Auflage. Münster: Waxmann. (ISBN: 978-3-8309-3598-8,ISBN: 978-3-8309-3598-8; als eBook: 978-3-8309-8598-3; als PDF). […]

Vortrag zu “Living History” und Historischem Lernen in Warschau

Körber, Andreas: “Living History – Place, Purpose or Topic of Historical Learning?”. Talk at the Conference “Stepping Back in Time Living History and Other Performative Approaches to History in Central and South-Eastern Europe.” Februaary 23–24, 2017, German Historical Institute Warsaw . […]

Neuer Beitrag in Public History Weekly: Körber, Andreas (2017): A Guarantee for Disciplinary Inclusive Education? Historisches Lernen inklusive? Inklusiver Geschichtsunterricht. In Public History Weekly

Körber, Andreas (2017): A Guarantee for Disciplinary Inclusive Education? Historisches Lernen inklusive? Inklusiver Geschichtsunterricht. In Public History Weekly 5 (5). Available online at https://public-history-weekly.degruyter.com/5-2017-5/a-guarantee-for-disciplinary-inclusive-education/. […]

ANMELDUNG VERLÄNGERT BIS 28.2.2017: Zusätzliches Lehrangebot im SoSe 2017: Seminar mit Exkursion nach USA/Polen

Liebe Kommiliton(inn)en, nach der ersten Anmelderunde sind noch Plätze frei – insbesondere für den Teil zu Grundwald/Tannenberg mit der Exkursion nach Polen! Neue Anmeldefrist: 28. Februar 2017! Anmeldungen bitte zur Sicherheit per Mail AUCH AN MICH: andreas.koerber@uni-hamburg.de Gruß

 

Das Seminar ist für Lehramtsstudierende ein Fachdidaktik M.Ed.-Seminar “Weiterführung der Fachdidaktik Geschichte” (Modul 001k). Es ist für Studierende im B.A./B.Sc.-Lehramt Geschichte mit abgeschlossener Modulprüfung zugänglich und kann später im M.Ed.-Studium angerechnet werden

Ausschreibung: Wissenschaftliche(r) Mitarbeiter(in) zur Promotion gem. § 28,1 HmbHG zum 1.4.2017

https://www.uni-hamburg.de/uhh/stellenangebote/wissenschaftliches-personal/fakultaet-erziehungswissenschaft/20-02-17-60.pdf

Fakultät/Fachbereich: Erziehungswissenschaft / Fachbereich 5 Seminar/Institut: Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik Ab dem 01.04.2017 ist die Stelle einer/eines wissenschaftlichen Mitarbeiterin/Mitarbeiters gemäß § 28 Abs. 1 HmbHG* zu besetzen. Die Vergütung erfolgt nach der Entgeltgruppe 13 TV-L. Die wöchentliche Arbeitszeit entspricht 50% der regelmäßigen wöchentlichen Arbeitszeit.** Die Befristung des Vertrages erfolgt auf der Grundlage von § 2 Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Die Befristung ist vorgesehen für die Dauer von zunächst drei Jahren. Die Universität strebt die Erhöhung des Anteils von Frauen am wissenschaftlichen Personal an und fordert deshalb qualifizierte Frauen nachdrücklich auf, sich zu bewerben. Frauen werden im Sinne des Hamburgischen Gleichstellungsgesetzes bei gleichwertiger Qualifikation […]

Vorankündigung: Körber über David Rosenlund, History education as content, methods or orientation? A study of curriculum prescriptions, teacher-made tasks and student strategies (New York: Peter Lang 2016).

Körber, Andreas (2017): Review on: David Rosenlund, History education as content, methods or orientation? A study of curriculum prescriptions, teacher-made tasks and student strategies (New York: Peter Lang 2016). In Historisk Tidskrift (2). […]

Neue Publikation

Körber, Andreas (2017): Historical consciousness and the moral dimension. In Historical Encounters 4 (1), pp. 81–89. Available online at http://hej.hermes-history.net/index.php/HEJ/article/view/83/60. […]

Gastvortrag in Paderborn

Körber, Andreas (6.12.2016): “Historisches Lernen: Versuch einer Bestimmung unterschiedlicher Grundkonzepte und Konsequenzen für Wissenschaft, Schule und Lehrerbildung.” Gastvortrag am Historischen Institut der Universität Paderborn. […]